Digitalisierung auf den Philippinen

veröffentlicht am 11. Mai 2018

  

Interview mit Dr. Marian Norbert Majer

 

  
Wird das Thema Digitalisierung in Deutschland auf die Agenda geschrieben, darf damit gerechnet werden, dass Sie nicht nur eine Definition für den Begriff erhalten. Die immer wieder genannten Schlagwörter sind „disruptive Technologien”, „innovative Geschäftsmodelle” oder auch „Autonomisierung”, was wiederum gerne unter dem Begriff „Industrie 4.0” zusammengefasst wird. Wir möchten heute aber über die Philippinen sprechen. Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick, was unter dem Begriff Digitalisierung in den Philippinen verstanden wird.

Die Digitalisierung bleibt in den Philippinen eines der wichtigsten Zukunftsthemen.

 
Lange bevor die Themen Digitalisierung und IT-Sicherheit 2018 auf die Agenda der ASEAN-Staaten gesetzt wurde, haben die Philippinen dem Informationstechnologie-Sektor bereits besondere Bedeutung beigemessen und in dem Zusammenhang mehrere langfristige Aktionspläne verabschiedet und umgesetzt (deren Bedeutung und Auswirkungen bei der Beantwortung der nachfolgenden Fragen genauer beschrieben werden sollen):

  

  •  Die digitale Entwicklung kann bis zur philippinischen Verfassung aus dem Jahr 1987 zurückverfolgt werden. In Artikel 24 der Verfassung wird unter den Grundwerten festgeschrieben: „The State recognizes the vital role of communication and information in the nation-building”, was auch im Sinne der Förderung und Entwicklung von Informationstechnologien interpretiert wird.
  • Im internationalen Vergleich wurde daher verhältnismäßig früh die „Philippine Strategic Road Map for Information and Communication Technology 2006-2010” veröffentlicht.
  • Auf den Aktionsplan folgt die „Philippine Digital Strategy 2011-2016”.
  • In der jüngsten Entwicklung sind Themen wie Datenschutz, Datensicherheit und Ausbau der IT-Infrastruktur in den Fokus der Philippinen getreten, was insbesondere in dem „National Cybersecurity Plan 2017-2022”, dem „Philippine Development Plan 2017-2022”, dem „Philippine Data Privacy Act 2012” und dem “National Broadband Plan 2017” Ausdruck findet.
  • Darüber hinaus sind die Philippinen auch Teil der entsprechenden ASEAN-Initiativen, wie bspw. dem „ASEAN-ICT Masterplan 2020” als Teil der Bestrebungen der Mitgliedstaaten nach dem „AEC Blueprint 2025”.

 

Digitalisierung ist ein branchen- und gesellschaftsübergreifendes Thema. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in den Philippinen ein – Hat die Gesellschaft das Thema bereits verinnerlicht, verstehen Unternehmen den Wandel oder wird eher versucht, das Thema auszusitzen? Welche Branchen sind bereits auf der Erfolgsspur, welche hinken – eventuell auch aus traditionellen Gründen – hinterher? 

Obgleich die Philippinen in ASEAN zu den Ländern mit der langsamsten Internetverbindung zählen, ist die Digitalisierung mit Blick auf die Nutzung digitaler Medien und Hardware auf dem Archipel längst angekommen. Das kann vermutlich hauptsächlich auf die junge und dynamische 103 Mio. starke Bevölkerung der Philippinen zurückgeführt werden, die mit einem Altersmedian von 22 zu den jüngsten Arbeitsbevölkerungen in Asien zählt. Der Global Information Technology Report 2016 des World Economic Forums führt die Philippinen zwar insgesamt im Mittelfeld der untersuchten Staaten was die Innovationsfähigkeit mit Blick auf die Digital-Economy anbelangt auf; allerdings schneiden die Philippinen im Bereich der Individual- bzw. Personalfaktoren wie Bildung, Qualifikationen und Training deutlich besser ab.

 
Im Konsumbereich verbringt die philippinische Bevölkerung im internationalen Vergleich die meiste Zeit pro Tag online. Den überwiegenden Teil davon mit Angeboten der sozialen Medien, was wiederum den globalen Spitzenwert darstellt. 2016 waren die Philippinen weltweit der Nr. 1 Wachstumsmarkt für Mobiltelefone. Der CEO von Lazada, eine größten Onlineshopping-Plattformen in Asien, sieht in den Philippinen einen der zukünftigen Hotspots für E-Commerce.

