Zukunftsmarkt Erneuerbare Energien

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veröffentlicht am 9. August 2017

von Michael Wekezer und Sabrina Burkert

 

Indiens Wirtschaftswachstum, neue Technologien und eine Bevölkerungsdichte, die bereits bei über 1,3 Mrd. liegt, steigern den Energiebedarf des Landes. Eine flächendeckende Stromversorgung ist noch immer nicht gegeben. Zudem müssen Mehrverbraucher aufgrund einer Quersubvention höhere Strompreise zahlen, sodass die fossile Energieerzeugung für Industriekunden nicht selten teurer ist. Um in Zukunft sowohl mehr Energie und gleichzeitig ein breiteres Energieangebot zu produzieren als auch die steigenden Umweltbelastungen durch fossile Energieträger zu reduzieren, setzt Indien zunehmend auf Erneuerbare Energien (EE).
 


 


Der indische Energiemarkt – Status Quo

Der Energiemarkt wurde erst vor wenigen Jahren für private Unternehmen geöffnet. Obwohl der Industrie­sektor immer noch stark von den zentral- und bundesstaatlichen Unternehmen geprägt ist, steigt der Anteil der Privatindustrie kontinuierlich. Teilweise arbeitet der Energiemarkt jedoch noch immer in archai­schen Strukturen und kämpft mit der Überschuldung aus der Vergangenheit.


Die direkt von der Zentralregierung kontrollierten Aktivitäten liegen aktuell bei 25 Prozent. Der Anteil der Stromerzeugung durch die einzelnen Bundesstaaten liegt bei 32 Prozent und im privaten Sektor bei 43 Prozent. Private Marktteilnehmer steigen hauptsächlich in die Herstellung ein, investieren in Über­tragungs­projekte und handeln mit Strom, wobei sich ihr Interesse auf einzelne Ballungsräume wie Delhi, Mumbai oder Kalkutta konzentriert.


In Indien besteht chronische Energieknappheit, wobei nach wie vor mehr als die Hälfte der über 329 Gigawatt (GW) installierten Leistungen durch Kohlekraftwerke erzeugt werden und insgesamt ca. 220 GW aus thermischen und nicht nachhaltigen Energiequellen stammen. Im Detail setzt sich der derzeitige Strommix aus Kohlekraft, Solarenergie/Windkraft/Biomasse, Wasserkraft und Nuklearenergie zusammen.



Quelle: Government of India, Ministry of Power, Central Electricity Authority, New Delhi: Power Sector April-2017


 

Der Anteil an EE mit 17 Prozent (5,72 GW) am Strommarkt ist dabei im internationalen Vergleich bereits relativ hoch (Deutschland: 29 Prozent im Jahr 2016). Windenergie liegt mit knapp 56 Prozent (32 GW) der Kapazität Erneuerbarer Energien vorne, wodurch Indien weltweit zu den 4 größten Windenergieprodu­zenten zählt. Ähnlich sieht es im Bereich der Solarenergie aus. Dort sind heute schon 12 GW installiert und langfristig setzt das Land bei den Erneuerbaren Energien auf Solarenergie als künftige Hauptenergiequelle. Auch der Ausbau in den Bereichen Bioenergie und Wasserkraft schreitet voran, wenngleich etwas weniger rasant. Trotz dieser Fortschritte im Bereich der Erneuerbaren, wird Kohle nach wie vor ein wichtiger Energieträger für die Stromerzeugung bleiben.


Unter den verschiedenen Energieträgern nimmt die Regierung keine eindeutige Priorisierung vor. Die Energie­strategie liegt – auch in Anbetracht dessen, dass die globale Energielandschaft von starkem Wettbewerb geprägt ist – vielmehr darin, alle heimischen Energiequellen so schnell und so umfassend wie möglich zu entwickeln und voranzutreiben.


