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Erfolgreich investieren in Estland

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zuletzt aktualisiert am 19. Mai 2021 | Lesedauer ca. 6 Minuten

 

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Estland ein?

Vielerorts hat die Ausbreitung des Coronavirus in dem Jahr wieder zugenommen, was zu weiteren Einschrän­kungen der Wirtschaftstätigkeit von Unternehmen geführt hat. Aus den Gründen wird die Wirtschaftskrise in Estland länger dauern als bisher prognostiziert.

Estlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im 4. Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 1,2 Prozent zurück. Die Wirtschaft schrumpfte 2020 insgesamt um 2,9 Prozent. Den größten Einfluss auf den wirtschaftlichen Abschwung im 4. Quartal hatten Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei, Unterkunft und Verpflegung sowie Verwaltungs- und Unterstützungsdienstleistungen. Der Beitrag der verarbeitenden Industrie lag zwar im negativen Bereich, doch konnte nach der Besserung der Situation wieder der Vorkrisenstand erreicht werden. Zudem verlangsamte sich einerseits der rapide Rückgang im Transport- und Lagereiwesen, andererseits trugen die Informations- und Kommunikationstechnik sowie der Finanzsektor zur wirtschaftlichen Erholung bei.

Obwohl sich die Corona-Beschränkungen im letzten Quartal des Vorjahres auf die Wirtschaft mäßig auswirkten, weisen Ökonomen der Estnischen Bank darauf hin, dass verschärfte Maßnahmen erst im Dezember 2020 in Kraft getreten sind und sich somit noch nicht signifikant auf das BIP niederschlagen konnten. Da die Beschränkungen hauptsächlich Niedriglohnsektoren und Sektoren mit geringerer Produktivität betreffen, sind die sichtbaren wirtschaftlichen Folgen geringer als die sozialen.

Nach Angaben der Estnischen Bank waren die Einzelhandelsumsätze im Land zum Jahresende im Vergleich zu anderen EU-Ländern deutlich höher. Auch die Unternehmenserwartungen sind im kleinsten Baltenstaat optimistischer geworden als anderswo in Europa. Hängt der Erfolg eines auf den Binnenmarkt ausgerichteten Sektors in hohem Maße von den landeseigenen Beschränkungen ab, so wird der Exportbereich eher von den Beschränkungen anderer Länder beeinflusst. Trotz aller Corona-Beschränkungen des internationalen Transports hat der Außenhandel gut abgeschnitten. Die reduzierten Reisedienstleistungen schränkten zwar weiterhin den Export und Import von Dienstleistungen ein, aber der Warenhandel erreichte ein historisch hohes Niveau. Sowohl der Import als auch der Export von Waren stiegen durch den Handel mit elektronischen Geräten und chemischen Produkten um 14,4 Prozent bzw. 8,7 Prozent. Ferner trug die Ausfuhr von Holzprodukten zur Exportsteigerung bei, während die Importe durch die Einfuhr von Maschinen und Geräten gefördert wurden.

Der Verbraucherpreisindex wurde insbesondere durch den Anstieg des Strompreises für Privathaushalte sowie den Rückgang bei den Kraftstoffpreisen beeinflusst. Der Index ist im Februar 2021 im Vergleich zum Februar 2020 um 0,6 Prozent gestiegen. Ebenfalls im Februar-Monatsvergleich waren in diesem Jahr Waren um 0,6 Prozent günstiger und Dienstleistungen um 2,7 Prozent teurer. Die Arbeitslosenquote lag 2020 bei 6,8 Prozent (2019: 4,4 Prozent), die Beschäftigungsquote bei 66,7 Prozent (2019: 68,4 Prozent) und die Erwerbsbeteiligung lag wie 2019 bei 71,6 Prozent.

Estland weist zudem eines der höchsten internationalen Kreditratings in der Region auf:

  • Standard & Poor: AA-, mit Ausblick auf Stabilität;
  • Moody: A1, mit Ausblick auf Stabilität;
  • Fitch IBCA: AA-, mit Ausblick auf Stabilität.

