Tiefengeothermie in Deutschland 2016

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Die Tiefengeothermie in Deutschland hat eine bewegte Dekade hinter sich. Nach kleineren Wärmeprojekten (z. B. Erding oder Unterschleißheim), zunächst durch klare Visionen und Vorstellung ihres charismatischen Bürgermeisters Dr. Erwin Knapek geleitet, leistete die eher kleine Gemeinde Unterhaching Pionierarbeit mit der ersten Stromerzeugung („Kalina“-Anlage) im Verbund mit dem Neubau eines Fernwärmenetzes für die 22.000-Einwohner-Gemeinde. Des Weiteren erfolgte für das Projekt die Konzeption einer Fündigkeitsversicherung durch Rödl & Partner, welche mit der MunichRe abgeschlossen wurde und den Versicherungsmarkt auf die Nische aufmerksam werden ließ.

Es folgten Jahre des „El Dorado” – viele Spieler (auch unseriöse) witterten das schnelle Geld aus dem EEG-Topf und die Anzahl der zugesagten Erlaubnisfelder schoss in die Höhe. Alleine im bayerischen Molassebecken, der geologisch bevorzugten Region nördlich der Alpen, wurden 140 dieser Erlaubnisfelder erteilt.
 

  

Rot eingezeichnet sind die Aquifere mit einer Temperatur > 100 °C, die sich für die geothermische Stromerzeugung eignen​.

© LIAG

 Abbildung 1: Deutschlands Geothermie-Gebiete
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 2016 ist die Ausbeute an tatsächlich umgesetzten Projekten rückwirkend eher ernüchternd. 21 Projekte sind bis heute umgesetzt, nur fünf davon mit Stromproduktion. Hierzu zählen neben Unterhaching auch die Gemeinden Grünwald, Dürrnhaar, Kirchstockach und Sauerlach. Daneben bestehen nur noch 48 sogenannte Erlaubnisfelder. Viele der übrigen Felder mussten zurückgegeben werden, da nach drei Jahren keine nachweisbaren Aktivitäten stattgefunden hatten. Immerhin werden heute pro Jahr ergänzend zur Wärmenutzung in Fernwärmenetzen bis zu 170 GWh grundlastfähigen Stroms allein aus diesen Anlagen ins öffentliche Netz in Süddeutschland eingespeist.

  

Letztendlich lässt sich daraus folgern, dass noch erhebliche Ressourcen genutzt werden können, welche auch bergrechtlich über einen Erlaubnisfeldantrag in erster Stufe gesichert werden können. Der Einstieg des Energiegiganten Enel zeigt, dass diese Potenziale durchaus von großen Playern erkannt werden. Es bleibt die Frage, warum nicht viel mehr Investoren die sich bietenden Gelegenheiten nutzen.


Erneuerbare-Energien-Gesetz 

Ohne das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gäbe es keine geothermische Stromerzeugung. Gerade im Verbund mit einer weiteren Wärmeerzeugung und -versorgung, ist das EEG 2014 die Basis, um die Projekte wirtschaftlich darzustellen. Es erfüllt somit die eigene Zielsetzung, die Weiterentwicklung von Technologien zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien zu fördern. Jedoch wurde für die Tiefengeothermie eine Degression eingeführt, die in  § 27 EEG 2014 geregelt wird: Die anzulegenden Werte für Strom aus Geothermie nach § 48 verringern sich ab dem Jahr 2018 jährlich zum 1. Januar um 5,0 Prozent. Begründet ist die Degression in der Idee, die Technologie soweit zu fördern, bis technologische und wirtschaftliche Lern- und Synergieeffekte stattfinden, die zu niedrigeren Gestehungskosten führen. Hierbei wurde allerdings nicht – wie bei der Photovoltaik – ein Mechanismus eingeführt, der den tatsächlichen Ausbau berücksichtigt, sondern ein eher pauschaler Weg mit 5 Prozent p.a. gewählt. Im EEG ist aber auch auf die längeren Entwicklungszeiten Rücksicht genommen worden, um die Rechtssicherheit zu erhöhen. So gilt, dass alle Projekte, die bis Ende diesen Jahres eine Genehmigung vorweisen können, ein Recht auf EEG-Vergütung haben, selbst wenn sie erst im Jahr 2021 in Betrieb gehen. Dennoch wird die Degression für die Tiefengeothermie teilweise kritisch gesehen, da der ursprünglich angestrebte Ausbaukorridor bei weitem nicht erreicht wurde. Im Jahr 2016 ist wieder eine Novellierung vorgesehen und es wird sich zeigen, ob sich der Verband, die Geothermische Vereinigung e. V. mit der Forderung nach einer Abschaffung der Degressionsstufen durchsetzen kann.

