Philippinen: Inselstaat auf der Überholspur

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 zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2019 | Lesedauer ca. 4 Minuten


Wenn in Deutschland über Investitionen in ASEAN als neuer Motor der Weltwirtschaft gesprochen wird, sind Standorte wie Singapur, Indonesien und Vietnam in aller Munde. Bei einem genaueren Blick in die Region kann allerdings schnell festgestellt werden, dass die Philippinen im direkten Vergleich häufig eine Spitzenposition einnehmen. Über viele Jahre hinweg glänzte das Archipel bereits mit stabilen und belast­baren Wachstumskennzahlen – Tendenz weiter steigend.



ASEAN ist als Investitionsstandort in aller Munde – Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in den Philippinen ein?

Vor wenigen Tagen bezeichnete der südkoreanische Präsident Moon Jae die Philippinen als „die Zukunft von ASEAN”. Mit einer solchen Aussage steht er durchaus nicht alleine da. Bereits 2014 hob der damalige Weltbankchef Jim Yong Kim den Inselstaat mit der Bezeichnung „the Next Asian Miracle” ins Rampenlicht. Fünf Jahre später und zeitlich beinahe parallel zur zuvor genannten Rede des koreanischen Präsidenten bezeichnete die Weltbank die Philippinen (erneut) als „one of the most dynamic economies in the East Asia Pacific Region”. Unterstrichen werden die Aussagen durch den vom Internationalen Währungsfonds im Oktober 2019 veröffentlichten „World Economic Outlook”, der die Philippinen unter den 20 Ländern nennt, die bis 2024 einen wesentlichen Einfluss auf das Weltwirtschaftswachstum haben werden.

Dabei ist trotz einiger Herausforderungen – des sich nach wie vor in einem Entwicklungsstadium befindlichen Wirtschaftsstandorts – zu berücksichtigen, dass die Philippinen mit ca. 104 Mio. Einwohnern nach Indonesien bereits den zweitgrößten Binnenmarkt in ASEAN stellen. Darüber hinaus gehen mehrere Studien davon aus, dass die Philippinen bis 2050 der fünftgrößte Wirtschaftsstandort in Asien, und auf Rang 16 der größten Wirtschaftsmächte weltweit sein werden.

Die großen deutschen und multinationalen Unternehmen sind bereits seit Jahrzehnten in den Philippinen tätig. Der deutschsprachige Mittelstand entdeckt den Wirtschaftsstandort zunehmend für sich.


Werfen wir einen Blick auf die Chancen – Welche Branchen profitieren aktuell und welche Trends zeichnen sich bereits für die kommenden Jahre ab?

Die Treiber des philippinischen Wirtschaftswachstums, das unter den ASEAN-5 Staaten mit einer Wachs­tumsrate von 6,2 Prozent (2018) den zweiten Platz einnimmt, sind insbesondere der Konsumentenmarkt und Infrastrukturinvestitionen (im Bereich des Baugewerbes, allerdings auch in allen anderen infrastruk­turrelevanten Bereichen wie Telekommunikation, Energie etc.).

Darüber hinaus werden die Philippinen bzw. Metro Manila vielfach als die Welthauptstadt im Bereich der ausgelagerten Dienstleistungsprozesse (BPO) erwähnt. Im Bereich der Call-Center bzw. stimmbasierten Dienstleistungen sind die Philippinen bereits die weltweite Nr. 1. Im Bereich der Auslagerung sonstiger Geschäftsprozesse (Knowledge Process Outsourcing, Shared-Service Center und zunehmend auch in hochqualifizierten Bereichen) zählen die Philippinen zu den Top 3 weltweit und gewinnen kontinuierlich Marktanteile. Hintergrund ist eine gut ausgebildete, sehr junge, motivierte und sprachbegabte (d.h. englischsprachige) Arbeitsbevölkerung zu verhältnismäßig günstigen Lohnkosten. Nahezu 50 Prozent unserer aktuellen Markteintrittsmandate sind auf diesen Sektor zurückzuführen.


Wie entwickeln sich die Aussichten für deutsche Unternehmen vor dem Hintergrund der bereits abgeschlossenen bzw. zur Zeit in Verhandlung stehenden bi- und multilateralen Freihandelsabkommen?

Das Interesse von Unternehmen und Privatinvestoren an den Philippinen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Die EU steht mit den Philippinen in formellen Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen. Zusammen mit einem potenziellen EU-ASEAN Abkommen wird das den Trend nach unserer Einschätzung weiter verstärken.

Trotz der großen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Unterschiede der einzelnen ASEAN-Staaten, sollte die Region in der strategischen Planung mit einer gesamtheitlichen Strategie angegangen werden, in der sich die Unternehmen die Stärken der einzelnen Standorte zu Nutze machen. Auch hier wirken interne Abkommen der ASEAN Economic Community und sonstige multilaterale Abkommen als Katalysatoren. Die Philippinen nehmen sowohl als aktives Land in den Vertragsverhandlungen auf ASEAN Ebene als auch innerhalb eines globalen Ansatzes von Unternehmensstrategien zunehmend eine wichtige Rolle ein. Der Fokus der philippinischen Regierung und ihrer Entscheidungsträger richtet sich momentan primär allerdings weniger auf die internationale Vernetzung und Gestaltung von Rechtsvorschriften und Standards, als vielmehr darauf, das Land durch eine große Zahl innerstaatlicher Reformbestrebungen weiter zukunftsfähig zu machen.


