Erfolgreich investieren in Polen

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zuletzt aktualisiert am 12. Juli 2022 | Lesedauer ca. 5 Minuten


 

 

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige wirtschaftliche Situation in Polen?

Nach den coronabedingten Turbulenzen auf den Weltmärkten hat sich die polnische Wirtschaft eindeutig erholt, sie verzeichnet seit dem zweiten Quartal 2021 ein dynamisches BIP-Wachstum und entwickelt sich beständig weiter. Unser Land hat mehr als einmal internationale Wirtschaftskrisen schneller überwunden und verzeichnet dauerhaft viele neue ausländische Investitionen, wodurch wir eine Spitzenposition in der Region einnehmen. Dies bestätigt auch das Rekordjahr 2021 im Hinblick auf ausländische Investitionen in Polen, in dem rund 25 Milliarden Dollar investiert wurden, womit sich Polen nach Deutschland und Schweden an dritter Stelle in der EU platziert. 
 
In der derzeitigen schwierigen Situation im Zusammenhang mit der Krise in der Ukraine beobachten wir eine Ver­la­gerung der Unternehmen aus den östlichen Märkten unter anderem eben nach Polen, das Mitglied der Europä­ischen Union und der NATO ist, die als Garanten für Stabilität in der Region gelten. Es gab auch einen Zustrom von neuen Arbeitskräften aus dem Osten, was sich in bestimmten Berufen positiv auf die Zahl der verfügbaren Arbeitnehmer ausgewirkt hat.
 
Ähnlich wie die anderen Länder hat auch Polen seit einiger Zeit eine höhere Inflation und steigende Zinssätze zu verzeichnen, was zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums im Jahr 2023 führen kann. Die erhöhten Zinssätze führen zu einer Verteuerung des Geldes in Polen, aber viele ausländische Unternehmen nehmen in Polen keine Geschäftskredite auf – ihre Investitionen werden im Rahmen von Kapitalgruppen finanziert.

Wie würden Sie das Investitionsklima in Polen beschreiben? Welche Sektoren haben das größte Potenzial?

Polen verzeichnet weiterhin viele ausländische Investitionen und das Investitionsklima scheint weiterhin attraktiv zu sein und den stetigen Zufluss von neuem ausländischen Kapital zu fördern. Erwähnenswert ist, dass Polen ein großer Binnenmarkt ist – ca. 38 Millionen Verbraucher, mit einfachem Zugang zum Markt der Europäischen Union. Die Gehälter und Grundstückspreise in Polen sind für Investoren im Vergleich zu anderen europäischen Ländern immer noch attraktiv. Darüber hinaus halten die Unternehmen es nach den Turbulenzen der Pandemie für not­wen­dig, sich neu zu organisieren, unter anderem durch Verkürzung der Lieferketten, was Polen samt seinem der­zei­tigen Potenzial zugute kam. Deshalb scheint Polens führende Position bei Greenfield-Investitionen in der Region Mittel- und Osteuropa stabil zu sein.
 
Das Investitionsklima in Polen wird sicherlich bis zu einem gewissen Grad von der allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit in Europa und weltweit beeinflusst werden, die auf externe Faktoren wie den Krieg in der Ukraine und die daraus resultierenden Wirtschaftssanktionen zurückzuführen ist. Unternehmen aus Russland, der Ukraine und Belarus verlagern ihre Tätigkeit, u.a. auch nach Polen. Die derzeitige geopolitische Lage wird auch verstärkte Investitionen in bestimmten Bereichen zur Folge haben, insbesondere im Energiesektor – neue Infrastrukturen werden benötigt, um Energie aus neuen, auch umweltfreundlicheren Quellen zu gewinnen. Andere Bereiche, die sich dynamisch entwickeln dürften, sind neue Technologien und Cybersicherheit.
 
