Erfolgreich investieren in Frankreich

PrintMailRate-it

zuletzt aktualisiert am 13. September 2022 | Lesedauer ca. 6 Minuten

  

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Frankreich ein?

Corona, der Krieg Russlands gegen die Ukraine, hohe Energiepreise und die damit verbundene Inflation belasteten und belasten die französische Wirtschaft. Es ließen aber die Corona-Effekte ab Anfang 2022 merklich nach, da zum Beispiel die Lieferkettenprobleme abnahmen. 
 
Vielmehr spürt die französische Wirtschaft, wie ganz Europa, die Folgen des Kriegs gegen die Ukraine. Zwar hat vor dem Krieg der Handel mit Russland und der Ukraine jeweils nur knapp unter 2 Prozent der Importe und Exporte Frankreichs ausgemacht, dennoch hatten und haben einige große französische Unternehmen wie Renault, TotalEnergies oder die Bank Sociètè Générale starke Verflechtungen mit der russischen Wirtschaft, die zu erheb­lichen Belastungen führen. 
 
Zusätzlich steigen die Energiepreise in Frankreich. Für Verbraucher wird der Strom- und Gaspreis zwar bis Januar gedeckelt. Allerdings nicht für die Industrie und Unternehmen. Auch gibt es eine Art „Tankrabatt“, der den Preis pro Liter Kraftstoff um 18 Cent senkt. Im Ergebnis bestehen trotz der Bemühungen der französischen Regierung zur Verringerung der Energiekosten erhebliche Risiken für die französische Wirtschaft, die in diesem Artikel auch noch näher erläutert werden.
 
Erschwerend kommt die steigende Inflation in der Eurozone und auch in Frankreich hinzu, die durch das Fort­dau­ern des russischen Angriffs auf die Ukraine, den damit verbundenen gegenseitigen Sanktionen und die zurück­hal­tende Zinspolitik der Europäischen Zentralbank weiter angefeuert wird.
 
Trotz dieser Herausforderungen konnte die Arbeitslosenquote bis zum Ende des zweiten Quartal 2022 auf 7,4 Prozent um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesenkt werden, stieg aber um 0,1 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Quartal. Ein negativer Trend ist hierin aber (noch) nicht zu erkennen. 
 
Auch wird das Wachstum der französischen Wirtschaft für das Jahr 2022 positiv erwartet. Die Prognose wurde aber in Folge des Krieges in der Ukraine von über 4 Prozent auf 3,4 Prozent bis 2,8 Prozent abgesenkt. Zusätzlich wurde auch die Prognose für das Wachstum der Folgejahre durch die Zentralbank nach unten korrigiert.
 

Wie würden Sie das Investitionsklima in Frankreich beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Deutschland bleibt mit einem Kapitalstock von 86 Milliarden Euro der wichtigste ausländische Investor in Frankreich. Grundsätzlich verzeichnet Frankreich einen Anstieg von 32 Prozent ausländischer Investitionsprojekte in Frankreich.
 
Dies kann auf eine Reihe von Reformen im französischen Arbeits- und Steuerrecht zurückgeführt werden. So ist inzwischen der Körperschaftssteuersatz von 33,33 Prozent auf 25 Prozent abgesenkt worden und entspricht somit nun beispielsweise den Steuersätzen in Kanada, Spanien oder auch Österreich. Liegt aber weiterhin 10 Pro­zent über dem deutschen Körperschaftssteuersatz von 15 Prozent.
 
Zusätzlich ist Frankreich auch wegen seiner vorteilhaften Besteuerung für Forschung- und Entwicklungs­ge­sell­schaf­ten sehr attraktiv als Investitions- und Entwicklungsstandort.
 
Auch die in der aktuellen Legislaturperiode angestrebten Arbeitsrechtreformen des Präsidenten Macron und die dadurch zu erwartende Senkung der Arbeitskosten hat zu Folge, dass Frankreich für ausländische Investoren stark an Attraktivität gewinnt. 
 
Die Attraktivität Frankreichs als Wirtschaftsstandort beruht zusätzlich auf weiteren Stärken. Die Infrastruktur ist nach wie vor von guter Qualität und wird auch weiter ausgebaut. Die Arbeitskräfte sind gut ausgebildet. Zumal Frankreich im Rahmen der Arbeitsrechtsreformen stark in die Ausbildung von Arbeitskräften investiert. Auch die Exzellenz der französischen Ingenieure erklärt, warum Frankreich mehr Forschungs- und Entwicklungszentren anzieht als seine Nachbarn. 
 
