Industrie 4.0 in Südostasien: Singapur im Fokus

zuletzt aktualisiert am 9. Januar 2019

 

Der vielschichtige Begriff „Industrie 4.0” beschreibt die Vernetzung von industriellen Fertigungs­verfahren mit der Informations- und Kommunikationstechnik. Singapur mit seinem liberalen Investitionsumfeld, seiner spezifischen Förderung von Digitalisierungsprozessen in Unternehmen und seinen Bemühungen auf dem Gebiet der Datensicherheit könnte Industrie 4.0 in der Region und darüber hinaus wesentlich mitprägen.

 

   

 

Der Begriff Industrie 4.0 wurde in Deutschland begründet und wird mittlerweile auch außerhalb Deutsch­lands zur Beschreibung der vierten industriellen Revolution verwendet. Nach der dritten industriellen Revolution, der Automatisierung von industriellen Fertigungsverfahren, erfolgt nun die digitale Vernetzung von industriellen Fertigungsverfahren. Auch in Singapur wird Industrie 4.0 unter dem Begriff „Advanced Manufacturing” als Chance für den hochentwickelten Stadtstaat wahrgenommen. Singapur, ein For­schungs- und Entwicklungs­hub in der Asien-Pazifik Region, fördert bereits die Digitalisierung von kleinen und mittleren Unternehmen. In diesem Artikel möchten wir die Industriepolitik des Stadtstaates und den spezifischen Rechtsrahmen im Hinblick auf Industrie 4.0 unter die Lupe nehmen. Dabei werfen wir auch einen Blick auf die südostasiatischen Staaten­gemeinschaft „ASEAN”.

  

Industrie 4.0 und ASEAN – eine Bestandsaufnahme

Die vierte industrielle Revolution wird auf die Mitgliedsstaaten der ASEAN einen erheblichen Einfluss haben. ASEAN ist bei weitem keine homogene Staatengemeinschaft, sondern ein Verband südostasiatischer Staaten in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Die Diskrepanz zwischen Staaten wie Myanmar und Kambodscha auf der einen und Singapur auf der anderen Seite könnte kaum größer sein. Es ist fraglich, wie sich digital­isierte Fertigungsprozesse in eine Region einfügen werden, in der bislang Investitionen in Produktionsstandorte oft im Hinblick auf ein niedriges Lohnniveau erfolgten.

 

Die im Verhältnis junge Bevölkerung sowie die allgemeine Offenheit gegenüber der modernen Informations- und Kommunikationstechnik in Südostasien sind gute Grundvoraussetzungen für die erfolgreiche Bewältigung der anstehenden Transformation in ASEAN. Der vierten industriellen Revolution stehen aber auch viele, zum Teil – länderabhängige – altbekannte Schwierigkeiten entgegen, wie ein schwacher Rechtsrahmen, der Rechtsfragen zur Digitalisierung nicht ausreichend erfasst sowie eine noch ausbaufähige Infrastruktur im Hinblick auf Datenübertragung. Wesentliche politische Herausforderungen in der Zukunft werden die Aus­bildung von IT-Fähigkeiten an Schulen und Universitäten, die Schaffung eines stabilen Rechtsrahmens und der Ausbau der IT-Infrastruktur sein.

 

Laut Experten lässt sich der aktuelle Zustand der Industrie in Südostasien eher als Industrie 2.0 beschreiben. Also einem Zustand, der auf Elektrizität und Fließband-Fertigung aufbaut. Selbst in Singapur, wo die produzierende Industrie rund 25 Prozent des BIP ausmacht, scheuen sich viele Industrieunternehmen vor Investitionen in die Automatisierung (Industrie 3.0).

 

Politisch ist das Thema Industrie 4.0 in ASEAN angekommen. So wurde im Rahmen des World Economic Forum on ASEAN, welches im Mai 2017 in Phnom Penh (Kambodscha) stattfand, intensiv über die Chancen und Risiken der digitalen Revolution für Südostasien diskutiert. Der 2015 beschlossene Masterplan „The ASEAN ICT 2020” beschreibt bereits eine Vielzahl von unterschiedlichen politischen Vorhaben. Jedoch sind viele der Vorhaben und der Umsetzungszeitraum bislang nur recht allgemein formuliert. Um den Herausforderungen der vierten industriellen Revolution effektiv zu begegnen, sollten auf Ebene der ASEAN-Mitglieder insbesondere Harmonisier­ungsbestrebungen von technischen sowie rechtlichen Standards im Hinblick auf Cyber-Sicherheit und Datenschutz vorangetrieben werden.

