Erfolgreich investieren in Polen

zuletzt aktualisiert am 3. April 2019

von Michał Gosek und Agnieszka Szczotkowska

  

​​Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Polen ein?

Polen ist die größte und stärkste Volkswirtschaft in Mittelost­europa. Das polnische BIP ist seit 1991 ständig gewachsen. Im Jahr 2018 ist es um 5,1 Prozent gegenüber 4,8 Prozent im Jahr 2017 gestiegen, was es zum besten Ergebnis seit 2007 macht. Zu betonen ist, dass der Anstieg fast 3 Mal höher ist als in den Ländern der Eurozone, wo er lediglich 1,8 Prozent des BIP beträgt. Das ist ein Argument, das die These bestätigt, dass die Länder, die ihre eigene Währung haben und monetäre Politik betreiben, über mehr Instrumente zur Förderung des Wirtschaftswachstums verfügen. Der Hauptantrieb für den BIP-Anstieg in Polen ist der individuelle Verbrauch, der auf die günstige Lage auf dem Arbeitsmarkt und die Erhöhung der Familienleistungen zurückzuführen ist. Das zeigt, dass die polnische Wirtschaft eine starke innere Entwicklungskraft hat, was wiederum angesichts der signalisierten Verlang­samung der Wirtschaft in Europa und in der Welt in den kommenden Jahren eine gute Voraussage darstellt. Es wird prognostiziert, dass der BIP-Anstieg in Polen im Jahr 2019 schwächer als im Vorjahr ausfallen, aber auf dem Niveau von ca. 4 Prozent bleiben wird, was nach wie vor ein viel höheres Niveau als in anderen europäischen Ländern ist. Bis 2020 soll das Wirtschaftswachstum durch Aufwendungen für Sachanlagen im Zusammenhang mit dem Zufluss von EU-Mitteln am stärksten unterstützt werden. Im neuesten Doing Business 2019 Bericht – veröffentlicht von der World Bank Group – nahm Polen den 33. Platz unter 190 Wirtschaften weltweit in Bezug auf den reibungslosen Geschäftsablauf ein. Im Bericht der Deutschen Auslandshandels­kammern 2018 (AHK) belegte Polen die 2. Position in der MOE-Region. Das erlaubt es den Unternehmern, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Unter ihnen lässt sich ebenfalls eine deutlich gesteigerte Bereitschaft zur Expansion ins Ausland beobachten. Beachtenswert ist die steigende Anzahl von Investitionen wie „greenfield expansion”.


Wie würden Sie das Investitionsklima beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Polen ist es gelungen, ein relativ attraktives System mit diversen Anreizen zu schaffen. Insbesondere ist das auf gesamtstaatlicher Ebene ersichtlich. Gleichzeitig werden die Selbstverwaltungsbehörden immer aktiver. Die Entschlossenheit, ausländische Investitionen nach Polen zu holen, wird immer größer und manifestiert sich in der Verringerung der administrativen Hürden, dem Willen zur Kooperation und der steigenden Flexibilität der lokalen Behörden. Die Sonderwirtschaftszonen (SWZ), die aufgrund zahlreicher steuerlicher Erleichterungen für die in SWZ tätigen Gesellschaften einen sehr guten Ort zum Investieren in Polen darstellen, werden nur bis Ende 2026 bestehen.

Der Gesetzgeber, der die Attraktivität der Investitionen in Polen aufrechterhalten will, hat gleichzeitig ein neues Förderungswerkzeug eingeführt – das Gesetz zur Förderung neuer Investitionen, das seit dem 30. Juni 2018 gilt und den Unternehmen eine Körperschaftsteuerbefreiung ermöglicht.  

Die Entwicklung des inländischen Markts sowie der stabile Anstieg des Bruttoinlandsprodukts und des Verbrauchs führen dazu, dass Polen nicht nur für Exporteure, sondern auch für Investitionen, die auf den Inlandsverkauf ausgerichtet sind, attraktiv ist. Vom positiven Investitionsklima in Polen zeugt die Aktivität deutscher Unternehmen. Deutschland ist nach wie vor der bedeutendste Handelspartner Polens und der aktivste ausländische Investor im KMU-Sektor.

