Erfolgreich investieren in Ungarn

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zuletzt aktualisiert am 16. Juni 2023 | Lesedauer ca. 6 Minuten


 

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Ungarn ein?

Die wirtschaftliche Gesamtsituation hat sich im Jahr 2022 im Verhältnis zum Vorjahr trotz anhaltender Liefer­eng­pässe und Unsicherheiten – verursacht u.a. durch den Krieg in der Ukraine – weiter verbessert, wobei sich allerdings der gute Start in das Jahr 2022 zum Jahresende hin merklich abschwächte. Auf Jahresebene wurde beim Bruttoinlandsprodukt ein Zuwachs von 4,6 Prozent erzielt. Der ungarischen Regierung ist es in dem schwierigen Umfeld gelungen, durch breite Fördermaßnahmen weitere Unternehmensansiedlungen und Standorterweiterungen zu generieren. Maßnahmen, wie zum Beispiel die Aufrechterhaltung der Reduzierung der Umsatzsteuer für die Errichtung und Sanierung von Wohnimmobilien von 27 Prozent auf 5 Prozent, die deutliche Anhebung der Mindest­löhne, Lohnanpassungen im öffentlichem Sektor, sowie die Preisdeckelung von Grundnahrungsmitteln führten zu einem Anstieg der privaten Konsumausgaben. Für das Jahr 2023 wird allerdings nur noch ein Anstieg des Brutto­in­lands­produkts von unter 1 Prozent erwartet. 
 
Generell ist davon auszugehen, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Jahr 2023 verschlechtern werden. Die Erwerbslosenrate lag Ende 2022 bei 3,6 Prozent und für das Jahr 2023 wird mit einer leichten Er­höhung gerechnet. Die steigende Inflation, welche derzeit in Ungarn mit knapp 20 Prozent über den aktuellen Lohnzuwächsen liegt, führt aktuell zu einem Kaufkraftverlust und auch die steigenden Zinssätze werden sich u.a. negativ auf das Wachstum und die Wirtschaftsentwicklung auswirken. Auch die mittel- und langfristigen wirt­schaft­lichen Auswirkungen des Ukraine-Konfliktes können aktuell kaum eingeschätzt werden. Ungarns Importe aus Russland betreffen insbesondere die Energieträger Gas und Öl. So stammen derzeit rund 85 Prozent der Gasimporte und 65 Prozent der Rohölimporte Ungarns aus Russland. Erst im Herbst 2021 wurde der aktuelle Rahmenvertrag mit einer Laufzeit von 15 Jahren mit der russischen Regierung und Gazprom abgeschlossen, somit sollte die Energieversorgung des Landes vorerst gesichert sein. Anhand von EU-Sonderregelungen ist Ungarn berechtigt, auch weiterhin einen Großteil seines Energiebedarfes aus Russland zu beziehen. Zur Energiesicherung der nächsten Jahre werden – unter Federführung der russischen Rosatom Gruppe – aktuell 2 neue Blöcke des Kern­kraftwerks Paks errichtet, welche im Jahre 2030 in Betrieb genommen werden sollen.
 

Wie würden Sie das Investitionsklima in Ungarn beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Ungarn kann derzeit als ein Billiglohn- und Niedrigsteuerland innerhalb der EU angesehen werden, wobei aller­dings u.a. wegen des Fachkräftemangels die Lohnsteigerungen in den letzten Jahren regelmäßig die Inflationsrate überstiegen und zu einem Kaufkraftzuwachs bei den Löhnen und Gehältern geführt haben, welcher Trend sich derzeit allerdings gerade umkehrt. Durch die Herabsetzung des Körperschaftsteuersatzes auf 9 Prozent und die Entlastung der Arbeitgeber in Form einer weiteren Senkung der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung auf mittlerweile 13 Prozent im Jahre 2022 wurden in den letzten Jahren weitere Investitionsanreize geschaffen, um die Ansiedlung von Unternehmen zu fördern. Die Arbeitskosten betragen derzeit im Durchschnitt nur rund ein Drittel des deutschen Niveaus und die duale Ausbildung/Studiengänge sowie Kooperationen zwischen Bildungs­ein­richt­ungen und Unternehmen werden immer umfangreicher und erleichtern die Eingliederung in die Unternehmen. Großprojekte und Investitionen in Zukunftstechnologien werden aktuell von der Regierung bevorzugt gefördert und die Investitionsförderagentur HIPA versucht vermehrt, ausländische Unternehmen für die Ansiedlung von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu gewinnen. 
 
