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Indien auf dem Weg zur Einführung der GST

zuletzt aktualisiert am 20. März 2017     

 

Indien steht kurz vor Einführung der Goods and Services Tax („GST”) und damit vor der größten Steuerreform seit seiner Unabhängigkeit 1947.

 

     

   

Seit September 2016 berät ein spezielles Gremium („GST Council”) über letzte Details der neuen Steuer. Am 16. März 2017 beschloss das GST Council nun die letzten der 5 Einzelgesetze der GST (Central GST/State GST/Union Territory GST/Integrated GST/Compensation Act). Es wird erwartet, dass das indische Kabinett in den kommenden Tagen den Gesetzesentwürfen zustimmen und sie dem Parlament noch im März 2017 zur Entscheidung vorlegen wird. Bei der allgemein erwarteten Zustimmung des Parlaments ist eine Einführung der GST zum 1. Juli 2017 sehr wahrscheinlich.
   

Will die Regierung der Verwaltung und den Unternehmen etwas mehr Zeit zur Umstellung gewähren, wird die GST am 1. September 2017 in Kraft treten. Das ist zugleich der letzte mögliche Termin; zum 16. September schließt sich das in der Verfassung vorgesehene zeitliche Fenster zur Einführung der GST.
   

Unternehmen werden von der GST profitieren: Der Internationale Währungsfonds erwartet einen starken Sondereffekt für das ohnehin gute Wachstum der indischen Wirtschaft. Wir sehen allerdings auch, dass die kurze Frist bis zur Einführung Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen wird.

 

Was kommt mit der GST auf uns zu?

Die GST ist eine neue indirekte Steuer. Sie wird die gegenwärtigen indirekten Steuern zu einer einheitlichen Steuer zusammenführen.

 

Stand heute besteht eine Vielzahl von Steuerarten. Teils stehen sie in Konkurrenz zueinander, teils fallen sie gleichzeitig an. Zu nennen sind u.a. „Central Sales Tax” und „Value Added Tax” auf den Verkauf von Waren, „Excise Duty” auf die Herstellung von Waren, „Service Tax” auf die Erbringung von Dienstleistungen, „Octroi-Abgaben” auf das Verbringen von Waren in einige Städte und viele weitere Steuern. Einen Großteil der Steuern wird die GST ersetzen und ein landesweit einheitliches System schaffen. Sie wird den auf der jeweiligen Handelsstufe geschaffenen Mehrwert besteuern und – ähnlich der deutschen Umsatzsteuer – grds. nur den Endverbraucher belasten.
         

Welche Steuern ersetzt die GST genau und welche bleiben bestehen?

Die GST wird folgende indirekte Steuern ersetzen:  
    

Steuern auf Ebene der Zentralregierung

Steuern auf Ebene der Bundesstaaten

Central Excise Duty auf die Herstellung von Waren           Value Added Tax und Central Sales Tax auf die Lieferung von Waren
Service Tax auf die Erbringung von Dienstleistungen Entry Taxes auf die Einfuhr von Waren
Additional Customs Duty („CVD”) auf Importe Octroi/ Local Body Tax auf die Einfuhr von Waren
Special Additional Customs Duty („SAD”) auf Importe Luxury Tax v.a. auf Hotelleistungen
Verschiedene Abgaben wie Swachh Bharat Cess, Education Cess etc. Entertainment Tax auf Vergnügungen
Additional Excise Duty auf bestimmte Waren Purchase Tax auf bestimmte Käufe von Waren

             

Parallel zur GST bleiben klassische Einfuhrabgaben in Form des Zolls („Basic Customs Duty”) bestehen.  
    

Von der GST nicht ersetzt wird auch die „Stamp Duty” auf den Verkauf von Grundeigentum und bestimmte Rechtsakte; ferner Verbrauchsteuern auf Strom, Treibstoffe, alkoholische Getränke und Tabak.
     

Ist die GST wirklich eine einheitliche Steuer?

