Erfolgreich investieren in Vietnam

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zuletzt aktualisiert am 9. Mai 2022 | Lesedauer ca. 5 Minuten


 

 

​​​​​Wie beurteilen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Vietnam?

Die Sozialistische Republik Vietnam hat in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten ein ebenso rasantes wie bemerkenswertes wirtschaftliches Wachstum erlebt; eine Entwicklung, die mit der wirtschaftlichen und poli­tischen Reform "Doi Moi" von 1986 begann. Seitdem hat die Umstellung der Wirtschaft im Anschluss an "Doi Moi" zu einem beeindruckenden Wachstum mit sich kontinuierlich positiv entwickelnden Wirtschaftsindikatoren in Vietnam geführt.

In den letzten Jahren hat sich Vietnam dank seines starken jährlichen Wirtschaftswachstums zu einem viel­ver­sprechenden Ziel für viele regionale und internationale Investoren entwickelt. Vor der Covid-19-Pandemie lag das jährliche Wachstum im Durchschnitt zwischen 5 und 7 Prozent. Grundlegende Faktoren, die zu diesem Fort­schritt beitragen, sind ein stabiles politisches System, eine junge und dynamische Erwerbsbevölkerung, niedrige Löhne und eine wachsende Mittelschicht.

Trotz der erheblichen Auswirkungen der beispiellosen und andauernden Covid-19-Pandemie zählte Vietnam zu den wenigen Ländern, die ein positives BIP-Wachstum verzeichneten, während die meisten Volkswirtschaften unter den Druck der Pandemie gerieten. Trotz der unvermeidlichen Rückschläge im Jahr 2020 blieb Vietnam Südostasiens Wachstumsführer, da es als einziges Land der ASEAN im selben Jahr ein positives Wirtschafts­wachstum von 2,91 Prozent und 2,58 Prozent im Jahr 2021 erzielte. 

Nach Angaben des Allgemeinen Statistikamtes wird das vietnamesische BIP-Wachstum im ersten Quartal 2022 voraussichtlich um 5,03 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum steigen. Die Weltbank prognostiziert für das Jahr 2022 ein BIP-Wachstum von 5,5 Prozent.

Wie würden Sie das Investitionsklima in Vietnam beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Seit dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation im Jahr 2007 wurden die vietnamesischen Märkte in vielen Sektoren für ausländische Investoren geöffnet. Gleichzeitig hat die Regierung verschiedene Maßnahmen zur Erleichterung der Geschäftsbedingungen und zur Verringerung des Verwaltungsaufwands ergriffen. Darüber hinaus hat Vietnam mehrere neue Freihandelsabkommen abgeschlossen, wie das Freihandelsabkommen zwi­schen der EU und Vietnam und das Freihandelsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und Vietnam, die die Handelsströme ankurbeln, und attraktive und sichere Bedingungen für geschäftliche Unternehmungen im Land schaffen sollen.
 
Ausländische Investitionen in Vietnam sind weitgehend offen und liberalisiert, abgesehen von sehr begrenzten Bereichen, die Beschränkungen für ausländische Investitionen unterliegen (z. B. Finanzdienstleistungen, be­stimmte Aspekte der Logistik, Telekommunikation und Versorgungsunternehmen). Die liberale Marktwirtschaft Vietnams birgt ein großes Potenzial für ausländische Investoren, insbesondere in den Bereichen verarbeitendes Gewerbe, erneuerbare Energien, High-Tech und IT, wobei für letztere attraktive Steueranreize gelten. Auch der vietnamesische Binnenmarkt bietet mit seiner schnell wachsenden Mittelschicht und einer hohen Zahl von Verbrauchern eine gute Basis für ausländische Investoren. Der Fokus auf traditionelle landwirtschaftliche und arbeitsintensive Industrien, wie z.B. Textilien und Holz, ist zwar noch vorhanden, verlagert sich aber derzeit. Erneuerbare Energien sind in Vietnam noch sehr unterentwickelt und bieten gute Möglichkeiten - eine Tat­sa­che, die von der Regierung des Landes erkannt wurde und nun proaktiv versucht, Investitionen in diesem Bereich anzuziehen.

