Neuaufstellung von Unternehmen nach der Corona-Krise

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veröffentlicht am 22. Juli 2020 | Lesedauer ca. 6 Minuten

  

Zum aktuellen Zeitpunkt ist noch weitgehend unklar, wie sich die Realwirtschaft von Covid-19 erholen wird. Viele Länder haben bereits vorsichtige Schritte zur Aufhebung der Corona-Beschränkungen unternommen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass noch eine längere Zeit mit Einschränkungen zu rechnen ist. Auch die Rücknahme von Lockerungsmaßnahmen aufgrund plötzlich ansteigender Neuinfektionszahlen an bestimmten Hotspots ist nicht auszuschließen. Selbst in der Erholungsphase der langsamen Rückkehr in das gewohnte Leben, dem „new normal“, wird vermutlich noch keine Normalität, wie sie vor der Krise als Selbstverständlichkeit bestand, einkehren.

  

  
 
Mögliche Stockungen in einzelnen Wirtschafts- und Industriezweigen, die ernsthafte Herausforderungen darstellen, müssen zudem einkalkuliert werden. Gleichzeitig zeigen sich infolge der Corona-Krise bereits jetzt schon Veränderungen in der Arbeitswelt: Es gibt neue Erkenntnisse sowie Chancen für die deutsche Wirtschaft, in denen bspw. bestimmte Produktionsplanungsprozesse in Unternehmen anders als vor der Corona-Krise organisiert werden oder wenn ein Messeausteller Teile seines Messekonzeptes seinen Besuchern online anbietet. Zahlreiche Beispiele machen außerdem deutlich, dass es vielen Unternehmen ohne die Umsetzung einer ausreichenden Digitalisierung kaum mehr möglich ist, erfolgreich am Markt agieren zu können.

 

 

Zukunftsausblick: Betriebliches Kontinuitätsmanagement (BCM)

Derzeit sind zahlreiche Ideen mit möglichen Zukunfts-Szenarien zu beobachten, wie die deutsche Wirtschaft und der internationale Handel nach der Corona-Krise aussehen könnten. Mit Blick in die Zukunft könnten die Ansätze des unternehmerischen Risikomanagements in zahlreichen Unternehmen effizienter, flexibler und dynamischer ausfallen als zuvor, um in plötzlich auftretenden Krisen schneller auf solche reagieren zu können, bspw. durch die Implementierung von geeigneten Tools. Die aktuelle Corona-Pandemie zeigt, dass stets mit Pandemien, Viren und Krisen zu rechnen ist. Demzufolge gewinnt der Prozess der Einführung von Präventionsmaßnahmen in Unternehmen zunehmend stärker an Bedeutung, um im Eintrittsfall auf bestimmte Risiken gut vorbereitet zu sein und angemessen reagieren zu können, um den Geschäftsbetrieb in Notfällen aufrechtzuerhalten zu können.
 

Mehr Unabhängigkeit durch Re-Lokalisierung der globalen Lieferketten

Die Corona-Krise könnte genutzt werden, um bestehende Geschäftsprozesse neu zu überdenken und dementsprechend neu auszurichten. Die aktuelle Krise macht zudem deutlich, wie schwierig es sein kann, auf bestimmte Unternehmensprozesse zuzugreifen, wenn plötzlich die Ländergrenzen geschlossen werden und der in- und ausländische Flugverkehr deutlich eingeschränkt oder gar gestoppt wird. Eine künftige Entscheidung eines Unternehmers könnte das Zurückholen bestimmter Herstellungs- und Produktionsprozesse aus dem Ausland (bspw. die Herstellung von Medikamenten und Fahrzeugen), wo Produktionsstandorte betrieben werden, bedeuten, um damit wieder mehr Zugriff auf die eigene Produktion zu erlangen. Die Alternative, bestimmte Produktionsprozesse im Inland (evtl. auch in Europa) fortzusetzen (Vorratshaltung), könnte schließlich die eigene Abhängigkeit von anderen Ländern verringern und das Risiko, dass gewisse Warenströme und Lieferketten unterbrochen werden, reduzieren. Folglich könnte es zu einem Umdenken und Handeln von unternehmerischen Entscheidungen kommen.
 