Es wird davon ausgegangen, dass die Investoren nach der Pandemie den menschlichen Faktor so weitgehend wie möglich durch neue Technologien werden ersetzen wollen. Eben hier liegt das größte Marktpotenzial. Die digitale Wettbewerbsfähigkeit wird ein wesentlicher Faktor bei Investitionsentscheidungen sein. Weiterhin ist ein Trend zu Investitionen zu beobachten, die die Folgen des Klimawandels bekämpfen sollen – die Rede ist von Investitionen in erneuerbare Energien.  
 
Ein Mehrwert für Investoren in Polen sind zweifelsohne die staatlichen Beihilfen, die von Unternehmen aus den meisten Branchen beantragt werden können. Investoren, die Investitionsvorhaben innerhalb der Polnischen In­ves­titionszone im ganzen Land umsetzen, können bis zu 15 Jahre von der Ertragssteuer befreit werden. Die Höhe der Steuerbefreiung wird als Produkt der Summe der Investitionsaufwendungen oder der zweijährigen Arbeitskosten einerseits und des Koeffizienten der maximalen Beihilfeintensität für den gegebenen Standort andererseits berechnet. Die förderfähigen minimalen Investitionsausgaben hängen dagegen von der Arbeitslosenquote in der Investitionsregion und dem Status des Unternehmens (klein, mittel oder groß) ab. Deshalb sind in diesem Fall kleinere und mittlere Unternehmen besonders privilegiert. Von dieser Form der Förderung machen immer häufiger auch Unternehmen Gebrauch, die in Polen sog. Shared Services Centers eröffnen.
 
Eine weitere attraktive Form der Förderung für Investoren, die Investitionsvorhaben von zentraler Bedeutung für die polnische Wirtschaft durchführen, ist der sogenannte Regierungszuschuss.
 
Unabhängig von dem oben Gesagten wird Polen ein großer Begünstigter von EU-Mitteln sein, die in diesem Jahr freigegeben werden sollen. Es handelt sich um einen Betrag von ca. 76 Mrd. EUR für die Jahre 2021 bis 2027, wovon ein Teil für Vorhaben von Unternehmen gewährt werden wird. Auf nationaler Ebene sollen vor allem die Bereiche Innovation, Unternehmertum, Infrastruktur, Umweltschutz, Energie, Bildung und Soziales gefördert wer­den. Die Unternehmen können mit Zuschüssen und Vorzugsdarlehen für Forschungs- und Entwicklungstätigkeit, Investitionen in umweltfreundliche Änderungen, einschließlich des Übergangs zu erneuerbaren Energien, und für die Umsetzung von Innovationen oder Digitalisierung rechnen.
 

Welchen Herausforderungen sehen sich deutsche Unternehmen bei ihren geschäftlichen Unternehmungen in Polen gegenüber?

Es ist immer eine Herausforderung, die Tätigkeit im Zusammenhang mit neuen Investitionen neu zu organisieren. Allerdings hören wir von unseren Mandanten oft positive Meinungen über die Unterstützung, die sie vor Ort erhalten: sowohl in Bezug auf staatliche Beihilfe – Unterstützung der Investition, als auch auf das Klima und die Kontakte mit den lokalen Selbstverwaltungen sowie in Bezug auf die Mitarbeiter die oft gut ausgebildet sind, Englisch und manchmal auch Deutsch sprechen, insbesondere in einigen Regionen Polens.  
 
Eine der Herausforderungen für Unternehmer ist das polnische Steuerrecht mitsamt seinen häufigen Novel­lie­run­gen. Die Umsetzung eines Investitionsvorhabens in Polen erfordert gleich zu Beginn mehrere wichtige und fol­gen­schwere Entscheidungen, z. B. darüber, welche Rechtsform am besten geeignet ist. Dies bestimmt die späteren steuerlichen Folgen und definiert die Verantwortung des Investors. 
 