 

Wie würden Sie das Investitionsklima in Estland beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Estland hat eine liberale Wirtschaftspolitik mit einem investitionsfreundlichen Steuersystem und eine trans­parente und funktionierende Gesetzgebung, die mit der EU-Gesetzgebung übereinstimmt. Es gibt keine Steuer auf thesaurierte Gewinne sowie keine Besteuerung der Zinsen oder Dividenden. Die mit 61 Staaten geltenden Doppelbesteuerungsabkommen erleichtern effiziente Abläufe und eine langfristige Planung.

Nach dem Korruptionswahrnehmungsindex zählte Estland 2020 mit 75 Punkten zu den 20 Staaten weltweit, deren Wert sich seit dem Jahr 2012 statistisch erheblich verbessert hat. Im Vergleich zu 2019 erzielte das Land um einen Punkt mehr und rangiert nun gemeinsam mit Island auf Rang 17 von insgesamt 180 erfassten Ländern (2020, Transparency International). Die Staatsverschuldung Estlands stieg 2020 gegenüber dem 3. Quartal 2019 um 9,5 Prozent, blieb jedoch im Quartalsvergleich auf dem gleichen Niveau. Zum Ende des 3. Quartals 2020 machte die Staatsverschuldung Estlands 18,5 Prozent des BIP aus und ist damit nach wie vor die niedrigste der EU.

Das Land hat ein freundliches Klima für ausländische Investoren; zwischen in- und ausländischen Investoren wird nicht unterschieden. EU-Strukturfonds stehen für in- und ausländische Gesellschaften gleichermaßen zur Verfügung und ausländische Investitionen werden durch Gesetze und internationale Abkommen geschützt. Estland hat zum Schutz von Investitionen Abkommen mit mehreren Ländern – auch mit Deutschland, Österreich und der Schweiz – geschlossen.

Darüber hinaus bietet Estland ein sehr progressives Geschäftsklima mit einer leistungsfähigen und kompatiblen Infrastruktur. Das Land ist ein idealer Ort, um Ideen zu testen und umzusetzen. Mit seiner geringen Bevölkerungs­zahl stellt es insbesondere für Projekte mit neuen technischen Lösungen ein ausgezeichnetes Testfeld dar, um schnell direktes Feedback zu bekommen. Betreffend neuer Technologien sind die Esten überaus anpassungsfähig und sehr an deren Anwendung interessiert.

Estland verfügt über qualifizierte Arbeitskräfte mit starken Kompetenzen in den Bereichen Sprachen, Finanzwesen und Informationstechnologie (IT). Darüber hinaus sind estnische Mitarbeiter für ihr Engagement bekannt.

Branchen mit günstigen Aussichten:

  • Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT);
  • Holz- und Papierindustrie;
  • Finanz- und Versicherungswesen;
  • Start-up-Sektor;
  • Herstellung elektrischer und elektronischer Geräte.


Hauptexportgüter Estlands:

  • Maschinen und Anlagen;
  • Mineralprodukte;
  • Holz und Holzerzeugnisse;
  • Möbel, Holzhäuser usw.;
  • Metalle und Metallerzeugnisse;
  • Transportmittel.


Hauptimportgüter Estlands:

  • Maschinen und Anlagen;
  • Mineralprodukte;
  • Transportmittel;
  • Metalle und Metallerzeugnisse;
  • Chemische Erzeugnisse;
  • Waren der Lebensmittelindustrie und Getränke.

 

 

Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Estland gegenüber?

In Estland ist Englisch die hauptsächliche Geschäftssprache. Deshalb kann es schwierig sein, deutschsprachige Arbeitskräfte zu finden.

Darüber hinaus eignet sich Estland als kleines Land nicht für einen Einsatz mit hoher Arbeitskräfteintensität.

