Erfolgreich investieren in Estland

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zuletzt aktualisiert am 19. September 2022 | Lesedauer ca. 6 Minuten

 

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Estland ein?

„2021 war für die Weltwirtschaft das Jahr der Erholung, das stark von den Nachwirkungen der Ausbreitung des Coronavirus beeinflusst wurde. Es gab das ganze Jahr hinweg eine starke Nachfrage , wodurch die Hersteller ihren Verkauf und den Gewinn vergrößern konnten. Zugleich entstanden auf dem Rohstoff- und Zuliefermarkt Angebotsstörungen und Lieferschwierigkeiten, die den Rhythmus der weltweiten Wertschöpfungskette unterbrachen und für viel Verwirrung im internationalen Handel sorgten. Dies wurde von Preissteigerungen im globalen Rohstoff- und Zuliefermarkt begleitet, was sich später auf Hersteller- und Verbraucherpreise auswirkte. Trotz der Turbulenzen, die im weltweiten Handel durch die Pandemiekrise verursacht wurde, war das vorige Jahr für estnische Exportunternehmen erfolgreich. Die Nachfrage befand sich das Jahr hinweg auf einem hohen Niveau und trotz der Preiserhöhungen bei Rohstoffen und Transport sowie Lieferschwierigkeiten hat sich der Export von Waren und Dienstleistungen nach der Krise schnell erholt und das Wirtschaftswachstum während des ganzen Jahres unterstützt. Der Anteil der exportierten Waren und Dienstleistungen am BIP ist im Vergleich zum Jahr 2019 um 4 Prozentpunkte gestiegen und betrug in den ersten drei Quartalen 2021 im Durchschnitt 77 Prozent des BIP. 
 
Die estnische Wirtschaft ist im ersten Vierteljahr im Vergleich zum Vorjahr um 4,3 Prozent und im Vergleich zum IV. Quartal 0,1 Prozent gewachsen. Der Einfluss des russischen Krieges ist im Wirtschaftswachstum noch nicht erkennbar, spiegelt sich aber deutlich in der Struktur der Nachfrage wider. 
 
Bei den Industriesektoren hat der Wertzuwachs überraschenderweise im Energiebereich und im Bergbau stark abgenommen. Die höheren Energiepreise haben die Wettbewerbsfähigkeit der estnischen Ölschieferindustrie erhöht, zusätzlich haben sich die Produktionsmengen in diesen Bereichen im ersten Quartal vergrößert. Die Bauindustrie ist im Jahresvergleich um 14 Prozent gewachsen, aber der Wertanteil der Bauindustrie am BIP hat abgenommen. Auch die Abnahme des Handels um etwa 5 Prozent am BIP scheint vor dem Hintergrund eines sehr schnellen Wachstums des privaten Verbrauchs nicht glaubwürdig zu sein. 
 
Für das Jahr 2022 ist als Folge eines Stillstands am Anfang des Jahres eine Verlangsamung des estnischen Wirtschaftswachstums zu erwarten. Das estnische Wirtschaftswachstum wäre in diesem Jahr auch ohne die Krise wesentlich langsamer gewesen, weil schon am Ende des vorigen Jahres eine vollständige Auslastung der Produktionsressourcen erreicht war und die Zunahme der Angebotseinschränkungen begann, das schnellen Wachstum zu behindern. Der Russisch-Ukrainische Krieg, der im Februar ausbrach, sowie dessen unterschiedliche Auswirkungen bremsen zusätzlich die Aussichten der estnischen Wirtschaft, sowohl durch die Wegfall der Exportmärkte, Unterbrechung der Lieferkanäle und Preissteigerungen der Rohstoffe.”
 
Kaspar Oja, Wirtschaftsanalytiker der Eesti Pank
Geldpolitik und Wirtschaft, 2022/2
   

Wie würden Sie das Investitionsklima in Estland beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Estland hat eine liberale Wirtschaftspolitik mit einem investitionsfreundlichen Steuersystem und eine trans­parente und funktionierende Gesetzgebung, die mit der EU-Gesetzgebung übereinstimmt. Es gibt keine Steuer auf thesaurierte Gewinne sowie keine Besteuerung der Zinsen oder Dividenden. Die mit 61 Staaten geltenden Doppelbesteuerungsabkommen erleichtern effiziente Abläufe und eine langfristige Planung.

Nach dem Korruptionswahrnehmungsindex zählte Estland 2020 mit 75 Punkten zu den 20 Staaten weltweit, deren Wert sich seit dem Jahr 2012 statistisch erheblich verbessert hat. Im Vergleich zu 2019 erzielte das Land um einen Punkt mehr und rangiert nun gemeinsam mit Island auf Rang 17 von insgesamt 180 erfassten Ländern (2020, Transparency International). Die Staatsverschuldung Estlands stieg 2020 gegenüber dem 3. Quartal 2019 um 9,5 Prozent, blieb jedoch im Quartalsvergleich auf dem gleichen Niveau. Zum Ende des 3. Quartals 2020 machte die Staatsverschuldung Estlands 18,5 Prozent des BIP aus und ist damit nach wie vor die niedrigste der EU.