 

Da bislang keine nennenswerte Kostendegression stattgefunden hat, stehen die Chancen für eine Abschaffung der Degression nicht schlecht. Die aktuelle Situation am Markt könnte eine politische Mehrheit für die Abschaffung möglich machen:

Die bayerische Stromversorgungssituation ist aktuell von „Abspaltungstendenzen” vom übrigen Land gekennzeichnet. Einerseits wurde die Windkraft mit der landesspezifischen „10H”-Regel, welche Abstände zwischen Windkraftanlagen und Wohnbebauung regelt, nahezu zum Erliegen gebracht. Photovoltaik, Biogas und Biomasse wurden per EEG im Ausbau erheblich gehemmt bzw. stillgelegt. Wasserkraft stößt an die Kapazitätsgrenzen und kämpft regional mit Akzeptanzproblemen. Am Standort Grundremmingen und mit ISAR II gehen jedoch bis zum Jahre 2023 drei für die Versorgungssicherheit sehr wichtige Atomkraftwerke vom Netz. Die Realisierung neuer Stromtrassen, um Windstrom aus dem Norden zu transportieren, ist nur mit beträchtlichem finanziellen und zeitlichen Aufwand möglich. Der Umstieg auf eine reine Erdgasversorgung schafft neue Abhängigkeiten. Eine bayerische grundlastfähige Stromerzeugung, welche das Landschaftsbild nicht verändert und gleichzeitig eine relative hohe Akzeptanz in der Bevölkerung erfährt, hat somit politische Unterstützung verdient. Nach unseren Schätzungen sind mittelfristig bis zu 500 MWel bzw. 40 TWh an grundlastfähigen und steuerbaren Strom bei entsprechender politischer Rückendeckung gewinnbar.

 

Wärmemarkt

Der Wärmemarkt dürfte sich die nächsten Jahre  stark verändern. Einerseits verbrauchen Neubauten aufgrund der Niedrigenergiebauweise, deutlicher weniger Energie und können auch mit Wärmepumpen (gestützt durch oberflächennahe Geothermie) modern gewärmt und gekühlt werden.


Aber gerade das von Rödl & Partner betreute Projekt in Kirchweidach zeigt, dass eine großtechnische (und somit im thermischen MW-Bereich liegende) Lösung, CO2-neutral Wärme zu erzeugen, nur über die Geothermie darstellbar ist. Sie ist und bleibt die bis dato erste Wahl für Anwendungen im Gebäudebestand und bei landwirtschaftlichen oder industriellen Wärmeverbrauchern. Es gibt hier keine – zumindest den Autoren bekannte – Technologie, welche eine wirkliche Alternative für die Tiefengeothermie  darstellen könnte und ebenfalls mit über 100 Jahren Betriebserfahrung aufwarten kann. Diese Erkenntnis spiegelt sich auch in der Strategie großer Energieversorger wider. So haben sich die Stadtwerke München (SWM) als Deutschlands fünftgrößter Energieversorger das Ziel gesetzt, bis 2040 die erste Stadt zu sein, in der Fernwärme zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien – insbesondere aus Geothermie – gewonnen wird.


Investorensicht

Aus Sicht der Investoren ist selbstverständlich eine Fokussierung auf die Stromerzeugung nachvollziehbar, obgleich hinreichend bekannt ist, dass gerade in der Realisierung von Kraft-Wärme-Kopplungsprojekten das größte Potenzial steckt. Gerade hier wird allerdings die Kooperation mit Kommunen vor Ort in den Vordergrund rücken. Das Projekt Kirchweidach hat auch gezeigt, dass sowohl für Investoren und für die Kommune als auch für die gesamte Region erhebliche Vorteile entstehen können.


Auf Basis des EEG sind bei vielen Projekten Renditen im zweistelligen Bereich möglich. Neben dem hohen Volumen und der vergleichsweise langen Kapitalbindung reduziert die Komplexität und das Fündigkeitsrisiko die Attraktivität der Investition. Die Komplexität ist heute mit der Erfahrung aus den erfolgreich umgesetzten Projekten in den Griff zu bekommen. Auch im Bereich der Fündigkeitsversicherung betreten aktuell wieder neue Spieler den Markt, die das Risiko an bestimmten Standorten versicherbar machen wollen. Die Versicherung an sich wird zumeist als zu simpel erachtet, jedoch ist die richtige Aussteuerung der einzelnen Variablen pro Projekt von zentraler Bedeutung.


Der deutsche Erneuerbare-Energien-Markt, welcher vor allem bei der Photovoltaik wieder als sicherer Hafen betrachtet wird, birgt aktuell und mittelfristig aufgrund der beschlossenen Ausschreibungsmodelle, die eine Projektneuentwicklung bei Photovoltaik und Wind wohl noch einige Zeit verzögert, bei der Tiefengeothermie noch die vielversprechendsten Einstiegsmöglichkeiten. Der Markt bietet inklusive der Schaffung der entsprechenden Infrastruktur ein Investitionsvolumen von bis zu 7 Mrd. Euro allein im nordalpinen Molassebecken.


Gerade Clean Tech Bonds, welche gerne feed-in-tariff-Strukturen als Grundlage der Projekte sehen, sollten somit auf den Geothermie-Markt aufmerksam werden. Als mittlerweile „proven technology”, stellt sich technisch nur noch die Frage hinsichtlich der Verfügbarkeit und Verlässlichkeit der Tiefpumpen, obgleich die Hersteller bei den aktuellen Modellen einen Durchbruch anzeigen, um die Temperatur- und Zeitstandfestigkeit zu verbessern.


Mit einem kleinen Erfolg der Verbände, der Interessenvertreter und ggfs. des neuen mächtigen Spielers Enel beim EEG, öffnet sich wieder ein Zeitfenster für Investitionen in Tiefengeothermie-Projekte in Deutschland, welche mit der Boomphase von vor 10 Jahren gleichziehen könnte. Investoren sollten somit die Aufmerksamkeit darauf lenken, sich frühzeitig Projekte, Projektanteile oder Aufsuchungserlaubnisse zu sichern.

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Benjamin Richter

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