Wie die Digitalisierung die Energiewirtschaft bewegt und nachhaltig verändern wird

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Ein Vergleich der Entwicklung der IT-Branche mit der Energiewirtschaft erscheint auf den ersten Blick wenig zielführend. Beim näheren Hinsehen allerdings offenbaren sich einige interessante Parallelen auf dem Zeitstrahl der letzten 20 Jahre. Ein Zufall? Sicherlich. Beispiele gefällig?

Gleichklang der Entwicklungen im Energie- und IT-Sektor

Im Jahr 1998 wurde das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) novelliert und somit der Liberalisierung der Energiewirtschaft der Weg geebnet. Die rasante Weiterentwicklung des World Wide Webs (Internet) in der ersten Hälfte der neunziger Jahre führte zur Gründung von Google im Jahr 1998 und war zugleich Startschuss für die nächste bahnbrechende Revolution: die Verbreitung von Social Media (Facebook etc.).

 

Eine weitere Revolution löste im Jahr 2007 die Vorstellung des ersten iPhone von Apple aus, von dem seither mehr als 15 verschiedene Modelle herausgebracht worden sind. Im selben Jahr führte die Bundesnetzagentur (BNetzA) die Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität (GPKE) ein, ebenfalls eine weitreichende Veränderung für die Energiewirtschaft. Bedeutete dies neben den Herausforderungen mit der IT-seitigen Einführung und Umsetzung der Marktpartnerkommunikation auch das Einläuten des zunehmenden Wettbewerbs um Stromkunden in Deutschland unter den Marktakteuren. Bereits 2009 wurde mit Bitcoin weltweit die erste Blockchain eingeführt. Zeitgleich wurde das Grundmodell für Ausgleichsleistungen und Bilanzierungsregeln (GABi) im Gassektor eingeführt.

 

Ein weiterer tiefgreifender Einschnitt war die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011, in deren Folge der Atomausstieg in Deutschland beschlossen und somit die Energiewende eingeläutet wurde. Die Auswirkungen dieser energiepolitischen Kehrtwende sind bekannt: Mit der Dezentralisierung der Energieerzeugung wurde der Ruf nach intelligenten Netzen lauter und letztendlich auch erforderlich. Mit der Einführung des Messstellenbetriebsgesetzes und dem Gesetz zur Umsetzung der Energiewende erfolgte ein weiterer Meilenstein mit erheblichem IT-Bezug.

 

In vielen Branchen hielt in den Neunzigern auch der Personal-Computer (kurz PC) Einzug in die Unternehmen. Diese wurden später durch die zunehmende Vernetzung durch Terminalanwendungen verdrängt. Ein Arbeiten ohne PC und IT-Infrastruktur in der Energiewirtschaft war zur Jahrtausendwende bereits kaum noch vollstellbar. Damit einher geht die erhebliche Zunahme des Datenbestandes inklusive der erforderlichen Verarbeitung und intelligenten Analyse.

 

Wie bereits geschildert hat sich die Energiewirtschaft in einer Art Gleichklang mit dem IT-Sektor entwickelt. Die eigentlichen Ursachen für die maßgeblichen Veränderungen waren allerdings überwiegend exogenen Einflussfaktoren geschuldet. Allen voran seien an dieser Stelle stellvertretend der Gesetzgeber und die BNetzA genannt. Auch von der Europäischen Union (EU) ging eine Vielzahl von gesetzlichen und regulatorischen Initiativen und Vorgaben aus, denen sich Deutschland letztendlich nicht verschließen konnte. Aktuelles Beispiel ist das Winterpaket der EU vom 30. November 2016.

 

Die Energiewirtschaft und das Thema Digitalisierung

In der letzten Zeit sind zum Thema Digitalisierung in der Energiewirtschaft zahlreiche Publikationen und Studien veröffentlicht
worden. Auch Rödl & Partner hat sich diesem wichtigen Thema angenommen und eine Studie initiiert. Im Rahmen der Studie sollte den Fragen nachgegangen werden, wie der interne Reifegrad der Digitalisierung bei den Unternehmen vorangeschritten ist und welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Geschäftsfeldaktivitäten der Versorgungsunternehmen ausüben wird. Darüber hinaus galt es herauszufinden, wo die Unternehmen neue Handlungsfelder im Produkt- und Dienstleistungsportfolio zukünftig sehen. Die Ausgangsthese lautet hierbei, dass eine geringe interne Digitalisierung sich hemmend auf die Weiterentwicklung digitaler Dienstleistungen und Produkte auswirkt. Ohne interne Transformation werden die Unternehmen sprichwörtlich
nur schwerlich zusätzliche „PS” (Innovation und Performance) auf die Straße bringen. Die Studie stellt im Gegensatz zu vielen anderen Studien einen starken Bezug zur Unternehmens-IT dar.

