Umsatzsteuer – Facetten im grenzüberschreitenden Zusammenspiel

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veröffentlicht am 11. Februar 2020 / Lesedauer ca. 5 Minuten
 

Dr. Heidi friedrich-Vache antwortet

 

   

Welche Entwicklungen lassen sich im globalen Warenverkehr feststellen?

Die Globalisierung und die digital beschleunigte Welt mit einer nie da gewesenen Geschwindigkeit an Ver­änderung fördern den internationalen Warenverkehr und den Wandel von Geschäftsformen. Der Wettbewerb steigt, zugleich erhöht sich der Druck digital mitmischen sowie ökologisch und nachhaltig agieren zu müssen. Das bedeutet einerseits Standorteröffnungen weltweit in Betracht zu ziehen, um Produktionskosten bei der Herstellung sowie v.a. Zeit und Flexibilität bei der Anlieferungen von Waren und Maschinen zu ermöglichen. Anderseits auch neue Geschäftsideen zu entwickeln und divers zu denken.

 

Das ist sehr spannend – gerade wenn man es als Berater erlebt und mitgestalten kann. Im Wirtschaftsleben versuchen die einen Unternehmen Sieger im Wettlauf aktueller (Mode-)Zyklen zu sein, andere setzen auf die entgegengesetzte Strategie einer Entschleunigung und das Versprechen von Zeitlosigkeit. Beide Extreme finden ihr Publikum.

 

Um flexibel und effizient agieren zu können, nehmen internationale Kooperationen zwischen Unternehmen entlang der gesamten Supply-Chain zu. Ebenso häufen sich Änderungen an der Supply-Chain selbst, z.B. bei Liefer- und Bestellwegen, belieferten Kunden oder Bezugsquellen (Vorlieferanten).

 

Solche ökonomisch motivierten Änderungen von Produktions-, Bezugs- und Vertriebsstrukturen ziehen sofort umsatzsteuerliche Konsequenzen nach sich, da die Umsatzsteuer grundsätzlich auf jeden einzelnen Umsatz anfällt.

 

Gleichwohl bemerken wir nach wie vor eine Kluft zwischen der gelebten Supply Chain und ihrer umsatz­steuer­lichen Abbildung in ERP-Systemen sowie Abrechnungen. Die umsatzsteuerliche Behandlung steht – gerade wenn es um Bezug und Lieferung von Ware weltweit geht – in den vertraglichen Vereinbarungen zwischen den Parteien nicht immer direkt im Fokus. Zudem ist sie meist gar nicht oder nicht zutreffend bestimmt und häufig nicht korrekt gegenüber den jeweiligen Finanzbehörden erklärt.

 

Auf der Unternehmerseite wächst unseres Erachtens das Risiko, nicht entsprechend schnell (umsatz-)steuer­lich angepasst zu sein. Obwohl in der Praxis in den letzten 2 bis 3 Jahren tendenziell festzustellen ist, dass sich mehr und mehr deutsche Unternehmen um die zutreffende Besteuerung und ggfs. um ihre umsatzsteuerliche Erfassung – auch im EU-Ausland – kümmern, scheuen viele den detaillierten Blick, v.a. ins Drittland. Dabei ist zu beachten, dass die Umsatzsteuer in mehr als 140 Ländern implementiert ist, was sie zur weltweit am häufigsten verwendeten Steuerart macht; und es kommen viele Länder hinzu, zuletzt bspw. die Vereinigten Arabischen Emirate und weitere GCC-Staaten als interessante Wirtschaftsmärkte.

 
Wie robust sind internationale Handelsbeziehungen vor dem Hintergrund des zunehmend angespannteren Wirtschaftsklimas?

Die sich aktuell schnell wandelnde Wirtschaftslage sowie globale Geschehnisse haben Einfluss auf Unter­nehmer. Man bedenke z.B. die zuletzt verhängten Strafzölle durch eine Wirtschaftsmacht wie die USA oder auch die Androhungen weiterer Sanktionen, falls Umsätze in bestimmte Länder (etwa den Iran) getätigt werden. Das schlägt sich direkt in den (Export-)Umsätzen nieder, u.U. werden Exporte dorthin gänzlich eingestellt. Die Auswirkungen sind nicht abschätzbar, d.h. es ist fraglich, ob alternative Märkte und Kunden gefunden werden können – jedenfalls wohl keine deutschen. Die Folge wäre, dass bei alternativen Inlands­lieferungen statt Exporten z.B. der deutsche Fiskus weiteres Umsatzsteueraufkommen generieren würde.

 

Im Bereich der Umsatzbesteuerung bestehen ferner einzelstaatliche Bestrebungen Unternehmen an das Land steuerlich zu binden, etwa seit Kurzem in Russland bei Erbringung von auf elektronischem Weg erbrachten IT-Dienstleistungen (z.B. an russische Tochtergesellschaften). Das Beispiel „Brexit“ hat ebenso weitreichende wie umsatzsteuerliche Konsequenzen. Es entsteht enormer Handlungsbedarf für Unternehmen aufgrund der Anpassung von Verträgen, Preisen, Lieferkonditionen, ERP-Systemen, Rechnungslayouts.
 

Sehen Sie große regionale Unterschiede?

