Geschäftsfeld Wärme als strategischer Erfolgsfaktor

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Nach dem aktuellen G7-Gipfel in Elmau steht das Ziel der Dekarbonisierung fest. Hieraus ergeben sich auch Chancen für die Industrie und die Versorgungswirtschaft. Wir zeigen die Bedeutung des Wärmemarktes als größten Verbraucher von Endenergie und erläutern die hier verborgenen Potenziale.

Mit der Energiewende stehen wir einer der zentralen und globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gegenüber. Heute ist ein gesellschaftlicher Konsens festzustellen, dass die Ziele zur Dekarbonisierung der Gesellschaft und zum Umstieg auf „Saubere Energieträger” bis zum Ende des Jahrhunderts erreicht werden sollen. Bis 2020 sollen auf diesem Wege schon 40 Prozent der CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 reduziert werden. Als eine der führenden Nationen im Bereich nachhaltiger Gesamtenergiekonzepte war Deutschland in diesem Jahr Gastgeber des G7-Gipfels im bayrischen Elmau. Die dominierenden Themen der Agenda waren Klimawandel sowie Energie. Der Gipfel diente nicht wenigen Experten als entscheidender Zwischenschritt für den im Dezember tagenden Klimaschutzgipfel in Paris. So fassten die Staats- und Regierungschefs der sieben bedeutendsten Industrienationen der westlichen Welt den Beschluss, Maßnahmen zur Dekarbonisierung der Energieversorgung zu intensivieren und die Investition in Energieeffizienzprogramme zu steigern. In Anlehnung an den fünften Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) aus dem Jahr 2014, der das wichtigste Rahmenwerk für die Zusammenhänge der globalen Erderwärmung darstellt, haben sich die Teilnehmer des Gipfels in ihrer gemeinsamen Abschlusserklärung zum Ziel gesetzt, das obere Ende der IPCC-Empfehlung zur Reduktion der Kohlenstoffdioxidbelastung bis 2050, im Vergleich zum Basisjahr 2010, in einem Rahmen von 40 bis 70 Prozent auszugeben. Mit dem Aussage: „40 Prozent sind eindeutig zu wenig”, unterstreicht Kanzlerin Angela Merkel diese Ambition. Für die Umsetzung einer kohlenstoffarmen Weltwirtschaft bis 2050, adressieren die Staatschefs einen massiven Umbau der Energiewirtschaft und Weiterentwicklung intelligenter Systeme sowie innovativer Technologien. Geprägt im Zeichen dieser Dynamik, befindet sich auch die Wärmewirtschaft im Wandel.
 

Wärmemarkt im Überblick

Der Wärmemarkt und dessen Potenzial zur Kohlenstoffdioxidreduktion sind der zentrale Baustein zur Umsetzung der Klimaschutzziele. Mehr als die Hälfte des Primärenergieverbrauchs in Deutschland entsteht im Bereich „Wärme”. Doch das Potenzial des Wärmemarktes wurde noch nicht ausgeschöpft. Nicht zuletzt durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) steht bisher insbesondere der Strommarkt im Fokus der Politik. Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) 2014 lag der Anteil des Wärmemarktes am gesamten Endenergieverbrauch in Deutschland mit 1.320 Mio. MWh bei rund 50 Prozent, der für Strom mit 570 Mio. MWh bei nur knapp über 22 Prozent. Der Wärmemarkt ist damit wesentlich größer als der Strommarkt. Doch der Anteil Erneuerbarer Energien im Wärmemarkt liegt noch hinter dem Strommarkt. Aktuell entfallen lediglich 131 Mio. MWh (9,9 Prozent) auf die Erzeugung von Wärme durch nachhaltige Energieressourcen. Im Vergleich lag der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch bei knapp 28 Prozent. Mit Rücksicht auf durch nachhaltige Ressourcen vermiedene Kohlenstoffbelastung, lagen 2014 die vermiedenen Tonnen CO2-Äquivalent Treibhausgasemissionen im Stromsektor bei knapp 109 Mio. und im Wärmesektor bei 34 Mio. Die Zahlen belegen die bestehende Diskrepanz beider Märkte, aber veranschaulichen ebenso deutlich die Chancen zur Emissionsreduktion im Bereich Wärme. Die Bundesregierung hat zwischenzeitlich die Bedeutung des Wärmemarktes erkannt und strebt die ehrgeizigen energiepolitischen Ziele an, den Wärmebedarf gegenüber 2008 um 20 Prozent und den Primärenergiebedarf bis 2050 (Referenzjahr 1990) um 80 Prozent zu reduzieren. Aufgrund dieser ambitionierten Ziele ist mit eingreifenden strukturellen Reformen und Förderungen im Wärmemarkt zu rechnen.
 

