Erneuerbare Energien in Russland: Fakten und Aussichten

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Statistiken belegen, dass das Gesamt­volumen der aus erneuerbaren Quellen erzeugten Energie in Russland derzeit lediglich 1 Prozent beträgt. Dies ist eine überraschend niedrige Quote angesichts der immensen Fläche und des Ressourcen­­reichtums der Russischen Föderation. Dabei ließe sich laut Experten in der aktuellen Wirtschafts­lage ein Viertel des Energie­bedarfs in Russland durch Energie aus erneuerbaren Quellen decken. Mit der Verab­schiedung von Vorschrift Nr. 449 vom 28. Mai 2013 sowie weiterer gesetzlicher Maßnahmen unternahm die russische Regierung wichtige Schritte hin zu einer verstärkten Förderung der Erneuerbaren Energien.
 

Die Neuerungen im russischen Energiemarkt

Trotz der weltweit rasanten Entwicklung der Erneuerbaren Energien bleibt Russland bisher Nachzügler, da die Regierung noch immer weitestgehend auf die Energie­gewinnung durch Kernkraft, Kohle und Wasser­kraft setzt. Dabei birgt die territoriale Fläche Russlands ein großes Potenzial für die Energie­gewinnung aus erneuerbaren Quellen. Zu nennen sind insoweit ins­besondere der Sonnengürtel, der sich von Westen nach Osten entlang der südlichen Landesgrenze erstreckt, ergiebige Winde in den Küstenregionen sowie eine Vielzahl von Ressourcen für Bioenergie.

Gemäß einer Verordnung der Regierung der Russischen Föderation soll der Anteil erneuerbarer Energiequellen bis zum Jahr 2020 auf 4,5 Prozent steigen.


 


Abbildung 1: Energiewirtschaft in Russland aktuell


 



 

Abbildung 2: Verteilung Erneuerbarer Energien nach Branche


Um den angestrebten Prozentsatz bis zum Jahr 2020 zu erreichen, bemüht sich der Staat aktuell um die notwendigen Mechanismen. So hat er z.B. im Jahr 2013 die Vorschriften des Föderalen Gesetzes „Über die Energie­wirtschaft” durch eine Reihe von Normativakten erweitert, um die Entwicklung der erneuerbaren Energiequellen voranzutreiben. Durch Erlass Nr. 449 vom 28. Mai 2013 bestimmte die Regierung der Russischen Föderation Regeln, um die Preise für die aus erneuerbaren Energiequellen gewonnenen Kapazitäten festzulegen. Diese Preise orientieren sich an der Kapazität der Anlage. Angesichts der Schwierig­keiten, die sich aus den variablen Kapazitäten einiger Energiequellen (z.B. Sonnen- oder Windenergie) ergeben, schreibt Erlass Nr. 449 spezifische Kapazitätenregeln für Erneuerbare Energien vor.

Für den Strommarkt hat die Regierung das Verfahren „zur Unterstützung erneuerbarer Energie­quellen” in Gang gesetzt. Es sieht vor, für Investitions­projekte zum Bau von neuen Erneuerbare-Energien-Kraftwerken Ausschreibungen durchzuführen und anschließend über die Zurverfügung­stellung der Kapazitäten Verträge abzuschließen. Auch wenn Vertragspartner die Investoren und Großmarkt­verbraucher sind, legt die wesentlichen vertraglichen Konditionen doch die russische Regierung fest. Das Ziel der Ausschreibungen ist es, jährlich in einem kompetitiven Verfahren Investmentprojekte in jedem der verschiedenen Segmente der Erneuerbaren Energien auszu­wählen – dies allerdings nur bis zu einem bestimmten MW-Grenz­wert. Die Limitierung soll dafür sorgen, die Kosten für den Verbraucher möglichst gering zu halten. Die im Rahmen der Aus­schrei­bungen auserwählten Erneuerbare-Energien-Projekte berechtigen deren Investoren, Verträge mit Großmarktverbrauchern über die Zurverfügungstellung der gewonnenen Kapazitäten abzuschließen.


Die Teilnahme am Ausschreibungsverfahren für Investitionsprojekte für den Bau von Erneuerbare-Energien-Kraftwerken

Laut Erlass Nr. 449 können nur Projekte der Solarenergie, der Windenergie und der Klein­wasser­kraft eine Förderung erhalten. Außerdem müssen die Anlagen eine Minimal­kapazität von 5 MW jährlich erreichen.

Die Frist für die Teilnahme endet am 10. Juni jedes Jahres. Die Teilnahmeunterlagen sollten Folgendes umfassen:
  • die Identität der Projektteilnehmer
  • die Projektbezeichnung und die Bezeichnung der geplanten Erneuerbare-Energien-Anlage
  • die Lage der geplanten Anlage
  • die Art der Erneuerbare-Energien-Technologie
  • die wahrscheinlich installierte Kapazität
  • die vorläufigen Versorgungspunkte im Großhandelsmarktberechnungsmodell
  • den geplanten Energielieferungsbeginn
  • die geplanten Kosten (inklusive Anschlusskosten) in Rubel pro kW installierter Kapazität
  • den geplanten „local content”
  • die Garantien zur Absicherung der Projektdurchführung


Für die Auswahl der Investmentprojekte, die in zwei Runden stattfindet, ist der Administrator des Handelssystems zuständig. In der ersten Runde werden diejenigen Projekte ausgewählt, die die Teilnahmevoraussetzungen erfüllen; in der zweiten Runde sind vor allem die Kapitalkosten entscheidend. Um in die zweite Runde zu gelangen, müssen die Investitionsprojekte folgende Kriterien erfüllen: Registrierung als vorläufiger Lieferant auf dem Großhandelsmarkt, Einhaltung der von der russischen Regierung festgelegten Kapitalkostengrenzen, Einhaltung der Local-content-Anforderungen, Bereitstellen einer Bankgarantie und der nötigen unterschriebenen Verträge.
 

