IT und Digitalisierung in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft

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veröffentlicht am 20. März 2019 

 

Die IT wird zum wichtigsten Treiber – auch im Gesundheitswesen. Dies gilt auf der originären Leistungserbringungsseite genauso wie auf der administrativen Ebene und bei den Unterstützungs­prozessen. Der Digitalisierungsgrad und der Einsatz von IT sind in den einzelnen Segmenten der Gesundheits- und Sozialwirtschaft sehr unterschiedlich ausgeprägt. Nachfolgend soll ein kurzer Überblick zum aktuellen Stand gegeben werden.

 

       

 

Unterschiedlicher Digitalisierungsgrad in den einzelnen Segmenten

Krankenhäuser

Die Krankenhauslandschaft ist im Hinblick auf den Einsatz von IT und dem Grad der Digitalisierung ­hetero­gen­. Während große Versorger in der Regel mächtige und voll integrierte ERP-Systeme nutzen, existieren in klei­neren Häusern häufig noch mehrere­­ parallele Datenwelten nebeneinander. Die elektronische Patienten­akte ist bei weitem nicht flächendeckend eingeführt. Der Mehrwert von Dokumenten-Management-Systemen ist noch nicht überall erkannt worden. Wichtiges Effizienzpotenzial wird dadurch nicht genutzt, weil Daten und Prozesse noch analog funktionieren. Auch die Anforderungen, die sich aus der Telemedizin ergeben, können ohne eine zeitgemäße IT-Struktur nicht erfüllt werden.

 

Erschwerend hinzu kommt die nicht ausreichende Investitionsförderung in etlichen Bundesländern. Investi­tionen in IT und Digitalisierung müssen zumeist aus Eigenmitteln gestemmt werden. Dies belastet die Liqui­dität und führt zu erfolgswirksamen, nicht gegenfinanzierten Aufwendungen.

 

Im Zuge der Einführung der Pflegepersonaluntergrenzenverordnung (PpUGV) kann sich eine gut funktio­nierende IT, z.B. in Form von Dienstplanprogrammen mit automatischen Schnittstellen zu Persolanwirt­schaftssystemen, unmittelbar positiv auswirken. Die optimale Steuerung des Pflegepersonals wird wesentlich vereinfacht, wenn dafür entsprechende Tools vorhanden sind und die Planung nicht händisch mit Excel-Tabellen erstellt wird. Auch bei der Nachweisführung der Förderung nach § 4 Abs. 8a KHEntgG zur Bestäti­gung durch den Jahresabschlussprüfer ist eine elektronische, systemgestützte Dokumentation wesentlich wirtschaftlicher, einfacher und zuverlässiger als die papiergestützte Dokumentation.

 

Es bleibt zu wünschen, dass die Initiativen des Gesetzgebers zur digitalen Transformation und die dafür vorgesehenen Fördermittel ausreichend bereitgestellt und genutzt werden.

 

Geringer Digitalisierungsgrad im Bereich der stationären Pflege

In der Pflegebranche ist das Thema Digitalisierung in der Gesamtheit noch nicht vollumfänglich angekommen. Es gibt bereits gut aufgestellte, meist große private Pflegebetreiber, die die Vorteile einer zentralen IT zur Kosteneffizienz nutzen. Durch Digitalisierung sind zum Beispiel Shared-Service-Center möglich, in denen zentral die laufende Buchführung, Bewohnerabrechnung und Lohnbuchhaltung durchge­führt wird. Belege werden eingescannt und zur Weiterverarbeitung in die hoch spezialisierte und mit industriellen Abläufen vertraute Fachabteilung geschickt. Aufgrund der weitgehend voll automatisierten Buchhal­tung können erhebliche Kosten eingespart werden, die sich positiv auf die Gesamtmargen auswirken. Automatisierte Prozesse, systemgestützte Freigaben von Bestellungen und Zahlungen ermöglichen einen zentralen Einkauf und schaffen so weitere Preisvorteile.

