Erfolgreich investieren in Polen

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zuletzt aktualisiert am 27. Mai 2020 | Lesedauer ca. 6 Minuten


 

 

​​Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Polen ein?

Polen ist die größte und stärkste Volkswirtschaft in Mittelosteuropa. Das polnische BIP ist seit 1991 ständig gewachsen. Die vorläufigen Angaben zum BIP weisen darauf hin, dass das polnische BIP im Jahr 2019 verglichen mit dem Jahr 2018 um 4,0 Prozent höher war. Haupttreiber des Wirtschaftswachstums war die inländische Nachfrage.


Obwohl Polen nicht zur Eurozone gehört, werden dort effektive Maßnahmen zur Unterstützung der Unternehmen ergriffen. Das Jahr 2019 stand in Polen ganz im Zeichen neuer Investitionen. Die neue Förderungsform, die in der Befreiung neuer Investitionen von der Körperschaftsteuer besteht, hat zu einem deutlichen Anstieg der Aufwen­dungen für Sachanlagen beigetragen.


Das ist ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft in Polen stark entwicklungsfähig ist, was eine gute Perspektive angesichts des signalisierten wirtschaftlichen Abschwungs in Europa und weltweit in den kommenden Jahren ist. Die Prognosen sind jedoch optimistisch – das polnische BIP soll weiterhin auf einem höheren Niveau als in anderen europäischen Ländern liegen.


Polen ist in Mittel- und Osteuropa weiterhin eines der attraktivsten Länder für neue Investitionen. Aus einer von der „Polnischen Agentur für Investitionen und Handel” im Jahr 2019 durchgeführten Untersuchung geht hervor, dass 94 Prozent der ausländischen Investoren bereit sind, erneut in Polen zu investieren. Dafür sprechen die Größe des Investitionsmarktes und die wirtschaftliche Stabilität. Positiv beurteilen Investoren außerdem die Verfüg­barkeit von qualifizierten Arbeitnehmern und die Beschaffenheit der für Investitionen erworbenen Grundstücke.

Die Attraktivität Polens als Investitionsstandort wird auch dadurch bestätigt, dass der Wert der Verbindlichkeiten aus ausländischen Direktinvestitionen (ADI) Ende 2018 gem. der Mitteilung der Polnischen Nationalbank bei 199,79 Mrd. Euro lag und reinvestierte Gewinne den größten Teil des Netto-Zuflusses an ADI darstellten.


Wie würden Sie das Investitionsklima beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Polen ist es gelungen, ein relativ attraktives System mit diversen Anreizen zu schaffen – das ist  insbesondere auf gesamtstaatlicher Ebene ersichtlich. Gleichzeitig werden die Selbstverwaltungsbehörden immer aktiver. Die Entschlossenheit, ausländische Investitionen nach Polen zu holen, wird immer größer und manifestiert sich in der Verringerung der administrativen Hürden, dem Willen zur Kooperation sowie der steigenden Flexibilität der lokalen Behörden. Die Sonderwirtschaftszonen (SWZ), die wegen zahlreicher steuerlicher Erleichterungen für die in SWZ tätigen Unternehmen einen sehr guten Ort zum Investieren in Polen darstellen, werden nur bis Ende 2026 bestehen.

Um die Attraktivität Polens als Investitionsstandort zu erhalten, hat der Gesetzgeber ein neues Förderinstrument eingeführt: das Gesetz über die Förderung neuer Investitionen, das seit dem 30. Juni 2018 gilt und den Unter­nehmen die Befreiung von der Körperschaftsteuer in ganz Polen ermöglicht.  Die neue Form der Förderung wurde von den Investoren mit großer Begeisterung begrüßt. Zwischen September 2018 und Ende März 2019 wurden 171 Förderbescheide für Investitionen im Gesamtwert von 9,9 Mrd. Złoty erlassen. Schätzungen zufolge kann die Anzahl der Unternehmungen in der polnischen Investitionszone im Jahr 2020 sogar um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen.

Die Entwicklung des inländischen Markts sowie der stabile Anstieg des Bruttoinlandsprodukts und des Verbrauchs führen dazu, dass Polen nicht nur für Exporteure, sondern auch für Investitionen attraktiv ist, die auf den Inlandsverkauf ausgerichtet sind. Vom positiven Investitionsklima in Polen zeugt die Aktivität deutscher Unternehmen. Deutschland ist nach wie vor der bedeutendste Handelspartner Polens und der aktivste ausländische Investor im KMU-Sektor.
 
