Weitere Wirtschaftssanktionen gegen Russland

PrintMailRate-it

veröffentlicht am 4. März 2022 
     

Die aktuelle Lage zeigt, dass der Krieg zwischen Russland und der Ukraine die globalen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen vieler Staaten belastet.
  
Es folgten umfassende Restriktionen. Schließlich wurden am 27. Februar auch weitreichende Sanktionen im russischen Banksektor und in der Luftfahrt beschlossen. Das Luftraumverbot verbietet die Nutzung des Laufraums der EU-Länder, der USA und weitere Staaten durch alle russischen Fluggesellschaften. Daraufhin sperrte Russland ebenso den Luftraum für Deutschland und weitere Länder.
  

Folgen des „SWIFT"-Ausschlusses für russische Banken

Die USA, Deutschland und weitere Länder schließen einzelne russische Banken aus dem Transaktionsnachrichtensystem „SWIFT" (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication) aus. Derzeit ist von sieben großen russischen Kreditinstituten auszugehen. Die „Sberbank" sowie die „Gazprombank", über die die meisten Öl- und Gasimporte abgewickelt werden, sind hiervon derzeit ausgeschlossen. Noch kann nicht bewertet werden, ob weitere Banken hinzu kommen.

   

Über „SWIFT" werden internationale Finanztransaktionen in mehr als 11.000 angeschlossenen Banken und Finanzinstituten über mehr als 200 Landesgrenzen hinweg abgewickelt, bspw. für Zahlungen für den In- und Export von Gütern.

 

Der Ausschluss aus „SWIFT" wird den Handel zwischen Russland und den westlichen Staaten weitgehend einschränken. Mit der Abkoppelung der russischen Wirtschaft ist sämtlicher Geldtransfer, u.a. für Exporte von Deutschland nach Russland, praktisch nur schwer möglich. Demzufolge sind die betreffenden russischen Banken gezwungen, jede Zahlungstransaktion umständlich bzw. mit großem zeitlichem Aufwand, u.a. etwa über Telefon oder Telefax bei ausländischen Banken, durchzuführen, was schließlich eine Abwicklung des wirtschaftlichen Außenhandels zunehmend erschwert und faktisch nicht durchführbar machen wird.

 

Denkbar wäre, dass die russische Zentralbank zukünftig stärker mit der Volksrepublik China kooperieren wird. In China befindet sich ein bedeutender Anteil ausländischer Devisenreserven Russlands. Allerdings könnte das dazu führen, dass die chinesischen Banken westliche Sanktionen befürchten, wenn sie in diese Vorgehensweise einwilligten.

 

Es ist fraglich, inwieweit andere Transaktionssysteme für Banken, wie „SPFS" (System for Transfer of Financial Messages) aus Russland, die nicht mit „SWIFT" vergleichbar sind, eine technisch vergleichbare Alternative für Russland darstellen. Erhebliche Verzögerungen wären vermutlich die Folge. Die Abkoppelung der russischen Wirtschaft durch SWIFT könnte nicht nur für die betreffenden russischen Banken, sondern auch für deren Auslandstöchter, einschneidende wirtschaftliche Auswirkungen bedeuten. Ein Beispiel stellt die europäische Tochtergesellschaft der größten Bank Russlands „Sberbank“ dar, die ihren Sitz in Moskau hat. Deren europäische und in Wien ansässige Tochtergesellschaft „Sberbank Europe AG“ hat bereits ihren Geschäftsbetrieb mit sofortiger Wirkung in Europa eingestellt.

 

Im Jahr 2018 hatte die US-Regierung gegen den Iran den Ausschluss des Landes aus dem SWIFT beschlossen und umgesetzt. Konsequenterweise sind seither westliche Handelsbeziehungen mit dem Iran faktisch kaum mehr möglich. Dies hatte zudem zur Folge, dass sich ausländische Investoren aus dem Land zurückziehen mussten.

 

Darüber hinaus sollen Transaktionen mit der Zentralbank Russlands künftig nicht mehr möglich sein. Zudem verfügt Russland über sehr hohe Devisenreserven, vor allem aus den Einnahmen von Erdöl- und Gasexporten, u.a. aus Deutschland. Deutschland bezieht bereits rund 55 Prozent seines Erdgases aus dem Land. Ein nicht unbedeutender Anteil der russischen Vermögensreserven befindet sich in anderen Ländern, wie den USA, Frankreich, Großbritannien, Österreich und Deutschland. Das hat dazu geführt, dass künftig alle Vermögenswerte der russischen Zentralbank in den westlichen Staaten eingefroren werden und es somit nicht mehr möglich ist, auf diese Reserven zuzugreifen. Damit soll verhindert werden, dass Russlands Zentralbank durch den Verkauf ausländischer Währungen ihre eigene Landeswährung (Rubel) aufrechterhalten kann. Mittels einer deutlichen Anhebung des Leitzinses von 9,5 Prozent auf 20 Prozent hat diese versucht gegenzusteuern, u.a. mit dem Ziel, eine Kapitalflucht aus Russland abzufedern. Diese eingeschränkte Möglichkeit hat den Wert der eigenen Landeswährung nunmehr weiter sinken lassen. Daraufhin kam es zu Massenabhebungen an den Geldautomaten. Folglich wächst deutlich die Sorge vieler russischer Unternehmen und Privatpersonen um ihr gespartes Vermögen.

