Erfolgreich investieren in Brasilien

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zuletzt aktualisiert am 27. Mai 2020 | Lesedauer ca. 3 Minuten

  

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Brasilien ein?

Die lang diskutierte und dringend notwendige Rentenreform wurde noch 2019 vom Kongress verabschiedet. Das war eines der wichtigsten positiven Signale, die die Wirtschaft zur Erholung benötigte. In den nächsten zehn Jahren werden damit rund 800 Mrd. Brasilianische Real (BRL) an öffen­tlichen Ausgaben eingespart und der Haushalt deutlich entlastet. Es zeigt sich jedoch, dass die Rentenreform alleine nicht ausreichend ist, um die Wirtschaft anzukurbeln. Finanzminister Paulo Guedes ist sich dessen bewusst und die Regierung versucht weitere wichtige Reformen, wie die Steuerreform und die Verwaltungsreform, auf den Weg zu bringen. Mit einer umfassenden Verwaltungsreform sollen die öffentlichen Ausgaben insbesondere mit neuen Regeln der Beamtenkarriere kontrolliert werden. Ebenso wird dringend erwartet, dass die Rentenreform auch für Beamte der Länder und Gemeinden umgesetzt wird, die in der Reform von 2019 außen vorgelassen wurden. Die Kommunikation zwischen Regierung und Kongress funktioniert aufgrund von polemischen Äußerungen seitens des Präsidenten nicht optimal.


Neben den wichtigen Reformen gibt es andere positive Signale: So wurde der Leitzins Brasiliens auf 4,25 Prozent (Stand: 9 März 2020) gesenkt. Nach der Türkei ist Brasilien damit das Land, das seine Zinsen am meisten gesenkt hat. Brasilien, das seit jeher einen der höchsten Leitzinssätze der Welt hatte, nähert sich damit einem international üblichen Zinssatz an. Das gibt einen wichtigen Impuls für Investoren und Verbraucher. Darlehen von brasilianischen Banken sind nicht mehr unerschwinglich, wie bisher.


Das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur wurde nach 20 Jahren Verhandlung genehmigt und muss jetzt von den jeweiligen Ländern ratifiziert werden. Das bedeutet eine enorme Chance für Investoren in brasilianische Gesellschaften, da die Importkosten erheblich gesenkt werden und andererseits brasilianische Produkte viele neue Marktchancen erfahren. Die Inflation ist unter Kontrolle. Nachdem das Jahr 2019 bereits mit einer Inflationsrate von unter 4 Prozent schloss, erwartet die brasilianische Zentralbank für 2020 eine Inflation von 3,20 Prozent.


Wie würden Sie das Investitionsklima in Brasilien beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Die brasilianische Regierung hat sich mehr wirtschaftliche Entfaltungschancen für Unternehmen und Bürokra­tiereduzierung auf die Fahne geschrieben und alle Initiativen werden von den Unternehmern begeistert aufge­nommen. Wie bereits erwähnt, sind Darlehen aufgrund der Zinssenkungen billiger geworden; die Immobilienbranche und damit die Bauwirtschaft spüren bereits eine erhöhte Nachfrage. Auch die Automobilindustrie profitiert von niedrigeren Zinsen.

Ein schwacher Real und damit hohe Importkosten bevorteilen die nationale Produktion. Insbesondere Automo­bilzulieferer mit lokaler Produktion haben so einen Wettbewerbsvorteil. Zudem betreibt die Regierung umfangreiche Privatisierungsprojekte. Das bereits im Jahr 2016 unter Präsident Temer verabschiedete Partnerschaftsprogramm für Investitionen (PPI Programa de Parcerias de Investimentos) beabsichtigt Infrastrukturprojekte in Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlichen Unternehmen zu realisieren.


Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Brasilien gegenüber?

Im Moment sind die hohen Währungsschwankungen die größte Herausforderung für Unternehmer. Der brasiliani­sche Real ist die Währung, die weltweit am meisten an Wert in den letzten Märzwochen verloren hat. Nachdem Donald Trump den Flugverkehr zwischen Europa und USA untersagte, überstieg der Dollar erstmals die magische Grenze von 5,00 BRL zu 1,00 US-Dollar. Schlimmer noch als ein hoher Wechselkurs sind aber die Schwankungen. Auf einen hohen Kurs kann man sich einstellen, doch hohe Schwankungen können nicht kalkuliert werden. Viele brasilianische Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen, die von Import und Wiederverkauf leben, verzeichnen hohe Währungsverluste, da die Importkosten nicht oder nicht in voller Höhe an die Kunden weitergegeben werden können. Demgegenüber sind Exporte aus Brasilien zu Zeiten eines schwachen Real sehr attraktiv.


Welche Auswirkungen hat das politische Umfeld auf deutsche Unternehmer?

Die wirtschaftlichen Maßnahmen und Ziele der Regierung sind unternehmerfreundlich, wovon bereits in Brasilien bestehende Unternehmen profitieren. Trotz der erwähnten positiven Signale und Reformen beobachten Investoren nach wie vor die politische Entwicklung der Regierung. Negativschlagzeilen in der internationalen Presse, insbe­sondere im Umweltschutz, schaden dem Ansehen Brasiliens.


Wie wird sich aus Ihrer Sicht Brasilien weiterentwickeln?

Im Moment stören internationale Krisen (Stichwort: Coronavirus) und Ereignisse den Wiederaufschwung der brasilianischen Wirtschaft. Es ist somit umso wichtiger, dass die noch ausstehenden, aber dringend notwendigen Reformen von der Regierung und dem Kongress umgesetzt werden. Die so nah scheinende Erholung der brasilianischen Wirtschaft rückte leider wieder etwas in die Zukunft.

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Philipp Klose-Morero

Diplom-Kaufmann, CPA

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