Das Land hat ein freundliches Klima für ausländische Investoren; zwischen in- und ausländischen Investoren wird nicht unterschieden. EU-Strukturfonds stehen für in- und ausländische Gesellschaften gleichermaßen zur Verfügung und ausländische Investitionen werden durch Gesetze und internationale Abkommen geschützt. Estland hat zum Schutz von Investitionen Abkommen mit mehreren Ländern – auch mit Deutschland, Österreich und der Schweiz – geschlossen.

Darüber hinaus bietet Estland ein sehr progressives Geschäftsklima mit einer leistungsfähigen und kompatiblen Infrastruktur. Das Land ist ein idealer Ort, um Ideen zu testen und umzusetzen. Mit seiner geringen Bevölkerungs­zahl stellt es insbesondere für Projekte mit neuen technischen Lösungen ein ausgezeichnetes Testfeld dar, um schnell direktes Feedback zu bekommen. Betreffend neuer Technologien sind die Esten überaus anpassungsfähig und sehr an deren Anwendung interessiert. Gemäß der Angaben des Zentrums der Auslandsinvestitionen der Enterprise Estonia wurden im Jahre 2021 insgesamt 173 Millionen in estnische Wirtschaft investiert.

Estland verfügt über qualifizierte Arbeitskräfte mit starken Kompetenzen in den Bereichen Sprachen, Finanzwesen und Informationstechnologie (IT). Darüber hinaus sind estnische Mitarbeiter für ihr Engagement bekannt. Im Jahr 2021 wurden mit Auslandsinvestitionen in Estland 1000 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Branchen mit günstigen Aussichten:

  • Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT);
  • Holz- und Papierindustrie;
  • Finanz- und Versicherungswesen;
  • Start-up-Sektor;
  • Herstellung elektrischer und elektronischer Geräte.


Hauptexportgüter Estlands:

  • Maschinen und Anlagen;
  • Mineralprodukte;
  • Holz und Holzerzeugnisse;
  • Möbel, Holzhäuser usw.;
  • Metalle und Metallerzeugnisse;
  • Transportmittel.


Hauptimportgüter Estlands:

  • Maschinen und Anlagen;
  • Mineralprodukte;
  • Transportmittel;
  • Metalle und Metallerzeugnisse;
  • Chemische Erzeugnisse;
  • Waren der Lebensmittelindustrie und Getränke.

 

 

Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Estland gegenüber?

In Estland ist Englisch die hauptsächliche Geschäftssprache. Deshalb kann es schwierig sein, deutschsprachige Arbeitskräfte zu finden.

Darüber hinaus eignet sich Estland als kleines Land nicht für einen Einsatz mit hoher Arbeitskräfteintensität.

Amtliche Verfahren werden in Estland größtenteils in elektronischer Form durchgeführt. Ohne estnische ID-Nummer bzw. estnische ID-Karte ist ein digitales Signieren von Dokumenten nicht möglich. Jedoch bietet Estland Ausländern E-Residency an, die zwar keinen physischen Wohnsitz oder keine Staatsbürgerschaft inkludiert, aber bei denen es möglich ist, als E-Staatsbürger auf Vorteile des E-Governments zurückzugreifen. Falls ein Ausländer bereit ist, E-Bürger zu werden und falls sein Antrag nach einem Background-Check genehmigt wird, kann er allerdings viele von Estland digital bereitgestellten Werkzeuge nutzen und notwendige Angelegenheiten erledigen.


Estland hat im Baltikum eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung. Wie wirkt sich das auf die Wirtschaft aus?

Estland ist für seine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung schon lange bekannt. Das Land bietet seinen Bürgern und Unternehmen hunderte von E-Dienstleistungen. Es ist üblich, möglichst viele Angelegenheiten mithilfe von IT-Lösungen online abzuwickeln. Estland weist eine hohe Penetrationsrate des Internets auf (das kostenlos ist). Weit verbreitet sind E-Commerce und E-Behördendienste, inkl. der E-Residenz. Damit ist Estland eines der weltweit führenden Länder auf dem Gebiet.

Internetzugang wird in Estland als grundlegendes Menschenrecht betrachtet. Dank der E-Dienstleistungen werden Zeit, Geld und Energie gespart. Benötigt werden nur die estnische ID-Karte, ein Kartenleser und eine Internetver­bindung. Die estnische ID-Karte bietet Zugang zu allen nationalen E-Anwendungen. Gleichzeitig ist sie als Reisedokument in Europa gültig. E-Mail-Korrespondenz und digitales Signieren von Dokumenten sind im Geschäftsalltag an der Tagesordnung. In der papierfreien Gesellschaft können viele Transaktionen schnell abgewickelt werden. Estland ist als Land mit einer der größten Anzahl von Start-ups pro Kopf bekannt. Ein Unternehmen kann in 20 Minuten gegründet und im E-Register eingetragen werden, denn seit 2011 ist eine Online-Unternehmensregistrierung möglich. Auch Nichtansässige haben durch das E-Residenz-Programm Zugang zum Register und den digitalen Diensten.