Die Angaben von Ende 2018 zeigen, dass in Polen ca. 1.200 Geschäftszentren betrieben werden, die 260.000 Arbeitnehmer beschäftigen. Der größte Teil der Beschäftigung im Sektor (35 Prozent) wurde von den Shared Services Centres (SSC) generiert, die nächsten Plätze belegten IT-Zentren (33 Prozent), Outsourcing-Zentren (19 Prozent) und F&E-Zentren (13 Prozent).

Attraktiv für ausländische Investoren sind v.a. der hohe Innovationsgrad, die qualifizierten Mitarbeiter, die hohe Qualität der erbrachten Dienstleistungen sowie die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Einen Anstieg von Produktion und Absatz verzeichnet auch die Kosmetikbranche. In den letzten Jahren wurden in Polen viele Laboratorien, Forschungsunternehmen, Chemie- und Biotechnologiebetriebe sowie Verpackungsproduzenten gegründet. Dadurch haben die Kosmetikfirmen die Möglichkeit, den gesamten Produktionsprozess in Polen abzuwickeln. Andere wichtige Branchen sind Haushaltsgeräte, Möbel sowie Exportdienstleistungen.
 

Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in Polen gegenüber?

Die größten Herausforderungen für einen deutschen Unternehmer in Polen sind nach wie vor das wenig effiziente Gerichtssystem sowie das komplizierte und sich oft ändernde Steuersystem. Die am 1. Januar 2019 eingeführte Novellierung der Steuergesetze brachte sehr viele Änderungen mit sich, die besonders für ausländische Investoren hohe Hürden darstellen.

Ein Beispiel für eine Hürde im Zusammenhang mit den sich ständig ändernden Steuervorschriften kann die Einführung der obligatorischen Erhebung der Quellensteuer auf Zahlungen i.H.v. über 2 Mio. Złoty sein, die an ein und dasselbe Unternehmen getätigt wurden. Der Steuerpflichtige kann deren Erstattung beantragen, jedoch zieht das ein ziemlich kompliziertes Verfahren nach sich und ist mit der Übermittlung einer Reihe detaillierter Informationen an den polnischen Staat verbunden.

Eine unpräzise Art und Weise der Abdichtung des Steuersystems stellt eine große Herausforderung für die Unternehmen dar, umso mehr, als die Vorschriften wenig präzise formuliert wurden und bei den Steuer­pflichtigen viele Zweifel wecken. Ein Beispiel ist die Beschränkung der Möglichkeit, Ausgaben, die die Steuerpflichtigen für den Erwerb von immateriellen Dienstleistungen sowie immateriellen Vermögensgegen­ständen und Rechten bei verbundenen Unternehmen getragen haben, unter den abzugsfähigen Betriebsaus­gaben zu erfassen. Diese Änderungen haben auch Einfluss auf die Situation der in Sonderwirtschaftszonen tätigen Unternehmen und führten wegen der unpräzisen Vorgaben zu einer Reihe von Anträgen auf Erteilung einer verbindlichen Auskunft.

Eine Methode zur Bewältigung der Herausforderungen besteht darin, den Rat eines spezialisierten Beratungs­unternehmens zu suchen, das bei der richtigen Anwendung der Steuervorschriften bzw. bei der gütlichen Beilegung des Streites helfen und evtl. bei seiner effektiven Führung vor Gericht Unterstützung leisten kann.

Eine weitere Herausforderung stellt die Situation auf dem Arbeitsmarkt dar, die die weltweite Tendenz zur Globalisierung spiegelt. Zwar kann sich der polnische Arbeitsmarkt hochspezialisierter Mitarbeiter rühmen, aber leider macht sich der Personalmangel bemerkbar. Und das betrifft hauptsächlich deutschsprachige Spezialisten. Die jüngere Generation ist nämlich auf Englisch umgestiegen und das ist für viele ausländische Investoren spürbar. Den Personalmangel erfahren insbesondere Unternehmen, die nach Produktionsmitar­beitern suchen. 63 Prozent der Unternehmen aus der Automobilbranche beabsichtigen, 2019 ihre Produktion zu steigern, und das bedeutet die Suche nach Arbeitskräften, um die Polen mit anderen Ländern konkurriert. Die Situation auf dem polnischen Markt wurde dadurch erschwert, dass Deutschland sich für Mitarbeiter aus der Ukraine – den Hauptanbieter ausländischer Mitarbeiter – öffnete. Aus dem Grund ist Polen gezwungen, Mitarbeiter in anderen Ländern zu suchen oder Gehälter zu erhöhen, um dadurch die Polen zu ermuntern, aus dem Ausland nach Polen zurückzukehren.


