SharePoint

Indien auf dem Weg zur Einführung der GST

zuletzt aktualisiert am 16. Juni 2017     

 

Indien steht kurz vor Einführung der Goods and Services Tax („GST”) und damit vor der größten Steuerreform seit seiner Unabhängigkeit 1947.

 

     

   

Indien vollzieht mit Einführung der Goods and Services Tax („GST”) eine grundlegende Reform seines Umsatz-steuersystems. Verkündeter Starttermin ist der 1. Juli 2017.
   

Will die Regierung der Verwaltung und den Unternehmen etwas mehr Zeit zur Umstellung gewähren, wird die GST am 1. September 2017 in Kraft treten. Das ist zugleich der letzte mögliche Termin; zum 16. September schließt sich das in der Verfassung vorgesehene zeitliche Fenster zur Einführung der GST.
   

Unternehmen werden von der GST profitieren: Der Internationale Währungsfonds erwartet einen starken Sondereffekt für das ohnehin gute Wachstum der indischen Wirtschaft. Wir sehen allerdings auch, dass die kurze Frist bis zur Einführung Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen wird. Es zeichnen sich ebenfalls erste offene Fragen und Startschwierigkeiten ab.

 

Was kommt mit der GST auf uns zu?

Die GST ist eine neue indirekte Steuer. Sie wird die gegenwärtigen indirekten Steuern zu einer einheitlichen Steuer zusammenführen.

 

Bislang wurde das Steuersystem durch eine Vielzahl von Steuerarten beherrscht. Teils standen sie in Konkurrenz zueinander, teils fielen sie gleichzeitig an. Zu nennen sind u.a. „Central Sales Tax” und „Value Added Tax” auf den Verkauf von Waren, „Excise Duty” auf die Herstellung von Waren, „Service Tax” auf die Erbringung von Dienstleistungen, „Octroi-Abgaben” auf das Verbringen von Waren in einige Städte und viele weitere Steuern. Einen Großteil der Steuern wird die GST ersetzen und ein landesweit einheitliches System schaffen. Sie wird den auf der jeweiligen Handelsstufe geschaffenen Mehrwert besteuern und – ähnlich der deutschen Umsatzsteuer – grds. nur den Endverbraucher belasten.
         

Welche Steuern ersetzt die GST genau und welche bleiben bestehen?

Die GST ersetzt folgende indirekte Steuern:  
    

Steuern auf Ebene des Bundes

Steuern auf Ebene der Bundesstaaten

Central Excise Duty auf die Herstellung von Waren           Value Added Tax und Central Sales Tax auf die Lieferung von Waren
Service Tax auf die Erbringung von Dienstleistungen Entry Taxes auf die Einfuhr von Waren
Additional Customs Duty („CVD”) auf Importe Octroi/ Local Body Tax auf die Einfuhr von Waren
Special Additional Customs Duty („SAD”) auf Importe Luxury Tax v.a. auf Hotelleistungen
Verschiedene Abgaben wie Swachh Bharat Cess, Education Cess etc. Entertainment Tax auf Vergnügungen
Additional Excise Duty auf bestimmte Waren Purchase Tax auf Käufe von unregistrierten Personen

             

Parallel zur GST bleiben klassische Einfuhrabgaben in Form des Zolls („Basic Customs Duty”) bestehen.  
    

Von der GST nicht ersetzt wird auch die „Stamp Duty” auf den Verkauf von Grundeigentum und bestimmte Rechtsakte; ferner Verbrauchsteuern auf Strom, alkoholische Getränke und Tabak.
     

Ist die GST wirklich eine einheitliche Steuer?

Streng genommen nein. Die GST erfasst alle Leistungen, d.h. die Lieferung von Waren und die Erbringung von Dienstleistungen. Das ist eine deutliche Vereinfachung gegenüber dem aktuellen System. Allerdings unterteilt sie sich in 3 Komponenten:

 

  • Central GST („CGST”) – Steuer der Zentralregierung
  • State GST („SGST”) – Steuer der Bundesstaaten
  • Integrated GST („IGST”) – übergreifende Steuer

 

Welche dieser 3 Steuern auf eine Leistung Anwendung findet, entscheidet sich nach dem „Ort der Leistung”. Leistungen innerhalb eines Bundesstaates unterliegen gleichzeitig der CGST und der SGST. Leistungen zwischen 2 Bundesstaaten und Einfuhren aus dem Ausland nur der IGST. Die Aufgliederung ist Folge der föderalen Struktur Indiens.       