Entstehung neuer Geschäftsfelder im Einzelhandel und Dienstleistungsbereich

Die aktuelle Beobachtung zeigt, dass durch die Corona-Pandemie die Entstehung weiterer Geschäftszweige zukünftig immer mehr an Bedeutung gewinnen werden und lässt zudem vermuten, dass sich bestimmte Geschäftsfelder stärker neu ausrichten werden. Einige Unternehmer setzen mittlerweile verstärkt auf den Elektronischen Handel. Der Online-Handel für Bestellungen über das Internet (E-Commerce) im Bereich der Nahrungsmittelbelieferung an Konsumenten und Hotels stellt nur eines von vielen Beispielen dar. Im Konsumgüterbereich könnten sich zudem Möglichkeiten für neue Marken und neue Kategorien ergeben. Zudem ist im Gastronomiebereich eine deutliche Tendenz zu mehr Lieferservice erkennbar. Allerdings ist fraglich, ob der Restaurantbetreiber, der sich an eine ganz bestimmte Zielgruppe wendet (Gourmet oder gehobene Klasse), mit einem Lieferservice langfristig sein alternatives Geschäftsmodell aufrechterhalten will.
 

Wandel durch digitale Technologie: Chancen der Digitalisierung nutzen

Zudem könnte die Corona-Krise zum Anlass genommen werden, die Digitalisierung in den Unternehmen voran- bzw. schneller voranzutreiben, vor allem dort, wo das noch nicht ausreichend umgesetzt wurde. Welche Risiken entstehen könnten, wenn die betreffenden Unternehmen keine Digitalisierungsstrategie haben, wird deutlich, wenn sie nicht auf alternative Lösungen ausweichen können. Ein Beispiel, die digitale Lösung zum Einsatz zu bringen, ist die Umstellung medizinischer Dienste auf Online-Sprechstunden im Gesundheitswesen oder in der öffentlichen Verwaltung sowie der Einsatz geeigneter digitaler Tools in Beratungsunternehmen.
 

Die seit den letzten Jahren zu beobachtende Entwicklung zu einer immer mehr fortschreitenden  Digitalisierung könnte durch die aktuelle Corona-Situation noch weiter beschleunigt werden. Zugleich könnte die Krise zum Treiber neuer Technologien werden und folglich künftig Chancen für Unternehmen bspw. in der Automobilindustrie bedeuten, u.a. bei der Digitalisierung von Produktions- und Vertriebsprozessen, beim Einsatz von 3D-Modellen für die Produktionsplanung oder mit Hilfe von Robotersystemen für die Produktion. Gerade vor diesem Hintergrund könnte die Chance genutzt werden, wichtige innovative strategische Entscheidungen in Bezug auf die Digitalisierung deutlich voranzutreiben (Elektro-Mobilität, autonomes Fahren etc.).
 
Für den Erdöl- und Erdgas-Sektor könnte die Corona-Krise genutzt werden, um den Übergang von fossilen zu saubereren Energiequellen zu beschleunigen (Einsparung von Kohlenstoffdioxid, bspw. durch den Verzicht von nicht notwendigen Flugreisen sowie Verbesserung der Co2-Bilanz).
 

Mobiles Arbeiten

Es zeichnet sich ab, dass die Corona-Pandemie das Berufsleben in manchen Unternehmen auch nach der Covid-19-Krise dauerhaft verändern wird. Mit der „neuen“ Arbeitswelt hat sich gezeigt, dass sich diese Veränderung durch die Implementierung alternativer Arbeitsformen, vor allem im Bereich der Kommunikationsinfrastruktur, weiterhin verstärkt fortgesetzt hat. Immer mehr Unternehmen greifen zu mehr Homeoffice und nutzen die Vielzahl an technischen Kommunikationsmöglichkeiten, wie Skype zum Telefonieren, Webinare für Schulungen und Seminare (E-Learning) sowie Videokonferenzen für Meetings (virtuelles Arbeitsleben), um u.a. auch Einsparungen bei den Reise- und Unterbringungskosten sowie Mietkosten für Büroflächen zu ermöglichen. Hierbei könnten größere Büros, wie sie noch heute konzipiert werden, für manche Unternehmen in Zukunft obsolet werden und dafür eher kleinere Büroflächen mit weniger Büros in Betracht kommen.
 

Fortlaufender Kommunikationsaustausch im Homeoffice

Das Arbeiten im Homeoffice erfordert eine angemessene Arbeitsplatzausstattung unter Beachtung der Arbeitssicherheitsvorschriften (Gewährleistung der Technik, technische Ausstattung). Um herauszufinden, wie Mitarbeiter die Situation im Homeoffice erleben, wurde vom „Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT“ im April 2020 eine Umfrage gestartet. Hintergrund dieser Umfrage war, zu analysieren, welche Arbeitsmittel künftig evtl. noch optimiert werden könnten. Die Auswertung ergab, dass insgesamt 84 Prozent der befragten Personen (Männer und Frauen) zufrieden sind, ihre berufliche Tätigkeit von zu Hause aus umsetzen zu können. Zugleich kam heraus, dass der professionelle und soziale Kommunikationsaustausch unter Kollegen sowie die Unterstützung und die Verbundenheit zum Team als eher nachteilig eingeschätzt wurden. Folglich spielen diese Faktoren für die Mitarbeiterzufriedenheit eine nicht zu unterschätzende Rolle im Unternehmen.
 

