Die Wärmezielscheibe als Leitfaden zur Nutzung industrieller Abwärme

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​Eine der Technologien zur effizienten Dekarbonisierung im Wärmemarkt, die in der Wärmezielscheibe von Rödl & Partner betrachtet wird, ist die Nutzung von industrieller Abwärme. Die Einbindung in Wärmenetze in direkter Nähe zur Abwärmequelle ermöglicht eine kostengünstige Wärmebereitstellung. Bei Ausnutzung der wirtschaftlichen Potenziale können kurzfristig 60 Millionen Tonnen CO2 in Deutschland eingespart werden.1

 

Abwärmenutzung in Deutschland

In Deutschland trägt der Industriesektor 2016 einen Anteil von 28 Prozent des gesamten Endenergiebedarfs (717 TWh). Von dieser Energiemenge flossen wiederum knapp 75 Prozent in die Bereitstellung von Wärme, davon allein 476 TWh in die Bereitstellung der Prozesswärme. Durch stetig steigende Energiepreise wird es immer attraktiver, Energieeffizienzmaßnahmen wie die Abwärmenutzung umzusetzen. Die Potenziale, die sich aus der Nutzung industrieller Abwärme für die Wärmeversorgung ergeben, werden bereits seit Jahrzehnten untersucht. Die konkrete Umsetzung im großen Stil blieb bisher jedoch aus und bietet daher noch erhebliche Chancen. Abbildung 1 stellt einen Überblick über die Potenziale für die jährliche Nutzung industrieller Abwärme zu Heizzwecken in Deutschland dar.

 

Eine 1995 durchgeführte Studie benannte ein technisches Potenzial der Abwärmenutzung in Deutschland in einer Größenordnung von 45 Prozent des Energieeinsatzes für industrielle Prozesswärme bzw. 30 Prozent des Endenergieeinsatzes im Industriesektor.2 Das entspricht für 2016 einer technisch nutzbaren Wärmemenge von 215 TWh.

 

Die Studie „Netzgebundene Nutzung industrieller Abwärme”3 aus dem Jahr 2019 nutzt einen „Bottom-up”-Ansatz und legt den Fokus auf die Nutzung von Abwärme in netzgebundener Wärmeversorgung. Dabei werden Faktoren wie die räumliche Entfernung von Wärmequelle und -senke, die Art der vorliegenden Prozesse und die damit verbundenen Lastverläufe und Temperaturlevel beachtet. Das Potenzial in ganz Deutschland wird im Vergleich eher konservativ auf 63 TWh geschätzt. Dies entspricht etwa 15 Prozent des Bedarfs der mittel und dicht besiedelten Gebiete in Deutschland und kann somit als Untergrenze angesehen werden. In einer anderen Potenzialabschätzung aus dem Jahr 2009 wurde ein „Topdown”- Ansatz verfolgt.4 Dieser Ansatz ergibt für Deutschland ein jährliches Potenzial von 258 TWh und stellt somit eine Abschätzung der Obergrenze dar.

 

Anhand der großen Schwankungsbreite der Studienergebnisse wird deutlich, dass eine exakte Abschätzung schwierig ist, das Potenzial jedoch selbst im konservativsten Fall noch beachtliche Ausmaße einnimmt.

 

Eine Analyse von Rödl & Partner (2019) zeigt, dass in dicht besiedelten Gebieten rund um Stadtzentren und Wohngebieten die Potenziale für die Abwärmenutzung enorm sind. Darüber hinaus können durch die Nutzung CO2-neutraler Abwärme fossile Brennstoffe und damit Emissionen schnell und effizient ersetzt werden. Anders als flächenintensive erneuerbare Technologien, wie Solarthermie oder Biomasse, ermöglicht die Nutzung industrieller Abwärme die Einbindung großer Energiemengen und Wärmenetze.

 

Abb. 1: Potenzial der Nutzung von industrieller Abwärme in Deutschland

 

 

Nutzungsarten und Verteilung

Die Nutzung prozessbedingter Abwärme ist generell auf 2 Arten möglich: durch prozessinterne Nutzung mittels Wärmerückgewinnung oder durch eine externe Nutzung mittels Auskopplung. Bei der Wärmerückgewinnung wird die während eines Prozesses frei werdende thermische Energie diesem Prozess wieder zugeführt und kann somit zu (Kosten-)Einsparungen beim prozessbedingten Wärmebedarf führen. Bei der externen Nutzung wird die entstehende Abwärme gebündelt, mittels eines Wärmetauschers auf ein Wärmeträgermedium übertragen und so nutzbar gemacht. Bei großen Wärmemengen ist die Anbindung an ein Wärmenetz sinnvoll. Wichtig hierbei ist die räumliche Nähe der Wärmequelle und des Fernwärmenetzes, um Energieverluste und Aufwendungen für die Infrastruktur möglichst gering zu halten.