Direkte Auslandsinvestitionen waren eine wichtige treibende Kraft und ein weiteres Beispiel für das insgesamt erfolgreiche Management der Pandemie in Vietnam. Im Dezember 2021 gab das Ministerium für Planung und Investitionen bekannt, dass das Wirtschaftswachstum durch ein Gesamtkapital von 19,74 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen angekurbelt wurde. 

Die sichere und stabile Lage Vietnams zog ausländische Direktinvestitionen aus 106 Ländern und Regionen an. Mit 10,7 Mrd. US-Dollar investierten Kapitals übertrafen Unternehmen aus Singapur sogar Südkorea mit einem Investitionsvolumen von 5 Mrd. US-Dollar.  

Der produzierende und verarbeitende Sektor führte das Wachstum mit einem Investitionskapital von 18,1 Mrd. US-Dollar an, was 58,2 Prozent des gesamten registrierten Investitionskapitals entspricht. 

Der Erfolg Vietnams bei der Anwerbung ausländischer Investitionen lässt sich jedoch auch an den Anstren­gungen messen, die zur Verbesserung des Investitionsklimas unternommen wurden. In der Tat haben die An­rei­ze der Regierung zur Unterstützung der Industrien bei der Lieferkettenoptimierung eine wachsende Zahl von Firmen erfolgreich dazu gebracht, ihre Produktionsstätten nach Vietnam zu verlagern. Ein solcher Ansatz steht im Einklang mit wirksamen Schritten zur Überarbeitung des Gesetzes über die Körperschaftssteuer, um Anreize nicht nur für neue Investitionsprojekte, sondern auch für Investitionserweiterungen zu schaffen. 

Vor wel­chen Her­aus­for­de­run­gen ste­hen deut­sche Un­ter­neh­men bei ih­ren Ge­schäfts­rei­sen nach Viet­nam?

Laut der Delegation der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Vietnam (AHK Vietnam) ist Vietnam für Deutschland einer der wichtigsten ASEAN-Handelspartner in der Europäischen Union. Mit mehr als 500 deut­schen Unternehmen im Land wird das Land bis Ende 2021 ein Gesamtinvestitionsvolumen von 2,3 Milliarden US-Dollar erreichen.  

Deutsche Unternehmen, die in Vietnam tätig sind, sehen sich immer noch mit einer Reihe von Heraus­for­­de­run­gen konfrontiert: von infrastrukturellen Problemen, wie dem unterentwickelten Straßennetz, bis hin zu intra­ns­parenten Verwaltungsentscheidungen. Widersprüchliche Gesetze und eine ineffiziente Bürokratie sind nach wie vor ernste Probleme, mit denen das Land zu kämpfen hat.

Das Land hat jedoch eine Reihe von Gesetzesreformen vorgenommen, um sich an Freihandelsabkommen, aber auch an aktuelle internationale Standards anzupassen. So wurden die Zollvorschriften erheblich reduziert, was dazu führte, dass der Korruptionsindex von Transparency International für Vietnam weiter auf Platz 87 ab­rutsch­te, einen der niedrigsten Werte in der Region. Für ausländische Investoren ist es somit möglich, alle ge­wünschten und notwendigen Verfahren auf transparente Weise durchzuführen und dabei, durch Vietnams wach­sendes Netz von Freihandelsabkommen, von einem schützenden Umfeld für ihre Investitionen zu profi­tie­ren.

Welche Chancen können sich für Vietnam angesichts der wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen ergeben?