Dennoch wurde in den indischen Bundesstaaten eine gesetzliche Mindestquote für den Anteil der EE am Gesamtenergievolumen eingeführt. Die Höhe des Pflichtanteils wird dabei durch die staatliche Central Electricity Regulatory Commission (CERC) in Abstimmung mit den State Electricity Regulatory Commissions (SERCs) in den sog. Renewable Purchase Obligations (RPO) vorgeschrieben. Wird der innerhalb der RPOs festgelegte Pflichtanteil durch die SERCs nicht erreicht, muss das Defizit durch handelbare Renewable Energy Certificates (REC) ausgeglichen werden. Dabei entspricht ein Zertifikat einer Megawattstunde (1 REC = 1 MWh). Im Bereich Solarkraft gilt bspw. für jeden Bundesstaat eine einheitliche Solar RPO-Quote in Höhe von 0,25 Prozent an der Gesamtenergieerzeugung. Bis 2022 soll die auf bis zu 3 Prozent angehoben werden.


Die Strompreise für den Endkunden variieren sehr stark. Stromabnehmer aus Industrie und Wirtschaft zahlen wie erwähnt mehr als den Kostenpreis. Dadurch subventionieren sie die niedrigeren Preise für die Privathaushalte und v.a. die Landwirtschaft, in der der Strompreis oft gegen Null tendiert. Die Preis­strukturen sind abhängig vom jeweiligen Bundesstaat und Stromversorger. Bandbreiten für Tarife werden von der staatlichen CERC vorgegeben und von den bundesstaatlichen SERCs im jeweiligen Bundesstaat umgesetzt. Zudem sind die Preise abhängig von den lokalen Herstellungs-, Übertragungs- und Verteilungs­kosten. Der über Handelslizenzen abgewickelte durchschnittliche Strompreis fossiler Energiequellen beläuft sich derzeit auf ca. 3.30 Indische Rupien (INR)/kWh.


Ein nur geringer Teil des Stroms wird an den beiden Strombörsen Indiens gehandelt. Im Februar 2017 lag der Verkaufspreis an den beiden Strombörsen IEX und PXIL für Solarstrom bei 3.50 INR/kWh und bei 1.50 INR/kWh für alle anderen erneuerbaren Energiequellen. Die Preise variieren auch hier sehr stark und sind abhängig von der Jahreszeit, aber auch von den Preisspekulationen verschiedener Stromanbieter und -käufer.


Um den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu fördern, existieren in Indien auf nationaler und regionaler Ebene verschiedene Ausschreibungssysteme, an denen sich Staaten wie bspw. Odisha, Punjab oder Tamil Nadu beteiligen. Ein auch vom Potenzial her international hoch geschätztes Förderprogramm, ist die sog. Jawaharlal Nehru National Solar Mission (JNNSM). Das Programm basiert auf Ausschreibungen zur Vergabe von Subventionen für Solarkraftanlagen. Der Höchstpreis für das Bieterverfahren wird dabei als sog. Reservepreis vorab durch das „Ministry of New and Renewable Energy” (MNRE) festgelegt (Stand November 2016: 4.35 INR/kWh). Die Vergütung zum festgelegten Einspeisetarif und die Stromabnahme erfolgen durch ein Power Purchase Agreement (PPA) mit der „Solar Energy Corporation of India” (SECI), die auch für die Stromvermarktung zuständig ist.


Indiens Energiepolitik

Mit Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens hat sich Indien dazu verpflichtet, bis 2030 40 Prozent seiner Energiekapazität aus nicht-fossilen Energieressourcen zu gewinnen. Die indische Regierung be­kräftigte das auch mit einem eigenen politischen Plan. So sollen bis zum Jahr 2022 175 GW Strom aus nicht-fossilen Anlagen in folgender Aufteilung in das Stromnetz eingespeist werden:


​Solaranlagen 100 GW
Windenergie 60 GW
Biogas & Biomasse 10 GW
Kleinwasserkraftanlagen 5 GW

 


Die indische Regierung hat überdies zum weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien das „Secretariat of International Solar Alliance” (ISA) auf internationaler Ebene initiiert. Dafür wurden 30 Mio. US-Dollar und Land zur Verfügung gestellt und die Unterstützung der indischen Regierung für die nächsten 5 Jahre zugesichert. Die bisher 24 teilnehmenden Staaten, zu denen u.a. Lateinamerika, Afrika, die USA, Frankreich und China gehören, arbeiten zusammen daran, die Solarkraftkapazität durch verschmelzende Märkte zu erhöhen. Mit der Zustimmung des indischen Kabinetts am 28. Dezember 2016 war Indien zudem das erste Land, das den Vertrag ratifiziert hat.


