Digitalisierung in Indonesien

veröffentlicht am 11. Mai 2018

 

Interview mit Markus Schlüter

 

 
Wird das Thema Digitalisierung in Deutschland auf die Agenda geschrieben, darf damit gerechnet werden, dass Sie nicht nur eine Definition für den Begriff erhalten. Die immer wieder genannten Schlagwörter sind „disruptive Technologien”, „innovative Geschäftsmodelle” oder auch „Auto­nomisierung”, was wiederum gerne unter dem Begriff „Industrie 4.0” zusammen­gefasst wird. Wir möchten heute aber über Indonesien sprechen. Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick, was unter dem Begriff Digitalisierung in Indonesien verstanden wird.

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass Digitalisierung in Indonesien überwiegend als Wandel von kon­ventionellen Geschäftsmodellen hin zu internetbasierten Modellen für die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen (E-Commerce) wahrgenommen wird. Dabei ersetzt die Digitalisierung die konventionellen Geschäftsmethoden allerdings nicht, sondern begleitet und ergänzt vielmehr die traditionellen Handelswege.
 
Was den öffentlichen Bereich betrifft, so hat die Regierung zwar die elektronische Steuererklärung eingeführt, doch nach wie vor findet ein Großteil der Interaktionen in dem Bereich in Form manuell erstellter und persönlich eingereichter Steuererklärungen statt. Gleiches gilt für das BKPM (Amt für Investitionskoordination). Obwohl Genehmigungsverfahren in gewissem Umfang über ein Webportal eingeleitet und durchgeführt werden können, dominiert auch hier der persönliche Kontakt mit der Behörde.
 
Im Bereich Privatwirtschaft liegen die größten Veränderungen im Sektor Onlinehandel/E-Commerce, insbesondere im Business-to-Consumer-Bereich sowie im Person-to-Person-Business. Darüber hinaus boomt der mobilfunkbasierte Personentransport, wie bspw. Go-Jek (Motorradtransporte und –liefer­ung­en) oder Grab und Uber (Mitfahr-Portale). Elektronische Flugtickets teilen sich den Markt ebenfalls bereits mit konventionellen Tickets.
 
Elektronische Bezahlmethoden (E-Money) sind hingegen bisher nur wenig verbreitet. Als Bestandteil der Fintech-Einführung in Indonesien beschränkt sich die elektronische Bezahlung bislang auf einige größere Städte des Landes. In dem Zusammenhang ist zu bemerken, dass es bisher keinen landesweit flächen­deckenden Internetzugang gibt und dass sich die Ausarbeitung der erforderlichen regulatorischen Rahmenbedingungen derzeit noch im Anfangsstadium befindet.

Digitalisierung ist ein branchen- und gesellschaftsübergreifendes Thema. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Indonesien ein – Hat die Gesellschaft das Thema bereits verinnerlicht, ver­stehen Unternehmen den Wandel oder wird eher versucht, das Thema auszusitzen? Welche Branchen sind bereits auf der Erfolgsspur, welche hinken – eventuell auch aus traditionellen Gründen – hinterher?

Über die riesige und vielschichtige Inselgruppe Indonesiens hinweg beobachten wir große lokale Unterschiede im Hinblick auf Akzeptanz und Umsetzung des digitalen Wandels. Aufgrund der sehr ungleichmäßigen Kommunikationsinfrastruktur und des lückenhaften Internetzugangs sind einige Gegenden – insbesondere die großen Städte auf der Insel Java – in der Hinsicht bereits erheblich weiter als entlegenere Regionen des Landes.
 
Angesichts der Tatsache, dass stolze 60 Prozent der indonesischen Bevölkerung auf der Insel Java konzentriert sind, darf man durchaus sagen, dass die Digitalisierung des Marktes sich definitiv auf dem Vormarsch befindet und sich neben dem traditionellen lokalen Einzelhandel bereits fest etabliert hat. Gleiches ist für den mobilfunk- und internetbasierten Personentransport sowie für Mitfahr-Portale zu erwarten. Auch Online-Überweisungsdienste (Business-to-Business sowie Person-to-Person) wurden in letzter Zeit verstärkt von großen Banken implementiert.
 

Können Sie uns ein handfestes Beispiel aus Indonesien liefern, wie deutsche Unternehmer vor Ort mit der Digitalisierung umgehen? Wie können Unternehmen von externen Beratern und Experten bei der Transformation unterstützt werden und wo sehen Sie vor Ort erweiterten Beratungsbedarf?

Da deutsche Geschäftsaktivitäten in Indonesien sich aufgrund geltender regionaler Investitions­bestimmungen im Wesentlichen auf Bereiche jenseits des Einzelhandels konzentrieren, hat die Digitalisierung bislang einen eher bescheidenen Einzug in das internationale Wirtschaftsleben gehalten. Die Rocket Internet GmbH, ein deutsches Start-up, war unter seinem früheren Besitzer, der Lazada Gruppe, in Indonesien aktiv, hat jedoch zwischenzeitlich seine Investitionen in Indonesien an die chinesische Alibaba Gruppe abgetreten. Der Großteil ausländischer Unternehmer mit Fokus auf Digitalisierung sind strategische Investoren im Online-Einzelhandel. So hat bspw. Wikipedia, einer der ganz Großen im Bereich Online-Marktplätze, kürzlich einige umfangreiche Investitionen von ausländischen Geldgebern erhalten.
 

Wo sehen Sie die besten Chancen für deutsche und europäische Unternehmen, sich mit disruptiven Geschäftsmodellen auf dem indonesischen Markt zu positionieren?

Da deutsche und auch europäische Unternehmen traditionell eine Führungsrolle bei High-End-Produktions­technologien einnehmen, sehen wir gute Chancen zur Erschließung von Marktpotenzial im Bereich Fertigungsautomation sowie damit verbundener IT-Systeme – wie beispielsweise ERP – auf dem indonesischen Markt. Ein weiteres vielversprechendes Betätigungsfeld ist der Transfer von Know-how und Expertise entlang des gesamten Digitalisierungsprozesses.

 

Welche Punkte müssen bei der Transformation in Indonesien besonders beachtet werden (Bspw.: Cybersecurity, Datenschutz, Change Management, Cloud Computing, ERP-Systeme, (Tax-)Compliance-Systeme, digitale Payroll, Wertewandel, Blockchain-Technologien usw…)? Sehen Sie hier vor Ort kulturelle, gesellschaftliche oder ökonomische Vorteile, die für eine einfachere Transformation sprechen?

Wir sind davon überzeugt, dass alle oben genannten Punkte gleichermaßen ungeteilte Aufmerksamkeit und Beachtung verdienen, da sich Indonesien derzeit noch am Beginn des digitalen Wandels befindet. Darüber hinaus möchten wir auch ein besonderes Augenmerk auf die demografische Entwicklung Indonesiens lenken. Die indonesische Gesellschaft weist einen hohen Prozentsatz junger Menschen (der sog. Generation Y und Millennials) auf, die nach Ansicht von Sozialexperten dem digitalen Zeitalter besonders aufge­schlossen gegenüberstehen und begierig sind, daran Anteil zu haben – sowohl in der Rolle des Konsumenten als auch als qualifizierte Fachkräfte für neue Geschäftsmodelle und Technologien.
  

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