Wichtige ausländische Partner Polens sind neben Deutschland auch Südkorea, Japan und die Vereinigten Staaten. Attraktiv für ausländische Investoren sind v.a. der hohe Innovationsgrad, die qualifizierten Mitarbeiter, die hohe Qualität der erbrachten Dienstleistungen sowie die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Einen Anstieg von Produktion und Absatz verzeichnet auch die Kosmetikbranche. In den letzten Jahren wurden in Polen viele Laboratorien, Forschungsunternehmen, Chemie- und Biotechnologiebetriebe sowie Verpackungsproduzenten gegründet. Dadurch haben die Kosmetikfirmen die Möglichkeit, den gesamten Produktionsprozess in Polen abzuwickeln. Andere wichtige Branchen sind Haushaltsgeräte, Möbel sowie Exportdienstleistungen.

Laut dem Bericht „Poland Land of Opportunities”, der von der Polnischen Agentur für Investitionen und Handel erstellt wurde, sind die in den Bereichen Automotive und Elektromobilität, IT oder Transport geplanten Investi­tionen für potenzielle Investoren vielversprechend.


Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Polen gegenüber?

Die größten Herausforderungen für einen deutschen Unternehmer in Polen sind nach wie vor das wenig effiziente Gerichtssystem sowie das komplizierte und sich oft ändernde Steuersystem.

Die Abdichtung des polnischen Steuersystems – obwohl sie sehr nötig ist – wird über wenig präzise und von Steuerberatern als fragwürdig eingestufte Vorschriften vorgenommen. Häufige Novellen sind eine Herausforde­rung, auch für die Behörden, die die Vorschriften auslegen, und führen dazu, dass die Erteilung von verbindlichen Auskünften, die Schutzcharakter haben, immer öfter abgelehnt wird. Die Tatsache, dass die Entwicklung der oft für die Steuerpflichtigen günstigen Rechtsprechung langwierig ist, trägt leider nicht zur Verbesserung der Lage bei.


Welche besonderen Anreize bietet Polen für ausländische Investoren?

Der polnische Gesetzgeber hat besondere Formen der Förderung für neue Investitionen vorgesehen. Derzeit können Unternehmen eine körperschaftsteuerbefreite Gewerbetätigkeit in ganz Polen ausüben, ungeachtet der Sonderwirtschaftszonen.


Gleichzeitig aber wurden minimale Investitionsaufwendungen festgelegt, zu deren Tragung sich das Unternehmen im Zusammenhang mit der neuen Investition bereit erklären muss. Die Höhe der Aufwendungen wird für jeden Kreis anhand des aktuellen Berichts über die Arbeitslosenquote festgelegt (die minimalen Investitions­aufwen­dungen für Großunternehmen liegen zwischen 10 und 100 Mio. Złoty).

Außer der Erklärung über die minimalen Investitionsaufwendungen muss ein Unternehmen, das die Körperschaft­steuerbefreiung wegen der Ausübung einer Gewerbetätigkeit gemäß einem Förderbescheid in Anspruch nehmen will, auch erklären, dass es die Qualitätskriterien erfüllen wird. Die Kriterien betreffen die nachhaltige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung – als Beispiel für solche Kriterien können die Beibehaltung eines bestimmten Niveaus beim Export oder die Zusammenarbeit mit Branchenschulen genannt werden.

Beachtenswert ist, dass viele Gemeinden auch eine Befreiung von der Immobiliensteuer für neue Investitionen eingeführt haben, was in Kombination mit der Befreiung von der Körperschaftsteuer für die Investoren sehr vorteilhaft ist.

Unter eine besondere Förderung fallen auch innovative Tätigkeiten der Unternehmen. Die Ermäßigung für F&E, die Möglichkeit der Abrechnung von Vergütungen unter Anwendung eines Werbungskostensatzes von 50Prozent  oder der Präferenzsteuersatz Innovation Box sind nur einige der vom polnischen Gesetzgeber eingeführten Präferenzregelungen.

Die oben genannten Investitionsanreize tragen dazu bei, dass Polen eines der attraktivsten Investitionsländer für ausländische Investoren ist. Die größte Förderung ist für Projekte in Bereichen vorgesehen, die Polens aktueller Entwicklungspolitik entsprechen, bspw.:  

  • hochqualitative Lebensmittel;
  • Transportmittel;
  • IT;
  • professionelle elektronische und elektrische Geräte;
  • Maschinen.