Aufgrund der unsicheren Aussichten bezüglich der globalen wirtschaftlichen und konjunkturellen Erholung wurden in den letzten Jahren bereits beschlossene Investitionen und Bauvorhaben von Unternehmen zeitlich verschoben, viele davon wurden mittlerweile aber in Angriff genommen. Namhafte Beispiele hierfür sind das neue BMW Produktionswerk in Debrecen und die Erweiterung des Daimler-Werks in Kecskemét. Beide Werke sollen die Produktion im Jahre 2024 bzw. 2025 aufnehmen.
 
Ungarns Wirtschaft ist stark mit dem deutschen bzw. deutschsprachigen Wirtschaftsraum und insbesondere mit der Automobilindustrie verknüpft, woraus sich eine erhebliche Abhängigkeit von der europäischen aber auch globalen wirtschaftlichen Entwicklung ergibt. Der ungarische Automobilsektor einschließlich der Zulieferindustrie erwirtschaftet knapp 15 Prozent des ungarischen BIP. Rund drei Viertel der produzierten Industriegüter werden exportiert. Laut Informationen des ungarischen Wirtschaftsministeriums sind knapp 6.000 deutsche Unternehmen in Ungarn vertreten, die über 300.000 Mitarbeiter beschäftigen.
 
Neben dem günstigen steuerlichen Umfeld sind auch die rechtlichen Rahmenbedingungen stabil und bieten eine verlässliche Grundlage für wirtschaftliche Aktivitäten im Land. Die Regelungen des ungarischen Gesell­schafts­rechts und des ung. BGB sind mit den deutschen Bestimmungen vergleichbar. Das ungarische Arbeitsrecht erlaubt ein hohes Maß an Flexibilität in puncto Arbeitszeitgestaltung und Entlohnung und kann insgesamt als arbeit­geberfreundlich bezeichnet werden. Dass die Regierung – insbesondere in der Industrie – die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen eher zugunsten der Arbeitgeber umzugestalten beabsichtigt, hat zuletzt die im April 2020 verabschiedete Verordnung zur Ausdehnung eines einseitig vom Arbeitgeber bestimmbaren Arbeitszeitrahmens von bisher 4 Monaten auf 24 Monate gezeigt.
 
Großes Potenzial birgt nach wie vor die Automobilbranche. Neben den Herstellern Audi, BMW, Mercedes-Benz, Opel und Suzuki haben sich auch viele Zulieferer in Ungarn angesiedelt. Es ist außerdem erklärtes Ziel der Regierung, Ungarn als einen der wichtigsten Standorte in der globalen Batterieherstellung für Elektroautomobile in Europa zu positionieren. Zahlreiche Projekte zum Aufbau von Fertigungskapazitäten, die in den letzten zwei Jahren realisiert oder bekannt geworden sind, bestätigen diese Bestrebung. Jüngstes Beispiel ist die Grundsteinlegung im April 2023 der CATL Batteriezellenfabrik in Debrecen, wie auch der Elektrofahrzeughersteller NIO Kapazitäten in Ungarn ansiedelt. Drei der weltweit größten Hersteller von Batterien für die Elektromobilität sind bereits in Ungarn ansässig.
 
In den letzten 20 Jahren haben auch viele internationale Unternehmensgruppen Teile ihrer Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, IT und SSC-Stabsstellen nach Ungarn verlagert. Potenzial sehen wir außerdem in den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, in der elektronischen Industrie, Nahrungs- und Genussmittel, in der Logistikbranche sowie im Online-Handel.
 
Schwächer als in den letzten Jahren dürfte der Bereich Bauwirtschaft ausfallen. Die staatlichen Aufträge sind derzeit rückläufig und die steigenden Zinsen belasten die Investitionsvorhaben im privaten und gewerblichen Sektor.
 

Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Ungarn gegenüber?

Seit einigen Jahren bereitet vielen Unternehmen in bestimmten Regionen des Landes die Rekrutierung und die langfristige Bindung geeigneter Fachkräfte Schwierigkeiten. Insbesondere in den grenznahen Regionen zu Österreich und der Slowakei gibt es viele Arbeitskräfte, die wegen der höheren Bezüge als Berufspendler in den Nachbarländern arbeiten, oder die gleich in andere EU-Länder umgezogen sind. Hinzu kommen neue Industrie­ansiedlungen, die durchaus eine Abwerbung von Mitarbeitern zur Folge haben können. Somit kann sich ggf. die Personalsuche wie auch die Personalbindung als eine nicht zu unterschätzende Herausforderung erweisen. 
 