Durch die Implementierung von Ritualen, wie tägliche Arbeitsroutinen sowohl individuell als auch innerhalb eines Teams sowie regelmäßige Team-Meetings und Videokonferenzen (virtuelle Treffen), damit die einzelnen Teams auch emotional weiter wachsen können, könnte eine steigende Fluktuation verhindert werden. Letztendlich obliegt es der Verantwortung des Entscheiders, mit welchen Tools die Mitarbeiterzufriedenheit sichergestellt werden kann. 
 

Stabilisierungsmaßnahmen des Bundes

Es ist denkbar, dass sich die Regierungen mancher Länder stärker, bspw. in der Industrie, aber auch in anderen Branchen, beteiligen werden als bisher. Im Rahmen der Corona-Krise in Deutschland beteiligt sich der Staat an der Unterstützung der Realwirtschaft. Solche Maßnahmen dienen dem Zweck, Unternehmen, Selbständige und Arbeitsplätze in Form von Beteiligungen (Krediten), Beteiligungen an der Refinanzierung der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW-Sonderhilfsprogramme) vorübergehend zu stützen, wie sie es bspw. bei der größten deutschen Fluggesellschaft „Lufthansa“ umgesetzt hat. Denkbar wäre ein Engagement auch in den kritischen Infrastrukturbereichen sowie in der Verkehrs- und Touristikbranche. Eine direkte finanzielle Beteiligung des Bundes im Gesundheitswesen, wo bereits jetzt die Defizite deutlich werden, ist zudem vorstellbar. Das gilt bspw. für die finanzielle Beteiligung des Staates an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes. Ein solches Engagement könnte gleichzeitig eine Chance zur Modernisierung in einzelnen Krankenhäusern, in denen noch Bedarf vorhanden ist, bedeuten. Hierbei sollten staatliche Mitwirkungs- und Mitspracherechte, die häufig eine Konsequenz aus einer staatlichen Beteiligung sind, mit einkalkuliert bzw. nicht außer Acht gelassen werden. Es ist unternehmerisch abzuwägen und zu gestalten, in wieweit diese staatlichen Mitspracherechte und Mitwirkungstätigkeiten dem Geschäftsmodell zuträglich sind.
 

Eine andere Maßnahme des Bundes ist der Zugang der betreffenden Unternehmen zu den staatlichen KfW-Krediten, den sie unter bestimmten Voraussetzungen über ihre Hausbanken erhalten können.
 

Neben den oben erwähnten Faktoren könnte eine neue Art der Zusammenarbeit und Gemeinschaft entstehen, die der Wirtschaft und der Gesellschaft gleichermaßen zu Gute kommt. Einerseits könnten Entwicklungen, die seit längerem im Verborgenen liegen, zum Durchbruch kommen. Allerdings kann nicht antizipiert werden, wie diese Trends voranschreiten werden, da noch nicht abschließend beantwortet werden kann, wie groß hierbei die Bereitschaft des Einzelnen ausfallen wird, eine Welt mit weniger physischer Interaktion zu akzeptieren. Fraglich ist zudem, ob die Bevölkerung bereit sein wird, ihr Recht auf Datenschutz aufzugeben bzw. einzuschränken, um eine weitere Digitalisierung zu ermöglichen.
 

Erforderliche verantwortungsbewusste Gesellschaft

Darüber hinaus gibt es noch wesentliche Ungewissheiten darüber, wie sich der Klimawandel auf die nationale und globale Wirtschaft sowie auf die Politik auswirken wird. Gerade in diesen Zeiten gewinnt die Zunahme der Nachhaltigkeit und der ökologischen Bewertung des eigenen Wirtschaftshandelns sowie der Solidarität mit den Wirtschaftspartnern wieder zunehmend an Bedeutung.
 

Corona zeigt, dass in der heutigen Zeit ein Denken in nationalen Grenzen und Märkten nicht mehr zielführend ist. Ein Virus macht keinen Halt vor Ländergrenzen. Effektive Maßnahmen müssen länder- und kontinentübergreifend gestaltet werden. Zudem müssen die nunmehr ergriffenen staatlichen Maßnahmen und Investitionen zukunftsgerichtet sein, bspw. der Ausbau der digitalen Infrastruktur und neuer Geschäftsmodelle. Eine bloße finanzielle Unterstützung der Realwirtschaft, ohne die Zukunftstauglichkeit vor Augen zu haben, ist bei weitem nicht ausreichend. 

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