 

Polen ist bisher v.a. für den hohen Kohleanteil an der Stromproduktion bekannt. Doch die Nutzung Erneuerbarer Energien rückt immer stärker in den Fokus. Wie wirkt sich dieser Wandel auf die Wirtschaft aus?

Im Bereich der Erneuerbaren Energien (EE) ist eine ständige Entwicklung zu beobachten. EE werden zu den wichtigsten Energiequellen weltweit und langsam auch in Polen. Immer mehr Unternehmen nutzen gerne EE anstelle von konventionellen Quellen. Das ist mit einem steigenden Umweltbewusstsein und dem Bewusstsein verbunden, welche Auswirkung die ausschließlich kohlebasierte Stromerzeugung mit sich bringt. In Polen verzeich­net der Sektor der Grünen Energie Jahr für Jahr hohe Wachstumsraten. Das ist nicht nur auf die Verpflichtungen gegenüber der EU im Bereich der EE oder auf den ständig steigenden Bedarf an Strom bei gleichzeitigem Streben nach Senkung der Kosten für dessen Erwerb zurückzuführen, sondern auch auf das Umweltschutzbewusstsein in der Gesellschaft und auf die Popularität eines ökologischen Lebensstils. Die Nutzung von EE bringt über die Schaffung neuer Arbeitsplätze auch potenzielle Vorteile für die Beschäftigung mit sich und sie trägt auch zur Weiterentwicklung der Technologien bei.

Der polnische Gesetzgeber erkennt die Notwendigkeit einer Novellierung der Vorschriften über EE. Gerade unklare Regelungen stellen oft die größte Barriere für Investitionen in dem Wirtschaftssektor dar. Für die Unternehmen aus der EE-Branche steht die Notwendigkeit der Novellierung an erster Stelle. Die Regelungen müssen transparent und vorhersehbar sein. Die Experten prognostizieren, dass eine Vereinfachung der Vorschriften nicht nur zu einer Änderung der Energiepolitik, sondern auch der ganzen Wirtschaftspolitik des Landes beitragen wird.

Obwohl EE an Bedeutung gewinnen, wird Strom weiterhin v.a. aus Kohle erzeugt werden. Denn Polen verfügt über Kohlebestände, die dem Land eine gewisse energetische Unabhängigkeit gewährleisten.


Wie wird sich Polen aus Ihrer Sicht weiterentwickeln?

Gemäß den Prognosen des Internationalen Währungsfonds wird sich die BIP-Dynamik in Polen schrittweise bis zu 2,8 Prozent in den Jahren 2021 bis 2023 verlangsamen. Die Prognosen anderer Experten sind optimistischer und zeigen, dass das BIP bei 4,0 Prozent liegen wird. Polen steht demzufolge im Vergleich zu Ländern aus der Eurozone gut da, in denen das BIP in den Jahren 2019 und 2020 1,6  bzw. 1,7 Prozent betragen soll.

Die Attraktivität Polens wird auch von ausländischen Investoren erkannt, die die polnische Wirtschaft v.a. wegen der Qualität der Arbeitnehmer, des Zugangs zu Sublieferanten und einer immer besseren Infrastruktur zu schätzen wissen. Für die Investoren ist auch die EU-Mitgliedschaft Polens äußerst wichtig. Trotz der durchweg positiven Beurteilung des Investitionspotenzials in Polen sehen sie jedoch auch, dass die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitnehmer immer mehr zurückgeht und einschränkt ist.


Die polnische Wirtschaft wird sich in den nächsten Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit durch stabiles Wachstum sowie steigende Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt auszeichnen. Aufgrund des steigenden Niveaus an Innovativität eignet sie sich hervorragend für Investitionen, insbesondere in Branchen, die durch ein hohes Niveau an fortgeschrittener Technik gekennzeichnet sind.

Es kann auch erwartet werden, dass die Diskrepanzen zwischen West- und Ostpolen systematisch geringer werden. Mit den EU-Fördermitteln bekam Ostpolen Wind in die Segel und ist für Investoren deutlich attraktiver geworden. Auch die geplanten Regelungen über die staatliche Beihilfe werden zu einem weiteren Boom in Ostpolen beitragen.

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Renata Kabas-Komorniczak

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