 

Aktuell kann unterstellt werden, dass sich die Stadtwerke und Versorgungsunternehmen bereits mit einer Art „digitalen Agenda” beschäftigen. Diesen Rückschluss lassen die Ergebnisse der Einschätzungen zu den aktuellen Herausforderungen der Verantwortlichen der Unternehmen zu. Ganz oben auf der Agenda stehen dabei die Themen „Messstellenbetriebsgesetz”, „IT-Sicherheit” und die „Digitalisierung” selbst. Hier hat auch das Feld „Innovation” eine hohe Bedeutung im Tagesgeschäft. Neben der „digitalen Agenda” sind die „Bestandssicherung”, „Restrukturierung” und „Fachkräftesicherung und -beschaffung” die bestimmenden Fragen auf der Tagesordnung.

 

Für die Digitalisierungsstudie „Geschäftsprozesse und IT im Unternehmen transformieren – Potenziale nachhaltig nutzen” wurden insgesamt bundesweit 128 Unternehmen befragt. Die Studie umfasste insgesamt drei Themenbereiche, deren wesentliche Erkenntnisse nachstehend aufgeführt sind:

 

Studienergebnisse: Status quo der Unternehmens-IT

Fehlende IT-Strategie und heterogene IT-Strukturen bestimmen das Bild der Unternehmens-IT.

 

Rund ein Drittel aller Studienteilnehmer hat keine IT-Strategie im Unternehmen implementiert. Insbesondere kleinere Stadtwerke und Versorgungsunternehmen haben den größten Nachholbedarf.

 

Unzureichende Anbindung der Mitarbeiter an die IT-Infrastruktur sowie geringe Akzeptanz und Kosten-Nutzen-Werte für IT-Dienstleister und IT-Abteilungen.

 

Die Ausstattungsquote der Belegschaft mit IT ist aktuell vor dem Hintergrund der Anforderungen an eine erfolgreiche Digitalisierung zu niedrig. Die Mehrheit der Studienteilnehmer bemängelt das aktuelle IT-System – neben Kritik am Kosten-Nutzen-Verhältnis, herrscht außerdem eine allgemeine Unzufriedenheit.

 

IT-Reifegrad insgesamt bei den Unternehmen ausbaufähig.

 

Der Status quo der IT-Landschaft hemmt die interne Transformation der Digitalisierung. Eine nachhaltige Weiterentwicklung des bestehenden Geschäftsmodells wird der Mehrheit der Unternehmen ohne tiefgreifende Veränderungen aktuell nicht gelingen.

 

Studienergebnisse: interne Digitalisierung

Papierlose und medienbruchfreie Geschäfts- und Sachbearbeitungsprozesse unzureichend realisiert.

 

Die Arbeitsabläufe der Unternehmen sind mit Papierbelegen und Medienbrüchen durchzogen. Eine Verbesserung wirkt sich nicht nur positiv auf die Effizienz und die Kosten aus, sondern unterstützt nachhaltig die Weiterentwicklung und Einführung digitaler Geschäftsmodelle. Die Unternehmen verkennen die strategische Bedeutung von digital bereitgestellten Dokumenten und Informationen.

 

Die Prozessautomatisierung, die digitale Prozessunterstützung sowie die Dokumentation der Unternehmensabläufe sind zu verbessern.

 

Starke Unterschiede bei der Prozessautomatisierung sind in der Wertschöpfungskette erkennbar. Dabei ist die Prozessautomatisierung im technischen Bereich am geringsten ausgeprägt. Das Thema Unternehmensdokumentation wird bei den Unternehmen immer noch vernachlässigt und offenbart Defizite bei den internen Kontrollsystemen.

 

Studienergebnisse: Digitalisierung als Treiber für neue
Geschäftsmodelle

Bei der Digitalisierung überwiegen aus Sicht der Unternehmen die Chancen.

 

Die Unternehmen haben beim Thema Digitalisierung keine Berührungsängste: Die Chancen überwiegen! Und dennoch: Die Digitalisierung ist bei den Unternehmen noch keine Chefsache und genießt im Hinblick auf die digitale Transformation strategisch aktuell eine geringe Priorität.

 

Keine Vorreiter- oder Nachzüglerrolle – Gelassenheit beim Produkt- und Dienstleistungsportfolio.

 

Unternehmen sehen sich bei der Digitalisierung nicht in der Vorreiterrolle oder als Nachzügler. Befürchtungen, dass bestehende
Produkte oder Dienstleistungen vom Markt genommen werden müssen, haben sie nicht. Allerdings steht das Produkt- und Dienstleistungsportfolio vor einem Wandel. Breite Zustimmung findet die These, dass die Digitalisierung das bestehende Geschäftsmodell verändern wird, und es stellt sich die Frage, warum die Unternehmen das Thema Digitalisierung nicht proaktiver in Angriff nehmen.