Das Thema Datenschutz ist in Europa sehr hoch aufgehängt – Wo stehen die Philippinen im Hinblick auf die Implementierung und Umsetzung der GDPR?

Die philippinische Sprache bzw. ihre diversen Dialekte kennen kein Äquivalent für das Wort „Datenschutz” bzw. „persönliche Informationen”. Persönliche Rechte von Individuen werden von der philippinischen Verfassung allerdings besonders geschützt. Hinzu kommt, dass – wie zuvor beschrieben – die Philippinen im Bereich der Datenverarbeitung im Zusammenhang mit dem BPO-Sektor zu den weltweit führenden Nationen gehören. Es überrascht daher wenig, dass die Philippinen zu den ersten Ländern innerhalb von ASEAN zählen, die ein umfassendes Datenschutzrecht erlassen haben, das zugleich von einer neu geschaffenen Behörde umgesetzt wird.

Die Philippinen leiteten im August 2019 das erste ASEAN Data Protection and Privacy Forum. Es diente als Startschuss der ASEAN-Gemeinschaft zum Austausch von Erfahrungswerten und zur Koordination von regulatorischen Bestrebungen im Bereich des Datenschutzes. Zusammen mit der singapurischen „Personal Data Protection Commission” arbeiten die Philippinen in dem Zusammenhang an einem Entwurf für ein „ASEAN Framework on Digital Data Governance“.

Der Data Privacy Act wurde am 8. September 2012 erlassen und trat am 9. September 2016 vollumfänglich in Kraft. Das Gesetz orientiert sich zu einem großen Teil an der Europäischen Datenschutzrichtlinie und dem Asia-Pacific Economic Cooperation Privacy Framework.


Wie werden sich die Philippinen aus Ihrer Sicht weiterentwickeln? Können Sie uns einen kurzen Ausblick auf das Jahr 2020 geben?

Die Philippinen haben sich über das letzte Jahrzehnt durch eine der höchsten und v.a. robustesten Wirtschafts­wachstumsraten von durchschnittlich 6,3 Prozent innerhalb ASEAN ausgezeichnet – auch während internat­ionaler Wirtschaftskrisen. Nach nahezu einhelliger Auffassung aller Analysten wird sich daran in 2020 vermutlich wenig ändern. Im Gegenteil, grundsätzlich gehen annähernd alle namhaften Analysten für die Philippinen von einem höheren Wirtschaftswachstum als in diesem Jahr aus (Prognosen: 6,4 Prozent (ASEAN); 6,2 Prozent (IWF); 6,1 Prozent (Weltbank); 6,2 Prozent (Asian Development Bank)). Dasselbe gilt auch für die Prognosen der Folgejahre.

Getragen wird das Wachstum vermutlich auch weiterhin durch die massiven Infrastrukturinvestitionen der philippinischen Regierung, an denen deutsche Unternehmen insbesondere aufgrund ihrer technischen Expertise im Bereich der Beratung, Planung und Lieferung von Maschinen und Materialien teilhaben können. Die Marke „Made in Germany” genießt einen hohen Stellenwert in den Philippinen.

Dank einer stetig wachsenden Bevölkerung, Mittelschicht und Kaufkraft bleibt der Absatzmarkt Philippinen weiterhin ein wesentliches Markteintrittskriterium, und bietet für Unternehmen und Investoren unverändert großes Potential.

Im internationalen Vergleich mit den Nachbarstaaten befindet sich der Industriesektor in einer ausbaufähigen, aber stetig wachsenden Entwicklungsphase. Die Produktion von Gütern oder Teilen für den philippinischen Markt und insbesondere den Export bietet große Chancen. Ähnlich positiv sehen wir die Entwicklungen im BPO-Bereich, insbesondere im „Knowledge Process Outsourcing” und der „Shared-Service Center”.

Bei all den zuvor genannten Punkten darf nicht vergessen werden, dass sich die Philippinen in einer für das Land bedeutsamen Entwicklungsphase befinden. Genau das bietet nach unserer Auffassung ein großes Potenzial für Unternehmen und Investoren. Andererseits muss der Umgang mit den unvermeidlichen Herausforderungen des philippinischen Marktes gelernt und mögliche Risiken angemessen eingeschätzt werden.


Fazit

Die Philippinen haben in den letzten Jahren selbst während internationaler Wirtschaftskrisen durch eine der höchsten und robustesten Wirtschaftswachstumsraten innerhalb der ASEAN-Gemeinschaft geglänzt. Für die Zukunft werden sogar noch höhere Wachstumsraten prognostiziert. Der zweitgrößte Binnenmarkt in ASEAN soll bis 2050 zum fünftgrößten Wirtschaftsstandort in Asien aufsteigen. Der Inselstaat befindet sich derzeit in einer extrem bedeutsamen Entwicklungsphase, die ein breites Spektrum an Investitionspotentialen eröffnet. Das zu Kolonialzeiten als „Perle Asiens” bezeichnete Inselarchipel erstrahlt nunmehr in neuem Glanz und verspricht Investoren eine aussichtsreiche Zukunft.

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