 

Ort der Leistung

Anzuwendende Steuer

Leistung innerhalb eines Bundesstaates
  • CGST
  • SGST
Leistung zwischen 2 Bundesstaaten
  • IGST
Import von Waren
  • IGST
  • Wie bisher: Zoll
Import von Dienstleistungen
  • IGST

          
Der Ort der Leistung ist bei Warenlieferungen grds. der Ort, an dem die Warenbewegung endet. Bei Dienstleistungen ist es der Ort des Leistungsempfängers. Exporte von Waren oder Dienstleistungen sind i.d.R. steuerbefreit.

 

Wie hoch ist der Steuersatz?

Der Standardsatz der GST liegt bei 28 Prozent, für viele Anlagen/Maschinen und Dienstleistungen bei 18 Prozent. Eine Warentarifnummer (ähnlich dem HS Code) entscheidet über die Einordnung.

 

Bei Leistungen innerhalb eines Bundesstaates teilt sich der Steuersatz je zur Hälfte in die gleichzeitig anfallenden CGST und SGST auf. Bei Leistungen zwischen 2 Bundesstaaten entfällt er komplett auf die IGST. Die Tatsache, dass bei Leistungen innerhalb eines Bundesstaates mit CGST und SGST 2 Steuern gleichzeitig anfallen, verteuert die Leistung also nicht.

          

Leistungsgruppe

IGST (in Klammern: CGST + SGST)

Exporte0 %

Wichtige Güter des

täglichen Bedarfs

5 % (2,5 % plus 2,5 %)
Vorzugssteuersatz für geförderte Industrien12% (6% plus 6 %)

Anlagen/Maschinen

(Standardsatz 1)

18 % (9% plus 9 %)

Alle weiteren Güter

(Standardsatz 2)

28 % (14% plus 14 %)

   

Wird damit in Indien alles teurer?

Nein. Bislang beinhaltete bspw. der Kauf einer Ware in vielen Fällen 2 Steuern: Excise Duty auf die Herstellung und VAT auf die Lieferung. Die GST ersetzt beide Steuern. Unterlag die Herstellung eines Fernsehers bisher bspw. einer Excise Duty i.H.v. 12,5 Prozent und sein Verkauf einer VAT i.H.v. 13,5 Prozent, so betrug seine Steuerbelastung rechnerisch 27,7 Prozent. Nach Einführung der GST liegt sie bei 28 Prozent. Bei anderen Waren findet eine Angleichung nach unten statt. Dienstleistungen verteuern sich von derzeit ca. 15 Prozent auf 18 Prozent.

 

Ist ein Vorsteuerabzug möglich?

Ja. Unternehmer können gezahlte GST als Vorsteuer von der durch sie geschuldeten GST in Abzug bringen. Die GST ist insoweit mit dem deutschen System der Umsatzsteuer vergleichbar. So können produzierende Unternehmen oder Dienstleister die auf etwaige Zukäufe von Waren oder Dienstleistungen gezahlte GST mit der an ihre Abnehmer berechneten und vereinnahmten GST verrechnen. Die GST wird damit erst beim Endverbraucher zum Kostenfaktor.

 

Aufgrund der 3-gliedrigen Struktur der GST gestaltet sich der Vorsteuerabzug jedoch im Detail komplexer. Gezahlte CGST kann als Vorsteuer von geschuldeter CGST und IGST, gezahlte SGST als Vorsteuer von geschuldeter SGST und IGST in Abzug gebracht werden. Ein Vorsteuerabzug zwischen CGST und SGST ist nicht vorgesehen. Gezahlte IGST ist von allen Arten der GST, d.h. IGST, CGST und SGST abzugsfähig.

 

 

Aus diesem System wird sich (aufgrund der Tatsache, dass CGST und SCGT immer in gleicher Höhe anfallen) grds. keine zusätzliche Steuerbelastung ergeben. Allerdings kann SGST eines Staates A nicht mit SGST eines Staates B verrechnet werden. zudem ist ebenfalls die staatenübergreifende Verrechnung von CGST Stand Mitte Juni 2017 in Diskussion und die Rechtslage noch nicht geklärt.

