Das Financial Model im Kontext der strategischen Einbindung von Finanzinvestoren in Erneuerbare-Energien-Projekte - ein Praxisbeispiel

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Die 100% RE IPP GmbH & Co. KG mit Sitz in Wörrstadt ist mit der partnerschaftlichen Einbindung der Gothaer Versicherung ihrem deklarierten Ziel, der Etablierung zu einem großen, unabhängigen und regenerativen Energieerzeuger, einen deutlichen Schritt näher gekommen. Rödl & Partner hat im Rahmen der Kooperationsanbahnung anhand eines MS Excel-gestützten
Financial Models die Auswirkungen der Erweiterung der Geschäftstätigkeit untersucht und damit die Grundlage optimierter Finanzierungskonditionen für beide Kooperationspartner geschaffen.

 

Im Vorfeld der Überlegungen, einen strategischen Investor einzubinden, verfügte die 100% RE IPP GmbH & Co. KG über ein regeneratives Kraftwerksportfolio aus Wind- und Solarparks mit einer Erzeugungskapazität von 450 Megawatt (Bestandsgeschäft). Die durch die Energiewende hervorgerufenen veränderten Rahmenbedingungen für Investitionen in Erneuerbare Energien hat die 100% RE IPP genutzt und ihren Finanzierungsspielraum im Rahmen der Partnerschaft mit der Gothaer Versicherung um eigenkapitalähnliche Mittel (Genusskapital) i.H.v. 150 Millionen Euro erweitert. Mit dieser Kapitalzufuhr beabsichtigt die 100% RE IPP in einem dreijährigen Zeitraum einen Teil der geplanten 700 MW Erzeugungskapazitäten am Markt zu erwerben. Hierzu wurden entsprechende Einkaufsbedingungen definiert. Für die restlichen benötigten finanziellen Mittel beabsichtigt das Unternehmen in absehbarer Zukunft weitere Partnerschaften mit Fremdkapitalgebern einzugehen. Im Zuge der Beteiligung der Gothaer Versicherung an der 100% RE IPP bedurfte es einer umfassenden Prüfung der Prämissen für künftige Zubauprojekte sowie der Erstellung eines langfristigen Business Plans für die Simulation unterschiedlicher Zubauszenarien. Diese Aufgaben wurden Rödl & Partner im Laufe des Findungs- und Einbindungsprozesses eines strategischen Investors anvertraut; Herausforderungen, die sich letztendlich in dem Engagement der Gothaer Versicherung bei der 100% RE IPP konkretisiert haben.

Im folgenden Abschnitt wird eine Zusammenfassung der Funktionalität des Financial Models als Fundament der Kooperation der zwei Gesellschaften vermittelt. Ein wesentliches Ziel des Financial Models war es, die Renditeforderung der Eigenkapitalgeber der 100% RE IPP mit dem Anlagebedürfnis der Gothaer Versicherung, u.a. Festverzinsung über einen Anlagezeitraum von 20 Jahren, in Einklang zu bringen. Vor dem Hintergrund der Prämisse eines nachhaltigen Geschäftsmodells, einer u.a. mit negativen Ergebnissen behafteten Anlaufphase von EE-Projekten, der Zinsfestschreibung, unterschiedlicher Tilgungsvarianten sowie spezifischer Zwischen- und Refinanzierungsanforderungen sicherlich keine selbsterklärende Aufgabenstellung.

 

Die 100% RE IPP ist eine Betreibergesellschaft eines eigenen regenerativen Kraftwerksportfolios. Einzelne Windprojekte sind in verschiedenen Kapital- oder Personengesellschaften strukturiert, an denen die 100% RE IPP beteiligt ist bzw. die Mehrheit am Stamm- oder Festkapital hält.

 

Das Geschäftsmodell der Gesellschaft ist der nachfolgenden vereinfachten Übersicht zu entnehmen.



Abbildung 1: Das Geschäftsmodell der 100 % RE IPP GmbH & CO. KG

 

 

 

 
Für den Aufbau des Financial Models galt es, aus den bereitgestellten finanziellen Mitteln (Genussrechte und Fremdkapital) eine solide Ausbauplanung zu erstellen sowie die Planung der bereits vorhandenen Projekte (Bestandsplanung) der 100% RE IPP im Betrachtungszeitraum angemessen zu berücksichtigen (siehe nachfolgende Übersicht). Nach erfolgter Plausibilisierung der von der 100% RE IPP zur Verfügung gestellten Bestandsplanung wurde diese in das Financial Model integriert.  