 

Klares Meinungsbild zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf Unternehmen bezüglich Wettbewerb und Kooperationen.

 

Die Unternehmen sehen sich sicher auf hoher See und haben keine Angst vor Wettbewerbern. Dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen durch die Digitalisierung gestärkt wird, erwartet eine große Mehrheit der Studienteilnehmer. Allerdings bleiben die Unternehmen die Antwort auf die Frage schuldig, wie das gelingen soll. Wenn eine Partnerschaft im Rahmen der Digitalisierung ansteht, werden vertikale Kooperationen, z. B. mit IT- und Internetunternehmen, favorisiert.

 

Neue Produkte und Dienstleistungen in den klassischen Bereichen bevorzugt.

 

„Digitalisierung als Treiber für neue Geschäftsmodelle?” Ja, aber: Die klassischen Themen werden im Zusammenhang mit neuen Produkten und Dienstleistungen im Rahmen der Digitalisierung gesehen. Geschäftsfelder wie Big Data und Telekommunikation haben die geringsten Zustimmungswerte. E-Mobility und „smarte” Themen sind auf dem Vormarsch. Klassiker sind und bleiben Dienstleistungen und Smart Meter.

 

Fazit

Die Energieversorger haben großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Daher ist eine zügige Umsetzung der Transformation bei den Unternehmen erforderlich. Die Entwicklung ist unumkehrbar und nimmt kontinuierlich Fahrt auf. Die meisten deutschen Energieversorger haben die Chancen der Digitalisierung erkannt, nutzen ihre Potenziale bislang allerdings nicht hinreichend.
Danach weist die IT-Infrastruktur oftmals einen nur geringen Reifegrad auf und gleichzeitig verfügen zu wenige Unternehmen über geeignete IT-Strategien, um den Herausforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden. Gerade diese Punkte sind von erheblicher Bedeutung und stellen die Basis für weitere Überlegungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung dar. Erheblicher Handlungsbedarf besteht auch bei der Standardisierung und Automatisierung der Geschäfts- und Sachbearbeitungsprozesse. Dabei gilt: Je kleiner das Unternehmen, umso größer die Defizite.

 

Abbildung 1: Digitalisierungsgrad nach Unternehmensgröße

 

Nur bei jedem zweiten Energieversorger ist die digitale Transformation
Chefsache. Doch nur wenn die Führungsebene bei diesem Thema entschieden vorangeht, können die Mitarbeiter auch folgen. Laut der Studie verantwortet die Geschäftsleitung bei 49 Prozent der Energieversorger die Digitalisierung. 46 Prozent der Unternehmen überlassen entsprechende Initiativen den Fachabteilungen und 5 Prozent der Befragten wissen überhaupt nicht, wer in ihrer Organisation die Digitalisierung verantwortet. Dieser Befund alarmiert insbesondere mit Blick auf die interne digitale Reife der Unternehmen. Drei von vier Energieversorgern weisen mit Blick auf die interne Digitalisierung derzeit einen niedrigen Reifegrad auf. Nur knapp jedes vierte Unternehmen hat mehr als die Hälfte der bestehenden Strukturen und Prozesse digitalisiert. Zugleich legt der Großteil der Befragten eine abwartende Haltung an den Tag: Derzeit steht die eigene digitale Transformation nur bei 30 Prozent der Befragten ganz oben auf der Agenda.

 

Die Digitalisierung führt unweigerlich zu Konsequenzen bei den Mitarbeitern. So hat eine jüngste Studie von Adobe ergeben, dass deutsche Angestellte mit administrativen Bürotätigkeiten wie dem Ausfüllen von Formularen oder Ausdrucken von Dokumenten im Durchschnitt nahezu 6,5 Stunden pro Woche verbringen. Würde man gemessen an diesen Ergebnissen Einsparungen durch eine Optimierung von nur 50 Prozent unterstellen, so würde das bei einem Energieversorgungsunternehmen mit 50 Mitarbeitern einem Potenzial von bereits ca. 4 Vollzeitäquivalenten bedeuten. Vor diesem Hintergrund sollte im Rahmen der Transformation der Digitalisierung insbesondere
bei den Arbeitsabläufen und Prozessen im Unternehmen auch ein Augenmerk auf die Auswirkungen auf die Belegschaft gerichtet werden. Hieraus ergeben sich wiederum Impulse zur Anpassung des Personalmanagementkonzepts. Aber auch die Potenziale der modernen Datenanalyse sollten zukünftig mehr genutzt werden. So stellt mittlerweile der enorme Datenbestand bei den Energieversorgern einen erheblichen Schatz dar, den es erfolgreich zu heben gilt.

Kontakt

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Diana Basilio

M.Sc. Energie- und Finanzwirtschaft

Associate Partner

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