Amtliche Verfahren werden in Estland größtenteils in elektronischer Form durchgeführt. Ohne estnische ID-Nummer bzw. estnische ID-Karte ist ein digitales Signieren von Dokumenten nicht möglich. Jedoch bietet Estland Ausländern E-Residency an, die zwar keinen physischen Wohnsitz oder keine Staatsbürgerschaft inkludiert, aber bei denen es möglich ist, als E-Staatsbürger auf Vorteile des E-Governments zurückzugreifen. Falls ein Ausländer bereit ist, E-Bürger zu werden und falls sein Antrag nach einem Background-Check genehmigt wird, kann er allerdings viele von Estland digital bereitgestellten Werkzeuge nutzen und notwendige Angelegenheiten erledigen.


Estland hat im Baltikum eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung. Wie wirkt sich das auf die Wirtschaft aus?

Estland ist für seine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung schon lange bekannt. Das Land bietet seinen Bürgern und Unternehmen hunderte von E-Dienstleistungen. Es ist üblich, möglichst viele Angelegenheiten mithilfe von IT-Lösungen online abzuwickeln. Estland weist eine hohe Penetrationsrate des Internets auf (das kostenlos ist). Weit verbreitet sind E-Commerce und E-Behördendienste, inkl. der E-Residenz. Damit ist Estland eines der weltweit führenden Länder auf dem Gebiet.

Internetzugang wird in Estland als grundlegendes Menschenrecht betrachtet. Dank der E-Dienstleistungen werden Zeit, Geld und Energie gespart. Benötigt werden nur die estnische ID-Karte, ein Kartenleser und eine Internetver­bindung. Die estnische ID-Karte bietet Zugang zu allen nationalen E-Anwendungen. Gleichzeitig ist sie als Reisedokument in Europa gültig. E-Mail-Korrespondenz und digitales Signieren von Dokumenten sind im Geschäftsalltag an der Tagesordnung. In der papierfreien Gesellschaft können viele Transaktionen schnell abgewickelt werden. Estland ist als Land mit einer der größten Anzahl von Start-ups pro Kopf bekannt. Ein Unternehmen kann in 20 Minuten gegründet und im E-Register eingetragen werden, denn seit 2011 ist eine Online-Unternehmensregistrierung möglich. Auch Nichtansässige haben durch das E-Residenz-Programm Zugang zum Register und den digitalen Diensten.

Zudem bietet Estland E-Regierung, E-Gesundheit, E-Schule, E-Wahlen und viele andere E-Services. Über die E-Steuerbehörde werden 95 Prozent aller Steuererklärungen elektronisch eingereicht. Das estnische Bankensystem basiert ebenfalls auf IT und ist schnell und flexibel. 99 Prozent der Bankgeschäfte werden in Estland elektronisch erledigt. E-Wahlen, eine Alternative zur traditionellen Wahl mit Stimmzetteln, erfordern keinen Gang ins Wahllokal. Benötigt ein Este ein Medikament, geht er mit seiner ID-Karte zur Apotheke und erhält das Medikament aufgrund eines digitalen Rezeptes, das vom Hausarzt direkt über das Internet in eine Datenbank eingefügt wurde.

Des Weiteren sind gut über 80 Prozent der Schulen an das E-Schule-Programm angeschlossen. Die Eltern haben online Einsicht in die Noten und die Hausaufgaben ihrer Kinder sowie in die Kommentare der Lehrer; zudem sind viele Unterrichtsmaterialien digital zu finden. E-Lösungen erweisen sich als praktisch, v.a. in der Zeit der Corona-Pandemie. Auch Unternehmen, in denen das Arbeiten von Zuhause aus möglich ist, nutzen die vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft sehr aktiv: E-Mails, Skype, verschiedene Datenbanken, Clouds, Remote-Desktops gehören dabei zum Arbeitsalltag.