Entwicklung des Wärmemarktes

In den letzten Jahren hat sich der Wärmemarkt durch neue gesetzliche und technologische Entwicklungen stark verändert. Auf politischer Ebene wurden zahlreiche nationale und regionale Maßnahmen zur Gesetzgebung mit dem Ziel der Förderung des Wärmemarktes und der Schaffung begünstigender Rahmenbedingungen für Neuinvestitionen und Erweiterung umgesetzt.
 

Gesetzgebung und Förderungen stärken die Attraktivität des Wärmemarktes

Mit der im April diesen Jahres durchgeführten Novellierung des Marktanreizprogramms wurde ein zentrales Instrument zur Förderung von Erneuerbaren Energien zur Wärmeerzeugung und für Wärmenetze geschaffen. Durch die Reform soll das Ziel des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes (EEWärmeG), den Anteil von Erneuerbaren Energien am Wärmemarkt von 9,9 Prozent in 2012 auf 14 Prozent in 2020 anzuheben, umgesetzt werden. Zusätzliche Förderungen in Höhe von 850 Mio. Euro für die kombinierte Strom- und Wärmeerzeugung sowie für Wärmenetze und Wärmespeicher werden durch die derzeit andauernde und voraussichtlich bis Anfang 2016 abgeschlossene Novellierung des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes erwartet. Aufgrund der zusätzlichen Auskopplung von Wärme bei der Stromerzeugung erfüllt die Kraft-Wärme-Kopplung auf hervorragende Weise die Forderung nach mehr Effizienz im Wärmesektor. Weitere regionale direkte oder indirekte Förderprogramme und Gesetzgebungsverfahren wie beispielsweise „BioSol” in Bayern oder „Wohnen mit Zukunft: Erneuerbare Energien” in Baden- Württemberg werden individuell von den Landesregierungen initiiert. Auch die KfW bietet Förderung für Wärmeerzeugung aus Erneuerbaren Energien in Form von günstigen Darlehen mit Tilgungszuschüssen durch die Programme „Erneuerbare Energien – Standard” oder „Erneuerbare Energien – Premium” an. Je nach Projektkonzeption kann im Einzelfall eine Förderung in Höhe von mehr als 30 Prozent der Gesamtinvestitionskosten erreicht werden.
 

Neue Technologien und Kostensenkungen zu erwarten

Wie auch im Strommarkt ist im Wärmemarkt ein starker technologischer Wandel sowohl bei der fossilen wie auch der erneuerbaren Erzeugung zu beobachten. Zahlreiche neue Technologien wurden in den letzten Jahren entwickelt und Kosten von vorhandenen Technologien kontinuierlich gesenkt. So wurden beispielsweise die Kosten von Solarthermie in den letzten 15 Jahren um ca. 40 Prozent reduziert.
 
Beim Ausbau der erneuerbaren Wärmerzeugung wird die Tiefengeothermie als grundlastfähige erneuerbare Technologie mit sehr großen Ressourcen eine wichtige Rolle spielen. „Eine nahezu optimale Fernwärmeversorgung der Zukunft lässt sich aus Tiefengeothermie realisieren” schreiben M. Geller und Dr. F. Bieberbach der Stadtwerke München in den Energiewirtschaftlichen Tagesfragen. Die Stadtwerke München bauen aktuell Tiefengeothermie massiv aus. Gerade in geologisch günstigen Regionen ist Tiefengeothermie heute schon eine wichtige Ergänzung der fluktuierenden erneuerbaren Erzeugung. Im Jahr 2014 lag der Anteil von Geothermie am Wärmeverbrauch aus Erneuerbaren Energien bei rund 8 Prozent (86,6 Prozent Biomasse). Unter Betrachtung der hohen Vergütungssätze für Strom aus Tiefengeothermie durch das EEG und weiteren Vergütungen für den Ausbau von Fernwärmenetzen gespeist durch Tiefengeothermie, ist mit einem Wachstum dieser Technologie zu rechnen.
 