Streng genommen nein. Die GST erfasst alle Leistungen, d.h. die Lieferung von Waren und die Erbringung von Dienstleistungen. Das ist eine deutliche Vereinfachung gegenüber dem aktuellen System. Allerdings wird sie sich in 3 Komponenten unterteilen:

 

  • Central GST („CGST”) – Steuer der Zentralregierung
  • State GST („SGST”) – Steuer der Bundesstaaten
  • Integrated GST („IGST”) – übergreifende Steuer

 

Welche dieser 3 Steuern auf eine Leistung Anwendung findet, entscheidet sich nach dem „Ort der Leistung”. Leistungen innerhalb eines Bundesstaates werden gleichzeitig der CGST und der SGST unterliegen. Leistungen zwischen 2 Bundesstaaten und Einfuhren aus dem Ausland nur der IGST. Die Aufgliederung ist Folge der föderalen Struktur Indiens.       

 

Ort der Leistung

Anzuwendende Steuer

Leistung innerhalb eines Bundesstaates
  • CGST
  • SGST
Leistung zwischen 2 Bundesstaaten
  • IGST
Import von Waren
  • IGST
  • Wie bisher: Zoll
Import von            
Dienstleistungen
  • IGST
  • Wie bisher: R&D Cess

          
Der Ort der Leistung wird bei Warenlieferungen grds. der Ort sein, an dem die Warenbewegung endet. Bei Dienstleistungen wird es der Ort des Leistungsempfängers sein. Exporte von Waren oder Dienstleistungen werden i.d.R. steuerbefreit sein.

 

Wie hoch ist der Steuersatz?

Der Standardsatz der GST wird bei 28 Prozent liegen, für Anlagen/Maschinen (noch nicht gesichert) und viele Dienstleistungen bei 18 Prozent. Eine Warentarifnummer (ähnlich dem HS Code) wird über die Einordnung entscheiden.

 

Bei Leistungen innerhalb eines Bundesstaates wird sich der Steuersatz je zur Hälfte in die gleichzeitig anfallenden CGST und SGST aufteilen. Bei Leistungen zwischen 2 Bundesstaaten entfällt er komplett auf die IGST. Die Tatsache, dass bei Leistungen innerhalb eines Bundesstaates mit CGST und SGST 2 Steuern gleichzeitig anfallen, wird die Leistung also nicht verteuern.

          

Leistungsgruppe

IGST (in Klammern: CGST + SGST)

Exporte0 %

Wichtige Güter des

täglichen Bedarfs

5 % (2,5 % plus 2,5 %)
Vorzugssteuersatz für geförderte Industrien*12% (6% plus 6 %)

Anlagen/Maschinen

(Standardsatz 1)

18 % (9% plus 9 %)

Alle weiteren Güter

(Standardsatz 2)

28 % (14% plus 14 %)

* Noch ist unklar, welche Industrien gefördert werden sollen.

 

Wird damit in Indien alles teurer?

Nein. Aktuell beinhaltet bspw. der Kauf einer Ware in vielen Fällen 2 Steuern: Excise Duty auf die Herstellung und VAT auf die Lieferung. Die GST wird beide Steuern ersetzen. Unterliegt die Herstellung eines Fernsehers bislang bspw. einer Excise Duty i.H.v. 12,5 Prozent und sein Verkauf einer VAT i.H.v. 13,5 Prozent, so beträgt seine Steuerbelastung rechnerisch aktuell 27,7 Prozent. Nach Einführung der GST liegt sie bei 28 Prozent. Bei anderen Waren findet eine Angleichung nach unten statt. Dienstleistungen werden sich von derzeit ca. 15 Prozent auf 18 Prozent verteuern.

 

Ist ein Vorsteuerabzug möglich?

Ja. Unternehmer werden gezahlte GST als Vorsteuer von der durch sie geschuldeten GST in Abzug bringen können. Die GST ist insoweit mit dem deutschen System der Umsatzsteuer vergleichbar. So werden produzierende Unternehmen oder Dienstleister die auf etwaige Zukäufe von Waren oder Dienstleistungen gezahlte GST gegen die an ihre Abnehmer berechnete und vereinnahmte GST anrechnen können. Die GST wird damit erst beim Endverbraucher zum Kostenfaktor werden.

 

Aufgrund der 3-gliedrigen Struktur der GST wird sich der Vorsteuerabzug jedoch im Detail komplexer gestalten. Gezahlte CGST wird als Vorsteuer von geschuldeter CGST und IGST, gezahlte SGST als Vorsteuer von geschuldeter SGST und IGST in Abzug gebracht werden können. Ein Vorsteuerabzug zwischen CGST und SGST ist nicht vorgesehen. Gezahlte IGST wird von allen Arten der GST, d.h. IGST, CGST und SGST abzugsfähig sein.