 

Vorteile und Herausforderungen bei effizienter Abwärmenutzung

Durch interne Nutzung wird der Energiebedarf und somit die Energiekosten gesenkt. In einer Zeit, in der sowohl Energie- als auch CO2-Kosten einen Einfluss als eigenständige Produktionsfaktoren gewinnen, kann durch die interne Optimierung wirtschaftlicher produziert werden. Bei externer Auskopplung kann die Wärme an den lokalen Wärmemarkt verkauft werden. Beide Nutzungsarten werden als alternatives System zur Verbesserung der Energieeffizienz im Sinne des § 3 Spitzenausgleich- Effizienzsystemverordnung angesehen.

 

Für die externe Nutzung muss eine Kooperation zwischen Produzent und externem Abwärmeabnehmer – oft lokalen Energieversorgern – eingegangen werden. Die dabei zu treffenden Entscheidungen umfassen unter anderem die Fragestellungen über die Errichtung der Anlagentechnik, über die Verantwortung bei Betriebsführung und über die Anbindung an das Wärmenetz.

 

Die Einbindungen von industrieller Abwärme in Wärmenetze ist energetisch vorteilhaft. So erfüllt sie eine der Regelungen in Nummer VIII.1 der Anlage zum EEWärmeG, die die Mindestanteile und weitere Voraussetzungen der Nutzung von Fernwärme im Neubau nach § 7 Absatz 1 Nr. 3 EEWärmeG regelt. Dazu müssen Fernwärmenetze entweder zu einem wesentlichen Anteil aus Erneuerbaren Energien, zu einem Anteil von min. 50 Prozent aus Anlagen zur Nutzung von Abwärme, zu min. 50 Prozent aus KWK-Anlagen oder zu min. 50 Prozent aus einer Kombination dieser Punkte entstammen.

 

Unterschiedliche Interessen der Verbundpartner

Während der Projektvorbereitung und -planung müssen die Beteiligten die Herausforderungen der gegenseitigen Abhängigkeiten abklären, alternative Nutzungsmöglichkeiten abschätzen und außerdem externe Faktoren beachten. Zur besseren Nachvollziehbarkeit sind die internen und externen Einflussfaktoren in Abbildung 2 3 Einflussebenen gibt: die externe Ebene, die marktgebundene Ebene und die ressourcengebundene Ebene. Weiterhin ist in der Mitte die Interaktion der beteiligten Unternehmen dargestellt. Diese Kooperation ist letztendlich entscheidend für die Umsetzung und den Erfolg des Projektes.

 

Zwischen den beiden Partnern ist bspw. festzulegen, wann Wärme zur Verfügung gestellt wird, wie hoch der Wärmepreis ist, an welcher Stelle die abgenommene Wärmemenge gemessen wird oder was bei Produktionsstillstand passiert. Die Interessen der Partner gehen dabei in der Praxis oftmals auseinander und müssen durch Gespräche angenähert werden. Bei der Betrachtung des Gesamtprojekts strebt ein produzierendes Gewerbe eine kurze Amortisationszeit und keine Störfaktoren bzw. Einschränkungen im Produktionsprozess an. Energieversoger hingegen planen mit einem längeren Projektzeitraum und präferieren planbare Wärmemengen mit geringer Fluktuation. Durch eine klare vertragliche Übereinkunft wird ein solches Geschäftsverhältnis für beide Seiten zu einer energieeffizienten und wirtschaftlichen Investition und ein weiterer Schritt in Richtung erfolgreicher Wärmewende. Die vertragliche Übereinkunft regelt die Wärmelieferung, die Errichtung der notwendigen Technik und Infrastruktur, Zugangsrechte und die Berechnung und Abrechnung der ausgekoppelten Abwärme. Die Einbindung von Wärmespeichern kann die fluktuierende Wärmeerzeugung sowie die gegenläufigen Anforderungen von Produzent und Abnehmer ausgleichen.