 
Im unternehmerischen Bereich zählen die Philippinen in dem durch die Globalisierung und Digitalisierung vorangetriebenen (grenzüberschreitenden) BPO-Sektor zu den weltweit führenden Nationen. Im Bereich der „Voice”-basierenden Dienstleistungen haben die Philippinen die Spitzenposition inne. Bei den „Non-Voice”-Dienstleistungen rangieren die Philippinen momentan auf dem 2. Platz, mit guten Aussichten, auch hier die Führung zu übernehmen.

 
Im Bereich des eGovernance sind die Philippinen aktuell in einer Phase der Umstellung. Viele bisher sehr papierlastige und manuelle Verwaltungsprozesse werden zunehmend digitalisiert, entsprechende Datenbanken aufgebaut und die einzelnen Behörden zunehmend mehr miteinander vernetzt.
Im Bereich der Digitalisierung in der Produktion (Stichwort Industrie 4.0) stehen die Philippinen noch verhältnismäßig am Anfang. U.a. da in den letzten Jahren begonnen wurde, den im Verhältnis zum BIP eher unterrepräsentierten Industriesektor weiter auszubauen. Es gibt aber auch einige positive Beispiele in diesem Bereich – z.B. bei der Produktion von Elektronikteilen, bei der die Philippinen zunehmend ihren Marktanteil als Zulieferer ausbauen und bei der moderne Produktionsprozesse essentiell werden.

 

Können Sie uns ein handfestes Beispiel aus den Philippinen liefern, wie deutsche Unternehmer vor Ort mit der Digitalisierung umgehen? Wie können Unternehmen von externen Beratern und Experten bei der Transformation unterstützt werden und wo sehen Sie vor Ort erweiterten Beratungsbedarf?

Was die Digitalisierung von Arbeitsprozessen anbelangt zählen deutsche Unternehmen vor Ort meist mit zu den Vorreitern. Einerseits, indem internationale Standards und Innovationen auch auf den Standort in den Philippinen übertragen werden; andererseits, indem deutsche Unternehmen als Berater oder Zulieferer von Maschinen und Hardwarelösungen die Philippinen bzw. philippinischen Unternehmen bei deren digitalen Transformation unterstützen.

 
Rödl & Partner Philippinen berät eine Reihe von IT- und BPO Unternehmen, die bspw. auf den Philippinen die Programme entwickeln, die später auf der ganzen Welt zur digitalen Transformation beitragen sollen. Im Bereich des BPO werden unter Zuhilfenahme der technischen Entwicklungen sowohl unternehmensinterne (z.B. Shared Services Center) als auch externe Dienstleistungen von vielen Unternehmen aus den Philippinen für den deutschen/globalen Markt angeboten.

 
Auch Rödl & Partner trägt seinen Teil zur digitalen Transformation auf den Philippinen bei, indem wir bspw. im Bereich der Datensicherheit oder mit Tools wie RDox selbst Standards auf dem Markt setzten.

 

Wo sehen Sie die besten Chancen für deutsche und europäische Unternehmen, sich mit disruptiven Geschäftsmodellen auf dem philippinischen Markt zu positionieren?

Wie bereits zuvor erwähnt, sehen wir insbesondere im BPO/IT-Bereich (internes/externes Outsourcing) weiterhin große Chancen für deutsche und europäische Unternehmen, Produkte aus den Philippinen heraus zu entwickeln und anzubieten.

 
Digitale Lösungen der Zukunft (insbesondere im Zusammenspiel mit der rasanten Entwicklung der „Artificial Intelligence”) werden zumindest in den Anfangsphasen nicht ohne die Unterstützung von Mitarbeitern auskommen – sowohl im hochqualifizierten Bereich als auch bei personalintensiven Tätigkeiten (z.B. das „Füttern” der intelligenten Maschinen mit den erforderlichen Informationen, die Kontrolle des Outputs oder die Übernahme von Prozessen, die noch nicht technisch sicher umgesetzt werden können). Ein Beispiel wären zunehmend automatisierte Call-Center oder sonstige Kundensupport-Center, bei denen der Faktor Mensch hinzugezogen werden kann oder muss, wenn die IT an ihre Grenzen stößt.

 
Abgesehen davon können deutsche und europäische Unternehmen als Berater oder Zulieferer alle Bereiche der Dienstleistungen und Industrie mit ihrer hoch geschätzten Expertise die Digitalisierung unterstützen – was ohnehin bereits praktiziert wird.