Allerdings sind die Strom- und Energiepreise im letzten Jahr (wie im Rest von Europa) sehr gestiegen.
 
Darüber hinaus verfügt das Land nicht nur über ausgewiesene Spitzenbranchen, wie die Luxusgüterindustrie sowie den Nahrungsmittel- und Energiesektor, sondern zeichnet sich auch durch Faktoren wie Innovation, Kreativität und Problemlösungskompetenz aus. Ein wichtiges Feld wird nach den Plänen der französischen Regierung auch im Bereich erneuerbarer Energien und Dekarbonisierung liegen. So wird hier neben der Atomkraft auf Photovoltaik und Offshore-Windkraft als Hauptenergieträger gesetzt und die Industrie und Infrastruktur soll nach und nach dekarbonisiert werden.
 
In Frankreich sind Unternehmensniederlassungen deutscher Firmen aus allen Wirtschaftszweigen angesiedelt. Neben dem traditionell großen Anteil deutscher Investoren aus der Industrie nimmt auch die Bedeutung des Dienstleistungssektors immer weiter zu. Die meisten deutschen Unternehmen kommen aus der Transport- und Bauwesenbranche. Weitere wichtige Branchen sind:
  • Maschinen und mechanische Ausrüstung,
  • elektronische, IT- und medizinische Ausstattung,
  • kommerzielle, finanzielle und andere Dienstleistungen,
  • die Chemie- und Kunststoffindustrie und
  • die Automobilindustrie.
 

Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Frankreich gegenüber?

Herausforderungen bestehen für ausländische Unternehmen in der teilweise sehr von Deutschland divergierenden und sich häufig ändernden Rechtslage in Frankreich, insbesondere in den Bereichen des Steuer-, Arbeits- und Gesellschaftsrechts. 
 
Zusätzlich ist in Frankreich die Gesetzgebung eine sehr arbeitnehmerfreundliche, was auch mit einer kritischen Grundhaltung der französischen Bevölkerung gegenüber dem Unternehmertum zu tun hat.
 
2019 ist in Frankreich zudem innerhalb einer neuen Gesetzesnovelle des französischen Währungs- und Finanz­gesetzes der Anwendungsbereich für genehmigungspflichtige ausländische Investitionen um den Bereich der Forschung und Entwicklung in Bezug auf Cybersicherheit, künstliche Intelligenz, Robotertechnik, Additive Fertigung, Nanotechnologie und Weltraumaktivitäten sowie um den Bereich der digitalen Datenerfassung und ‑speicherung erweitert worden.
 
Anwendung findet die Außenwirtschaftskontrolle durch das französische Wirtschaftsministerium bei Erwerb der Mehrheitsanteile oder eines ganzen bzw. teilweisen Geschäftszweiges einer Gesellschaft, deren Sitz sich in Frankreich befindet. Für ausländische Investoren aus dem Nicht-EU-Ausland gilt die Genehmigungspflicht bereits bei Erwerb eines Kapitalbesitzes bzw. von Stimmrechten von 33,33 Prozent.
 
Genehmigungspflichtige ausländische Investitionen unterliegen dabei einem bestimmten Genehmigungsverfahren, dessen Verfahrensschritte es im Einzelnen zu beachten gilt.
 

Wie beeinflusst die Energieversorgung Frankreichs die wirtschaftliche Entwicklung?

Europa, aber auch Frankreich stehen schwierige Zeiten bevor. In Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Russland nach und nach seine Energieversorgung in Richtung Europa auf fast null zurückgefahren. Allerdings ist Frankreich nicht so abhängig von russischem Gas wie etwa Deutschland, da hier hauptsächlich mit Strom geheizt wird und Gaskraftwerke nur rund 7 Prozent des Strombedarfs decken. 
 
Hinzu kommen aber weitere inländische Probleme in der französischen Energieversorgung. Über den Sommer waren viele Atomkraftwerke, die die Hauptlast (rund 70 Prozent normalerweise) in der französischen Energie­ver­sor­gung tragen, abgeschaltet. In der Folge importierte Frankreich viel Strom aus anderen EU-Ländern, wie Deutschland oder Spanien. Die Abschaltung der Meiler beruht auf verschiedenen Gründen. Über die Hälfte der Kraftwerke waren oder sind in Folge von regulärer Wartung, aber auch Wasserknappheit, Personalausfall und Erosion in Reaktoren nicht funktionsfähig gewesen. Die dadurch erhöhten Energiepreise als Antwort auf die Angebotsverknappung werden sich spürbar auswirken und tun dies bereits. Die zu erwartende Inflation für das Jahr 2022 wird auf 6,5 Prozent geschätzt und hat bereits den französischen Präsidenten als auch Parlaments Wahlkampf 2022 bestimmt.
 