 

Vielfältige Faktoren beeinflussen die Entscheidungsträger

Auf Ressourcengebundener Ebene
Die ressourcengebundene Ebene beinhaltet die internen Einflussfaktoren. Aufseiten des Produzenten bzw. Wärmelieferanten sind vor allem die Produktionsfaktoren und damit Kosten maßgebend für seine Entscheidungsfindung. Die klassischen Produktionsfaktoren wie Lohn- oder Materialkosten werden zunehmend durch Energie- und Emissionskosten ergänzt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Standort, also lokal-strukturelle Einflüsse, die zunehmend Druck auf das Geschäftsfeld vieler Betriebe aus dem produzierenden Gewerbe aufbauen. Produzenten schrecken außerdem die notwendigen Anfangsinvestitionen ab.

 

Versorger sind ebenso von Produktionsfaktoren getrieben, da sie stark von Brennstoff- und Emissionskosten abhängig sind. Deshalb sind sie stets auf der Suche nach Erzeugungsalternativen und Kostensenkungspotenzialen. Bei der Potenzialanalyse spielen besonders die lokalen Gegebenheiten eine große Rolle. Bei der Einbindung industrieller Abwärme müssen Faktoren wie z. B. die Entfernung von Wärmenetz und Produzent, Wärmemenge, -verfügbarkeit und -qualität sowie der Zustand und die Hydraulik des eigenen Netzes beurteilt werden.

 

Auf Marktgebundener Ebene
Viele Unternehmen mit hohem Abwärmepotenzial sind der Schwerindustrie zuzuordnen und sind besonders im Weltmarkt starkem Wettbewerb ausgesetzt. Der Wettbewerb zwingt die Unternehmen dazu, Kosten zu minimieren, um nicht von Konkurrenten aus Asien vom Markt verdrängt zu werden. Dieser Punkt hängt eng mit den lokalen Gegebenheiten zusammen. Vereint werden diese Punkte in der Unternehmensstrategie. Nur wenn das Abwärmeprojekt mit der Unternehmensstrategie vereinbar ist, kann es umgesetzt werden.

 

In der leitungsgebundenen Wärmeversorgung steigt der Wettbewerbsdruck. Es drängen sich immer neue Teilnehmer in den Markt und versorgen bspw. Neubaugebiete mit Nahwärmelösungen. Damit verlieren die Versorger Erschließungspotenziale und müssen ihrerseits innovativ aktiv werden. Im Zuge der Wärmewende und Dekarbonisierung des Wärmemarktes ist es für die Versorger wichtig, langfristige Strategien zu entwickeln, um Wettbewerbsvorteile zu sichern und somit frühzeitig in zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu investieren.5 Die mögliche Nutzung von industrieller Abwärme zur Erschließung neuer Gebiete ist dabei mit Nachdruck zu verfolgen.

 

Auf externer Ebene
Neben den Faktoren, die das Unternehmen selbst beeinflussen kann, stehen externe Einflüsse aus Politik und Gesellschaft. Derzeit stellt die Forderung nach Klimaschutz und Nachhaltigkeit sozialen Druck dar, der auch die Ausrichtung von Unternehmen langfristig prägen kann. Die Nutzung CO2-neutraler Abwärme kann der Außendarstellung beider Partner helfen. Außerdem kann die Politik Einfluss auf die Investitionsentscheidung nehmen. So sind bspw. Fördermittel vorhanden, die die Erfolgsaussichten der Projekte erhöhen können. Zudem ist die Politik gefragt, die Innovationsbereitschaft und Nachhaltigkeit von Abwärmeprojekten stärker zu fördern. Hemmnisse, wie die gegenläufige Vorstellung und Kontinuität und Planbarkeit der Wärmebereitstellung, können durch Ausfallversicherungen bei Produktionsausfall oder -stillstand ausbleibende Umsätze abfedern.

 

Abbildung 2: Analyse der internen und externen Einflussfaktoren bei der Einbindung industrieller Abwärme in Wärmenetze

 

Einbindung industrieller Abwärme als Bestandteil der Transformationsstrategie

Auch wenn die aufgezeigten Potenziale und Möglichkeiten der Integration der industriellen Abwärme vorhanden sind, ist die Entwicklung ins Stocken geraten. Neben den in Abbildung 2 aufgezeigten inneren und äußeren Hemmnissen ist die Einbindung oftmals kein integrales Bestandteil einer Zukunftsstrategie. Bereits in dem Konzeptpapier „Die Wärmezielscheibe” haben wir uns diesem Problem gewidmet und einen Transformationsprozess (siehe Abbildung 3) entwickelt, der langfristige Wirtschaftlichkeit im Umfeld der Wärmewende ermöglicht.