Ja. Während das Klima möglicherweise durch den Streit großer Wirtschaftsmächte rauer wird, „rückt“ die Europäische Union nach unserem Empfinden wirtschaftlich zusammen. Insbesondere in den letzten Jahren herrscht – zumindest in unserer Umsatzsteuerwelt – eine richtige Aufbruchsstimmung, um Harmonisierung und Angleichung der Umsatzsteuer regime in den EU-Ländern voranzutreiben.
  
Aber auch für die rein technische Abwicklung der Umsatzbesteuerung rückt man in der EU näher zusammen. Durch die Digitalisierung bzw. den Austausch von Daten auf Finanzverwaltungsebene versucht man den Aufwand für redliche Unternehmer und deren umsatzsteuerliche Risiken zu minimieren. Bis zum Jahr 2022 bzw. 2027 soll es z. B. möglich sein, seine umsatzsteuerlichen Pflichten in der ganzen EU durch Abgabe von nur einer umsatzsteuerlichen Erklärung mittels der sog. „einzigen Anlaufstelle“ (One-Stop-Shop-Verfahren)
in nur einem EU-Mitgliedstaat zu erfüllen – und das für alle denkbaren Geschäftsvorfälle, Lieferungen und Dienstleistungen im B2C- und B2B-Bereich.
 

Was sind die maßgeblich steuerlichen Parameter im grenzüberschreitenden Zusammenspiel?

Bei dieser Frage muss man zwischen ertrag- und umsatzsteuerlichen Parametern unterscheiden. Während wir im Bereich der „Ertragsteuern“ noch ein „Race-to-the-bottom“ mit einem steuerlichen Unterbietungs­wett­be­werb der einzelnen Staaten kennen, ist das bei der transaktionsbezogenen Umsatzsteuer bislang eher weniger üblich.
 
Umsatzsteuerlich ist durch verschiedene Steuersätze bzw. die unterschiedliche Einordnung von Leistungen und deren Ort der Steuerbarkeit noch keine gänzliche wirtschaftliche Harmonisierung erreicht. Das stellt einen relevanten Parameter dar. Wenn man bedenkt, dass ein Unternehmen für seine Erfassung in jedem EU-Mit­gliedstaat andere Steuerschlüssel, Dokumente und Daten(-formate) beibringen muss, macht das den nicht im Verhältnis stehenden administrativen Aufwand auf Unternehmerseite deutlich. Für viele stellt das ein Hemmnis im globalen Warenverkehr dar. Aber an einer weiteren umsatzsteuerlichen und zugleich verfahrensrechtlichen Harmonisierung soll zumindest im EU-grenzüberschreitenden Waren- und Dienstleistungsverkehr weiter kurzfristig gearbeitet werden.
 

Warum wirken umsatzsteuerliche Fragestellungen aus Unternehmersicht häufig kompliziert?

Es liegt wohl v.a. daran, dass das Umsatzsteuerrecht einem ständigen Wandel unterliegt. 2018 wurde die Umsatzsteuer in Deutschland 100 Jahre alt und hat sich seither durch ständige Gesetzesanpassungen, Urteile auf nationaler und europäischer Ebene (die sich teils widersprechen), durch EU-Richtlinienänderungen und neue EU-Verordnungen immer wieder erneuert. Heute sollten wir daher die umsatzsteuerlichen Implikationen moderner Geschäftsmodelle abbilden können, wie die Ausgabe oder der Handel mit Kryptowährungen zum Erwerb von Gutscheinen oder Leistungen, Online-Auktionen, Crowdfunding-Modellen oder Umsätzen in der Sharing Economy.
 
Die Änderungen des Gesetzgebers sind eine Reaktion auf moderne Geschäftsmodelle und bringen enorme Komplexität mit sich , v.a. um dem Anspruch des Compliance Managements gerecht zu werden. Mit Wirkung zum 1. Januar 2020 wurden zuletzt etwa weitreichende Änderungen für den grenzüberschreitenden Waren­verkehr bei bestimmten Vertriebsstrukturen (z.B. bei Reihengeschäften oder Einlagerungen in Konsignations­lager) eingeführt, die zahlreiche Mittelständler betreffen. Eine fehlerhafte umsatzsteuerliche Beurteilung würde zu enormen Kosten bzw. Risiken auf Seiten der Unternehmer führen, sodass eine stetige Kenntnis der (Neu-)Regelungen sowie aktives Handeln erforderlich sind. Man muss sich mit Änderungen vertraut machen, sie intern kommunizieren und anschließend noch praktisch implementieren.
 

Welchen Rat geben Sie Ihren Mandanten angesichts der Komplexität? Sollten Sie sich bei Import und Export eher zurückhaltend verhalten?

Da gibt es keine pauschale Antwort: Das kommt immer auf das Unternehmen sowie seine Ausrichtung und selbstverständlich die Branche bzw. den Geschäftsvorfall an. Grundsätzlich ist es ratsam, sich möglichst frühzeitig – d.h. vor Ausführung von Umsätzen – bei der Bestellung und Preisverhandlung mit dem Kunden, auch Gedanken zur Umsatzsteuer zu machen. Das reduziert das Risiko definitiver Belastungen durch Nachzahlungen, die nicht auf den Kunden übertragen werden können, und verhindert Strafgebühren. Der administrative und finanzielle Aufwand „vorher“ ist immer geringer als „nachher".

Kontakt

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Dr. Heidi Friedrich-Vache

Diplom-Kauffrau, Steuerberaterin, Umsatzsteuerberatung | VAT Services

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