Was die politische Umsetzung auf nationaler Ebene betrifft, betreibt die indische Regierung ein ambitio­niertes Programm zur Bekämpfung des Klimawandels, bei der sie sich auf die Arbeit in Institutionen und Monitoring-Mechanismen konzentriert. Dadurch soll Kohärenz zwischen dem INDC-Ziel (Intended Nationally Determined Contribution) und nationaler Politik hergestellt werden.


Des Weiteren forciert das Land unter Premierminister Modi derzeit mit diversen Ausschreibungen ambi­tioniert den Zubau von EE: Nachdem die erste Onshore-Windenergie-Auktion Asiens im Februar 2017 (zu einem Tarif von 3.46 INR/kWh) in Indien ein großer Erfolg war, verkündete die SECI, Indiens Durch­führungs­stelle für die Umsetzung der INDC-Ziele, im kommenden Geschäftsjahr insgesamt zusätzlich 4 GW und bis 2022 jährlich zwischen 4 und 6 GW Windenergie auszuschreiben. Dafür hat die indische Regierung im vergangenen Geschäftsjahr 2016/17 die Windenergie-Kapazität um 5,4 GW erhöht. Das sind wiederum 35 Prozent mehr als sich die Regierung am Anfang des Geschäftsjahres vorgenommen hatte.


Dank der klaren politischen Linie und der existierenden Förderprogramme scheint das Vorhaben Indiens, die im Pariser Abkommen gesetzten INDC-Ziele rechtzeitig zu realisieren, durchaus erfolgsversprechend zu sein. Unabhängige Statistiken erwarten, dass mit der derzeitigen Politik 39 Prozent der Energieerzeugung bis 2030 durch EE realisiert werden können. Der im Dezember 2016 veröffentlichte „National Electricity Plan” kündigt an, dass das gesetzte INDC-Ziel übertroffen wird und die nicht-fossilen Kapazitäten 2026-27 sogar ca. 56,5 Prozent erreichen werden. Mit der Umsetzung des Vorhabens würde Indien einer der größten Green-Energy-Produzenten der Welt werden und im Bereich der Erneuerbaren einige Industrie­länder überholen.

 

Investitionsmöglichkeiten

Indien lag 2016 laut dem Global Competitiveness Report 2016-2017 in der Kategorie Infrastruktur (Energie und Telekom) auf Rang 68 von 138 Ländern und damit weit unter der eigenen Durchschnittsposition von 39 im Gesamtranking globaler Wettbewerbsfähigkeit. Der Grund dafür liegt darin, dass die Mehrheit aller Sektoren nach wie vor Diesel und Ölöfen nutzt. Zudem hat knapp ein Drittel der indischen Bevölkerung derzeit keinen Zugang zu Elektrizität und anderen Formen kommerzieller Energie. In kleinen und mittleren Städten müssen Haushalte aufgrund von Stromausfällen täglich 2 bis 4 Stunden auf die Energieversorgung verzichten. In elektrifizierten ländlichen Gebieten fällt der Strom sogar bis zu 20 Stunden am Tag aus, wodurch dort die substantielle Entwicklung des produzierenden Gewerbes verhindert wird. Auch wenn Indiens Energiedefizit abgenommen hat und nur noch 0,5 Prozent beträgt, reicht schon jetzt die Energieversorgung im Land nicht aus. Zusätzlich wird in den kommenden 20 Jahren eine Steigerung des Strombedarfs um das Fünffache erwartet.