Wärmenetze integrieren Erzeugung und bilden nachhaltige Investitionsmöglichkeiten

Eine effiziente Nutzung unterschiedlicher emissionsarmer Wärmeerzeugungen kann nur durch den Zubau neuer Fernwärmenetze erfolgen. Diese verbinden sowohl die fluktuierende Einspeisung neuer Erzeugungsanlagen wie auch den fluktuierenden Verbrauch unterschiedlicher Abnehmer. Die Vorteile der Nutzung von Fernwärmenetzen liegen zudem in der Flexibilität des eingesetzten Rohstoffes und der hohen Versorgungs- und Vertragssicherheit sowohl auf Kunden- als auch Versorgerseite.
 
Die Verordnung über allgemeine Bedingungen für die Versorgung mit Fernwärme (AVBFernwärmeV) ist ein allgemein anerkanntes Regelwerk, das bei der Wärmeversorgung Anwendung findet und den Abschluss langfristiger Verträge von bis zu 10 Jahren Laufzeit ermöglicht. Dadurch existiert ein elementarer Rahmen zur Sicherung der kapitalintensiven Investitionen in die Infrastruktur des Fernwärmenetzes, der zudem langfristige Planungssicherheit garantiert.
 

Fazit

Erhöhte Aufmerksamkeit durch Politik und Öffentlichkeit und dadurch in diesem Jahr deutlich erhöhte Förderungen werden ein Wachstum des Wärmemarktes, auch gerade in Bezug auf Erneuerbare Energien, in den nächsten Jahren ermöglichen.
 
Betrachtet man zudem noch die hohe Planungssicherheit und das Kostensenkungspotential bei erneuerbaren Erzeugungstechnologien so ist Wärme ein wichtiges strategisches Geschäftsfeld für ein nachhaltiges Wachstum sowohl bei Versorgungsunternehmen als auch im produzierenden Gewerbe.
 
Für das produzierende Gewerbe stehen dabei die Effizienzsteigerung im Wärmebereich und die Nutzbarmachung der Abwärme im Fokus, die Versorgungswirtschaft wird mit dem Aufbau von Fernwärmenetzen und effizienten Versorgungslösungen auf Basis gekoppelter Gewinnung von Strom und Wärme sowie dem Einsatz Erneuerbarer Energien direkt beim Verbraucher am gemeinsamen Ziel einer wirtschaftlich nachhaltigen und dekarbonisierten Zukunft arbeiten.
 

Quellen

1.) http://www.et-energie-online.de/[...]-im-Warmemarkt.aspx
2.) http://www.solarify.eu/[...]trom-im-warmemarkt-bis-2050/
3.) http://www.bmwi.de/[...]h/marktanreizprogramm-map.html
4.) http://www.bmwi.de/[...]essemitteilungen,did=695344.html
5.) http://www.bmwi.de/[...]bare-energien-auf-einen-blick.html
6.) http://www.stmwi.bayern.de/[...]gramme/energiefoerderung/
7.) http://www.bmwi.de/[...]essemitteilungen,did=727468.html
8.) http://www.stmwi.bayern.de/[...]gramme/energiefoerderung/
9.) https://www.l-bank.de/[...]bare-energien.xml?ceid=101170
10.) Studie „Fahrplan Solarwärme - Strategie und Maßnahmen der Solarwärme-Branche für ein beschleunigtes Marktwachstum bis 2030”, BSW – Bundesverband Solarwirtschaft e.V., Juni 2012
11.) M. Geller und Dr. F. Bieberbach, Energiewirtschaftliche Tagesfragen, August 2015
 
zuletzt aktualisiert am 19.11.2015

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Benjamin Richter

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