Die Abgabe der Steuererklärung: lästige Pflicht oder lukrative Chance?

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​zuletzt aktualisiert am 28. August 2019 | Lesedauer ca. 4 Minuten

 
Längst nicht alle Arbeitnehmer sind dazu verpflichtet, eine Steuererklärung abzugeben. In vielen Fällen wird die freiwillige Abgabe jedoch mit einer Steuererstattung belohnt. Die Pflicht zur Abgabe ist u.a. abhängig vom rechtlichen Status und der Einkommens­situation des Steuerpflichtigen.

 

 

 

Die Steuererklärung ist für viele Menschen eine lästige Pflicht. Absolut verständlich, allerdings muss nicht jeder überhaupt eine Steuererklärung beim Finanzamt abgeben. Im Folgenden erfahren Sie, unter welchen Um­ständen Sie zur Abgabe verpflichtet sind, und wann es sich lohnt, freiwillig eine Einkommensteuererklärung abzu­geben.

 

Der Gesetzgeber unterscheidet zwischen der Pflichtveranlagung, bei der aufgrund Ihrer steuerlichen Situation die Abgabe einer Einkommensteuererklärung erforderlich ist, und der Antragsveranlagung, bei der Sie freiwillig eine Steuererklärung abgeben und damit einen Antrag auf Veranlagung zur Einkommensteuer stellen.
 

Wann kann auf die Abgabe verzichtet werden?

Arbeitnehmer, die ausschließ­lich Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit beziehen, sind grds. von der Abgabe der Steuererklärung befreit. Das trifft auf die meisten Angestelltenverhältnisse zu. Die Lohnsteuer auf den Arbeitslohn wurde bereits als vorweggenommene Einkommensteuer vom Arbeitgeber einbehalten und an das Finanzamt abgeführt. Selbst wenn der Angestellte noch weitere Einkünfte hat (z.B. aus selbständiger Tätigkeit, Vermietung), so darf er auf die Abgabe einer Steuererklärung verzichten, solange die Einkünfte weniger als 410 Euro p.a. betragen. Anzumerken ist hier, dass sich der Betrag für unschädliche weitere Einkünfte bis zu jährlich 410 Euro bei Zusammenveranlagung von Ehegatten nicht verdoppelt.

 

Zusammenveranlagte Arbeitnehmer-Ehegatten müssen hingegen keine Steuererklärung abgeben, wenn z.B. beide das ganze Kalenderjahr nach den Steuerklassen IV/IV und ohne zusätzlichen Faktor besteuert wurden. Zu beachten ist in den Fällen, dass auch sonst keine Sachverhalte vorliegen dürfen, die zu einer Abgabepflicht führen. So kann z.B. ein Zweitjob ebenfalls zu einer Abgabepflicht führen.

 

Die Pflichtveranlagung: In diesen Fällen muss eine Steuererklärung abgegeben werden

Das Einkommensteuer­gesetz regelt, wer verpflichtet ist, eine Steuererklärung abzugeben.Sind Sie kein Arbeit­nehmer, sondern erzielen Einkünfte z.B. aus Gewerbebetrieb, selbstständiger oder freiberuflicher Arbeit, Ver­mietung und Verpachtung, Land- und Forstwirtschaft oder Renten, so besteht eine Pflicht zur Abgabe einer Ein­kommensteuerer­klärung, wenn der Gesamt­betrag der Einkünfte 9.000 Euro (2018) bzw. 9.168 Euro (2019) übersteigt. Bei zusammenveranlagten Ehegatten beträgt diese Grenze 18.000 Euro (2018) bzw. 18.336 Euro (2019).
 

Personen mit Lohnein­künften müssen dem Finanzamt eine Steuer­erklärung vorlegen, wenn z.B.