 

Welche Herausforderungen – aber auch Chancen – sehen Sie für bereits vor Ort tätige Unternehmen, die nicht einfache Mammutaufgabe zu meistern?

Die Herausforderungen und Chancen sind vielseitig und abhängig von dem jeweiligen Geschäftsfeld der Unternehmen.

 
Die Herausforderungen liegen v.a.in der verhältnismäßig schlechten (technischen) Infrastruktur, antiquierten regulatorischen Rahmenbedingungen und teilweise schleppenden Reformbewegungen. Berücksichtigt man allerdings die Bedeutung der BPO/IT-Industrie für die Gesamtwirtschaft (ca. 10 Prozent des BIP), ist mit starker politischer Unterstützung zur Verbesserung der Situation zu rechnen. In den kommenden Monaten sollten Unternehmen zusätzlich besonders auf die Entwicklungen staatlicher Fördermaßnahmen und Implikationen der Steuerreform „TRAIN II” achten.

 
In Bezug auf die Chancen sehen wir, abgesehen von den allgemein mit der Digitalisierung verbundenen Vorteilen, dass – unabhängig davon in welche Richtung sich die Digitalisierung in den kommenden Jahren bewegen wird – das Thema bereits in den Köpfen der Konsumenten, Mitarbeiter und Verantwortlichen angekommen ist. Die Philippinen haben bisher von der Digitalisierung insofern profitiert, dass durch die daraus entstandenen Möglichkeiten zugleich Arbeitsplätze in den Philippinen geschaffen wurden. Das bietet auch für die Zukunft eine gute Ausgangslage, sich stetigen Veränderungen anpassen zu können. Verstärkt wird das durch den Pool an jungen, flexiblen, qualifizierten und englischsprachigen Mitarbeitern zu geringen Lohnkosten.

 

Welche Punkte müssen bei der Transformation in den Philippinen besonders beachten werden (Bspw.: Cybersecurity, Datenschutz, Change Management, Cloud Computing, ERP-Systeme, (Tax-)Compliance-Systeme, digitale Payroll, Wertewandel, Blockchain-Technologien usw…)? Sehen Sie hier vor Ort kulturelle, gesellschaftliche oder ökonomische Vorteile, die für eine einfachere Transformation sprechen?

Bei der digitalen Transformation in den Philippinen sollten neben den technischen und operativen Aspekten auch die regulatorischen Eckpunkte nicht aus den Augen gelassen und deren Entwicklung genau beobachtet werden.

 
Beispiele hierfür sind einzelne Melde- und Genehmigungspflichten für bestimmte IT gestützte Programme/Prozesse (z.B. Payroll-/Buchhaltungssysteme) oder Datenschutz- und Datensicherheitsaspekte (z.B. die grundsätzliche Pflicht zur Bestellung eines Data Protection Officers oder die Bereithaltung von Datenschutzrichtlinien bei Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern oder mehr als 1000 geschützten Datensätzen).

 
Außerdem befinden sich die Philippinen in vielen Bereichen derzeit in einem Umbruch, der von politischer, wirtschaftlicher und regulatorischer Seite genau beobachtet sein will (z.B. die erheblichen Investitionen des Staates in Infrastrukturprogramme vs. Konsequenzen durch die Steuerreform, die primär die Gelder dafür bereitstellen, aber zugleich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Philippinen verbessern soll).

 

Wenn die Führungsriege der Unternehmen den Wandel nicht vorlebt und vorantreibt, ist das Gelingen der Transformation in Gefahr. Existieren von staatlicher Seite Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten, die bei den ersten Schritten hin zur digitalen Transformation bereitgestellt werden? Bestehen Investitionsprogramme, um Digitalisierungspioniere anzulocken? Existieren Inkubatoren, um innovative Geschäftsmodelle und die Ansiedlung von bspw. Start-Ups zu beschleunigen?

Nach der hier vertretenen Auffassung haben die Philippinen im IT/BPO-Sektor in den vergangenen Jahren von den Entwicklungen der Digitalisierung profitiert. Gefördert wurde das durch die von dem Board of Investment oder der Philippine Economic Zone Authority vergebenen Investitionsanreize (Befreiung von der Unternehmenssteuer für bis zu 7 Jahre; reduzierter Unternehmenssteuersatz etc.). Bei den aktuellen Steuerreformbestrebungen stehen derzeit alle Anreizsysteme auf einem Prüfstand – u.a. auch, um die Vergabe zu vereinfachen. Diese Entwicklung muss genau beobachtet werden.
   

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