 

Nachfolgend wird dieser Transformationsprozess herangezogen, um zu zeigen, wie die Einbindung einer industriellen Abwärmequelle in ein bestehendes Fernwärmenetz gestaltet werden kann. Zusätzlich werden in den einzelnen Schritten tatsächliche Zahlen aus erfolgreichen Projekten wiedergegeben.

 

 Abbildung 3: Transformationsprozess eines Versorgers

 

1. Erfassung des Status quo
Der Prozess beginnt mit einer Feststellung der aktuellen Versorgungssituation, des Nutzenergiebedarfs und der aktuellen Erzeugungs- und Absatzstruktur sowie einer Analyse der potenziellen Industriebetriebe im erschlossenen Fernwärmenetzgebiet.

 

2. Potenzialanalyse
Im zweiten Schritt erfolgt die Analyse der zukünftigen Entwicklung. Hier werden Faktoren wie die demografische Entwicklung, Planung der städtischen Entwicklung und konjunkturelle Entwicklungen betrachtet. Im Anschluss können mögliche Maßnahmen aufgezeigt werden, bspw. Netzverdichtung, -erweiterung oder -neubau, die Einbindung industrieller Abwärme oder alternative Erzeugungsmöglichkeiten. Hier kann auf verschiedene Prognosehilfen wie z. B. den Wärmeatlas 2.0 zurückgegriffen werden.

 

3. Identifikation von Erzeugungsalternativen
Nach ersten Potenzialabschätzungen werden tiefergehende Analysen eingeleitet. Anschließend erfolgt eine Vorauswahl, ob und wie die industrielle Abwärme als Erzeugungsalternative dienen kann. Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, sind die Art der Wärmequelle, zukünftiger Wärmebedarf, Wärmequalität, Entfernung zum Wärmenetz und Art der Einbindung. In dieser Projektphase sollten auch erste Gespräche zwischen den Projektpartnern eingeleitet werden, um gemeinsame Vorstellungen abzugleichen und Einsatzmöglichkeiten darzulegen.

 

Für erste Abschätzungen zum Mengengerüst – bestehend aus Wärmemenge, Verfügbarkeit der Wärme durch Lastganguntersuchung und Wärmequalität –, zu Unsicherheiten und Kosten können Untersuchungen von Ingenieurbüros herangezogen werden. Dazu ist je nach Projektgröße mit Kosten in Höhe von ca. 30.000 bis 70.000 Euro zu rechnen.

 

4. Auswahl und Szenarioanalyse
Nach Feststellung des Status quo und des Potenzials sowie nach der Identifikation möglicher Abwärmequellen können konkrete Versorgungskonzepte entwickelt werden. Neben qualitativen Überlegungen (Verfügbarkeit von industrieller Abwärme, politische Meinung usw.) müssen quantitative Methoden zum wirtschaftlichen Vergleich herangezogen werden. Dazu eignen sich dynamische Cash-Flow-Modelle, die verschiedene Szenarien abbilden und einen ersten Eindruck der Wirtschaftlichkeit und der Auswirkungen auf den Wärmepreis liefern. Das Modell besteht aus den wichtigsten Aspekten der Projektumsetzung: den Kosten für die Einbindungen, der abnehmbaren Wärmemenge und -verfügbarkeit sowie der Gestaltung des Wärmepreises. In diesem Stadium ist es außerdem notwendig, verfügbare Fördermittel zu analysieren und deren Einsatz detailliert zu simulieren.

 

Für die Erstellung von vollständigen und genauen Planungsmodellen sollte Zeit eingeplant werden. Denn nur bei sorgfältigem Projektmanagement ab Projektstart können die Ziele erreicht werden. Oftmals ist in diesem Stadium der Einbezug von fachspezifischer Beratung sinnvoll und kann im weiteren Projektverlauf die Kosten durch ein durchdachtes Projektmanagement reduzieren. Außerdem sollten frühzeitig Fördermittel ausgesucht und die Fördervoraussetzung überprüft und die Durchführung dementsprechend angepasst werden. Unterstützung gibt es unter anderem durch die Kreditprogramme 148 und 295 der Kreditanstalt für Wiederaufbau oder das Förderprogramm Wärmenetze 4.0.