 

Industriepolitik 4.0 in Singapur – Vorreiter in Südostasien

Singapur ist bemüht, die vierte industrielle Revolution aktiv mitzugestalten und möchte eine Vorreiterrolle in der Region einnehmen. So hat Singapur bereits in modernste Einrichtungen im Bereich der Forschung und Entwicklung investiert, die sich unter anderem mit der Analyse von Produktionsdaten, der virtuelle Prozess­abbildung und digitalen Lösungen für Produktionsprozesse beschäftigen. Singapurs Gestaltungswille bei Industrie 4.0 gründet in dem Bestreben, die Zukunft der lokalen Industrie zu sichern. Mit 400.000 Arbeit­nehmern im industriellen Bereich und vielen kleinen und mittleren Industrieunternehmen steht für den Stadtstaat viel auf dem Spiel. Auf die Herausforderung versucht Singapurs Regierung mit unterschiedlichen Maßnahmen zu reagieren. Dazu zählen diverse Förderprogramme, Best Practice Initiativen, aber auch die Verbesserung des Rechtsrahmens.

 

Mit dem Haushalt 2017 wurde etwa das SME Go-Digital Programme ins Leben gerufen, das unterschiedliche Beratungs- und Finanzierungsangebote für kleine und mittlere Unternehmen vorsieht. Insgesamt investierte die singapurische Regierung im Jahr 2017 80 Millionen Singapur-Dollar (rund 50 Mio. Euro) in die Förderung der Digitalisierung kleiner und mittlerer Unternehmen.

 

Im Entwicklungsbereich spielt insbesondere die Agency for Science, Technology and Research (A*Star) eine zentrale Rolle. A*Star soll der Ansprechpartner für kleine und mittlere Unternehmen aber auch für lokale größere Unternehmen im Hinblick auf Industrie 4.0 sein. Im Januar 2017 hat A*Star mit Rolls-Royce ein Memorandum of Understanding über den Aufbau eines gemeinsamen Technologiezentrums zur Future of Manufacturing unterschreiben. Die Idee hinter dem gemeinsamen Projekt ist, dass sich lokale Unternehmen über das Technologiezentrum mit dem Thema Industrie 4.0 auseinandersetzen um von den Erfahrungen der großen Industrieunternehmen zu profitieren. Weitere A*Star Programme sind das Intellectual Property Intermediary, das den Zugang von kleinen und mittleren Unternehmen zu IP verschaffen soll, und die Tech Access Initiative, die Trainings- und Beratungsangebote für kleine und mittlere Unternehmen anbietet.

 

Eine weitere Plattform wird von der Enterprise Singapore, einer Agentur des singapurischen Handels- und Industrieministeriums, angeboten. Das sogenannte Tech Depot ist eine Initiative der Regierung, mit der Vorzeigeprojekte zur Optimierung von Fertigungsprozessen präsentiert werden.

 

Mit dem Haushalt 2018 wurde weiterhin das „Open Innovation Programme” vorgestellt, eine neue, virtuelle Crowdsourcing Plattform, die im Frühsommer 2018 startete. Die Plattform soll Unternehmen mit IT-Problemen mit Informations- und Kommunikationstechnologieunternehmen zusammenbringen. Ziel ist es, schnelle und individuelle Lösungen für Probleme in einem Bereich zu finden, der es aufgrund der rapiden Veränderungen durch die Digitalisierung schwer macht, zeitnah individuell zugeschnittene Lösungen anzubieten.

 

Auch im Bereich der Datensicherheit versucht der Stadtstaat Vorreiter zu sein. Im Jahr 2015 wurde die Cyber Security Agency ins Leben gerufen, die neben der staatlichen Datensicherheit auch das Bewusstsein für Datensicherheit durch Programme mit der Wirtschaft stärken soll. Anfang 2018 eröffnete Honeywell Process Solutions, ein börsennotiertes US-Unternehmen, mit Unterstützung des Singapur Economic Development Board ein neues Cybersecurity Centre of Excellence (COE) in Singapur. Das neue COE umfasst ein hochmodernes Cyber Security Research & Development Labor, Trainingseinrichtungen und ein operatives Sicherheitszentrum. Darüber hinaus hat Singapur 2017 seinen Rechtsrahmen für Datensicherheit weiter gestärkt. So wurde der Computer Misuse and Cybersecurity Act überarbeitet. Schließlich wurde im Juni 2017 im Rahmen des Besuches des australischen Premierministers auch ein Memorandum of Understanding on Cybersecurity Cooperation zum umfassenden Informationsaustausch und vertiefter bilateraler Kooperation unterzeichnet. Diese Maßnahmen zeigen, dass Singapur auf nationaler und auch auf überregionaler Ebene die Datensicherheit fördern möchte.