 

 

Aus diesem System wird sich aber (aufgrund der Tatsache, dass CGST und SCGT immer in gleicher Höhe anfallen) keine zusätzliche Steuerbelastung ergeben.

Voraussetzung eines Vorsteuerabzugs wird zunächst der Erhalt einer korrekten Rechnung, der Empfang der Leistung und die rechtzeitige Einreichung einer Vorsteueranmeldung („GST return”) sein. Diese Voraussetzungen überraschen nicht. Erforderlich sein wird jedoch auch die tatsächliche Abführung der GST durch den Rechnungssteller. Vereinnahmt der Rechnungssteller zwar die ausgewiesene GST, führt sie aber nicht ab, entfällt für den Unternehmer der Vorsteuerabzug. Die digitalen und automatisierten Systeme der Finanzverwaltung werden solche Fälle erkennen. Für Unternehmen bedeutet das ein erhebliches wirtschaftliches Risiko, das nur mit einem erhöhten Controlling-Aufwand abgefangen werden kann.

 

Ein Beispiel bitte!

Ein Produzent in Delhi verkauft Glas im Wert von INR 100 an einen Unternehmer in Mumbai. Er wird auf der Rechnung an den Unternehmer INR 100 plus IGST i.H.v. INR 28 ausweisen. Der Produzent wird die vereinnahmte IGST abzüglich eventueller Vorsteuern (SGST, CGST oder IGST) abführen. Der Unternehmer in Mumbai kann IGST i.H.v. INR 28 als Vorsteuer geltend machen.

 

Spielt der Vorgang innerhalb Delhis wird der Produzent Glas im Wert von INR 100 plus CGST i.H.v. INR 9 und SGST i.H.v. INR 9 auf der Rechnung ausweisen. Der Produzent wird die vereinnahmte CGST abzüglich eventueller CGST-Vorsteuer und die vereinnahmte SGST abzüglich eventueller SGST-Vorsteuer abführen. Der Unternehmer in Delhi kann CGST und SGST i.H.v. jeweils INR 9 als Vorsteuer geltend machen.

 

Werden Vorsteuerguthaben erstattet?

Nein. Vorsteuerguthaben werden grds. nicht erstattet. Eine Ausnahme gilt für Unternehmen, die entweder keine (exportierende Unternehmen) oder nur eine im Steuersatz niedrigere Umsatzsteuer schulden (Bsp.: Eingangsumsätze unterliegen einer GST i.H.v. 18 Prozent, die Ausgangsumsätze einer GST i.H.v. 28 Prozent). Evtl. entstehende Vorsteuerüberhänge müssen daher – wie im bisherigen CENVAT-System – als Guthaben vorgetragen werden.

   

Eine Detailbetrachtung lohnt sich: Für den Exporteur wird mit dem System der GST die Steuerbefreiung zugekaufter Leistungen wegfallen (aktuell z.B. „Advance Authorization”). D.h. ein Exporteur wird zunächst GST auf Zukäufe entrichten müssen und kann eine Erstattung erst beim späteren Export beantragen. Für den Cashflow ist das natürlich nachteilig.

 

Wie soll sich unsere indische Tochtergesellschaft verhalten?

Bereits steuerlich registrierte Unternehmen werden automatisch in das neue System überführt, bestehende Vorsteuerguthaben (CENVAT und VAT) übertragen. Für anhängige Steuerverfahren und andere Bereiche sind Übergangsvorschriften vorgesehen.

 

Allerdings sind dennoch Registrierungsvorgänge („migration”) notwendig. Entsprechende Prozesse laufen in den Bundesstaaten bereits.

 

Unternehmen müssen also dringend aktiv werden. Die notwendige IT-Infrastruktur muss geschaffen, Buchhal-tungssysteme angepasst und Strategien zur Preisfindung und zu Lieferketten entwickelt werden. Wir sehen bereits seit einigen Monaten, wie indische Kunden ihre Lieferanten auffordern, schriftlich zu bestätigen, dass sie „GST-ready” seien, eine „GST Taskforce” eingeführt oder noch weitergehende Vorbereitungen getroffen hätten. Das vor dem Hintergrund, dass der Kunde eben nur dann GST als Vorsteuer in Abzug bringen kann, wenn sein Lieferant sie auch abgeführt hat.
   