  • andere Einkünfte ohne Lohnsteuerabzug von jährlich mehr als 410 Euro vorliegen (s.o.);
  • Progressionseinkünfte von jährlich mehr als 410 Euro vorliegen (z.B. Arbeitslosen-, Kurzarbeiter- oder Elterngeld, ausländische Einkünfte);
  • mehrere Beschäftigungsverhältnisse nebeneinander bestanden, also nach Steuerklasse VI abgerechnet wurde;
  • beide Ehegatten Arbeitslohn bezogen haben und einer zumindest zeitweise nach der Steuerklasse V oder VI besteuert oder bei Steuerklasse IV der Faktor eingetragen wurde;
  • Freibeträge in Anspruch genommen wurden (z.B. Werbungskostenfreibeträge, Kinderfreibeträge; ausgenommen sind Freibeträge für behinderte Menschen oder Hinterbliebene) und der im Kalenderjahr insgesamt erzielte Arbeitslohn 11.600 Euro übersteigt;
  • einzeln veranlagte Eltern eine andere als die hälftige Aufteilung kinderbezogener Vergünstigungen beantragt haben;
  • ein Kennbuchstabe in der Lohnsteuerbescheinigung auf spezielle Fälle von Sonderzahlungen hinweist;
  • Sonderzahlungen vorliegen, ein Arbeitgeberwechsel stattfand und der neue Arbeitgeber die Vortragswerte aus dem alten Arbeitsverhältnis nicht berücksichtigt hat;
  • die bei der Lohnsteuerberechnung berücksichtigte Vorsorgepauschale höher ist als der gesetzlich mögliche Abzug für Vorsorgeaufwendungen und der im Kalenderjahr insgesamt erzielte Arbeitslohn 11.600 Euro übersteigt;
  • die Ehe geschieden wird oder ein Partner verstirbt und einer der Ehegatten im gleichen Jahr wieder heiratet;
  • auf der Lohnsteuerkarte ein im Ausland lebender Ehegatte eingetragen ist;
  • der Arbeitnehmer seinen Wohnsitz im Ausland hat, in Deutschland die unbeschränkte Steuerpflicht beantragt hat und für den Lohnsteuerabzugsmerkmale gebildet worden sind.

 

Steuerpflichtige mit Kapitaleinkünften sind verpflichtet, eine Einkommensteuererklärung zu erstellen, wenn z.B.

  • von Kapitaleinkünften keine Abgeltungssteuer einbehalten werden konnte und die Einkünfte über dem Sparer-Pauschbetrag (801 Euro) liegen,
  • Kapitaleinkünfte vorliegen, die nicht der Abgeltungsteuer, sondern der individuellen Einkommensteuer unterliegen. 

 

Wenn das Finanzamt zum 31. Dezember des Vorjahres einen verbleibenden Verlustvortrag festgestellt hat, müssen Sie im Folgejahr eine Einkommensteuererklärung abgeben. Auch wenn das Finanzamt zur Abgabe einer Steuererklärung auffordert, besteht eine Pflicht zur Abgabe der Steuererklärung. Dies trifft auch zu, wenn ansonsten keine Abgabepflicht bestehen würde.
 

Die Antragsveranlagung: Wann lohnt sich die freiwillige Abgabe einer Steuererklärung?

Wer von der Abgabe der Steuererklärung befreit ist, darf sich grds. zurücklehnen. Jedoch kann die freiwillige Abgabe einer Steuererklärung zu einer willkommenen Steuererstattung führen, so dass sich die lästige Arbeit (alternativ: die Beauftragung eines Steuerberaters) tatsächlich lohnen könnte!

Grund dafür ist, dass die individuellen (steuerrelevanten) Umstände z.B. des Arbeitnehmers in der Lohnab­rechnung oft nicht berücksichtigt werden. In der Konsequenz wird zu viel Lohnsteuer einbehalten, die bei einer Veranlagung zur Einkommensteuer vom Finanzamt erstattet werden würde.