 

5. Identifizierung und Entscheidung
Im nächsten Schritt müssen die Ergebnisse der Potenzialanalyse ausgewertet und eine Entscheidung getroffen werden. Fördermittelanträge sind vorzubereiten und einzureichen. Projektpartner für den Bau technischer Anlagen und der Transportleitung müssen gefunden, Aufträge ausgeschrieben und Verträge unterzeichnet werden. Schließlich ist die Finanzierung zu klären und eine detaillierte Budgetplanung auszuarbeiten.

 

Pauschale Kostenabschätzungen sind per se nicht möglich. Dennoch zeigten Pilotprojekte, dass die Investitionen in Anlagentechnik und Transportleitung bereits nach wenigen Jahren amortisiert werden können. Bei technischen Komplikationen oder weiteren projektspezifischen Anforderungen können die Kosten davon abweichen. Zusätzlich ist zu beachten, dass je nach Abwärmequelle weitere Redundanzleistung vorzuhalten und zu errichten ist und der Einsatz von Wärmespeichern die Rentabilität des Projektes verbessern kann.

 

6. Umsetzung und Durchführung
Die Umsetzung muss anhand des festgelegten Zeit- und Maßnahmenplans erfolgen. Die Finanzierung und die Überwachung der Liquidität sind dabei zentrale Aufgaben. Der Zeitplan sollte mit Unterstützung von erfahrenen und unabhängigen Projektmanagern stetig fortgeschrieben und ggf. unter Einbeziehung von etwaigen Komplikationen weiterentwickelt werden. Durch die Überwachung anhand von Meilensteinen und Zwischenzielen kann der Grad der Zielerreichung regelmäßig überprüft werden.

 

Neben einer detaillierten Projektvorbereitung ist auch der Prozess der Inbetriebnahme von zentraler Bedeutung. Zeitpunkt und Zeitraum sowohl der Kalt- als auch der Warminbetriebnahme sind bedeutende Meilensteine und müssen akribisch vorbereitet werden. Zu den Investitionskosten müssen weiterhin laufende Kosten für die Projektdurchführung eingeplant werden. Dazu gehören zusätzliche Aufwendungen für Personal, Dienstleister und Konzeptionierer. Das kann insgesamt ca. 10 Prozent der Gesamtkosten ausmachen.

 

7. Anpassung und Aktualisierung
Durch den Netzausbau oder die Einbindung der industriellen Abwärme wächst nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die entsprechend notwendige Organisation. Dazu muss Personal eingeplant und möglicherweise eingestellt werden. Weiterhin müssen Preisstrukturen und Preisgleitformeln angepasst werden, da die Preisweitergabe an den Kunden nach AVBFernwärmeV kostenorientiert und angemessen erfolgen muss. Nur so können die investiven Eingriffe langfristig über die berechneten Wärmepreise erwirtschaftet werden.

 

Besonders in Folge der aktuellen Rechtsprechung des OLG Frankfurt vom 21. März 2019 (Az. 6 U 190/17) ist eine einseitige Anpassung durch das Fernwärmeversorgungsunternehmen mittels öffentlicher Bekanntgabe rechtlich nicht wirksam. Es bietet sich deshalb an, die gesamte Preisstruktur anzupassen und mit anwaltlicher Unterstützung ein neues Preissystem einzuführen.

 

8. Benchmarking
Nach Abschluss aller Maßnahmen ist es wichtig, die neuen Versorgungsparameter festzuhalten. Dazu können Kennzahlen bestimmt werden, die bei der langfristigen Steuerung und Planung Verwendung finden. Außerdem sollte nach der Umsetzung eine Überprüfung der getätigten Prämissen erfolgen. Um Verbesserungspotenziale aufzuzeigen und mögliche Fehlentwicklungen im Vergleich zu anderen Versorgern zu identifizieren, ist die regelmäßige Teilnahme an externen Kennzahlenvergleichen (Benchmarking) erforderlich. Dazu eignen sich umfassende Kennzahlenvergleiche entlang der gesamten Wertschöpfungskette, die die strukturellen, lokalen und weitere spezifische Eigenschaften eines Versorgers berücksichtigen.

