Um die Website zu personalisieren und Ihnen den größten Mehrwert zu bieten, verwenden wir Cookies. Unter anderem dienen sie der Analyse des Nutzerverhaltens, um herauszufinden wie wir die Website für Sie verbessern können. Durch Nutzung der Website stimmen Sie ihrem Einsatz zu. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.



Erfolgreich investieren in Belarus

PrintMailRate-it

zuletzt aktualisiert am 19. Mai 2021 | Lesedauer ca. 6 Minuten

 

 

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Belarus ein?

Die belarussische Wirtschaft verzeichnete 2020 im Vergleich zum Vorjahr wider Erwarten einen recht geringen Rückgang von nur 0,9 Prozent. Und das trotz der drei wirtschaftlichen Schocks, mit denen das Land im letzten Jahr konfrontiert war:

  • Der Aussetzung der Rohöllieferungen aus Russland im Januar,
  • den pandemiebedingten Lockdowns bei den wichtigsten Handelspartnern und
  • der innenpolitischen Krise mit vielfältigen Folgen.


Im Wesentlichen gelang es den belarussischen Behörden, die negativen Multiplikator-Effekte des drohenden Produktionsstopps durch eine massive Aufstockung der Unternehmensverschuldung im staatlichen Realsektor zu verhindern. Damit wurde eine stärker ausgeprägte Krise vermieden – allerdings mit dem Preis langfristiger negativer Folgen für den Staatshaushalt. Internationale und unabhängige belarussische Wirtschaftsinstitutionen prognostizieren aktuell für 2021 eine weitere Stagnation mit einem Bruttoinlandprodukts (BIP) in der Spanne von minus 2,2 Prozent bis plus 1,1 Prozent.

Gleichzeitig liegt die Staatsverschuldung immer noch unter den kritischen Werten, was den Behörden den dringend benötigten Handlungsspielraum gewährt. Das derzeit erwartete Haushaltsdefizit liegt bei etwa 3 Prozent des BIP.

Allein die Tatsache, dass das Haushaltsdefizit offiziell geplant ist, lässt hoffen, dass die Investitionsnachfrage, d.h. die Nachfrage nach Maschinen und anderen Investitionsgütern (seit jeher weitgehend staatlich getrieben), in den Jahren 2021/2022 nicht drastisch zurückgeht.

Abgesehen von politischen Faktoren dürfte die Erholung der belarussischen Wirtschaft im Jahr 2022 auf dem erwarteten wirtschaftlichen Aufschwung in Russland und in anderen wichtigen Exportmärkten basieren.


Wie würden Sie das Investitionsklima in Belarus beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Aufgrund seiner geografischen Lage ist Belarus eine ideale Drehscheibe für den Handel zwischen der EU und den GUS-Staaten. Zudem macht die Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) das Land für all jene Unternehmen interessant, die einen attraktiven Standort als Ausgangspunkt für die Erschließung der Märkte des gemeinsamen EAWU-Zollgebiets Russland, Kasachstan, Armenien und Kirgisistan suchen – ein Binnenmarkt mit rund 190 Mio. Verbrauchern.

Da sich die staatlichen Fördermaßnahmen nach wie vor hauptsächlich auf Großunternehmen und Staatsbetriebe konzentrieren, können die Einschätzungen des Marktwertes der Unternehmen durch den Staat und durch potenzielle Investoren bisweilen drastische Gegensätze aufweisen. Wenig überraschend ist, dass neuen, im Widerspruch zu den Staatszielen stehenden Projekten, nicht die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen, um auf dem belarussischen Markt erfolgreich konkurrieren zu können.

Nichtsdestotrotz sind für Belarus insbesondere neue Technologie-Investitionen, die die strategischen Pläne der Staatsbehörden nicht stören, sehr willkommen und sie können von den gebotenen vielfältigen Anreizen profitieren.

In den letzten Jahren haben sich darüber hinaus Informations- und Kommunikationstechnologien zu den führenden Sektoren der belarussischen Wirtschaft entwickelt. Der 2005 gegründete Belarus High-Tech Park trug wesentlich zu der Entwicklung bei und stärkte die internationale Wettbewerbsfähigkeit erheblich.

Sonderwirtschaftszonen, der High-Tech Park, spezielle Vergünstigungen für Unternehmen in kleinen Städten, der Great Stone Industriepark und die Orschanski-Region locken Investoren mit umfangreichen Steuervergün­stigungen. Darüber hinaus können ausländische Unternehmen bei Investitionen außerhalb der städtischen Ballungsräume von Förderungen und Steuererleichterungen profitieren. Zusätzlich kommen Unternehmen, die mit der Republik Belarus Investitionsverträge über die Umsetzung von Projekten abschließen, in den Genuss von staatlichen Garantien, Vorteilen und Vorzugsbehandlungen in Verwaltungsverfahren. Darunter zählen die Bereitstellung von Grundstücken für die Projektumsetzung oder die Befreiung von Einfuhrzöllen und -umsatzsteuer für den Import von Produktionsanlagen.

Grundlegende Modernisierungs- und Ausbaumaßnahmen im Zusammenhang mit Industrie- und anderen Produktionsanlagen, wie Glas-, Holz- und Metallverarbeitung, Lebensmittelproduktion, chemische Industrie und Ölindustrie, bieten Chancen für westliche Anlagenbauer und Technologielieferanten. Zahlreiche deutsche Unternehmen liefern und montieren entsprechende Anlagen bzw. errichten sie in Zusammenarbeit mit belarussischen Partnern bei Joint Ventures.