Im globalen Vergleich sind die Stromtarife jedoch sehr hoch und stellen einen beträchtlichen Kostenfaktor für Unternehmen dar. Zudem fehlt es dem Land an der erforderlichen Anzahl von ausgebildetem Fach­personal sowie neuartigen Technologien, um den Energiesektor kurzfristig zu modernisieren. Die Nachfrage nach indischer Energietechnik auf dem einheimischen Binnenmarkt entwickelt sich immer noch schleppend, stattdessen werden zunehmend ausländische Unternehmen angefragt. Investitionen in Forschung und Entwicklung nachhaltiger Energiesysteme sowie in die Qualifizierung von Arbeitskräften sind dringend notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Branche international zu erhöhen.


Die zur Bewältigung der komplexen Herausforderungen notwendigen Ressourcen stehen dem Staat nur bedingt zur Verfügung. Private Investoren sind daher sehr gefragt. Im indischen Übertragungs- und Verteilungsmarkt wurde der Investitionsbedarf im Zeitraum von 2008-2017 auf ungefähr 19,2 Bio. INR (240 Mrd. Euro) geschätzt. Dafür bietet er Gewinnchancen von 3,2 bis 3,8 Bio. INR (40-48 Mrd. Euro). Rund die Hälfte davon wird auf die technische Entwicklung, die Beschaffung und den Bau von Netzen entfallen. Deutschen Unternehmen, die entsprechende Produkte für das Stromnetz anbieten, eröffnet das interessante Möglichkeiten, insbesondere in Wasser- und Windkraft, Biomasse und Photovoltaik (PV) sowie bei der Modernisierung und dem Ausbau des Stromnetzes (bspw. durch Inselnetzwerke oder interaktive Netze). Gleiches gilt für den Bereich der Energieeffizienz. Erste Regierungsinitiativen (bspw. der Ausbau der LED-Beleuchtung im Land) haben das Thema weitläufig auf die Agenda gebracht und die deutsche Expertise in diesem Feld ist auch in Indien bekannt. Erwähnenswert ist dabei, dass es im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen (wie z.B. Retail) bei Erneuerbaren Energien keine Foreign Direct Investment (FDI)- Beschränkungen existieren.


Für die Planung von EE ist auf nationaler Ebene seit 1992 das Ministry for New and Renewable Energies (MNRE) zuständig. Als Instanz des MNRE ist für die Durchleitung zinsverbilligter Darlehen für Projekte im Bereich EE die Indian Renewable Energy Development Agency (IREDA) zuständig. Die Verantwortung der Energieversorgung liegt jedoch bei den 28 Bundesstaaten Indiens.


Indien verfügt über eine beinahe unüberschaubare Vielzahl von Förderinstrumenten, die die Unions­regierung in Delhi wie auch die einzelnen Bundesstaaten anbieten. Die öffentliche Hand versucht primär die Nachfrageseite des Marktes zu stärken. Zusätzlich existieren aber auch Einspeisetarife und direkte Subventionen. Eine kleine Auswahl zeigt die nachstehende Übersicht:


MaßnahmeBeschreibungFördererGeförderter Bereich
„Renewable Purchase Obligations” (RPO) Verpflichtung der Netzbetreiber zum Kauf von Energie aus erneuerbaren Quellen (das soll die Nachfrage stärken und so den Marktpreis anheben)
Union, Kamataka Kerala, West Bengal, Tamil NaduAlle – in Tamil Nadu nur Solar
„Renewable Energy Certificates” (REC) Erzeuger von erneuerbarem Strom erhalten RECs, die dann frei gehandelt und zur Erfüllung der RPOs eingesetzt werden könnenUnion, Rajasthan u.a.Alle – teilweise auch spezifische Anforderungen an Solarstrom
Einspeisetarife Staatliche Garantie der Abnahmepreise, z.T. mit jährlicher Steigerung über öffentlich zugängliche PPAsTamil Nadu, GujaratSolar
Beschleunigte Abschreibung Bis zu 40 prozentige Abschreibung der Investitionsgüter im ersten Jahr, im zweiten Jahr dann 20 ProzentUnionSolar, Wind
Direkte Zuschüsse 30 prozentiger Zuschuss im Hinblick auf Errichtungskosten von Kleinanlagen (v.a. „Off-Grid”- Bereich)UnionSolar, Wasser
Subventionierte Darlehen Verbilligte Darlehen (verzinst mit 5 bis 7 Prozent) für die Errichtung von SolarparksUnionSolar