Das Bestellen von Lebensmitteln und Konsumgütern zu Hause und im Büro ist zu einem neuen Verhalten der Kunden geworden. Online-Verkauf bietet Unternehmen, u.a. Baumärkten und Konsumgüteranbietern, eine Chance, Umsatz zu generieren. Während der Corona-Krise ist der E-Handel um mehr als das Doppelte gestiegen. In einem Jahr sind über 40.000 ortsungebundene Arbeitnehmer hinzugekommen. Die drastischen Veränderungen bei den Packstationen zeigen sich durch eine Nutzungszunahme in der Pandemie um knapp 70 Prozent. Online-Verkauf ist für Unternehmen sozusagen zu einer neuen Normalität geworden. Mitunter kann es sogar schwierig sein, ohne E-Shop in einem bestimmten Sektor tätig zu sein. Allerdings gilt es zu berücksichtigen: Je mehr Geschäftstätig­keiten über E-Kanäle, desto höher der Wettbewerb. Es ist wichtig, sich der Marktveränderungen bewusst zu sein und bestehende Lösungen kontinuierlich weiterzuentwickeln.


Wie wird sich aus Ihrer Sicht Estland weiterentwickeln?

Die Corona-Maßnahmen vom Frühjahr 2021 beeinträchtigen die Wirtschaft vorübergehend, doch kann sich die estnische Wirtschaft ab Mitte des Jahres durchaus rasch erholen. Eine optimistische Prognose der Estnischen Bank geht davon aus, dass die Beschränkungen der Wirtschaftstätigkeit mit Ende Mai gelockert werden und die Bevölkerung bis zum Herbst größtenteils geimpft ist, sodass es nicht wieder zu eklatanten Wirtschaftseinbrüchen kommen wird. Die Erfahrungen des Vorjahres haben deutlich gezeigt, dass ein großer Teil der Wirtschaft nach Aufhebung der Corona-Beschränkungen schnell wieder auf die Beine kommen kann.

Sollten die Beschränkungen jedoch bis Juni andauern, wären verschiedene Dienstleistungssektoren, wie der Tourismus und verwandte Bereiche, am härtesten betroffen. Ohne Möglichkeit, sich in der Tourismussaison von der Krise zu erholen, wären vermehrte Unternehmensschließungen und damit verbunden eine Zunahme von Arbeitslosen die Folge. Allerdings würde die gesamtwirtschaftliche Aktivität weniger leiden, da für den Industriesektor gute Chancen für das Hochfahren der Produktion bestehen. Trotzdem könnten in dem negativen Szenario Unternehmensinsolvenzen einen dauerhaften Schaden für das Wirtschaftspotenzial bedeuten, da die erhöhte Arbeitslosigkeit vorwiegend struktureller Natur wäre.

Die Corona-Krise hat mehrere wirtschaftliche Trends beschleunigt. Die Krise hat die Entwicklungspläne von Unternehmen zeitlich komprimiert – mehrere Jahre Entwicklungsarbeit muss innerhalb weniger Monate geleistet werden, um Wertschöpfungsketten und Arbeitsprozesse risikosicherer zu machen. Digitalisierung und Automati­sierung von Arbeits- und Geschäftsprozessen sind überlebenswichtig geworden. Telearbeit und virtuelle Kanäle werden nach Möglichkeit in größerem Umfang genutzt. Größere und stärkere Unternehmen sind in der Lage, solche Veränderungen selbst zu bewältigen. Kleine Unternehmen und große Unternehmen, die sich in einer schlechteren Position befinden, haben Probleme. Der Arbeitsmarkt polarisiert schneller als erwartet. Einerseits wird der Mangel an Spitzenspezialisten größer, andererseits gibt es einen Überschuss an Mittel- und Geringqualifizierten. Es müssen Top-Spezialisten aus dem Ausland rekrutiert werden.

Die Krise hat zu einer Umverteilung der Märkte auf der ganzen Welt geführt, wobei die Lieferketten verkürzt und diversifiziert werden. Europa und Estland können viel davon profitieren, wenn sie klug handeln.

 Kulturelle Besonderheiten in Estland

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Alice Salumets

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