Erfolgreich investieren in Estland

zuletzt aktualisiert am 3. April 2019

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Estland ein?

Die estnische Wirtschaft ist im Vergleich zur deutschen klein, aber offen und flexibel. Sie fällt nach wie vor auch mit dem Indikator für wirtschaftliche Entwicklung auf. In Estland sind, ebenso wie in Deutschland, überwiegend kleine- und mittelständische Unterneh­men tätig. Internationale Organisationen – wie u.a. die Weltbank – haben die vielfältige estnische Wirtschaft als eine sehr offene und wett­bewerbs­fähige anerkannt. Industrie, Transport und Handel sowie verschiedene Dienstleistungszweige sind gleichermaßen wichtig. Dank der verfügbaren Natur­ressourcen stützt sich die Wirtschaft weitgehend auf Branchen, die mit dem Wald verbunden sind. Der estnische Energiesektor basiert auf Ölschiefer, der anderswo auf der Welt eine ziemlich knappe Ressource ist. Etwa 70 Prozent des BIP von Estland ergibt sich aus dem Dienstleistungssektor, der Industrie- und Bausektor liefert über 27 Prozent und die Hauptzweige (inkl. Landwirtschaft) etwa 3 Prozent der Gesamtleistung.


2018 nahm das BIP von Estland im 3. Quartal im Vergleich zum 3. Quartal des Vorjahres um 4,2 Prozent zu. Das BIP ist hauptsächlich dank der Bereiche Bauwesen, verarbeitende Industrie, IKT sowie beruflicher, wissenschaftlicher und technischer Tätigkeiten gestiegen. Auch haben Verkehr und Lagerei wesentlich zum Wirtschaftswachstum beigetragen.


Im Januar 2019 war der Verbraucherpreisindex in einem Jahr um 2,7 Prozent gestiegen. Im Vergleich zum Januar 2018 waren im Januar 2019 die Waren um 1,5 Prozent und Dienstleistungen um 4,9 Prozent teurer. Die Arbeitslosenquote lag 2018 bei 5,4 Prozent, die Beschäftigungsquote bei 71,9 Prozent und die Erwerbs­beteiligung bei 68,1 Prozent. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist die niedrigste der letzten 20 Jahre.


Estland hat eines der höchsten internationalen Kreditratings in der Region:
  • Standard & Poor: AA-
  • Moody: A1
  • Fitch IBCA: A+, mit einer Aussicht auf Stabilität.


Wie würden Sie das Investitionsklima in Estland beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Estland hat eine liberale Wirtschaftspolitik mit investitionsfreundlichem Steuersystem und eine transparente und funktionierende Gesetzgebung, die mit der EU-Gesetzgebung übereinstimmt. Es gibt keine Steuer auf thesaurierte Gewinne, keine Besteuerung der Zinsen oder Dividenden und es gibt 57 geltende Doppel­besteuerungs­abkommen, die effiziente Abläufe und eine langfristige Planung erleichtern.

Mit 73 Punkten nach dem Korruptionswahrnehmungsindex zählt Estland 2018 zu den 20 Staaten weltweit, deren Punktsumme sich seit dem Jahr 2012 statistisch erheblich verbessert hat. Estland teilt sich mit Irland und Japan den 18. Platz von 180 Plätzen (2018 – Transparency International). Estlands Haushaltsposition mit einem Haushaltsüberschuss und einer unerheblichen Staatsverschuldung bleibt stark. Die Staatsverschuldung Estlands liegt unter 10 Prozent des BIP und ist damit nach wie vor die niedrigste der EU.
 
Estland hat ein freundliches Klima für ausländische Investoren – zwischen in- und ausländischen Investoren wird nicht unterschieden. EU-Strukturfonds stehen für in- und ausländische Gesellschaften gleichermaßen zur Verfügung und ausländische Investitionen werden durch Gesetze und internationale Abkommen geschützt. Estland hat zum Schutz von Investitionen Abkommen mit mehreren Ländern (auch mit Deutschland und der Schweiz) abgeschlossen.


Der Automobilkonzern Daimler AG hat 2018 in den estnischen Fahrdienstvermittler Taxify (seit 7. März 2019 Bolt) 175 Mio. US-Dollar investiert. Das Unternehmen wird nun mit 1 Mrd. US-Dollar bewertet und hält somit als viertes in Estland gegründetes Unternehmen (nach Skype, Playtech und TransferWise) den Einhorn-Status [1].


Darüber hinaus bietet Estland ein sehr progressives Geschäftsklima mit einer leistungsfähigen und kompatiblen Infrastruktur an. Das Land ist ein idealer Ort, um seine Ideen zu testen und auszuführen. Handelt es sich um neue technologische Lösungen, eignet sich die kleine Bevölkerung ausgezeichnet, um schnell eine direkte Rückmeldung zu erhalten. Im Hinblick auf die neuen Technologien sind die Esten sehr anpassungsfähig und benutzen sie sehr gern.


Es gibt hier qualifizierte Arbeitskräfte mit starken Kompetenzen in Sprachen, im Finanzwesen und in der IT-Branche. Estnische Mitarbeiter sind auch für ihr Engagement bekannt.
 