  

Mit dem Beschluss, einzelne bedeutende russische Banken aus dem SWIFT auszuschließen, wird sich das Land auf erhebliche wirtschaftliche und politische Auswirkungen einstellen müssen. Dies gilt für zahlreiche Branchen, insbesondere für den Finanzsektor, der Automobilbranche und den wirtschaftlichen Handel. Erste wirtschaftliche Auswirkungen kündigen sich bereits an. Immer mehr westliche Unternehmen stoppen ihre Transporte nach Russland oder planen, ihre Geschäftsbeziehungen mit Russland einzustellen, wie bspw. Mercedes-Benz (Aussetzen der Russlandaktivitäten), Volkswagen (Fertigungs- und Auslieferungsstop der Fahrzeuge), BMW (Produktionsstop), Siemens (Einstellung Neugeschäft) und Apple (Verkaufstop) sowie weitere westliche Großkonzerne.

 

Herausforderung für die deutsche Wirtschaft

Auch wenn Russland bislang zu den 15 wichtigsten Handelspartnern Deutschlands gehörte, war der Außenhandelsverkehr zwischen beiden Ländern bedeutend. In 2020 betrugen die deutschen Ausfuhren nach Russland rund 23,1 Milliarden Euro. Deutschland exportiert überwiegend Maschinen, chemische Erzeugnisse, Kraftwagen und -teile sowie Elektrotechnik in das Land. Demgegenüber werden vor allem Erdöl, Gas und Nichtedelmetalle aus Russland importiert. Die deutschen Importe aus Russland betrugen im gleichen Jahr 21,5 Milliarden Euro (Quelle: GTAI Wirtschaftsdaten kompakt).

 

Es ist auch davon auszugehen, dass sich der Krieg auch auf die deutsche Wirtschaft negativ auswirken wird. Die zunehmende Unsicherheit zeigt sich vor allem bei den deutschen Unternehmen, die Beziehungen zu russischen Handelspartnern haben, wie bspw. mittelständischen Unternehmen, denen bereits Teile für die Automobilindustrie fehlen. Dies gilt vor allem für die Bereiche Automobilindustrie und ihre Zulieferer, Transport für den Warenverkehr (u.a. Hamburger Hafen), Maschinenbau, Chemie, Luftfahrt und Finanzen. Vor allem große und mittelständische deutsche Unternehmen, die in Russland geschäftlich tätig sind, erarbeiten derzeit Notfallpläne, haben einen Verkaufsstop verhängt oder planen sogar ihre Geschäftsaktivitäten in Russland gänzlich einzustellen. Längst ist der Mangel an LKW-Fahrern für den Transport von Waren zu spüren. Die ohnehin durch die Corona-Pandemie fragilen Lieferketten werden noch einmal deutlich beeinträchtigt.

 

Außerdem stellen drohende Zahlungsprobleme für Unternehmer und Kreditinstitute, die in Russland wirtschaftlich tätig sind, bspw. für die Überweisung von Mieten für Wohnungen der russischen Mitarbeiter, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben, eine erhebliche Herausforderung dar. Gleichermaßen gilt dies auch für die Unternehmen, die Güter nach Russland geliefert, aber bislang noch keine Bezahlung erhalten haben. Hierbei wird deutlich, dass der SWIFT-Ausschluss den Zahlungsverkehr auch für Zahlungen nach Deutschland gleichermaßen erheblich erschwert.

 

Letztendlich zeigt sich auch die (noch) hohe Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Erdgasimport. Der zunehmend steigende Preis stellt eine weitere Herausforderung dar, aber auch zugleich eine Chance, die Energiewende Deutschlands massiv zu beschleunigen.

 

Welche wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen die Sanktionen gegen Russland zudem auf Deutschland haben werden, wie etwa auf den deutschen Arbeitsmarkt oder für deutsche Unternehmen, die in Russland produzieren oder nach Russland Güter u.a. für die industrielle Fertigung liefern, ist in Anbetracht der aktuellen Lage und der weiterhin großen Ungewissheit der zukünftigen Entwicklung derzeit noch nicht hinreichend einschätzbar. Die weitere Entwicklung bleibt demnach abzuwarten.

 Aus der Artikelserie

Kontakt

Contact Person Picture

Grit Campos Nave

Dipl.-Betriebswirtin (FH), Dipl.-Finanzierungs- und Leasingwirtin (VWA), Länderkoordinatorin

+49 6196 7611 4722
+49 6196 7611 4704

Anfrage senden

Deutschland Weltweit Search Menu