 

9. Kontinuierliches Berichtswesen und Managementinformationssystem
Die Ergebnisse der regelmäßigen Analyse müssen in Form von einheitlichen Berichten für die Entscheidungsträger aufbereitet und mögliche Handlungsbedarfe müssen aufgezeigt werden. Weitere Teilbereiche sind die Validierung, die Qualitätskontrolle sowie die stetige Kontrolle der Netzparameter und der Wirtschaftlichkeit. Außerdem ist zu überprüfen, welchen Einfluss die Einbindung der industriellen Abwärme auf das Jahresergebnis nimmt. Treten starke Abweichungen der Planzahlen auf, ist das Gespräch mit dem Kooperationspartner zu suchen und eine Fehleranalyse einzuleiten.

 

Ausblick Abwärmenutzung

Insgesamt lässt sich festhalten, dass in Deutschland weiterhin ein enormes ungenutztes Abwärmepotenzial existiert. Mit zunehmenden Anforderungen an die Primärenergieeinsparung und die Steigerung der Energieeffizienz kann der Abwärmenutzung eine größere Bedeutung zukommen. Auch die Unterstützung seitens der Politik, z. B. durch das Förderprogramm Wärmenetze 4.0 oder das Strategieprogramm der Europäischen Kommission, rückt die Abwärmenutzung in das Bewusstsein von Öffentlichkeit, Industrie und Versorgern.

 

Aufgrund der lokalen Vernetzung und der Nähe zur Wärmeversorgung werden Stadtwerke eine tragende Rolle bei der Transformation des Wärmesektors einnehmen. Kenntnisse über die Gegebenheiten vor Ort sowie das Verständnis aus Jahrzehnten erfolgreicher Daseinsvorsorge reichen allerdings in der heutigen Zeit nicht mehr aus, um gegen den ständigen Druck von innen und außen zu bestehen. Damit in 2050 eine effiziente, ökonomische und dekarbonisierte Wärmeversorgung besteht, sind bereits in den nächsten Jahren die wegweisenden Investitionen anzugehen, um frühzeitig eine belastbare Strategie für die Umsetzung festzulegen und die Weichen für einen wirtschaftlichen Betrieb stellen zu können. Industrielle Abwärme fällt an vielen Stellen an. Diese bislang ungenutzte Energie gilt es zu bündeln, aufzubereiten und letztendlich als CO2-arme Wärmequelle an den Endkunden weiterzugeben. Für einen Anstoß der Entwicklung muss auch vonseiten der Politik eine Zusage erfolgen und es müssen Absicherungsinstrumente, wie beispielsweise Zahlungen bei Wegzug von Industrie oder Förderung der technischen Erstinvestitionen, geschaffen werden. So kann die Attraktivität auf ökonomischer Ebene erhöht und es können die Potenziale auf ökologische Ebene gehoben werden.

 

Nicht zuletzt aufgrund des präsentierten Transformationsprozesses stellt das Konzeptpapier „Die Wärmezielscheibe” ein praktisches und leicht verständliches Instrument dar, das herangezogen werden kann, um die Wärmewende erfolgreich zu meistern. Sie unterstützt im Speziellen die langfristige Strategieentwicklung und die zeigt die Möglichkeiten der Einbindung industrieller Abwärme auf.


Bei weiteren Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

 

 

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1 BMU (2018), Abwärmenutzung – Schlüsseltechnologie für mehr Klimaschutz.
2 Schaefer, H (1995). Energiewirtschaftliche Bedeutung der Nutzung von Abfallenergie. Abfallenergienutzung. Technische, wirtschaftliche und soziale Aspekte. Berlin: De Gruyter.
3 Blömer, S; Götz, C; Pehnt, M; Hering, D; Ochse, S; Hespeler, S; Richter, S; Thomassen, P; Grytsch, G; Zopff, C; Jäger, S; Huber, B (2019). EnEff: Wärme – netzgebundene Nutzung industrieller Abwärme (NENIA). Heidelberg: Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH (ifeu).
4 Sollesnes, G; Helgerud, H.-E. (2009). Utnyttelse av spillvarme fra norsk industrienpotensialstudie. Trondheim: ENOVA.
5 BMU (2018), Abwärmenutzung – Schlüsseltechnologie für mehr Klimaschutz.

 

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