Voraussetzung eines Vorsteuerabzugs ist zunächst der Erhalt einer korrekten Rechnung, der Empfang der Leistung und die rechtzeitige Einreichung einer Vorsteueranmeldung („GST return”). Diese Voraussetzungen überraschen nicht. Erforderlich ist jedoch auch die tatsächliche Abführung der GST durch den Rechnungssteller. Vereinnahmt der Rechnungssteller zwar die ausgewiesene GST, führt sie aber nicht ab, entfällt für den Unternehmer der Vorsteuerabzug. Die digitalen und automatisierten Systeme der Finanzverwaltung werden solche Fälle erkennen. Für Unternehmen bedeutet das ein erhebliches wirtschaftliches Risiko, das nur mit einem erhöhten Controlling-Aufwand abgefangen werden kann.

 

Ein Beispiel bitte!

Ein Produzent in Gujarat verkauft Klimaanlagen zum Preis von INR 100 an einen Unternehmer in Maharashtra. Er wird auf der Rechnung INR 100 plus IGST i.H.v. INR 28 ausweisen. Der Produzent wird die vereinnahmte IGST abzüglich eventueller Vorsteuern (SGST, CGST oder IGST) abführen. Der Erwerber kann IGST i.H.v. INR 28 als Vorsteuer geltend machen.

 

Spielt der Vorgang innerhalb Gujarats wird der Produzent Klimaanlagen zum Preis von INR 100 plus CGST i.H.v. INR 14 und SGST i.H.v. INR 14 auf der Rechnung ausweisen. Der Produzent wird die vereinnahmte CGST abzüglich eventueller CGST-Vorsteuer und die vereinnahmte SGST abzüglich eventueller SGST-Vorsteuer abführen. Der Erwerber kann CGST und SGST i.H.v. jeweils INR 14 als Vorsteuer geltend machen.

 

Werden Vorsteuerguthaben erstattet?

Nein. Vorsteuerguthaben werden grds. nicht erstattet. Eine Ausnahme gilt für Unternehmen, die entweder Null (z.B. exportierende Unternehmen) oder nur eine im Steuersatz niedrigere Umsatzsteuer schulden (Bsp.: Eingangsumsätze unterliegen einer GST i.H.v. 18 Prozent, die Ausgangsumsätze einer GST i.H.v. 28 Prozent). Evtl. entstehende Vorsteuerüberhänge müssen daher – wie im bisherigen CENVAT-System – als Guthaben vorgetragen werden.

   

Eine Detailbetrachtung lohnt sich: Für den Exporteur fällt mit dem System der GST die Steuerbefreiung zugekaufter Leistungen weg (aktuell z.B. „Advance Authorization”). D.h. ein Exporteur wird zunächst GST auf Zukäufe entrichten müssen und kann eine Erstattung erst beim späteren Export beantragen. Für den Cashflow ist das natürlich nachteilig.

 

Wie soll sich unsere indische Tochtergesellschaft verhalten?

Bereits steuerlich registrierte Unternehmen werden automatisch in das neue System überführt, bestehende Vorsteuerguthaben (CENVAT und VAT) übertragen. Für anhängige Steuerverfahren und andere Bereiche sind Übergangsvorschriften vorgesehen.

 

Allerdings sind dennoch Registrierungsvorgänge („migration”) notwendig. Entsprechende Prozesse laufen in den Bundesstaaten bereits.

 

Unternehmen müssen also dringend aktiv werden. Die notwendige IT-Infrastruktur muss geschaffen, Buchhal-tungssysteme angepasst und Strategien zur Preisfindung und zu Lieferketten entwickelt werden. Wir sehen bereits seit einigen Monaten, wie indische Kunden ihre Lieferanten auffordern, schriftlich zu bestätigen, dass sie „GST-ready” seien, eine „GST Taskforce” eingeführt oder noch weitergehende Vorbereitungen getroffen hätten. Das vor dem Hintergrund, dass der Kunde eben nur dann GST als Vorsteuer in Abzug bringen kann, wenn sein Lieferant sie auch abgeführt hat.
   

Betrifft die GST auch ausländische Unternehmen – ohne Präsenz in Indien?

Viele ausländische Unternehmen werden ihre Vertriebskosten in Indien deutlich reduzieren können. Chancen sollten nicht ungenutzt bleiben. Bestehende Vertriebswege können neu geplant, Preise mit Vertriebspartnern neu verhandelt und Handelsvertreter ggf. durch Eigenhändlerstrukturen ersetzt werden.