Hinzu kommt, dass über die Hälfte der Franzosen mit Strom heizt. Zwar sind die Preise hier für Verbraucher bis Ende 2022 gedeckelt, allerdings kann gerade dies zu einer erheblichen Belastung des französischen Strommarktes führen, wenn sich der Preiseffekt und der damit zusammenhängende Sparanreiz nicht bei den Bürgern auswirkt.
 
Zwar kündigte der inzwischen verstaatliche Energieversorger EDF an über den Winter alle AKWs wieder in Betrieb zu haben. Allerdings warnt das französische Energieministerium in einem „Worstcase“ Szenario vor gelegentlichen Stromausfällen von bis zu zwei Stunden. Zumal einige Experten die Ankündigungen von EDF als zu optimistisch ansehen und eine langsamere Rückkehr der Atomkraftwerke erwarten.
 
Um Blackouts zu verhindern, implementiert die französische Regierung ein Stromquotenhandelssystem, das aktiviert wird, sollte die ausreichende Energieversorgung aller Unternehmen nicht möglich sein. So könnten Unternehmen Stromquoten kaufen und verkaufen, um die eingeschränkte Stromversorgung möglichst optimal im Betrieb zu nutzen. 
 
Als Ultima Ratio werden auch vorübergehenden Abschaltungen von Kunden auf Weisung des Energieministeriums vorbereitet. Eine Website des französischen Stromnetzbetreibers zeigt den französischen Bürgern an, wie stark die Netzauslastung ist und ob potentiell Abschaltungen bevorstehen.
 
Das dies zu erheblichen Einschnitten gerade in der Industrie führen kann, liegt auf der Hand. Um dies zu ver­hin­dern, wird durch die Regierung angeregt, dass die Unternehmen Energiesparpläne aufstellen.
 
Darüber hinaus wird der französische Staat betroffenen Unternehmen helfen, wie genau diese Hilfen ausgestaltet werden, steht bis zum Redaktionsschluss dieses Beitrags noch nicht fest. Auch versucht der Staat bei der Instand­setzung der AKWs zu helfen.
 
Es bleibt also nur zu hoffen, dass wie angekündigt in Frankreich die AKWs zurück ans Netz kommen und der Winter 2022/2023 ein milder Winter wird, sodass die Stromversorgung für die Unternehmen und damit deren wirtschaftliche Existenz gesichert werden kann.
 

Wie wird sich aus Ihrer Sicht Frankreich weiterentwickeln?

Die wirtschaftlich guten Entwicklungen der letzten Jahre sind in Folge des Kriegs gegen die Ukraine und dessen Auswirkungen gefährdet. Viel wird davon abhängen, wie Frankreich und Europa durch den Winter 2022/2023 kommen. Soweit es hier zu weiter steigenden Preisen kommt oder die Versorgung mit Energie nicht durchgehend gegeben ist, ist ein Schrumpfen der französischen Wirtschaft gerade in energieintensiven Branchen zu erwarten.
 
Nicht destotrotz ist Frankreich strukturell auf einem guten Weg notwendige Reformen anzustoßen, um sich wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Dabei spielt auch der Weg zur Dekarbonisierung der französischen Wirtschaft eine immer größere Rolle.
 
Allerdings ist aufgrund der aktuellen politischen Situation – dem Verlust der absoluten Mehrheit im französischen Parlament für Präsident Macron – es fraglich, inwieweit dessen Vorhaben eins zu eins umgesetzt werden können. Dennoch ist am Ende davon auszugehen, dass die Attraktivität Frankreichs für ausländische Investoren weiter steigt. Denn auch wenn Präsident Macron Kompromisse eingehen muss, so werden dennoch seine Reform­vor­stel­lungen zumindest teilweise umgesetzt werden.

 Kulturelle Besonderheiten in Frankreich

Video auf YouTube ansehen

Kontakt

Contact Person Picture

Nicola Lohrey

Rechtsanwältin, Avocat à la Cour

Geschäftsführende Partnerin

+33 1 5692 3125
+33 1 5692 3129

Anfrage senden

 Wir beraten Sie gern!

 Unternehmer­briefing

Kein Themen­special verpas­sen mit unserem Newsletter!

Deutschland Weltweit Search Menu