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Die Kunst des Übersetzens fachlicher Texte oder: Welche Eigenschaften einen guten Fachübersetzer ausmachen

PrintMailRate-it

veröffentlicht am 22. Februar 2022 | Lesedauer ca. 3 Minuten

von Eva-Maria Maciążek

          

Bei der Vorbereitung dieses Artikels bin ich auf zwei Sprichworte gestoßen, die mich inspiriert haben. Da ist zunächst der spanische Übersetzer Miguel Sáenz Sagaseta de Ilúrdoz, der feststellte: „Wenn der Übersetzer seine Arbeit so macht, wie er sollte, ist er ein Wohltäter der Menschheit; ansonsten ist er ein wahrer Staatsfeind."

 

Das sagt viel über die Verantwortung des Übersetzers und den Einfluss aus, den eine gute oder eben schlechte Übersetzung haben kann. Was aber zeichnet einen „Wohltäter" aus? Hierzu bemerkt Günter Grass: „Bei der Übersetzung wird alles so transformiert, dass sich nichts verändert."

    

    

Hier springt zum einen ins Auge, dass sich nichts verändern soll. Das erscheint logisch, denn Aufgabe des Fachübersetzers ist es in erster Linie, die Worte eines anderen wiederzugeben. Der Übersetzer darf also nicht seine Kreativität über die des Autors stellen, indem er bei der Übersetzung großzügig Ergänzungen und Umformulierungen vornimmt und so letztlich dem Leser seine eigene Überarbeitung des Ausgangstextes vermittelt. Ebenso schädlich ist ungenaues Arbeiten, in dessen Folge für das Verständnis wichtige Aspekte des Ausgangstextes weggelassen werden, was ebenfalls die Botschaft des Autors verfälscht. Eine wichtige Eigenschaft ist somit genaues und präzises Arbeiten, um möglichst wortgetreu (nicht zu verwechseln mit wortwörtlich), das zu übermitteln, was der Autor sagen wollte.

 

Andererseits darf der Übersetzer auch nicht zu sehr dem Ausgangstext verhaftet sein. Dies kann dazu führen, dass der Text in der Zielsprache unverständlich wird. Was uns zum zweiten im Zitat von Günter Grass angesprochenen Aspekt des Übersetzens führt, der Transformation. Der Text des Autors wird von einer Sprache in die andere transportiert, mithin notwendigerweise verändert. Es darf aber nicht zu viel und nicht das Falsche sein, damit eben die Botschaft des Autors nicht angetastet wird. Die zwei Pole des Zitats von Günter Grass bringen das Dilemma des Übersetzers und damit zugleich die Kompetenz eines guten Fachübersetzers auf den Punkt: Er muss einerseits die charakteristischen Eigenschaften des Ausgangstextes bewahren können, während er ihn andererseits an die jeweilige Sprache und Kultur anpasst, so dass die Botschaft des Autors den Leser der Übersetzung so erreicht, als ob keine Übersetzung stattgefunden hätte.

 

Welcher weiteren Eigenschaften neben akkuratem Arbeiten bedarf es hierfür? Der Fachübersetzer muss erkennen, was relevant ist, und was in der Zielsprache weggelassen werden kann oder sogar muss, damit der Text verständlich ist und die Botschaft des Autors beim Leser ankommt. Dies setzt analytische Fähigkeiten voraus. Dabei handelt es sich selbstverständlich nicht um konkrete Inhalte, sondern um Stilistik und Ausdrucksweise. Ein einfaches Beispiel ist die sog. doppelte Verneinung, die es in vielen Sprache gibt und deren Übernahme ins Deutsche fehl am Platze wäre. Ähnlich verhält es sich mit den in der englischen Rechtssprache gern verwendeten Verdopplungen und Verdreifachungen, die der größtmöglichen Präzisierung dienen, aber für den deutschen Leser irritierend wären („any and all", „due and payable", „final and conclusive", um nur einige zu nennen). Oft ist es schwierig, in der Zielsprache genau das Pendant zu finden, das benötigt wird, um die Aussage des Textes zu transportieren. Hier sind Beharrlichkeit und Kreativität sowie Liebe zur Sprache gefragt, denn oft muss man lange das Internet durchforsten, um auf eine Quelle zu stoßen, die für den gegebenen Kontext passend ist. Manchmal gibt es in der Zielsprache auch überhaupt keine Entsprechung des gesuchten Wortes. Dann ist es Sache des Übersetzers, mit möglichst wenigen Worten eine treffende Umschreibung zu finden.

  

Ein guter Fachübersetzer fühlt sich mitverantwortlich für das Endprodukt, zu dem er durch die Erstellung der Übersetzung beiträgt. Aus dieser Einstellung ergibt sich zwangsläufig, dass sich ein guter Übersetzer nicht mit der Wort-für Wort-Übertragung des Ausgangstextes zufrieden gibt. Er wird die Worte überlegt auswählen und sich konstruktiv in die Übersetzung einbringen, um jede wichtige Nuance des Ausgangstextes zu erfassen und wiederzugeben. Bei Unklarheiten wird er – wenn möglich - Rücksprache mit dem Autor halten und auf zweifelhafte Formulierungen hinweisen. Dies wiederum setzt voraus, dass der Übersetzer neben linguistischer Begabung über das notwendige fachliche Wissen in den Spezialgebieten, verfügt, für die er sich bereit erklärt, Übersetzungen anzufertigen. Nur wer weiß, wovon er spricht, kann treffsicher die Worte wählen und ggf. Sätze so umbauen, dass die Botschaft des Autors unverändert und verständlich beim Leser in der Zielsprache ankommt. Das Fachwissen des Übersetzers ist somit die Grundvoraussetzung für eine qualitativ hochwertige Übersetzung. Eine in einer Fachzeitschrift veröffentlichte Übersetzung eines Fachartikels  bspw. kann rasch zu einer peinlichen Angelegenheit für Autor und Übersetzer werden, wenn sie ohne Verwendung des in der betreffenden Branche üblichen Fachvokabulars verfasst wurde. Zwei grundlegende Eigenschaften eines guten Übersetzers sind daher auch Gewissenhaftigkeit und Vielseitigkeit. Ein guter Übersetzer gibt nur Übersetzungen ab, die inhaltlich gut recherchiert sind. Wenn er nicht über das erforderliche Fachvokabular in dem geforderten Spezialgebiet verfügt, ist es seine Aufgabe, sich dieses anzueignen, so dass das Endprodukt ohne weiteres dem Autor als Koryphäe auf seinem Gebiet zugerechnet werden kann.

  

Fügt man den beschriebenen Eigenschaften noch Offenheit für Neues, Hilfsbereitschaft, Diskretion, Zuverlässigkeit und Stressresistenz hinzu, so zeigt sich, dass das ganze Alphabet kaum ausreicht, um die Qualifikationen zu beschreiben, die einen Fachübersetzer zu einem Wohltäter machen.

 

Die Eigenschaften des Fachübersetzers von A bis Z

Analytische Fähigkeiten

Beharrlichkeit

Diskretion

Fachliches Wissen

Gewissenhaftigkeit

Hilfsbereitschaft

Konstruktives Denken

Kreativität

Liebe zur Sprache

Linguistische Begabung

Mitverantwortlichkeit für das Endprodukt

Offenheit für Neues

Präzises Arbeiten

Qualitätsbewusstsein

Blick für Relevanz

Stressresistenz

Treffsicherheit bei der Wortwahl

Überlegte Arbeitsweise

Vielseitigkeit

Wortgetreue Wiedergabe

Zuverlässigkeit

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