Welche besonderen Anreize bietet Polen für ausländische Investoren?

Polen ist einer der attraktivsten Standorte für ausländische Investoren – v.a. wegen der Möglichkeit der Steuerbefreiung von neuen Investitionen. Das seit dem 30. Juni 2018 geltende Gesetz über deren Förderung hat das Gebiet, auf dem die Unternehmen im Gegenzug für die Steuerbefreiung Investitionen tätigen können, wesentlich erweitert. Zurzeit können vom Staat geförderte Vorhaben in ganz Polen lokalisiert werden, während die Gebiete der bisherigen SWZ lediglich ca. 0,08 Prozent der Landfläche darstellten. Die geo­graphische Einschränkung, die die Unternehmen zu Investitionen in konkreten Regionen Polens zwang, wurde somit eliminiert. Diese Reform ist positiv zu beurteilen. Gegenwärtig können die Unternehmen zwar ungeachtet des Investitionsstandortes auf staatliche Beihilfe zählen, jedoch hängt die Investition nach wie vor (wegen unterschiedlicher Höhe der obligatorischen Aufwendungen und der zustehenden Beihilfe) vom Standort ab. Gleichzeitig wurden mit der Erweiterung der SWZ auf ganz Polen die Grundsätze geändert, nach denen die Unternehmen die Steuerbefreiung beantragen können. Ein Unternehmen verpflichtet sich, Investitionsauf­wendungen in bestimmter Höhe im Gegenzug für die Steuerbefreiung zu tragen.


Außer der Steuerbefreiung wurden auch andere Formen der Beihilfe für die Investoren vorgesehen – in den Jahren 2014-2020 können die Unternehmen auf Unterstützung u.a. im Bereich der Investitionsaufwendungen zählen (z.B. Einkauf von Maschinen und Anlagen, die für die Aufnahme der Produktion neuer Erzeugnisse notwendig sind, sowie Erwerb von Immobilien oder Bauarbeiten).

Die o.g. Investitionsanreize führen dazu, dass Polen eines der attraktivsten Standorte für ausländische Investoren ist.


Die größte Beihilfe ist für Projekte vorgesehen, die Branchen gemäß der aktuellen Entwicklungspolitik des Landes unterstützen, z.B.  

  1. hochqualitative Nahrungsmittel,
  2. Transportmittel,
  3. professionelle elektronische und elektrische Geräte sowie
  4. Maschinen.

Polen ist bisher v.a. für den hohen Kohleanteil an der Stromproduktion bekannt. Doch die Nutzung Erneuerbarer Energien rückt immer stärker in den Fokus. Wie wirkt sich dieser Wandel auf die Wirtschaft aus?

Der Sektor der Erneuerbaren Energien (EE) entwickelt sich ständig – EE werden zur Hauptenergiekraft in der Welt und langsam auch in Polen. Immer mehr Unternehmen nutzen gerne die Erneuerbaren Energien anstatt der konventionellen Quellen. Das ist mit dem steigenden Bewusstsein im Bereich des Umweltschutzes und des Einflusses der ausschließlichen Nutzung von Kohle für die Stromerzeugung verbunden. Obwohl die EE-Branche in Polen und anderen Ländern Westeuropas noch große Diskrepanzen zeigt, entscheiden sich die polnischen Unternehmen immer häufiger für die Inanspruchnahme Erneuerbarer Energien.

Der polnische Gesetzgeber sieht Bedarf an einer Novellierung der Vorschriften über Erneuerbare Energien – gerade diese wenig präzisen Regelungen stellen aber oft die größte Hürde für Investitionen in diesem Wirtschaftssektor dar. Die im Sektor Erneuerbarer Energien tätigen Unternehmen stellen den Bedarf nach einer Novellierung an 1. Stelle – die Regelungen müssen transparent und vorhersehbar sein. Die Experten prognos­tizieren, dass die Vereinfachung der Vorschriften nicht nur die Strompolitik des Landes, sondern auch seine gesamte Wirtschaftspolitik beeinflussen wird.  