Vietnam hat sich kontinuierlich zu einer attraktiven Option zur Diversifizierung der Lieferkette jenseits Chinas entwickelt. Chinas Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten führt zu erhöhten und unvorhersehbaren Zöllen auf breiter Front. Als Teil der China-Plus-One-Strategie bietet Vietnam eine kosteneffizientere und bere­chen­barere Handelsoption durch eine Vielzahl von Freihandelsabkommen, aber auch einen liberalen Marktzugang dank einer sich ständig weiterentwickelnden Wirtschaft. Die Unabhängigkeit Vietnams von lokalen Partnern führt außerdem zu einem starken, innovationsfreudigen Investitionsfluss.

Vietnam wird auch in Zukunft keine Alternative zu China sein, aber das Land wird sich weiterhin als wertvolle Diversifizierungsoption positionieren. Unter dem Gesichtspunkt des Risikomanagements sollte die Abhän­gig­keit der Lieferkette von einem Land wie China verringert werden, und Vietnam bietet die Gelegenheit dazu.

In jüngster Zeit hat der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der sich im Februar 2022 abzeichnete, zweifellos Schockwellen durch die ganze Welt geschickt. Es ist absehbar, dass die Folgen des Konflikts den Handel und die globalen Lieferketten erheblich beeinträchtigen werden. Dies kann jedoch auch Türen öffnen und Möglichkeiten für Vietnam schaffen, seinen Handel zu diversifizieren und neue Märkte zu erschließen. 

Wie wird sich Viet­nam Ih­rer Mei­nung nach ent­wi­ckeln?

Trotz spürbarer Defizite in den Bereichen Gesetzgebung, Regularien, Bürokratie, Korruption, interne Prozesse und Infrastruktur entwickelt sich Vietnam weiterhin positiv. Gestützt auf einen stabilen und berechenbaren politischen Rahmen werden die Defizite schrittweise abgebaut, um das Land noch attraktiver zu machen – ins­besondere für ausländische Investoren.

Vietnam wird weiterhin hart an der Entwicklung seiner Industrie und an der Modernisierung, Effektivität und Nachhaltigkeit des Landes arbeiten, um eine höhere Wettbewerbsfähigkeit als stabile Basis einer Industrie­nation zu schaffen. Das Land wird in der Lage sein, die Möglichkeiten der unterzeichneten Freihandels­abkom­men auszuschöpfen und zu nutzen, um Handelsschranken zu beseitigen, was wiederum die heimischen export­orientierten Industrien unterstützen und somit neue und zusätzliche Möglichkeiten für Handel und auslän­di­sche Direktinvestitionen eröffnen wird.

Einer der aktuellsten und innovativsten Sektoren ist der Energiesektor, nachdem der ASEAN-Aktionsplan für die Energiekooperation Phase II umgesetzt wurde, in dem sich die südostasiatischen Länder verpflichtet haben, bis 2025 einen Anteil von 23 Prozent an erneuerbaren Energien zu erreichen. Es liegt auf der Hand, dass ein zunehmender Bedarf an Investitionen in erneuerbare Energiekapazitäten und in Stromnetze besteht, um die für die Integration erneuerbarer Energien erforderliche Flexibilität zu ermöglichen. 

Vietnam ist ein idealer Ort, um in solche fortschrittlichen Technologien zu investieren, da derzeit eine Verla­ge­rung von der ASEAN-geführten regionalen Infrastruktur hin zur nationalen Umsetzung von Programmen statt­findet, wobei je nach Land unterschiedliche Modelle zur Gewinnung privater Investitionen zum Einsatz kommen (z. B. langfristige Konzessionen, Bau-, Betriebs- und Übertragungsverträge usw.). Vietnam ist im ASEAN-Sektor führend bei Investitionen in saubere Energie (34 Prozent der ASEAN-Investitionen im Jahr 2021) und plant die Installation von mehr als 13 GW neuer erneuerbarer Energie aus Projekten (50 GW Kapazität aus Wind- und Solarenergie für 2030 geplant).

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