Erfolgreich investieren in Österreich

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zuletzt aktualisiert am 27. Mai 2020 | Lesedauer ca. 4 Minuten


 

 

​​​Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Österreich ein?

Nach einem erfreulichen Start in das Jahr 2020, wird aktuell ein scharfer aber kurzer Konjunktureinbruch – verursacht durch einen simultanen Angebots- und Nachfrageschock – erwartet. Zur Linderung der Effekte auf Betriebe schnürte die Regierung im März zwei Hilfspakete mit einem Gesamtvolumen von 38 Mrd. Euro – verbunden mit der Ankündigung bei Bedarf weitere Gelder freizumachen. Angebotsseitig sind Branchen mit einem hohen Anteil von internationalen Wertschöpfungs­ketten betroffen, die durch die internationale Dimension der Corona-Krise besonders betroffen sind. Hohe Anteile importierter Vorleistungen weisen die für Österreich bedeutenden Branchen Automobilzu­lieferung und -herstellung sowie die chemische Industrie auf.

Von Nachfragerückgängen sind v.a. die Branchen Beherbergung und Gastronomie, persönliche Dienst­leistungen sowie Reise- und Tourismusunternehmen als auch der Einzelhandel stark betroffen. Ferner sehen sich Hersteller von Möbeln, Textilien und Schuhen aufgrund von Schließungen im Einzelhandel mit Absatzproblemen konfrontiert.

Österreich hat rasch reagiert und durch frühzeitige Containment-Maßnahmen einen deutlichen Rück­gang von Neuinfektionen herbeigeführt. Daher war es möglich, als eines der ersten Länder Europas erste Lockerungen der Maßnahmen zu beschließen. Schrittweise sollen die Beschränkungen für Handel, Gastronomie und die für Österreich besonders wichtige Branche Tourismus gelockert werden. Das wird bereits 2020 zu einer Belebung der wirtschaftlichen Aktivitäten mit entsprechend positiven gesamtwirtschaftliche Auswirkungen führen.

2020 wird aber auch mit einem erheblichen Rückgang der Wirtschaftsleistung gerechnet. Im kommen­den Jahr ist deutlicher Rebound und ein hohes Wirtschaftswachstum zu erwarten, von dem insbesondere Branchen mit hohem Nachholbedarf profitieren werden. Bereits Ende 2021 wird nach aktueller Einschätzung wieder ein BIP auf Vorkrisenniveau erreicht werden und Österreich wieder auf einen stetigen Wachstumspfad zurückkehren.

Geringes Eigenkapital und schmale Liquiditätsreserven stellen manche Branchen und junge Unter­nehmen vor Herausforderungen, bieten aber auch große Chancen für Investoren, die sich mit Risikobereitschaft an vielversprechenden Unternehmen beteiligen möchten.

Wie würden Sie das Investitionsklima in Österreich beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Das Investitionsklima in Österreich ist derzeit wenig erfreulich. Die erhebliche Einschränkung des wirt­schaft­lichen Lebens erhöht die Unsicherheit für die Unternehmen und führt zu einem prognostizieren Rückgang der Investitionstätigkeit um 50 Prozent, wobei der erhöhte Staatskonsum die Effekte lindern kann.

Der Ausblick auf das kommende Jahr verspricht eine deutliche Belebung der Konjunktur. Von Nachhol­effekten werden nach unserer Einschätzung insbesondere die Baubranche und die Automobilindustrie profitieren.

Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Österreich gegenüber?

Deutsche Unternehmer sehen sich bei einem Engagement in Österreich i.d.R. mit keinen außergewöhn­lichen Herausforderungen konfrontiert. Selbstverständlich gibt es Unterschiede, doch die sind eher von unter­geordneter Bedeutung und spielen meist nur eine geringe Rolle. Aufgrund der gemeinsamen Sprache sowie der geographischen Nähe sind viele Abläufe ähnlich – auch im Steuerrecht. Das Steuer-, Gesellschafts- und Handelsrecht stimmt systematisch in großen Teilen mit dem deutschen überein, sodass keine großen Überraschungen zu erwarten sind.

Sichere und stabile wirtschaftliche Bedingungen in Österreich machen ein Engagement für deutsche Unter­nehmen überschau- und planbar. Negative Überraschungen sind jedoch immer wieder im Bereich des Gewerberechts und der Betriebsanlagengenehmigung festzustellen. Das oft propagierte one-stop-shop-Prinzip bei der Gründung und Eröffnung eines Gewerbebetriebes lässt sich in der Praxis nicht immer umsetzen. Die vorherige Bundesregierung hat 2018 erste Vereinfach¬ungen für Großprojekte auf den Weg gebracht (Stich­wort: Umweltverträglichkeitsprüfungen für Verkehrsprojekte); von einer allgemeinen Verbesserung und Entbürokratisierung kann jedoch noch nicht gesprochen werden. Auch die aktuelle Bundesregierung beabsichtigt Maßnahmen umzusetzen, wobei sie aus aktuellem Anlass nicht im Fokus stehen.