Besonderheiten des russischen Förderungsprogramms

Die russische Förderungsmethode für  erneuerbare Energiequellen unterscheidet sich grund­legend von der Förderung, die in den meisten anderen Ländern Anwendung findet. Russland fördert aufgrund der Kapazität, die die Erneuerbare-Energien-Anlage zur Verfügung stellen kann (in MW oder MW pro Monat). Es handelt sich daher um ein kapazitätsbasiertes System, während andere Länder die Förderung üblicherweise an die Menge des von der Anlage tatsächlich produzierten Stroms (in MWh) koppeln (z.B. durch spezielle (Feed-in-) Tarife, Zuschläge und Zertifikate). Das Vertragswerk heißt dann branchenüblich PPA – Power Purchase Agreement.

 
Die Produktion innerhalb der russischen Föderation erfährt große Aufmerksamkeit. Beispielsweise ist zu garantieren, dass nur Anlagenteile Verwendung finden, die wenigstens teilweise in Russland hergestellt oder zusammengesetzt werden. Die Regierung der Russischen Föderation hat für den Zeitraum bis zum Jahr 2020 für jede Art von Erneuerbare-Energien-Anlage Local-content-Ziele festgelegt.

 
Ferner bestimmt die Verordnung der Regierung der Russischen Föderation Nr. 1 vom 8. Januar 2009 für die Förderung erneuerbarer Energiequellen Indikatoren zu den Grenzwerten der Erneuerbare-Energien-Projekte, zu den Ausbauwerten für die jeweilige Erneuerbare-Energien-Technologie sowie zum „local content”.

 

Die Zielwerte für den jährlichen Ausbau und die Anforderungen an den „local content” sind für jede Erzeugungstechnologie so angesetzt, dass im Rahmen der Errichtung großer Produktions­stätten zur Herstellung einzelner Komponenten von Erneuerbare-Energien-Anlagen auf dem Territorium der Russischen Föderation mit guten Gewinnaussichten zu rechnen ist. Das ermöglicht den Investoren, beim Bau der Erneuerbare-Energien-Projekte die in den Verträgen über die Zurverfügungstellung von Kapazitäten vereinbarten Local-content-Werte zu erreichen. Außerdem soll ein ausreichender Wettbewerbsdruck auf dem Markt für solche Anlagen entstehen, der später zur Senkung der Endpreise führen kann.

 
Was den Einzelhandelsmarkt betrifft, so bestimmt Erlass Nr. 47 der Regierung der Russischen Föderation vom 23. Januar 2015 die Anwendung des Verfahrens zur Unterstützung erneuerbarer Energiequellen auf Einzelhandelsmärkten in Preisbildungs­zonen und Nichtpreisbildungszonen des Großhandelsmarktes sowie in territorial isolierten Energieversorgungsgebieten. Der Erlass legt das Verfahren zur Bildung einer langfristigen tariflichen Regulierung der Erneuerbare-Energien-Projekte auf Einzelhandels­märkten sowie die Regeln für deren Betrieb fest.
 

Projekte

Zu den ersten Projekten, die auf Grundlage dieser Mechanismen umgesetzt werden, gehören:
 

  • Großhandelsmärkte:

Inbetriebnahme eines Solarkraftwerks mit einer Kapazität von 5 MW in der Siedlung Perewolozkij im Gebiet Orenburg im Mai 2015.

Inbetriebnahme eines Solarkraftwerks mit einer Kapazität von 25 MW in Orsk im Oktober 2015.
 

  • Einzelhandelsmärkte:

Im September 2015 wurde im Fernen Osten in der Siedlung Ust-Kamtschatsk ein Windkraftkomplex eröffnet. Er besteht aus drei Windkraft­anlagen mit einer Gesamtkapazität von 900 KW.


Fazit

Die neue Gesetzgebung der russischen Regierung ist ein erster Schritt in Richtung klarer recht­licher Rahmen­bedingungen für die Erneuerbaren Energien. Die russische  Herangehensweise ist eine besondere, da es sich um ein kapazitätenbasiertes System handelt.

 
Trotz einiger vielversprechender Neuerungen birgt das System dennoch Schwächen und Unsicherheiten. So mögen die Voraussetzungen des „local content” auf einige Investoren abschreckend wirken, denn weil sie die Nutzung ausländischer Ressourcen unterbinden, können sie unter Umständen zu höheren Kapitalkosten führen. Des Weiteren ist fraglich, wie viel Rechtssicherheit Erlass Nr. 449 tatsächlich bietet, da sich z.B. die Kalkulation der Kapazitätspreise auf ein extrem komplexes Formular stützt, das für viele noch recht undurchsichtig ist. Mögliche Gewinnspannen vorherzusagen, ist deshalb schwierig.

zuletzt aktualisiert am 11.01.2017

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Dr. Tatiana Vukolova

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