Wirtschaftsprognose für Deutschland 2022: Mehr Investitionen erwartet

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veröffentlicht am 9. Februar 2022 | Lesedauer ca. 4 Minuten

   

Die Corona-Pandemie beeinflusst die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland weiterhin. Es ist davon auszugehen, dass sich die im dritten und vierten Quartal 2021 verzeichnete konjunkturelle Abschwächung in Deutschland auch zum im 1. Quartal 2022 fortsetzen wird. Die von der deutschen Bundesregierung noch im Herbst 2021 prognostizierte kräftige wirtschaftliche Erholung mit einem Bruttoinlandsprodukt von 4,1 Prozent für diesen Jahresbeginn, wird vorerst nunmehr im Jahresverlauf 2022 (für das Sommerhalbjahr 2022) erwartet. Gleichwohl wird die deutsche Wirtschafts­aktivität voraussichtlich auch im 1. Quartal 2022 weiterhin von Unterbrechungen in den globalen Lieferketten (Lieferengpässe) sowie von der Corona-Pandemie beeinträchtigt sein. Die Materialknappheit auf den Weltmärkten hat seit dem Verlauf des Jahres 2021 nunmehr zu einer sinkenden Industrieproduktion geführt. 
   

  

 

Dennoch dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt (preisbereinigtes BIP) des Landes im Jahresverlauf wieder ansteigen. Laut der Jahresprojektion der deutschen Bundesregierung ist 2022 von einem Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent auszugehen. Die wirtschaftliche Leistung im Vorjahr betrug hingegen 2,8 Prozent. Allerdings setzt diese Prognose voraus, dass es gelingt, die seit Anfang Januar 2022 wieder stark ansteigenden Corona-Infektionszahlen ab dem Frühjahr 2022 wieder einzudämmen und mit zunehmender Impfquote die Pandemie zügig nachhaltig zu bekämpfen.

 

Zugleich wird erwartet, dass sich die fortwährenden Lieferengpässe allmählich auflösen, so dass die Industrieproduktion, die durch einen sehr hohen Auftragseingang gekennzeichnet ist, schließlich wieder ausgeweitet werden kann. Unter dieser Voraussetzung ist zu vermuten, dass die Unternehmen in Deutschland sodann verstärkt investieren werden.

 

Geschäftschancen für neue Märkte (Dekarbonisierung)

Notwendigen Investitionsbedarf gibt es in sehr vielen, vor allem neuen Geschäftsfeldern/Branchen, u.a. im Automobilsektor (Elektrofahrzeug/E-Mobilität) sowie bei Zukunftstechnologien. Für deutsche Unternehmen resultiert daraus die Chance, frühzeitig Technologien und Verfahren zu entwickeln, die zu einem wirksamen Klimaschutz beitragen könnten und die andere Länder ebenso benötigen. Das gilt v.a. für die Entwicklung moderner klimaneutraler Energie- und Klimatechnologien sowie für klimafreundliche Produkte im Zuge des Aufbaus einer nachhaltigen Wirtschaft in Deutschland (Reduzierung des CO2-Ausstoßes). Zudem sind noch zahlreiche ungenutzte Wirtschaftspotenziale in den Geschäftsfeldern Bioökonomie, nachhaltige Landnutzung, energetisches Bauen vorhanden, aber auch im Bereich der Digitalisierung, wo sich erheblicher Bedarf aufgestaut hat (Bürokratieabbau).  

 

Zusätzlichen Investitionsbedarf für deutsche Unternehmen gibt es in der Daten- und Plattformökonomie (internetbasierte Geschäftsmodelle), die für sie zahlreiche Möglichkeiten bieten, Prozesse zu beschleunigen sowie neue innovative Märkte zu erschließen. Dank seines attraktiven Standorts mit moderner industrieller Basis und hochmoderner Technik, ausgezeichneter Forschung und Entwicklung sowie hochinnovativen Unternehmen mit sehr gut ausgebildeten Fachkräften, eröffnet Deutschland beste Voraussetzungen für die vorstehend genannten Investitionen. Zugleich könnten demzufolge neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Deutsche Unternehmen könnten hierdurch ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter stärken und ausbauen. Die deutsche Bundesregierung zielt darauf ab, im Rahmen ihres Transformationsprozesses (die Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft in eine soziale ökologische Marktwirtschaft) die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote hierzulande deutlich zu erhöhen, indem private nachhaltige Investitionen durch günstige Rahmenbedingungen sowie weitere Investitionsanreize für Unternehmen in Deutschland angekurbelt werden sollen. Das eröffnet deutschen Unternehmen zugleich mittel- und langfristige Chancen, als „die Ausrüster der Welt" zu werden (CO2-neutrale Produktionsverfahren, klimafreundliche Produkte) und damit ihre Marktposition unter den führenden Industrienationen zu sichern und zu stärken. Das würde sich zudem vorteilhaft auf die europäischen Länder auswirken und Europa insgesamt nach vorne bringen (Hebelwirkung für die europäischen Länder).

 

Engpässe bei Vorleistungen schränken die Industrie noch stark ein

Der Corona-Lockdown in der Volksrepublik China, der neben den USA für Deutschland sehr bedeutender Absatzmarkt, könnte sich auf die deutschen Exporte  und damit auch auf die Wachstumsprognose Deutschlands als bedeutender Industrienation negativ auswirken. Der Export, der ein wichtiger Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft ist, dürfte noch einige Zeit von Logistikstörungen bzw. globalen Lieferengpässen bei Rohstoffen und Vorprodukten betroffen sein, die die weltweite Industrieproduktion und den globalen Welthandel ausbremsen.