Wie wirkt sich die schwarz-grüne Regierung in Österreich auf die Wirtschaft aus?

Die schwarz-grüne – bzw. nach österreichischer Farbdefinition türkis-grüne – Regierung wurde Anfang des Jahres 2020 angelobt. Im Regierungsprogramm finden sich zahlreiche Vorhaben, eine Entlastung der Bürger und Unternehmen herbeizuführen. So soll der Einkommensteuertarif gesenkt werden, woraus eine Steuer­entlastung von bis zu 1.500 Euro und Steuerzahler p.a. resultiert. Ferner ist paktiert, den Körperschaft­steuersatz von derzeit 25 Prozent auf den europäischen Durchschnittssatz von 21 Prozent zu reduzieren. Die Gewerbesteuer wird in Österreich nicht erhoben. Weiterhin auf der Agenda steht eine große Reform des Einkommensteuergesetzes, das bereits die Vorgängerregierung in Angriff genommen hat.

Zu erwarten war, dass die grüne Regierungshälfte eine ökosoziale Steuerreform fordern wird. In dem Zusammenhang finden sich Maßnahmen im Regierungsprogramm, die zu einem CO2-Lenkungseffekt führen sollen. Das beinhaltet eine Anpassung der Flugticketabgabe, eine Ökologisierung der PKW- und LKW-Abgaben sowie eine Veränderung des Dienstwagenprivilegs als auch insgesamt stärkere Anreize für CO2-effiziente Fahrzeuge. Ferner sollen sog. „Green Bonds” sollen von der Kapitalertragssteuer befreit und die Familienförderung soll ausgeweitet werden.

Dezidiertes Ziel der aktuellen Bundesregierung ist, dass die Alpenrepublik bis zum Jahr 2040 die Klima­neu­tra­lität erreichen soll, um damit Vorreiter in Europa werden. Binnen zehn Jahren soll die gesamte Elektrizität aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden, wozu auch die Photovoltaik-Initiative (das „1-Millionen-Dächer-Photovoltaik-Programm”) beitragen soll.

Die Digitalisierung und der digitale Datenaustausch im Bereich der Finanzverwaltung sollen weiter voran­getrieben werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Regierung trotz aktueller Herausforderungen und einem hohen Budgetdefizit im laufenden Kalenderjahr insbesondere an den Plänen zur Abgabenent­lastung festhalten wird.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht Österreich weiterentwickeln?

Die positive Entwicklung zum Auftakt des Jahres, die eine Stabilisierung der Konjunktur nach der Wachstums­verlangsamung 2019 auf 1,6 Prozent signalisierten, sind passé. Die österreichische Wirtschaft hat im 2. Quartal 2020 erhebliche Einbußen zu verkraften. Die wichtigsten Vertrauensindi­katoren entwickeln sich stark rückläufig. Die größten Nachteile betreffen jene Branchen, die ihre Betriebstätigkeit einstellen mussten, wie z.B. persönliche Dienstleister, die Beherbergungs- und Verpflegungsbetriebe, die Kultur- und Sportveranstalter und zahlreiche Einzelhandelsbetriebe. Weiter sind Umsatzausfälle in Bereichen zu verzeichnen, deren Nachfrage aufgrund der eingeschränkten Ausgangsmöglichkeiten und Reisefreiheiten verloren gehen. Das betrifft Transportunternehmen und Reisebüros, die ebenfalls kaum von Nachholeffekten in den kommenden Monaten profitieren werden. Positive Auswirkungen durch Nachholeffekte erwarten wir hingegen in der Automobilindustrie.

Das attraktive österreichische Kurzarbeitsmodell sowie zahlreiche Maßnahmen zur Sicherung der Liquidität für betroffene Unternehmer können sehr stark negative Auswirkungen auf den österreichischen Arbeitsmarkt mindern; die Arbeitslosigkeitsquote wird sich voraussichtlich jedoch nur langsam verbessern. Für das kommende Jahr wird mit 8 Prozent eine Arbeitslosenzahl erwartet, die über dem Vorkrisen-Niveau liegt.

Die Aussichten für das kommende Jahr sind aufgrund des erwarteten Rebounds deutlich positiver – Experten erwarten überwiegend einen V-förmigen Konjunkturverlauf. Dem starken Einbruch ab März sollte eine kräftige Wachstumsphase in der 2. Jahreshälfte 2020 folgen. Auch für 2021 ist mit einem hohen Wirtschaftswachstum zu rechnen.

Kontakt

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Prof. Dr. Peter Bömelburg

Diplom-Kaufmann, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater

Geschäftsführender Partner

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