 

Dadurch geraten freigemeinnützige, private oder kommunale „Stand-alone-Häuser” die solche Effizienzpo­tenziale nicht nutzen können oder wollen, wirtschaftlich noch weiter unter Druck. Umso wichtiger ist es, alle Lösungen zu nutzen, um Kostenvorteile sowohl in der Verwaltung als auch unmittelbar bei der Pflege zu erzielen.

 

Viele Akteure der Pflegewirtschaft verbinden mit dem Begriff Digitalisierung primär den viel zitierten „Pflegeroboter.” Jedoch scheint dieser für einen Volleinsatz noch in weiter Ferne zu sein. Digitalisierung bedeutet viele einzelne kleinere Maßnahmen, angefangen bei einer einheitlichen Datenplattform über Apps, Tablets bis hin zu Archivierungs- und Dokumentationssystemen, die in Summe zu erheblichem Effizienzpotenzial führen und dadurch das Überleben des Unternehmens sichern.

 

Viel ungenutztes Potenzial in der ambulanten Pflege

Über den Hausnotruf hinaus kommt in der ambulanten Pflege bislang relativ wenig Technik zum Einsatz. Die für pflegebedürftige Menschen wichtigen Themen Mobilität und Sicherheit könnten durch intelligente, einfach zu bedienende Technik enorm gestärkt werden.


Möglicherweise kommt der ganz große Durchbruch im Segment der ambulanten Pflege erst dann, wenn die Generation der zu Pflegenden technikaffiner ist und mit PC, Smartphone oder anderen technischen Geräten besser umzugehen weiß, als dies heute bei den zu Pflegenden vielfach der Fall ist.

 

Engpass IT-affines Personal

Die Gesundheitswirtschaft mit ihren meist tarifgebundenen Vergütungssystemen tut sich zunehmend schwer, geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die komplexen Aufgaben, die sich durch Aufrechter­haltung und Weiterentwicklung im Bereich IT und Digitalisierung ergeben, zu halten und zu rekrutieren. Die Anforderungen der Sozialbranche sind ebenso komplex wie die in Industrieunternehmen, mit denen auf dem Personalmarkt konkurriert wird. Möglicherweise ergibt sich eine gewisse Entspannung, wenn sich der jahrelange wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland abkühlt bzw. eine Rezessionsphase eintritt. Die im Vergleich zu anderen Branchen wenig konjunkturabhängige Gesundheitsbranche dürfte dann wieder an Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt gewinnen. 

 

Neben den Spezialisten im klassischen IT-Bereich muss das gesamte Personal „digital fit” gemacht werden. Das Gesundheitswesen ist naturgemäß ein Bereich mit hoher Affinität zum Menschen und mit sozialem Anspruch. Dies wird sich auch künftig sicherlich nicht ändern. Deshalb ist es wichtig, wirklich alle Mitarbei­terinnen und Mitarbeiter auf dem Weg in die digitale Arbeitswelt mitzunehmen und die Möglichkeiten von IT-Einsatz und Digitalisierung positiv im Unternehmen zu kommunizieren und zu nutzen.  

 

Start-Ups in der Gesundheitswirtschaft

In den vergangenen Jahren hat die Start-up-Szene auch die Gesundheitswirtschaft entdeckt. Der in der Anzahl von Arbeitnehmern bemessene größte Bereich der bundesdeutschen Volkswirtschaft ist ein Segment, das für technologieorientierte Start-ups sehr interessant ist.

 

Möglichkeiten ergeben sich im Bereich der Medizintechnik ebenso wie bei der Unterstützung bei Stellung von Anträgen für Leistungen aus der Pflegekasse.

 

Bislang haben sich aber noch keine wirklich revolutionären Entwicklungen ergeben, die den Markt komplett umkrempeln. Dennoch gilt es in besonderem Maße, sich als Leistungserbringer permanent mit möglichen technischen Neuerungen zu befassen. Ist der Rückstand erst einmal eingetreten und das Geschäftsmodell nicht mehr wettbewerbsfähig, dürfte es sehr schwierig sein, diese Lücke wieder zu schließen.


 

Kontakt

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Bernd Vogel

Wirtschaftsprüfer, Steuerberater

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