Zudem bietet Estland E-Regierung, E-Gesundheit, E-Schule, E-Wahlen und viele andere E-Services. Über die E-Steuerbehörde werden 95 Prozent aller Steuererklärungen elektronisch eingereicht. Das estnische Bankensystem basiert ebenfalls auf IT und ist schnell und flexibel. 99 Prozent der Bankgeschäfte werden in Estland elektronisch erledigt. E-Wahlen, eine Alternative zur traditionellen Wahl mit Stimmzetteln, erfordern keinen Gang ins Wahllokal. Benötigt ein Este ein Medikament, geht er mit seiner ID-Karte zur Apotheke und erhält das Medikament aufgrund eines digitalen Rezeptes, das vom Hausarzt direkt über das Internet in eine Datenbank eingefügt wurde.

Des Weiteren sind gut über 80 Prozent der Schulen an das E-Schule-Programm angeschlossen. Die Eltern haben online Einsicht in die Noten und die Hausaufgaben ihrer Kinder sowie in die Kommentare der Lehrer; zudem sind viele Unterrichtsmaterialien digital zu finden. E-Lösungen erweisen sich als praktisch, v.a. in der Zeit der Corona-Pandemie. Auch Unternehmen, in denen das Arbeiten von Zuhause aus möglich ist, nutzen die vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft sehr aktiv: E-Mails, Skype, verschiedene Datenbanken, Clouds, Remote-Desktops gehören dabei zum Arbeitsalltag.

Das Bestellen von Lebensmitteln und Konsumgütern zu Hause und im Büro ist zu einem neuen Verhalten der Kunden geworden. Online-Verkauf bietet Unternehmen, u.a. Baumärkten und Konsumgüteranbietern, eine Chance, Umsatz zu generieren. Während der Corona-Krise ist der E-Handel um mehr als das Doppelte gestiegen. In einem Jahr sind über 40.000 ortsungebundene Arbeitnehmer hinzugekommen. Die drastischen Veränderungen bei den Packstationen zeigen sich durch eine Nutzungszunahme in der Pandemie um knapp 70 Prozent. Online-Verkauf ist für Unternehmen sozusagen zu einer neuen Normalität geworden. Mitunter kann es sogar schwierig sein, ohne E-Shop in einem bestimmten Sektor tätig zu sein. Allerdings gilt es zu berücksichtigen: Je mehr Geschäftstätig­keiten über E-Kanäle, desto höher der Wettbewerb. Es ist wichtig, sich der Marktveränderungen bewusst zu sein und bestehende Lösungen kontinuierlich weiterzuentwickeln.


Wie wird sich aus Ihrer Sicht Estland weiterentwickeln?

Für Estland ist es wichtig, Beziehungen mit Alliierten und Partnerstaaten zu bewahren sowie die Tätigkeit der gemeinsamen Organisationen zu gewährleisten. Der Bevölkerungsschutz und die Vorbereitung für Krisen sollten mit internationalen Partnern entwickelt werden, weil Krisen wie andere Gefahren keine Staatsgrenzen kennen. Das Zentrum der Entwicklungsüberwachung hat die Ziele der estnischen Regionalpolitik aufgeführt und die wichtigen technologischen Erneuerungen der regionalen Wirtschaft sind mit der Wirtschaft verbunden: Automatisierung und Robotisierung der Wirtschaft; intelligente Energiesysteme mit dezentraler Produktion. Eine der Hauptachsen der Szenarien ist die Änderung des Wirtschaftsmodells und der Lebensweise aufgrund der nachhaltigen Entwicklung – wird ein pragmatisches Vorgehen vorrangig sein oder findet ein ökologischer Durchbruch statt. Die andere Hauptachse ist der technologische Einfluss auf die Wirtschaft – wird dies die Konzentration erhöhen oder dezentrale Wirtschaftstätigkeit unterstützen. 
 
Unsere Bevölkerung wächst nicht mehr mit dem gleichen Tempo wie früher. Deshalb muss sich die Produktionstätigkeit der Gesellschaft verbessern, um den Wirtschaftswachstum zu beschleunigen. Dies ist wichtig, weil in der Wirtschaft große Änderungen stattfanden, die eine Preisstabilisierung für uns schwieriger machten. Beispielsweise leben Menschen länger und auch sparen mehr, um den Ruhestand zu genießen. Die Wirtschaft wächst nicht mehr mit dem gleichen Tempo wie früher. Dies macht die Unternehmen weniger optimistisch und sie investieren weniger. Deshalb ist es wichtig, durch innovative Ideen und neue Technologien in das Wachstum der Arbeitseffizienz und die Produktivität zu investieren.

 Kulturelle Besonderheiten in Estland

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Alice Salumets

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