Erfolgreich investieren in der Schweiz

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zuletzt aktualisiert am 19 Mai 2021 | Lesedauer ca. 3 Minuten


 

 

​Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in der Schweiz ein?

Im letzten Quartal 2020 hat sich das BIP gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent verbessert, was den Prognosen der Ökonomen entsprach. Über das ganze Jahr 2020 gesehen ist das BIP in der Schweiz von 726,92 Mrd. Schweizer Franken im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 Prozent auf 722,22 Mrd. Schweizer Franken gesunken. Das bereinigte Pro-Kopf BIP für das Jahr 2020 liegt zum Zeitpunkt des Artikels noch nicht vor. In Deutschland ging das BIP im Vergleich zum Vorjahr um 4,9 Prozent zurück (preisbereinigt). Weitere Vergleichswerte von Nachbarländern: BIP Frankreich -8,3 Prozent, BIP Österreich -7,3 Prozent.

Für die Schweiz stellt der Rückgang von 2,9 Prozent einen historischen Einbruch dar und ist der stärkste seit der Ölkrise in den 70er Jahren. Der Dienstleistungssektor war im Jahr 2020 am meisten betroffen. Besonders schwierig war das Umfeld für Branchen wie das Gastgewerbe, das Transport- sowie das Sozial- und Gesund­heits­wesen, weil sie am meisten unter den viruseindämmenden Maßnahmen litten. Im Gesundheitswesen verhinderte die Durchführung von nicht dringenden Behandlungen ein positives Resultat.

Stark rückwärts entwickelt haben sich sowohl der Außenhandel mit Dienstleistungen als auch die Konsum­ausgaben im Inland. Der private Konsum ging zum einen um 4,4 Prozent zurück; zum andern verschoben sich die Ausgaben zwischen den Konsumbereichen. Profitiert haben der inländische Detailhandel und der Bereich der elektronischen Geräte.

Im Jahr 2020 verringerten sich die Exporte um 7,1 Prozent auf 225,1 Mrd. Schweizer Franken und die Importe um 11,2 Prozent auf 182,1 Mrd. Schweizer Franken. In Zahlen ausgedrückt: Die Exporte gingen um 17,3 Mrd. und die Importe um 23,1 Mrd. Schweizer Franken zurück. Der Außenhandel hat damit das gleiche Niveau wie vor drei Jahren erreicht. Der Überschuss der Handelsbilanz stellt mit 43 Mrd. Franken einen Rekord auf.

Zu den Branchen, die 2020 deutlich weniger exportieren konnten, gehören die Uhren-, die Maschinenindustrie sowie der Elektronik-Bereich. Ein Wachstum konnte die Chemie- und Pharmaindustrie verzeichnen – mit einem Plus von 1,6 Prozent, was rund 1.8 Mrd. Schweizer Franken entspricht.

Lieferungen an europäische Länder nahmen um 6,2 Prozent ab, was in Zahlen ausgedrückt einem Betrag von rund 8,1 Mrd. Schweizer Franken gleichkommt. Auch Exporte in die USA waren mit -6,1 Prozent stark rückläufig.

Aufgrund der Pandemie herrscht nach wie vor eine große Ungewissheit, was die wirtschaftlichen Prognosen betrifft. Es gibt mehrere Szenarien, die aus Sicht des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO für das Jahr 2021 möglich sind. Basierend auf solchen Szenarien könnte sich das BIP-Wachstum für die Schweiz in einem Bereich von 1,1 bis zu 5,4 Prozent bewegen. Für das Folgejahr wird ein Wachstum des BIP zwischen 2,1 und max. 4,3 Prozent vorgesehen.

Die durchschnittliche Arbeitslosenzahl hat sich gegenüber 2019 um 36,3 Prozent erhöht. Die Arbeitslosenquote liegt bei 3,1 Prozent (Jahresmittel). Gegenüber Februar 2020 waren Ende 2020 rund 70.000 Personen mehr auf Stellensuche. Die aktuellen wirtschaftlichen Indikatoren deuten auf eine weitere Abnahme der Beschäftigung für das Jahr 2021 hin.
  

Wie würden Sie das Investitionsklima in der Schweiz beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Gesundheits-, Sozial- und Unterrichtswesen, das Baugewerbe sowie unternehmensnahe Dienstleistungen haben zwar im Corona-Jahr gelitten, erwiesen sich jedoch auch als robust. Das trifft ebenfalls auf unternehmensnahe Dienstleistungen zu.

Es ist davon auszugehen, dass die Branchen an Wachstum zulegen und vermutlich sogar einen großen Teil der Verluste wettmachen können. Durch die Pandemie haben gewisse Branchen unterstrichen, wie wichtig sie sind und was sie für Investitionen interessant macht, z.B. um die Digitalisierung zu fördern. Versicherungen, IT und Kommunikation sowie die öffentliche Verwaltung zeichneten sich durch Krisenfestigkeit aus. Im Industriesektor lag die Wertschöpfung Ende Jahr nur ca. 3 Prozent unter dem Wert von 2019. Durch die Lockerung der Maßnahmen ist davon auszugehen, dass im Industriesektor mit einem Aufwärtstrend zu rechnen ist.
  

Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in der Schweiz gegenüber?

Nach wie vor ist die Rekrutierung von Fachkräften ein Thema. Aufgrund der Bevölkerungsstruktur und der damit bevorstehenden Pensionierung einer großen Zahl von Fachkräften stellt die Rekrutierung eine große Herausforderung für die Schweiz dar, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Verhandlungen mit der EU zum gemeinsamen Rahmenabkommen sind noch im Gange und trüben das Verhältnis zur EU etwas. Es ist schwierig einzuschätzen, wann mit einer Lösung gerechnet werden kann. Nebst der Rekrutierung von Fachkräften kann der starke Schweizer Franken eine Herausforderung darstellen.

An unserer früheren Empfehlung halten wir fest, dass Themen im Zusammenhang mit grenzüberschreitenden Tätigkeiten frühzeitig und vertieft abgeklärt werden sollten – sowohl mit den sehr restriktiven Meldepflichten und Mindestlohnanforderungen als auch den umsatzsteuerlichen Unterschieden zwischen der EU und dem Schweizer Zollgebiet (das z.B. auch Lichtenstein beinhaltet).

Trotz Pandemie bleibt die Schweiz ein Land mit einer stabilen Wirtschaft und interessanten Möglichkeiten für Unternehmer, die sich in der Schweiz engagieren wollen.

Die Schweiz hat Anfang März für ein Freihandelsabkommen zwischen den Efta-Staaten und Indonesien gestimmt? Ergibt sich für die Schweiz dadurch ein Wettbewerbsvorteil gegenüber der EU?

Für die Schweiz als rohstoffarmes Land ist das Exportgeschäft einer der wichtigsten Pfeiler der Wirtschaft. Die Exportquote lag im Jahr 2020 bei 63,2 Prozent des BIP.

Das internationale Handelsumfeld hat sich über die letzten 15 Jahre stark verändert. Der Protektionismus in Form von Straf- und Schutzzöllen, Exportbeschränkungen und sonstigen Handelshürden nimmt stetig zu. Für die Schweiz als kleines exportorientiertes Land, wird es immer schwieriger konkurrenzfähig zu bleiben. Schweizer Firmen haben noch immer durch die Frankenstärke auf dem Markt zu kämpfen.

Die Schweiz ist deshalb auf Freihandelsabkommen, wie das mit Indonesien, angewiesen. Mit Abschluss des Abkommens werden Nachteile beseitigt, die aktuell gegenüber anderen Staaten bestehen, die bereits ein Abkommen mit Indonesien haben (z.B. Australien oder Japan).

Indonesien war schon vor dem beschlossenen Abkommen ein wichtiger Export- bzw. Importpartner. Das Freihandelsabkommen zwischen der EFTA und Indonesien bietet deshalb für die Schweiz verbesserte Rahmenbedingungen. Das Wegfallen der Zollschranken wiegt den Nachteil des hohen Frankens etwas auf, sodass die Schweiz bzw. ihre Produkte wieder attraktiver und konkurrenzfähiger werden.

Die EU hat im Jahr 2016 mit Indonesien Verhandlungen aufgenommen. Die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied wäre ohne das Abkommen zwischen der EFTA und Indonesien klar im Nachteil gegenüber ihrem großen Konkurrenten EU. Der aktuelle Stand der Verhandlungen ist uns nicht bekannt. Es ist davon auszugehen, dass über kurz oder lang, ein Abkommen unterzeichnet wird und die EU ebenfalls von verbesserten Rahmenbedingungen profitieren kann.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht die Schweiz weiterentwickeln?

Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass die Schweiz auch in Zeiten von Corona ihre Innovationskraft nicht verloren hat. Nichtsdestotrotz hängt die weitere Entwicklung der Schweizer Wirtschaft selbstverständlich auch vom weiteren Verlauf der Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen ab. Gewisse Unsicherheiten bestehen zudem durch das ausstehende Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU sowie mögliche stärkere Korrekturen auf dem Schweizer Immobiliensektor.

Insgesamt wird die Schweiz jedoch ein interessanter Wirtschaftsstandort bleiben. Sie liegt geografisch im Zentrum von Europa, bietet gute Infrastrukturen, attraktive Steuersysteme und stabile politische Rahmen­bedingungen für Unternehmen und verfügt über einen hohen Lebensstandard.

Die wirtschaftliche Entwicklung des Standorts Schweiz ist zuletzt auch von ihrem wichtigsten Handelspartner, der Europäischen Union, abhängig. 52 Prozent der Schweizer Exporte gehen in die EU, 18 Prozent davon entfallen auf Deutschland.

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Sebastian Repetz

Dipl. Wirtschaftsprüfer (Schweiz), Geschäftsführer Niederlassung Schweiz

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