Insbesondere die Solarenergie wird durch die klimatischen Bedingungen in Indien mit einer Sonnenein­strahlung von 4 bis 7 kWh pro Tag bei rund 300 Sonnentagen pro Jahr begünstigt. Solarenergie aus Solarthermiekraftwerken wird v.a. in den westlichen Bundesstaaten Rajasthan und Gujarat produziert. PV-Anlagen sind landesweit installiert.


Der nationale Aktionsplan schafft wiederum die politischen Rahmenbedingungen sowie einen Förderrahmen, der Unternehmern einen gewinnbringenden, zukunftsträchtigen und bei weitem noch nicht gesättigten Markt eröffnet: Der Bundesstaat Tamil Nadu eröffnete kürzlich eine Ausschreibung für den Bau von PV-Anlagen mit einer Kapazität von 500 MW. Der Höchstpreis für das Bieterverfahren liegt bei 4,5 INR/kWh (6,2 Eurocent/kWh). Die SECI bereitet zudem zurzeit mehrere PV-Ausschreibungen für Stromabnahme­verträge über eine Kapazität von insgesamt 2.300 MW vor.


Die Weltbank verkündete zudem kürzlich die Bereitstellung eines Zuschusses in Höhe von ca. 23 Mio. US-Dollar für die Finanzierung von netzgebundenen PV-Dachprojekten, die einen wesentlichen Bestandteil der Solarziele in Indien darstellen. Die Mittel werden zusätzlich zu einem Darlehen der Weltbank über insgesamt 625 Mio. US-Dollar gezahlt, das im Mai 2016 für das Solardachsegment vergeben wurde. Ziel des Finanzierungsprogramms ist der Aufbau von 400 MW netzgebundener PV-Dachleistung. Die Mittel werden über die Staatsbank von Indien (SBI) an Anlageentwickler und Endnutzer bevorzugt aus dem gewerblichen und industriellen Bereich vergeben, hier insbesondere an kleine und mittlere Unternehmen sowie Finanz­institute, sofern sie keine Banken sind. Dabei soll der aktuelle Zuschuss der Weltbank Investitionshinder­nisse bei PV-Dachanlagen ausräumen, die nach wie vor in politischer als auch technischer Hinsicht bestehen. Neben der Finanzierung beinhaltet der Zuschuss auch die Bereitstellung von Know-how und Beratungsleistungen zur Entwicklung von Kapazitäten bei Investoren, Projektentwicklern und Unternehmen sowie regulatorischen Rahmenbedingungen für politische Entscheidungsträger.


Darüber hinaus fördern weitere internationale Institutionen den Ausbau von PV-Dachprojekten in Indien: Anfang Oktober 2016 verkündete die Asian Development Bank (ADB) die Vergabe eines Kredits über 500 Mio. US-Dollar. Im Januar 2017 wurden insgesamt 1,5 Mrd. US-Dollar von der Weltbank, der ADB und der Entwicklungsbank der BRICS-Staaten für den indischen PV-Dachmarkt zugesichert. Darüber hinaus verkündete kürzlich die staatliche indische Eisenbahngesellschaft das Ziel, bis 2025 5 GW Solarstrom­leistung durch die Installation von Solaranlagen auf Zügen aufzubauen. Realisiert wird das in 3 Phasen durch Aufdach- und Bodensolarinstallationen wofür teilweise auch Ausschreibungen geplant sind. Dadurch soll die Kapazität der Solarenergieerzeugung im Vergleich zum ursprünglichen Ziel von 1 GW um das Fünffache erhöht werden.