Trotz des Anstiegs der Bedeutung des durch Erneuerbare Energien erzeugten Stroms wird die Inanspruch­nahme von Kohle für die Stromerzeugung nach wie vor an 1. Stelle stehen. Polen verfügt über Ressourcen dieses Rohstoffes, was dem Land eine gewisse Art von Unabhängigkeit im Energiesektor gewährleistet.


Wie wird sich Polen aus Ihrer Sicht weiterentwickeln?

Die vom Internationalen Währungsfonds dargestellten Prognosen zeigen, dass die BIP-Dynamik Polens sich schrittweise verlangsamen wird, und zwar von 3,6 Prozent im Jahr 2019 auf 2,8 Prozent in den Jahren 2021-2023. Die Prognosen anderer Experten sind optimistischer und zeigen, dass das BIP sich auf dem Niveau von 4,0 Prozent halten wird. Polen liegt demnach sehr gut im Vergleich zu anderen Ländern der Eurozone, in denen das BIP 2019 und 2020 1,6 bzw. 1,7 Prozent betragen soll.  

Die Attraktivität Polens sehen auch ausländische Investoren, die die polnische Wirtschaft v.a. für die Qualität der Arbeitskräfte, Zugänglichkeit von Sublieferanten und immer bessere Infrastruktur zu schätzen wissen. Für die Investoren ist auch die Mitgliedschaft Polens in der EU von enormer Bedeutung. Bei der allgemein positiven Bewertung des Investitionspotenzials in Polen sehen sie aber auch gleichzeitig das immer größere Problem der eingeschränkten Verfügbarkeit qualifizierten Personals.

Es lohnt sich, anzumerken, dass im Jahr 2017 Polen den 6. Platz in den „Top 25 exporting economies by GVC participation rate” belegte, was die Attraktivität Polens und das wachsende Potenzial der polnischen Wirtschaft bestätigt.  Laut einer AHK-Umfrage würden 90 Prozent der deutschen Befragten wieder in Polen investieren. Als besonders wichtig für KMU könnten sich eine neue Geschäftsverfassung – also ein Gesetz, das die Grundsätze für die Geschäftstätigkeit in Polen umfassend regelt – sowie ein Förderprogramm für F&E und die Steigerung der Industrieproduktion erweisen. Laut den Regierungsplänen soll sich das BIP per capita in Polen im Jahr 2020 auf über 70 Prozent des EU-Durchschnitts belaufen.

Die polnische Wirtschaft wird sich in den nächsten Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit durch stabiles Wachstum sowie steigende Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt auszeichnen. Aufgrund des steigenden Niveaus an Innovativität eignet sie sich hervorragend für Investitionen, insbesondere in Branchen, die durch ein hohes Niveau an fortgeschrittener Technik gekennzeichnet sind.

Man kann auch erwarten, dass die Diskrepanzen zwischen West- und Ostpolen systematisch geringer werden. Mit den EU-Fördermitteln bekam Ostpolen Wind in die Segel und ist für Investoren deutlich attraktiver geworden. Auch die geplanten Regelungen die öffentliche Beihilfe betreffend werden zu einem weiteren Boom Ostpolens beitragen.



 Kulturelle Besonderheiten in Polen

 Kontakt

Contact Person Picture

Liliane Preusser

Diplom-Kauffrau

Partnerin, Niederlassungsleiterin

+48 32 3301 200

Anfrage senden

Contact Person Picture

Therese Baginski

Statutory Auditor (Polen)

Partnerin, Niederlassungsleiterin

+48 71 6060 000

Anfrage senden

 Wir beraten Sie gern!

 

Verpassen Sie kein Themenspecial mit unserem Unternehmerbriefing!

Um die Website zu personalisieren und Ihnen den größten Mehrwert zu bieten, verwenden wir Cookies. Unter anderem dienen sie der Analyse des Nutzerverhaltens, um herauszufinden wie wir die Website für Sie verbessern können. Durch Nutzung der Website stimmen Sie ihrem Einsatz zu. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Deutschland Weltweit Search Menu