Abbildung 2: Bestands- sowie Zubauplanung der 100% RE IPP GmbH & CO. KG

 

Sowohl für die Bestands- als auch für die Ausbauplanung galt es, unter Berücksichtigung handels- und steuerrechtlicher Restriktionen, auf Ebene der 100% RE IPP einen ausreichenden Aufbau liquider Mittel sicherzustellen, um sowohl Kapitaldienst als auch laufende Investitionen in weitere Zubauprojekte zu finanzieren. Hierzu berücksichtigt der mit dem Financial Model aufgestellte Business Plan, dass die generierten Cash Flows aus den Beteiligungen in vollem Umfang an die Muttergesellschaft, die 100 % RE IPP ausgeschüttet werden. Nachfolgende Grafik veranschaulicht eine exemplarische Entwicklung der Ausschüttungen (Mehrausschüttungen) sowie der Jahresergebnisse nach Unternehmenssteuern auf Ebene der Projektgesellschaften.

  
Abbildung 3: Jahresergebnis nach Steuern und Ausschüttung am Beispiel eines standardisierten Windprojekts (beispielhafte Darstellung)

 

Dass der geplante Zubau sowohl für die Gesellschafter als auch für den Kapitalgeber (Gothaer Versicherung) mit verschiedenen Projektrisiken verbunden ist, liegt auf der Hand. Dieser Problematik konnte dadurch begegnet werden, dass im Financial Model eine Risikostreuung simuliert wurde. In diesem Zusammenhang haben die Kooperationspartner eine feste und eine erfolgsabhängige Vergütungslösung vereinbart. Der Gothaer Versicherung konnten daher über die Laufzeit der Beteiligung optimale Anlagekonditionen angeboten werden, sodass die Renditeerwartungen erfüllt werden konnten. Mit der Festlegung einer erfolgsabhängigen Vergütung wurde u.a. auch einem empfohlenen Grundsatz zur Behandlung von Genussrechten des Hauptfachausschusses (HFA) des Instituts der Wirtschaftsprüfer vom 1/1994 entsprochen.

 

Ein weiterer Aspekt der Kooperation zwischen der 100% RE IPP und der Gothaer Versicherung, der im Business Plan ebenfalls Berücksichtigung fand, war die Wahl eines konservativen Leverage-Ansatzes bei der Eigenkapitalausstattung der Projektgesellschaften (SPVs). Auf Grundlage der simulierten Szenarien mit unterschiedlichen Eigenkapitalausstattungen haben sich die Kooperationspartner letztendlich darauf verständigt, das Geschäftsrisiko schwankender Winderträge zu minimieren und dem Projektportfolio mehr Stabilität zu verleihen. Die im Business Plan zugrunde gelegte Eigenkapitalausstattung der SPVs liegt über dem in Deutschland marktüblichen Niveau.

 
Der durch Rödl & Partner entwickelte Business Plan verbindet einerseits gängige Prämissen für standardisierte Windenergie-Zubauprojekte und andererseits spezifische Unternehmens- und Finanzierungskonditionen der 100% RE IPP und der Gothaer Versicherung.
 
Der Business Plan umfasst neben den hier kurz dargelegten Planungsprämissen einen deutlich umfassenderen Prämissekatalog. Dieser wurde laufend mit allen Projektbeteiligten abgestimmt. Die zentrale Eigenschaft des Financial Models war zu jedem Zeitpunkt dessen Flexibilität und Variabilität. Insbesondere im Rahmen der Bestimmung optimaler Finanzierungskonditionen für beide Kooperationspartner wurden mit dem Financial Model verschiedene Szenarien hinsichtlich einzelner Finanzierungsparameter und der Priorisierung wesentlicher Finanzierungsprämissen simuliert. Zudem unterlag das Financial Model dem „Going-Concern-Ansatz“.
 
Um die Belastbarkeit der gewählten Prämissen zu untersuchen, wurden darüber hinaus unterschiedliche Stresstests durchgeführt. Dabei wurde die Stabilität des Business Plans insbesondere im Hinblick auf eine veränderte Windhöffigkeit über den gesamten Planungszeitraum (Worst Case) sowie geringere Winderträge in einem Planjahr aufgrund von Schwankungen in einzelnen Windregionen („fiktives Schockereignis“) auf den Prüfstand gestellt. Die resultierenden Auswirkungen auf die Rentabilität der eingesetzten Mittel wurde den Kooperationspartnern präsentiert.
 
Die in dem finalisierten Business Plan zugrunde gelegten Parameter stellen einen optimalen Mix an Finanzierungs- und Projektprämissen dar, der auch stärkeren Belastungen standhält. Die mit dem Financial Model generierten Plan-Gewinn- und Verlustrechnungen, Plan-Bilanzen und Plan-Kapitalflussrechnungen auf Ebene der 100% RE IPP sowie auf Konzernebene wurden Bestandteil des finalen Genussrechtsvertrag zwischen der 100% RE IPP und der Gothaer Versicherung.

 

 

 

 

 

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