Trotz der langjährigen politischen Debatten um den Bau von großen Staudämmen, verfügt auch Wasser­kraft über ein beachtliches Potential, insbesondere im Bereich der Kleinwasserkraftwerke. Indien möchte die zurzeit installierte Leistung von 35 GW auf 150 GW bis 2030 ausbauen und erhält dafür technische als auch finanzielle Unterstützung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. V.a. im Himalaya und im Nordosten des Landes verfügt Indien über bislang ungenutzte Wasserläufe, die sich gut für die Produktion von Strom aus Wasserkraft eignen. Die Windkraft konzentriert sich vornehmlich auf die südlichen Bundesstaaten Tamil Nadu und Andhra Pradesh. Mit der Firma Suzlon verfügt das Land zudem über den im internationalen Vergleich drittgrößten Windturbinenhersteller, der derzeit im Bundesstaat Gujarat einen der weltweit größten Windparks mit einer Kapazität von 1.000 MW errichtet.

 

Fallstricke und Lösungsmöglichkeiten

Indien steht vor wichtigen energiepolitischen Weichenstellungen. Eines der größten Probleme stellen nach wie vor die Strompreise dar. Trotz des riesigen Potenzials Indiens und der geschaffenen politischen Rahmen­bedingungen sorgt die widersprüchliche Subventionspolitik sowohl in der Landwirtschaft als auch in den Haushalten für Finanzierungsprobleme, den Strom aus EE zu bezahlen.


In vielen Bereichen, v.a. in der Landwirtschaft, ist der Strom umsonst. Aufgrund der politischen Kultur und Struktur im Land hat sich bis heute an dem Zustand nicht viel geändert. Die durch die indische Regierung gezahlten Einspeisevergütungen sind so niedrig, dass ein Teil der Projekte nicht bezahlbar bzw. profitabel ist und sich die Investitionen oft nicht amortisieren. Entscheidend wird daher sein, ob sich die Politik größtenteils aus der Stromregulierung zurückziehen wird, damit sich der private Sektor weiterhin aus­breiten kann. Auch spielen die EE trotz immenser Kapazitäten mit einem Marktanteil von z.Z. rund 17 Prozent noch nicht die erhoffte Rolle auf dem Subkontinent. So wird vermutlich trotz der hohen Luftverschmutzung in indischen Städten und der weltweiten Klimadebatte, Kohlestrom in den nächsten Jahren weiterhin, aufgrund der großen einheimischen Kohlevorkommen, die wichtigste Energiequelle bleiben.


Wegen des maroden und ineffizienten Stromnetzes existiert ein weiteres Problem: Bei der Übertragung von Strom gehen über 30 Prozent der erzeugten Strommenge verloren. Zu Spitzenzeiten beträgt das Energie­defizit über 10 Prozent. Die Übertragungsverluste gehören weltweit mit zu den höchsten. Dadurch kommt es flächendeckend täglich zu Stromausfällen, insbesondere in den Sommermonaten, die auch großen Manufakturen und der verarbeitenden Industrie enorme Probleme in ihren Betriebsstätten bereitet. Viele Firmen halten sich daher kleine Dieselkraftwerke und -generatoren, die ineffizient und kostspielig sind, um die Defizite zu überbrücken. Ursache für die Übertragungsverluste sind die oftmals veralteten, ineffizienten Netzwerke aber auch Stromdiebstähle (illegales Anzapfen der Leitungen). Auch müsste die Koordination zwischen den einzelnen State Electricity Boards erhöht werden, um die Stromerzeugung und -verteilung zu verbessern. Durch die angespannte Situation wird der Handlungsspielraum der State Electricity Boards allerdings eingeschränkt, wodurch viele notwendige und sinnvolle Initiativen, Reformen und Investitionen verhindert werden.