 

Im Übrigen bleibt die Situation für ausländische Unternehmen ohne Präsenz in Indien unverändert. Sie müssen keine GST auf Rechnungen für Exporte von Waren oder Dienstleistungen nach Indien ausweisen. Zwar unterliegen an indische Kunden erbrachte Dienstleistungen i.d.R. der GST, jedoch wird sie der Kunde (wie bisher im System der Service Tax) auf Basis der Nettorechnung selbst berechnen und selbst an die Finanzverwaltung abführen („reverse-charge Verfahren”). Der Kunde sollte den Zahlbetrag auch nicht um die abgeführte GST kürzen.

 

Auf Vergütungen für Dienstleistungen und Lizenzgebühren fällt in Indien übrigens weiterhin Quellensteuer an. Sie ist jedoch das Abbild der Einkommensteuerpflicht des ausländischen Unternehmens in Indien und damit ein davon vollständig anderes Thema.
  

Unsere Einschätzung

Mit Einführung der GST wird eines der weltweit komplexesten Umsatzsteuersysteme radikal vereinfacht. Unternehmen können sich wieder stärker auf ihr Geschäft konzentrieren, statt Formulare auszufüllen und Steuermeldungen einzureichen. Viele Vorgänge und Meldungen geschehen online, was das Korruptionsrisiko senken wird.

 

Durch die Einheitlichkeit der neuen Steuer verlieren unklare und umstrittene Rechtsfragen, wie die Bedeutung von „Herstellung”, „Verkauf” oder „Erbringung von Dienstleistungen” ihre Relevanz. Das wird in Teilen der IT-, Software- und Baubranche die Doppelbesteuerung reduzieren.

  

Die komplexe Struktur der Einfuhrabgaben mit verschiedenen Abgabenarten und jeweils unterschiedlichen Bemessungsgrundlagen wird neu organisiert. Unter dem System der GST unterliegen Einfuhren nur noch dem Zoll und der IGST. Händlern, die importierte Waren weiterverkaufen, steht zum ersten Mal ein voller Vorsteuerabzug zu, was zu einer deutlichen Reduktion der Steuerkosten im Vertriebsweg führt. Auch für Dienstleister verbessert sich der Vorsteuerabzug.
  

Negativ fällt v.a. auf, dass der Vorsteuerabzug von der Steuerehrlichkeit der Lieferanten abhängt. Und natürlich ist der enge Zeitplan bis zur Einführung der GST an sich bereits eine Herausforderung – besonders vor dem Hintergrund der sich derzeit abzeichnenden Unklarheiten beim Vorsteuerabzug. Für Dienstleister nimmt die Komplexität der Dokumentation und Steuermeldungen zu. Für Stromerzeuger ergeben sich aufgrund der weiter nicht vereinheitlichten Stromsteuer zusätzliche Steuerkosten.

 

Handlungsempfehlung

  • Statuskontrolle „Migration” der Tochtergesellschaft
  • Statuskontrolle Anpassung der Buchhaltung und IT-Infrastruktur der Tochtergesellschaft
  • Statuskontrolle Training der Mitarbeiter. Ziel ist es, zum 1. Juli 2017 „GST-ready” zu sein.
  • Verifizierung der Auswirkungen auf alle Geschäftsvorfälle bzw. Preiskalkulationen
  • Anpassung der Verträge mit Kunden und Lieferanten

 

 

Rödl & Partner hat ein 4-stufiges System zur Einführung der GST in indischen Unternehmen entwickelt: Beginnend mit einer Analyse der Situation, über ein Training der Mitarbeiter, die Begleitung der Anpassung in SAP und die Kontrolle der neuen Abläufe nach den ersten 3 Monaten.
Weitere Informationen finden Sie in unserem Detailplan.

 

 

 
Button-englisch.jpg

 Kontakt

Tillmann Ruppert

Rechtsanwalt

Associate Partner

+49 (911) 91 93 – 31 25
+49 (911) 91 93 – 91 25

Anfrage senden

Profil

Anand Khetan

Chartered Accountant (India)

Associate Partner

+91 (0) 20 66 25 71 02

Anfrage senden

 News mit WhatsApp

Deutschland Weltweit Search Menu