Erfolgreich investieren in der Schweiz

PrintMailRate-it

zuletzt aktualisiert am 27. Mai 2020 | Lesedauer ca. 3 Minuten


 

 

​Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in der Schweiz ein?

2019 ist in der Schweiz mit einer Bevölkerung von knapp 8,57 Mio. ein kaufkraftbereinigtes BIP von 70.500 US-Dollar pro Kopf erzielt worden, was den internationalen Spitzenwert darstellt (Deutschland: 55.600/USA: 65.000). Das BIP wuchs 2019 gegenüber dem Vorjahr allerdings nur um moderate 0,9 Prozent (Euroraum 1,2 Prozent). Dazu trug 2019 v.a. der Industriesektor bei. Anders als im Vorjahr schwächte der Dienstleistungssektor das Wachstum ab. Namenhafte Wachstumsbeiträge kamen analog der letzten Jahre von der chemischpharmazeutischen Branche.
 
Erneut positiv zeigte sich der Außenhandel mit Waren [1], der 2019 wiederum ein Allzeithoch erreichte. Die Zunahme fiel im Vergleich zum Vorjahr etwas schwächer aus. Die Exporte stiegen um 3,9 Prozent auf 242 Mrd. Schweizer Franken (Vorjahr: + 5,7 Prozent). Die Importe stiegen nach einem sehr starken Vorjahr (+ 8,7 Prozent) um 1,6 Prozent auf 205 Mrd. Schweizer Franken. Der Handelsbilanzüberschuss erreichte mit 37 Mrd. Schweizer Franken wiederum eine beachtliche Höhe. Wie üblich ist das größtenteils auf die chemischen und pharmazeutischen Erzeugnisse zurückzuführen, bei denen die Schweiz über 63 Mrd. Schweizer Franken Überschuss erzielte (Vorjahr: 55 Mrd. Schweizer Franken). Nach einigen Jahren mit starken Zuwächsen befindet sich der Außenhandel mit Dienstleistungen dagegen in einer Konsolidierungsphase.
 
Bedingt durch die aktuelle Ungewissheit, ist eine Prognose für das BIP 2020 aktuell kaum abschätzbar und alle ursprünglichen Prognosen wurden korrigiert. Die Expertengruppe des Bundes schätzt aktuell (Stand April 2020) unter der Voraussetzung, dass sich die epidemiologische Lage stabilisiert, einen Rückgang um signifikante 6,7 Prozent. Die wichtige Rolle der Pharmabranche und deren Beständigkeit dürften dem Negativtrend etwas entgegenwirken.
 
Seit Mitte 2016 gehen die Arbeitslosenzahlen wieder zurück – und zwar immer rascher. Ende Dezember 2019 waren auf saison- und zufallsbereinigter Basis noch insg. knapp 193.000 Personen zur Stellensuche gemeldet, das waren noch einmal knapp 5.000 weniger als in der Vergleichsperiode 2018. Die Arbeitslosenquote lag mit 2,5 Prozent erneut 0,1 Prozentpunkte unter dem Vorjahr. Der aktuelle Anstieg der Arbeitslosenzahlen ist der benannten Unsicherheit geschuldet– es ist nicht absehbar, wie schnell sich der Arbeitsmarkt davon erholen kann.
  

Wie würden Sie das Investitionsklima in der Schweiz beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Aktuell ist durch die Corona-Krise gesamtwirtschaftlich von einer schwächeren Konjunkturlage für die kommenden Monate auszugehen. Durch die Abhängigkeit von den Exporten nach Deutschland und in andere Euro-Länder, deren Wachstumsraten ebenfalls teils signifikant zurückgingen, halten sich auch Schweizer Unternehmen bei langfristigen Investitionen eher zurück. V.a. im Verarbeitenden Gewerbe, das stark vom Export abhängig ist, ist die Stimmung trüb. Wie bereits erwähnt, halten jedoch andere Branchen, wie die Pharma- und Chemiebranche, dem etwas entgegen.

Ein ausschlaggebender Faktor für Schweizer Exporte wird in 2020 insbesondere auch der Frankenkurs sein. Zusammen mit sinkenden Aufträgen wäre die weitere Aufwertung des Franken für einige Branchen verheerend.  
 
Weiterhin ist aber zu vermelden, dass das ressourcenarme Land für Herausforderungen, die sich durch die Digital­isierung ergeben, ausgezeichnet positioniert ist. Das Internet der Dinge ermöglicht neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, die zunehmend zum Einsatz kommen werden – eine Chance für den Standort Schweiz, der nicht durch unnötige Regulierungen beeinträchtigt wird. Des Weiteren haben Pharma, Chemie, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Ingenieurwesen nach wie vor grundsätzlich großes Potenzial, während die Uhrenindustrie und Finanzdienstleistungen weiter zu kämpfen haben werden.
  

Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in der Schweiz gegenüber?

Die größte Herausforderung bildet die Rekrutierung ausgewiesener Fachkräfte. Insbesondere durch den bevor­stehenden demografischen Wandel und der damit verbundenen baldigen Pensionierung vieler Fachkräfte, muss die Schweiz einen Weg finden, die Lücke zu schließen. V.a. aber stellen die schleppend verlaufenden Verhandlungen mit der EU zum gemeinsamen Rahmenabkommen schwierig abzuschätzende Unsicherheiten dar. In Anbetracht der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Stabilität sollten die Hindernisse jedoch nicht von einem Engagement in der Schweiz abhalten.

Aus der Praxis ist zu bemerken, dass Themen im Zusammenhang mit grenzüberschreitenden Tätigkeiten – sowohl mit den sehr restriktiven Meldepflichten und Mindestlohnanforderungen – als auch den umsatzsteuerlichen Unterschieden zwischen der EU und dem Schweizer Zollgebiet (das z.B. auch Liechtenstein beinhaltet) vertieft abgeklärt werden sollten.

Inwiefern ist die Bezeichnung Crypto Valley für die Schweiz gerechtfertigt?

Durch die geographische Lage, wirtschaftsfreundliche Gesetzgebung, einfache Kapitalbeschaffung und insbeson­dere einen dezentral organisierten Staat, kann sich die Schweiz und v.a. Zug als attraktiver Standort für Blockchain-Unternehmen hervorheben. Speziell zu erwähnen ist, dass die FINMA im Februar 2018 als weltweit erste Finanzmarktaufsicht eine Wegleitung vorgelegt hat, wie sie ICOs finanzmarktrechtlich behandelt – nach Ansicht vieler Beteiligter eine sehr technologieaffine Auslegung. Ebenfalls bemüht sich der Kanton und die Stadt Zug aktiv um diesen Geschäftsbereich. Bis Ende 2019 haben sich bereits über 800 Unternehmen, darunter Ethereum, Bitmain, Dfinity und Cardano, in der Schweiz angesiedelt. Neu ab 2019 ließ sich die Libra Association, die die Komplementärwährung Libra (zuvor FacebookCoin) 2020 auf den Markt bringen will, in Genf nieder. Die 50 größten Unternehmen haben dabei einen Marktwert von über 20 Mrd. Schweizer Franken. Somit erscheint die Bezeichnung Crypto Valley, die eine Anspielung auf das Silicon Valley darstellt, durchaus gerechtfertigt. Der Bundesrat erkannte, dass die Rechtssicherheit in dem Gebiet weiter erhöht werden muss und startete im Frühjahr 2019 eine Konsultation zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Blockchain bzw. Distributed-Ledger-Technologie.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht die Schweiz weiterentwickeln?

Die Schweiz wird als Wirtschafts- und Bildungsstandort nach wie vor ihre Attraktivität beibehalten und ihre Rolle als „Innovationsweltmeister” durch technischen Fortschritt aufrechterhalten. Unterstützt durch eine grundsätzlich wirtschaftsfreundliche Politik ist davon auszugehen, dass die Schweiz auch nach der Corona-Krise damit ein bevorzugtes Ziel ausländischer Investoren sein wird. Das Ziel dürfte auch der Bundesrat vor Augen haben, der aktuell dabei ist, das Land mit gewohnt schweizerischem Augenmaß und risikoorientiertem Pragmatismus durch und aus der Krise zu führen.

 



[1] Ohne Edelmetalle, Edel- und Schmucksteine, Kunstgegenstände und Antiquitäten

 Aus den Themenspecials

Kontakt

Contact Person Picture

Sebastian Repetz

Dipl. Wirtschaftsprüfer (Schweiz), Geschäftsführer Niederlassung Schweiz

Partner

+41 44 749 55 45

Anfrage senden

 Wir beraten Sie gern!

 Artikelserie

 Forum Global

 Unternehmer­briefing

Kein Themen­special verpas­sen mit unserem Newsletter!

Um die Website zu personalisieren und Ihnen den größten Mehrwert zu bieten, verwenden wir Cookies. Unter anderem dienen sie der Analyse des Nutzerverhaltens, um herauszufinden wie wir die Website für Sie verbessern können. Durch Nutzung der Website stimmen Sie ihrem Einsatz zu. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Deutschland Weltweit Search Menu