Dennoch sind mit den ambitionierten Plänen der indischen Regierung zum Ausbau der Erneuerbaren Energien erste Anzeichen für eine Trendwende der Energieversorgung zu erkennen. Für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, positive Impulse zu schaffen. Die negativen Auswirkungen von Kohlenutzung auf die Gesundheit der Bevölkerung und damit verbundene Kosten sind ein wichtiger Faktor, der auch im indischen Kontext an Bedeutung gewinnt. Es bleibt abzuwarten, welchen Einfluss das in den kommenden Jahren auf Indiens Kohlepolitik haben wird. Die Ambitionen für den Ausbau der EE zeigen aber, dass Indien das enorme Potenzial der Energiequellen für eine nachhaltige Energieversorgung erkannt hat. Der starke Wille Indiens, international eine Führungsrolle im Bereich der Herstellung und Nutzung der Erneuerbaren zu übernehmen, zeigt sich sowohl in der engagierten Umsetzung des Pariser Abkommens als auch immer wieder in Stellungnahmen der indischen Regierung – bspw. bei der deutsch-indischen Regierungskonsultation Ende Mai in Berlin, bei denen die Bundesregierung Indien Investitionen in Höhe von 1 Mrd. Euro jährlich, u.a. für EE, zugesichert hat – und zuletzt auch in der Gründung der internationalen Solar Allianz (ISA). Bi- und multilaterale Initiativen leisten einen wichtigen Beitrag, durch Technologieentwicklung und -transfer die Kosten für EE weiter zu senken, und damit eine Trendwende in der Energieversorgung zu beschleunigen.


Ein weiterer Hauptansatz der indischen Regierung ist es, mit Hilfe ausländischer Investoren, technisch fortschrittliche Kohlekraftwerke zu bauen bzw. sog. überkritische Reaktoren einzusetzen, die einen höheren Wirkungsgrad (momentan 31 Prozent) aufweisen und auch weniger Kohlendioxid, Staub sowie andere Schadstoffe in die Atmosphäre ausstoßen.


Der Ausbau von Windkraft hat zwar teilweise seine Grenzen erreicht, da die Zuweisung von Land in den letzten Jahren in dem dicht bevölkerten Land mit seinen komplizierten Pacht- und Landrechten Unternehmern Schwierigkeiten bereitet hat. Alternativ prüft jedoch die indische Regierung Möglichkeiten für Offshore-Windkraftanlagen. Die erste soll demnach bis 2019 fertiggestellt werden, weitere Windparks sollen folgen. Indische Windenergieunternehmen haben bisher kaum Erfahrung mit Offshore-Anlagen, sodass sich auch in dem Bereich eine lukrative Geschäftschance für europäische Unternehmen eröffnet.


Außerdem bestehen weitreichende andere Projekte im Bereich der Erneuerbaren. Bis 2030 sollen Elektroautos, die mit Strom aus Erneuerbaren Energien gespeist werden, die diesel- und benzinbetriebenen Kraftfahrzeuge in Indien ersetzen.


In der Solarenergie stellt die Importabhängigkeit von Solarmodulen ein Problem aber gleichzeitig eine Chance dar. So wurden im Geschäftsjahr 2016/17 ca. 89 Prozent der Solarmodule importiert. Die WTO (World Trade Organization) hat die Verpflichtung der Projektentwickler, einen bestimmten Anteil an Solarpaneelen aus indischer Produktion zu kaufen, als Vertragsverstoß gewertet, sodass indischen Unternehmen durch die Verpflichtung künftig keine Vorteile auf dem inländischen Markt mehr zugutekommen werden. Somit eröffnet sich für ausländische Unternehmen wieder ein enormes Potential, die inländische Produktion zu fördern, sofern sie die internationale Konkurrenz nicht scheuen.