Investoren sollten sich stets bewusst sein, dass trotz generell positiver Einstellung der Regierung zu Investi­tions­vorhaben und trotz der allgemein günstigen Rahmenbedingungen auch belastende Maßnahmen wie Sondersteuern auf bestimmte Branchen durchaus denkbar sind. Um den Staatshaushalt in der gegenwertigen Situation zu stabilisieren, wurden solche Sondersteuern für die Jahre 2022 und 2023 verabschiedet und betreffen unter anderem den Energiesektor, den Einzelhandel, den Finanz-, und Versicherungssektor sowie die Pharmaindustrie. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen darüber hinaus, dass die Regierung mitunter dazu neigt, in be­stimmten Bereichen heimische Unternehmen und Einrichtungen zu bevorzugen. 
 

Welche Rolle spielt die Standortwahl in Ungarn für ausländische Investoren?

Neben Faktoren wie der guten Verfügbarkeit von Fachkräften und guter Verkehrsanbindung spielen auch öffent­liche Anreize eine gewisse Rolle bei der Auswahl neuer Standorte. Bei der Standortwahl können einige wenige Kilometer maßgeblich für die Berechtigung zum Bezug von Fördermitteln sein. Während im Großraum Budapest kaum Fördergelder bewilligt werden, ergeben sich in strukturschwächeren Regionen häufig gute Möglichkeiten, rein ungarische oder EU-Fördermittel zu erhalten. Bei Fördermitteln besteht ein deutliches West-Ost-Gefälle mit dem stark entwickelten Westungarn, der Hauptstadt Budapest und dem eher strukturschwachen Ostungarn.
 
Investoren, die sich in begünstigten Gewerbezonen ansiedeln, stehen häufig auch lokale Steuerermäßigungen zu, oder solche können ausgehandelt werden. Mit den Gemeindevertretern möglicher Standorte sollten deshalb rechtzeitig Gespräche geführt werden.
 
Um die strukturschwachen Gebiete Ungarns für ausländische Investoren attraktiver zu machen, bietet die Nationale Investitionsförderagentur (HIPA) Förderungen an, wie maximal 50 Prozent Direktförderungszuschüsse oder Steuervergünstigungen bei Erfüllung vorgegebener Auflagen, wie zum Beispiel der Anzahl geschaffener Arbeitsplätze. Ferner gibt es für Großinvestitionen Förderungen basierend auf individuellen Regierungs­be­schlüssen. 
 

Wie wird sich aus Ihrer Sicht Ungarn weiterentwickeln?

Ein stabiler Sockel an ausländischen Direktinvestitionen ist bereits im Land und weitere namhafte Unternehmen wie z.B. Rheinmetall und Batteriehersteller sind gerade dabei, Produktionsstätten in Ungarn einzurichten, denen wiederum weitere Ansiedlungen folgen werden. Die Nähe zu Deutschland, die gute Infrastruktur, das günstige Lohnniveau, bzw. das durchweg gute Ausbildungsniveau sprechen sicherlich für den Investitionsstandort Ungarn. Der Trend, dass sich auch asiatische Unternehmen vermehrt für Standorte in Europa entscheiden, ist auch in Ungarn spürbar und hält weiter an. Anhand aktueller Erfahrungen sind auch viele Unternehmen bestrebt, ihre Abhängigkeit vom asiatischen Raum zu vermindern, ihre Lieferketten zu verkürzen und Tätigkeiten wieder nach Europa zu verlagern. Hiervon profitiert auch Ungarn. Es ist durchaus möglich, dass ungarische Firmen und Standorte als verlässliche Partner gestärkt aus der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Situation hervor­gehen. 
 
Die aktuelle globale Krisensituation wirkt sich zwar negativ auf die Konjunktur aus, wir gehen aber weiterhin von guten Möglichkeiten und Chancen für unsere Region aus. Bei einem Ende des Konfliktes zwischen Russland und der Ukraine könnten sich gute Möglichkeiten für Unternehmen der EU unter anderem im Bereich Wiederaufbau der Infrastruktur in der Ukraine ergeben. Ungarn und die hier ansässigen Gesellschaften würden hiervon sicherlich profitieren, da die großen Baukonzerne aus dem deutschsprachigen Raum in Ungarn vertreten sind und über entsprechendes Fachpersonal verfügen. So werden beispielsweise viele Stahlkonstruktionen für Brücken in Ungarn geplant, gefertigt und europaweit vor Ort installiert.

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Dr. Roland Felkai

Diplom-Volkswirt, M.A. (London), Tax Consultant (Ungarn)

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