Was den Arbeitsmarkt betrifft, so ist die Arbeitslosigkeit in Polen im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedstaaten niedrig, und in einigen Sektoren kann es schwierig sein, schnell Arbeitskräfte zu finden, z. B. im Baugewerbe oder im medizinischen und Pflegebereich. Der starke Zustrom von Ukrainern kann einigen Prognosen zufolge das An­ge­bot an Arbeitskräften in Polen sogar um 5 bis 6 Prozent erhöhen. So wird vielleicht die Lücke auf dem Arbeits­markt geschlossen werden können, insbesondere bei Stellen für Geringqualifizierte, im Handel und im Dienstleistungssektor, aber nicht nur dort. 
 
Die derzeitige Inflation hat zu einem Preisanstieg vor allem bei Energie und Kraftstoffen geführt, was zusätzliche Investitionen in erneuerbare Energien oder eine Verkürzung der Lieferketten erwägenswert macht. Die Auswir­kun­gen der Inflation werden für Unternehmen mit sicheren Abnehmern ihrer Produkte oder Dienstleistungen, z.B. im Ausland, sicherlich weniger beunruhigend sein, da das Risiko von Zahlungsverzögerungen in B2B-Beziehungen geringer sein wird.  
 

Polen ist der mit Abstand größte Handelspartner Deutschlands in Osteuropa und der fünftgrößte Handelspartner Deutschlands weltweit. Welche Chancen ergeben sich daraus für die deutsch-polnische Zusammenarbeit?

Riesige. Zum ersten Mal hat Polen eine so hohe Platzierung erreicht. Dabei wurden sogar so große Volks­wirt­schaf­ten wie Italien überholt, was davon zeugt, dass die Bedeutung Polens als Außenhandelspartner Deutschlands von Jahr zu Jahr wächst. Die polnischen Unternehmen sehen bereits Chancen zur Anknüpfung fester Kontakte mit dem deutschen KMU-Sektor. Dies eröffnet Entwicklungschancen für viele Wirtschaftssektoren, wie z.B. Energie, digitale Technologien, Autoindustrie oder Pharmazie.    
 

Wie wird sich Polen Ihrer Ansicht nach entwickeln?

Seit 2021 befindet sich die polnische Wirtschaft in einem erfolgreichen Wiederaufbau nach der Pandemie und dem Lockdown. Die externe Situation im Zusammenhang mit dem Konflikt in der Ukraine und die geplante hohe För­derung aus EU-Mitteln für Polen dürften die Reform des Landes sowie größere und kleinere Investitionen im En­er­giesektor erheblich beschleunigen. Erneuerbare Energien und andere ökologische Investitionen, z. B. in emissions­arme Technologien zur Erzeugung von Wasserstoff, sollten spürbar an Bedeutung gewinnen. Optimistische Szenarien gehen von einer deutlichen Beschleunigung der wirtschaftlichen Aktivität in manchen Sektoren aus, insbesondere in jenen, auf die die Europäischen Union setzt, d. h. in den Bereichen Dekarbonisierung, Energie, Forschung und Entwicklung neuer Technologien, Digitalisierung, Robotisierung oder Cybersicherheit. 
 
Eine gute Nachricht für die Zukunft der polnischen Wirtschaft ist die Tatsache, dass die Manager großer Unter­neh­men immer größeren Wert auf die digitalen Kompetenzen der Bewerber legen; hier kann sich Polen einer soliden technischen Infrastruktur sowie eines großen Reservoirs gut ausgebildeter und talentierter Ingenieure, Infor­ma­ti­ker und Techniker rühmen. Die starke Zuwanderung aus der Ukraine könnte sich ebenfalls positiv auf die Erhö­hung des Arbeitskräfteangebots in Polen auswirken.
 
Zweifellos wird es für die Regierenden eine Herausforderung sein, die Inflation unter Kontrolle zu bringen und den Anstieg der Zinssätze zu stabilisieren, damit das über die Jahre erreichte Wirtschaftswachstum erhalten bleibt. 

 Wirtschaftliche Besonderheiten in Polen

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Renata Kabas-Komorniczak

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