Im Kontext des vorherrschenden Energiedefizits in Indien muss die Rolle der Erneuerbaren Energien neu definiert werden, denn sie stellen nicht mehr nur eine Alternative in der Energieversorgung dar, sondern werden die Schlüsselrolle bei der Lösung des nationalen Energiebedarfs im Land spielen, da Gas und Öl nur begrenzt vorhanden sind. V.a. der Ausbau des enormen Wasserkraftpotenzials soll in den kommenden Jahren stark wachsen. Der Plan ist, mittelfristig den höchsten Anteil an Strom aus Windenergie zu gewinnen, langfristig wird primär auf Solarkraft gesetzt.


Aufgrund der enormen Entwicklungsdynamik, struktureller Defizite und v.a. wegen der großen Nachfrage nach Strom, bietet der indische Energiemarkt eine lukrative Geschäftschance für deutsche und europäische Unternehmen, primär im Bereich der inländischen Produktion. Allerdings gibt es einige Dinge zu beachten: Deutsche Unternehmen, v.a. die Solarbranche, waren bislang bei der Beschaffung von Aufträgen bzw. bei der Einreichung von Angeboten für öffentliche Ausschreibungen im Energiesektor nur wenig erfolgreich. Das liegt neben der schwerfälligen indischen Bürokratie vorrangig daran, dass viele deutsche Unternehmen nicht auf den indischen Markt vorbereitet sind, da sie teure Hightech-Produkte und weniger angepasste, kostengünstige Technologien anbieten. So gehen sie bei Ausschreibungen bislang zu wenig auf die lokalen Anforderungen und Wünsche der Kunden ein. Auf dem lokalen Energiemarkt braucht Indien im Moment noch technisch anspruchslose Lösungen, robuste Kraftwerke zu niedrigen Kosten und mit einem geringen Wartungsaufwand.

 

Eine gute Vorbereitung für den Markteintritt ist daher unausweichlich. Sie beinhaltet sowohl die Ausei­nander­setzung mit den einschlägigen Förderinstrumenten als auch praktische Fragestellungen wie die Standortfinanzierung mit bereits existierenden Projekten, die mögliche Auswahl eines indischen Partners sowie die Beauftragung eines Beraters, der mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen und der indischen Praxis vertraut ist.


Fazit: Chancen für ausländische Investoren

Die Umsetzung der Pläne der indischen Regierung zum Ausbau des Atomkraftanteils ist unwahrscheinlich, da verschiedene Faktoren (das Unglück von Fukushima, ökonomische sowie technische Hemmnisse und eine immer breitere Ablehnung der Atomkraft durch die indische Bevölkerung) eine wohl unüberbrückbare Barriere geformt haben. Erneuerbare Energien stellen somit auch im Rahmen des globalen Klimaschutzes die einzige realisierbare Alternative dar, um das bestehende Energiedefizit bzw. die anherrschende Energie­armut in Indien zu beseitigen und einen Weg in Richtung nachhaltiger Entwicklung zu beschreiten.


Indiens Wirtschaftsdynamik hat das Potential, das Land zu einem globalen Zukunftsmarkt zu formen, der auch für deutsche Investoren weiterhin zunehmend an Attraktivität gewinnt. Der Markt wird sich weltweit weiter öffnen und aufgrund der gegenwärtigen Energiepolitik Indiens, die auf EE setzt, wird die Nachfrage nach modernen und innovativen Technologien in Zukunft rasant zunehmen. Schon jetzt zeigt sich ein positiver Trend, der dem ambitionierten Plan Indiens zugutekommt: Bei einer Auktion im Mai erhielt ein Unternehmen den Zuschlag für Solarstrom zu einem Preis in Höhe von 2.44 INR/kWh. Der Strompreis ist damit in dem Jahr zum ersten Mal niedriger als der für Kohlekraft und Berichten zufolge könnte er noch weiter auf ein Rekordtief von 1.5 INR/kWh sinken. Technisch innovative Unternehmen, die sich an den indischen Markt anpassen, werden Erneuerbare Energien neue Chancen bieten. Denn das Potenzial des Landes ist enorm mit seiner hohen Sonneneinstrahlung (Solarkraft), den langen Küsten (Windkraft) sowie seiner natürlichen Gefälle des Himalaya-Gebirges (Wasserkraft).


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