 

Die anhaltenden Lieferkettenprobleme, ausgelöst durch Materialengpässe aufgrund fehlender wichtiger Vorprodukte, wie Stahl, Aluminium, Kupfer und Holz, u.a. für elektronische Geräte und Möbel, sowie mangelnder wichtiger Rohstoffe, wie Elektrokomponenten, Halbleiter, Mikrochips (u.a. für die Automobilindustrie), Bauteile, Computer- Chips und WLAN-Router für wichtige Industrien schränken die deutsche Wirtschaft weiterhin merklich ein. Das gilt vor allem für die verarbeitende Industrie, die ihre Produktion seither immer wieder zurückfahren musste. Eine weitere Folge sind steigende Preise sowie teils höhere Frachtkosten.

 

Hinzu kommen die nach wie vor ansteigenden Corona-Infektionszahlen seit Ausbruch der vierten Corona-Infektionswelle, die außerdem dazu geführt hat, dass die Umsätze in den kontaktintensiven Dienstleistungsunternehmen zurück gegangen waren, vor allem im Gastgewerbe und in Teilen des stationären Einzelhandels.

 

Die Belastung des Verarbeitenden Gewerbes

Laut einer Konjunkturumfrage des „ifo"-Instituts im Dezember 2021 waren aufgrund fehlender Vorleistungen im Verarbeitenden Gewerbe vor allem folgende Branchen und Güter stark von Lieferengpässen betroffen: elektrische Ausrüstungen, Automobilindustrie (Chip- und Halbleitermangel), Maschinenbau (elektronische Bauteile und Metallprodukte), Druckerzeugnisse, Datenverarbeitungsgeräte, Papiergewerbe, die Herstellung von Möbeln, Bekleidung, Textilien und Metallerzeugnissen, Gummi- und Kunststoffindustrie (fehlende Granulate) sowie die chemische Industrie (fehlende Rohstoffe und Pigmente). Auch das Baugewerbe, das vor allem von einem Schnittholzmangel betroffen ist, bleibt von Lieferproblemen stark belastet.

 

Bereits im zweiten Corona-Jahr kam es im März 2021 zu einem Unfall aufgrund des in Sandsturm geratenen und auf Grund gelaufenen Frachtschiffs „Ever Given" (der taiwanesischen Reederei Evergreen) im Suezkanal. Zeitgleich wurde der Suezkanal, der eine sehr bedeutende maritime Verbindung für den weltweiten Frachtverkehr zwischen Asien und Europa ist, für sechs Tage blockiert. Dieses Vorkommnis hatte für zusätzliche Lieferprobleme bei den Zulieferern und zu massiven Lieferstaus zahlreicher Schiffe geführt. Folglich wurden Transportwege unterbrochen und es konnten auf dem Weg vom Suezkanal in den Ärmelkanal (Zielhafen) keine Güter mehr über das Mittelmeer befördert werden. Das hatte insbesondere negative wirtschaftliche Auswirkungen auf Europas Automobilsektor (Fertigung und Zulieferer), der seine Lieferketten „just-in-time" betreibt.

 

Arbeitslosenquote

Wenige Monate nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie war zu beobachten, dass viele der Beschäftigten aufgrund von Kurzarbeit in andere Branchen abgewandert waren und nicht mehr in ihre ursprüngliche Branche zurück gekehrt sind. Folglich fehlt in den betreffenden Branchen entsprechendes qualifiziertes Personal (Gastronomie, Kliniken). Zusätzliche Faktoren sind Produktionseinbußen durch Krankheitsausfälle.

 

Jüngsten Prognosen zufolge dürfte sich der Arbeitsmarkt im Jahresverlauf allmählich erholen und die Arbeitslosenquote von 5,7 Prozent in 2021 auf 5,1 Prozent in 2022 zurück gehen. Die steigende Erwerbstätigkeit dürfte zu einem kräftigeren Wachstum des privaten Konsums beitragen. Außerdem könnten, aufgrund der während der Corona-Krise in den vergangenen beiden Jahren aufgestauten Ersparnisse, die Konsumausgaben der privaten Haushalte bald wieder ansteigen lassen (Nachholeffekt).

 

Für 2022 ist von einem weiteren Anstieg der Verbraucherpreise von durchschnittlich 3,3 Prozent auszugehen. Die erwartete bereinigte Inflationsrate (ohne Berücksichtigung der Preise für Nahrungsmittel und Energie) soll 2,4 Prozent betragen. Wesentliche preistreibende Faktoren sind die hohen Kosten, ausgelöst durch die Lieferengpässe, aber auch die verzögerte Anpassung an die steigenden Energie- und Rohstoffpreise. 

 

Vorsichtiger Optimismus in Sicht

Die Unsicherheit über die bevorstehende wirtschaftliche Entwicklung ist derzeit noch hoch, da die Materialknappheiten und evtl. neue pandemiebedingte Lieferengpässe diese Erholung belasten könnten. Zugleich ist noch ungewiss ist, ob sich die unsichere Corona-Lage im Zuge weiterer Impffortschritte im zweiten Quartal (Frühjahr 2022) tatsächlich wieder entspannt. Im Übrigen könnte der Lockdown in der Volksrepublik China die Schwierigkeiten weltweiter Lieferketten weiterhin verschärfen.

 

Der Konflikt Russland/Ukraine belastet ebenfalls die globalen politischen Beziehungen und stellt eine weitere Unsicherheit für eine belastbare wirtschaftliche Prognose dar.

Kontakt

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Grit Campos Nave

Dipl.-Betriebswirtin (FH), Dipl.-Finanzierungs- und Leasingwirtin (VWA), Länderkoordinatorin

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