 

Industrie 4.0 relevanter Rechtsrahmen in Singapur

Die technischen Veränderungen im Rahmen von Industrie 4.0 haben auf verschiedenen Ebenen rechtliche Implikationen. In erster Linie fokussiert sich eine rechtliche Betrachtung von Industrie 4.0 auf das Thema Datensicherheit. Die Ursprünge des singapurischen Datensicherheitsrechts gehen auf den Computer Misuse Act von 1993 zurück. Über die Jahre wurde dieses Gesetz kontinuierlich angepasst. Die jüngste Änderung trat zum Juni 2017 im Rahmen des Computer Misuse and Cybersecurity Act (CMCA) in Kraft. Der CMCA stellt verschiedene Tatbestände in Bezug auf Computernutzung und Umgang mit Daten unter Strafe und droht bei Verstößen mit erheblichen Geld- und Haftstrafen. Der CMCA regelt unter anderem, dass der unbefugte Zugang zu einem Computer, die Veränderung von Daten oder das Ausspähen von Daten ein strafrechtlich relevantes Verhalten darstellt. Die Gesetzesänderung weitet nun den Anwendungsbereich des CMCA aus, indem auch der Handel mit illegal erlangten persönlichen Daten von Computern für die weitere Begehung oder die Ermöglich­ung von Straftaten bestraft wird. Zu beachten ist aber, dass dieser neue Tatbestand nur persönliche Daten und keine Unternehmensdaten vor einem entsprechenden Handel schützt. Ein weiterer neuer Tatbestand stellt den Handel mit Schadsoftware und Geräten, die das Begehen von Straftaten unter dem CMCA ermöglichen, unter Strafe.

  

Darüber hinaus regelt der Personal Data Protection Act (PDPA) den Schutz personenbezogener Daten. Unter dem im Jahr 2012 erlassenen Gesetz wird die Erhebung, Speicherung und Verarbeitung von personen­be­zogen­en Daten geregelt, was zu erhöhten Compliance Anforderungen auf Unternehmensseite führt. Unternehmen als juristische Personen fallen jedoch nicht unter den Schutz des PDPA.

 

In Singapur tätige Unternehmen aus dem Bereich Industrie 4.0 sollten auch proaktive Schutzmaßnahmen für einen sicheren Ablauf der digitalen Fertigungsprozesse ergreifen. Hierzu zählen unter anderem die Registrier­ung von IP-Rechten und die Vereinbarung von Vertraulichkeitsklauseln in Verträgen mit Dritten und in Arbeitsverträgen.

 

Schließlich sollten Unternehmen in Bezug auf digitale Fertigungsprozesse auch steuerliche Implikationen im Auge behalten. Zu beachtende Themenkomplexe sind insbesondere möglicherweise anfallende Quellensteuern auf Lizenzgebühren bei grenzüberschreitender Nutzung von Software oder die Frage, ob ein Server oder ein Rechenzentrum in Singapur als Betriebsstätte betrachtet werden.

 

Fazit

Für deutsche Unternehmen ergeben sich diverse Geschäftsmöglichkeiten im Bereich Industrie 4.0 in Singapur. Software- und IT-Unternehmen könnten von den umfangreichen staatlichen Förderungen zumindest indirekt profitieren, indem die Nachfrage von lokalen Unternehmen im Bereich Digitalisierung steigen dürfte. Ebenso sollten Anbieter aus den Bereichen Robotik, Maschinen und digitale Lösungen für Fertigungsprozesse von den staatlichen Initiativen profitieren. Darüber hinaus bietet sich Singapur als Sprungbrett für die Asien Pazifik Region an. Insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen etwa aus dem IT-Bereich, die noch nicht auf dem asiatischen Markt vertreten sind, sollten eine Ausweitung der Geschäftsaktivitäten nach Singapur erwägen. In dem Bereich der Hochtechnologie kann Singapur als Hub für den Asien-Pazifik Raum genutzt werden. Es ist anzunehmen, dass im Rahmen des internationalen Wettbewerbs auch Unternehmen aus den Nachbarländern im Rahmen einer erforderlichen Effizienzsteigerung in Zukunft in Automatik und Digitalisierung investieren werden. Die geschäftlichen Möglichkeiten in Singapur und der Region werden bereits von vielen Unternehmen aus dem Bereich Industrie 4.0 wahrgenommen. Alleine die schiere Anzahl an neuen Investitionen im IT-Bereich in Singapur, die Rödl & Partner Singapur in den letzten Monaten begleitet hat, spricht für sich.


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Dr. Paul Weingarten

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