Jedem Arbeitnehmer werden z.B. pauschal 1.000 Euro Werbungskosten für Aufwendungen zugestanden, die ihm im Rahmen seiner nicht­selbstständigen Tätigkeit entstehen (sog. „Werbungskostenpauschale”). Lohnens­­wert kann die Abgabe einer Steuer­erklärung sein, wenn seine tatsächlichen Werbungskosten höher sind.

 

Solche Werbungs­kosten sind z.B. Aufwendungen für

  • Fahrten zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte;
  • Arbeitsmittel (Fachliteratur, Hard- und Software, etc.);
  • Arbeitszimmer;
  • Beiträge zur Berufsrechtsschutzversicherung und zur Gewerkschaft;
  • Fortbildungen;
  • Dienstreisen;
  • Bewerbungen;
  • Umzug wegen Arbeitsplatzwechsel;
  • doppelte Haushaltsführung;
  • Telefon- und Internetkosten.

 

Oftmals akzeptiert das Finanzamt hier Pauschalen, so dass die aufwendige Ermitt­lung der einzelnen Beträge entfällt. Die steuer­senkenden Effekte von Sonderausgaben werden in der Regel nicht in der Lohn­abrechnung berücksichtigt.

 

Bei wem also bspw. 

  • Unterhaltsleistungen an den geschiedenen Partner;
  • Kinderbetreuungskosten;
  • Berufsausbildungskosten;
  • Spenden, Mitgliedsbeiträge oder
  • Vorsorgeaufwendungen wie Beiträge zu Lebensversicherungen, zum Riester- oder Rürup-Vertrag, zur Berufs­unfähigkeits-, Unfall-, Haftpflicht- oder der freiwilligen Kranken- und Pflegeversicherung

entstanden sind, könnte sich ebenfalls die Mühe lohnen, eine Einkommensteuererklärung abzugeben.

 

Im Jahr der Heirat kann eine Zusammenveranlagung der Ehegatten viel Geld sparen. Im sog. Ehegatten­splitting erreichen Sie, dass bei großen Einkommensunterscheiden zwischen den Partnern die gemeinsame Steuerlast niedriger ist als bei Einzelveranlagung der Partner. 

 

Sind im Kalenderjahr Aufwendungen für 

  • haushaltsnahe Beschäftigungsverhältnisse;
  • haushaltsnahe Dienstleistungen oder
  • Handwerkerleistungen

entstanden, so können diese im Rahmen einer Veran­lagung abgesetzt werden.

Auch im Rahmen der Kapitaleinkünfte sind zahlreiche Konstella­tionen denkbar, die die Abgabe einer Steuer­erklärung sinnvoll machen. Hat z.B. die Bank Kapitalertragsteuer einbehalten, weil kein (oder ein zu niedriger) Freistellungsauftrag gestellt wurde, kann diese in der Steuererklärung zurückgefordert werden. Ist der indivi­duelle Einkommensteuersatz niedriger, so kann beantragt werden, dass Kapitaleinkünfte, die über den Sparer­pauschbetrag hinausgehen, nicht dem Abgeltungssteuersatz (25 Prozent), sondern dem individuellen Steuer­satz unterworfen werden.
 

Abgabefristen

Wann muss bzw. wie lange darf die Einkommensteuererklärung beim Finanzamt abgegeben werden? Besteht die Pflicht zur Abgabe einer Einkommensteuererklärung, so endet die gesetzliche Abgabefrist am 31. Juli des Folge­­jahres. Wer die Frist nicht einhält, muss mit Verspätungszuschlägen rechnen. Wird die Steuererklärung von einem Steuerberater erstellt, so ist die Abgabe bis Ende Februar des zweiten Folgejahres zu erfolgen.

Bei freiwilliger Abgabe der Einkommensteuererklärung läuft eine 4-jährige Frist, die mit Ablauf des Steuerjahres beginnt.

Kontakt

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Nathalie Noder

Steuerberaterin

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