Trotz politischer Unruhen seit der Präsidentschaftswahl Anfang August 2020 mit negativen Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit des Landes als Investitionsstandort, hält Belarus am Plan für Verbesserungen des Investitionsklimas, u.a. betreffend Gesellschafts- und Arbeitsrecht, Devisenregulierung und Steuerpraktiken fest. Mithin wird ein pragmatischer Investor mit wohlüberlegten Entscheidungen die Oberhand haben. Das Potenzial von Belarus als Investitionsstandort ist weiterhin so hoch wie vor 2020.


Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Belarus gegenüber?

Unterschiede in der Geschäfts- und Vertragskultur und die mitunter schwer vorhersehbare bzw. sehr formalistische Herangehensweise der Behörden stellen gelegentlich Herausforderungen dar, die jedoch mit Unterstützung erfahrener Berater in den meisten Fällen vermieden bzw. gemeistert werden können.

In den letzten Jahren wurden wichtige Schritte unternommen, um Rechts- und Investitionssicherheit zu gewähr­leisten und das Land näher an die westeuropäischen Standards heranzuführen. So wurde z.B. bereits im Januar 2016 die Möglichkeit geschaffen, Kapitalgesellschaften als Einpersonengesellschaften zu gründen und Gesellschaftervereinbarungen zwischen einzelnen Gesellschaftern abzuschließen – eine wichtige Voraussetzung für eine sichere Gestaltung der Rechtsbeziehungen zwischen Joint-Venture-Partnern.

Mit den jüngsten Änderungen im belarussischen Steuergesetzbuch wurde das Verständigungsverfahren eingeführt. Damit wächst die Hoffnung auf eine weitere positive Entwicklung im Steuerbereich, da die Beseitigung von Widersprüchen zwischen bilateralen Doppelbesteuerungsabkommen und dem nationalen Recht theoretisch zur lang erwarteten Anerkennung der OECD-Ansätze zur Besteuerung internationaler Transaktionen und ausländischer Unternehmen in Belarus führen soll.


Welche Auswirkungen auf die Wirtschaft zeigen die EU-Sanktionen, die gegen den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko verhängt worden sind?

Großteils richten sich die EU-Sanktionen gegen Einzelpersonen, darunter auch ausgewählte Geschäftsleute. Da sich die Maßnahmen kaum im Wirtschaftsleben bemerkbar machen, können sie in den meisten Fällen außer Acht gelassen werden. Doch könnten einige westeuropäische Unternehmen, die z.B. chemische Düngemittel und andere chemische Produkte aus Belarus importieren, ihre Geschäftsbeziehungen mit belarussischen Staatsbetrieben aufgrund befürchteter Sanktionsverlängerung bzw. wegen der politisch riskanten Lage und Reputationsrisiken einschränken. Das könnte sich für die betroffenen belarussischen Betriebe vorübergehend in finanziellen Einbußen niederschlagen, längerfristigen Auswirkungen werden jedoch nicht erwartet.

 

Wie wird sich aus Ihrer Sicht Belarus weiterentwickeln?

Langfristig gesehen hat sich aufgrund der ungünstigen Entwicklungen des Jahres 2020 für Belarus nichts geändert. Das Rechtssystem und die Institutionen wurden jahrelang reformiert und sind heute liberaler und transparenter denn je. Die jüngsten Gesetzgebungsentwicklungen verdeutlichen die guten Chancen des Landes, den Kurs beizubehalten.

Russland bleibt für Belarus der wichtigste Handelspartner. Das schafft eine gewisse Abhängigkeit für den belarussischen Realsektor und setzt sein Wachstum in Relation zum Wachstum der russischen Wirtschaft und der russischen Industriepolitik. Trotz der bestehenden gegenseitigen EU-Russland-Sanktionen wird Belarus von europäischen Unternehmen als „Goldenes Tor” in die Russische Föderation gesehen.

Die Erfolgsgeschichte der belarussischen Informationstechnologie (IT) zeigt das hohe Potenzial der postindu­striellen Privatwirtschaft des Landes. Der IT-Sektor macht in Belarus mehr als 5 Prozent des BIP aus und beweist in der Krise eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit.

Enormer Investitionsbedarf in vielen Branchen führt zu einer kontinuierlich hohen Nachfrage nach entsprechen­den Produkten und Technologien aus dem Westen. Insgesamt erwarten wir, dass Belarus in bestimmten Bereichen ein überaus attraktiver und spannender Geschäfts- und Investitionsstandort für deutsche Investoren und sonstige Unternehmer bleiben wird, aber auch ein herausfordernder und mit gewissen – jedoch meist beherrschbaren – Risiken und Unwägbarkeiten behafteter Standort.

 Kulturelle Besonderheiten in Belarus

Kontakt

Contact Person Picture

Tobias Kohler

Rechtsanwalt

Partner

+370 5 2123 590
+370 5 2791 514

Anfrage senden

 Wir beraten Sie gern!

 Unternehmer­briefing

Kein Themen­special verpas­sen mit unserem Newsletter!

Deutschland Weltweit Search Menu