Betrifft die GST auch ausländische Unternehmen – ohne Präsenz in Indien?

Viele ausländische Unternehmen werden ihre Vertriebskosten in Indien deutlich reduzieren können. Chancen sollten nicht ungenutzt bleiben. Bestehende Vertriebswege können neu geplant, Preise mit Vertriebspartnern neu verhandelt und Handelsvertreter ggf. durch Eigenhändlerstrukturen ersetzt werden.

 

Im Übrigen bleibt die Situation für ausländische Unternehmen ohne Präsenz in Indien unverändert. Sie werden keine GST auf Rechnungen für Exporte von Waren oder Dienstleistungen nach Indien ausweisen müssen. Zwar werden an indische Kunden erbrachte Dienstleistungen i.d.R. der GST unterliegen, jedoch wird sie der Kunde (wie bisher im System der Service Tax) auf Basis der Nettorechnung selbst berechnen und selbst an die Finanzverwaltung abführen („reverse-charge Verfahren”). Der Kunde sollte den Zahlbetrag auch nicht um die abgeführte GST kürzen.

 

Auf Vergütungen für Dienstleistungen und Lizenzgebühren wird in Indien übrigens weiterhin Quellensteuer anfallen. Sie ist jedoch das Abbild der Einkommensteuerpflicht des ausländischen Unternehmens in Indien und damit ein davon vollständig getrenntes Thema.
  

Unsere Einschätzung

Mit Einführung der GST würde eines der weltweit komplexesten Umsatzsteuersysteme radikal vereinfacht. Unternehmen könnten sich wieder stärker auf ihr Geschäft konzentrieren, statt Formulare auszufüllen und Steuermeldungen einzureichen. Viele Vorgänge und Meldungen würden online geschehen, was das Korruptionsrisiko senken würde.

 

Durch die Einheitlichkeit der neuen Steuer würden unklare und umstrittene Rechtsfragen, wie die Bedeutung von „Herstellung”, „Verkauf” oder „Erbringung von Dienstleistungen” ihre Relevanz verlieren. Das wird in Teilen der IT-, Software- und Baubranche die Doppelbesteuerung reduzieren.

  

Die komplexe Struktur der Einfuhrabgaben mit verschiedenen Abgabenarten und jeweils unterschiedlichen Bemessungsgrundlagen würde neu organisiert. Unter dem System der GST würden Einfuhren nur noch dem Zoll und der IGST unterliegen. Händlern, die importierte Waren weiterverkaufen, stünde zum ersten Mal ein voller Vorsteuerabzug zu, was zu einer deutlichen Reduktion der Steuerkosten im Vertriebsweg führen würde. Auch für Dienstleister würde sich der Vorsteuerabzug verbessern.
  

Negativ fällt v.a. auf, dass der Vorsteuerabzug von der Steuerehrlichkeit der Lieferanten abhängen würde. Und natürlich ist der enge Zeitplan bis zur Einführung der GST an sich bereits eine Herausforderung. Für Dienstleister würde die Komplexität der Dokumentation und Steuermeldungen zunehmen. Für Stromerzeuger können sich aufgrund der weiterhin nicht vereinheitlichten Stromsteuer zusätzliche Steuerkosten ergeben.

 

Handlungsempfehlung

  • Ausländische Unternehmen: Anpassung der Preiskalkulation und Vertriebswege.
  • Indische Unternehmen/Tochtergesellschaften zusätzlich: GST-Registrierung („Migration”), Anpassung der bestehenden Buchhaltung und IT-Infrastruktur.
  • Rödl & Partner hat ein 4-stufiges System zur Einführung der GST in indischen Unternehmen entwickelt: Beginnend mit einer Analyse der Situation, über ein Training der Mitarbeiter, die Begleitung der Anpassung in SAP und die Kontrolle der neuen Abläufe nach den ersten 3 Monaten.
    Weitere Informationen finden Sie in unserem Detailplan.

 

 
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