Großes Potenzial besitzen die Bereiche:
  • IKT
  • Shared Services
  • Elektronik
  • Maschinentechnik
  • Kleine Wasserfahrzeuge
  • Intelligente Mobilität
  • Logistik
  • Holzwirtschaft
  • Glücksspielindustrie

Die Hauptexportgüter Estlands sind:
  • Metalle und chemische Erzeugnisse
  • Lebensmittelprodukte
  • Textile
  • Holz und Papier
  • Maschinen und Anlagen
  • Möbel


Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Estland gegenüber?

In Estland ist Englisch die hauptsächliche Geschäftssprache. Deshalb kann es anspruchsvoll sein, deutsch­sprachige Arbeitskräfte zu finden. Amtliche Verfahren werden in Estland größtenteils in elektronischer Form durchgeführt. Ohne die estnische ID-Nummer bzw. estnische ID-Karte geht ein digitales Signieren von Dokumenten nicht. Für das Erledigen von Angelegen­heiten im estnischen (oder e-estnischen) digitalen Umfeld gibt ein Ausweis für E-Bürger innerhalb der e-Residency aber auch einem Ausländer, der nicht in Estland wohnt, gleichwertige Möglichkeiten. Um Geschäfte in Estland abwickeln zu können, muss man also nicht zwangsläufig in Estland wohnen, sondern es reicht ein digitaler Wohnsitz aus. Als kleines Land eignet sich Estland nicht für einen Einsatz mit hoher Arbeitskräfteintensität.


Wie weit ist die digitale Revolution in Estland vorangeschritten?

Estland bietet seinen Bürgern und Unternehmen hunderte von E-Dienstleistungen. Es ist üblich, möglichst viele Angelegenheiten mithilfe von IT-Lösungen online abzuwickeln. Estland hat eine hohe und kostenlose Verbreitung von Internetanschlüssen, einen weit verbreiteten E-Commerce und E-Behördendienste, inkl. E-Residenz, und gehört damit zu den weltweiten Vorreitern.


Internetzugang wird als grundlegendes Menschenrecht betrachtet. Dank den E-Dienstleistungen spart man Zeit, Geld und Energie. Man braucht nur die estnische ID-Karte, den Kartenleser und eine Internetver­bindung. Die estnische ID-Karte bietet Zugang zu allen nationalen E-Anwendungen. Gleichzeitig ist sie als Reisedokument in Europa gültig. Die E-Mail-Korrespondenz und das digitale Signieren von Dokumenten sind im geschäftlichen Umfeld alltäglich. In der papierfreien Gesellschaft können viele Transaktionen schnell abgewickelt werden. Estland ist bekannt als Land mit einer der größten Anzahl von Start-ups pro Kopf. Ein Unternehmen kann im E-Handelsregister in 20 Minuten gegründet werden, denn seit 2011 ist eine Regi­strierung über das Internet möglich. Auch Nichtstaatsangehörige haben durch das E-Residenz-Programm Zugang zu dem Register und den digitalen Lösungen.


Darüber hinaus sind die E-Regierung, E-Gesundheit, E-Schule, E-Wahlen und vieles andere zu nennen. Durch die E-Steuerbehörde werden 95 Prozent aller Steuererklärungen elektronisch eingereicht. Das estnische Bankensystem basiert auf IT und ist schnell und flexibel. 99 Prozent der Bankgeschäfte werden in Estland elektronisch erledigt. Gut über 80 Prozent der Schulen sind an das Programm E-Schule ange­schlossen. Die Eltern haben online Einsicht in die Noten und die Hausaufgaben ihrer Kinder sowie in die Kommentare der Lehrer; auch sind viele Unterrichtsmaterialien digital zu finden. Die E-Wahlen sind eine Alternative zur traditionellen Art, jedoch muss man sich hier nicht zur Wahlstation begeben. Braucht ein Este ein Medi­kament, geht er mit seiner ID-Karte zur Apotheke und der Apotheker gibt das Medikament aufgrund eines digitalen Rezeptes aus, das von seinem Hausarzt direkt über das Internet in eine Datenbank eingefügt wurde.


Wie wird sich aus Ihrer Sicht Estland weiterentwickeln?

Das Geschäftsklima ist fortwährend stark und Estland wird auch nach wie vor ein stabiles Wirtschafts­wachs­tum haben. Estland hat eine niedrige Staatsverschuldung und in der jetzigen Zeit, in der die Auslandsnachfrage eigentlich schwächer werden müsste, stützt sich das estnische Wirtschaftswachstum überwiegend auf die Belebung der Binnennachfrage.
 
Die estnische Innovations- und Unternehmenspolitik wird den Wohlstand der Einwohner, die Integration Estlands in die internationale Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen kontinuierlich verbessern.


 



[1] Mit dem Begriff „Einhorn” werden Start-ups bezeichnet, deren Bewertung bei 1 Mrd. US-Dollar oder mehr liegt. Die Entwicklung vom Start-up zum Unicorn-Start-up ist eine Seltenheit (wie ein „Unicorn” bzw. Einhorn), denn dieser Status muss erfolgt sein, ehe das Unternehmen an die Börse geht. Eine so hohe Bewertung hängt daher nur von den finanziellen Ressourcen und somit dem großen Vertrauen der Investoren in die Lukrativität der Idee und der Firma ab.

 Kulturelle Besonderheiten in Estland

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