Digitalisierung in Vietnam

veröffentlicht am 15. Mai 2018

 

Interview mit Stefan Ewers

 

​Wird das Thema Digitalisierung in Deutschland auf die Agenda geschrieben, darf damit gerechnet werden, dass Sie nicht nur eine Definition für den Begriff erhalten. Die immer wieder genannten Schlagwörter sind „disruptive Technologien”, „innovative Geschäftsmodelle” oder auch „Auto­nomisierung”, was wiederum gerne unter dem Begriff „Industrie 4.0” zusammengefasst wird. Wir möchten heute aber über Vietnam sprechen. Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick, was unter dem Begriff Digitalisierung in Vietnam verstanden wird.

In Vietnam muss ein Unterschied zwischen den verschiedenen Geschäftsmodellen gemacht werden. Beratungs- und Dienstleistungsindustrien haben sich das Thema „Digitalisier­ung”, ähnlich ihrer internationalen Partner, auf die Fahne geschrieben. Insbesondere dann, wenn sie Teil einer internationalen Gruppe sind, ist die Digitalisier­ung ein großes Thema und wird vergleichbar verstanden, wie es in westlichen Ländern der Fall ist.
 
Anders ist das regelmäßig bei Produktionsbetrieben. Die vietnamesische Industrie ist weiterhin sehr auf den Agrarsektor sowie auf arbeitnehmerintensive Produktionsprozesse fokussiert. Hochtechnologien werden unterstützt, sind aber noch nicht sehr präsent. Die Digitalisier­ung ist im Bereich der Agrarindustrien nicht ausgeprägt. In anderen Industriezweigen, wie bspw. der Textilindustrie, wird Digitalisierung dagegen auf internationalem Standard vorangetrieben.
 
Der Regierung ist daran gelegen, den Anschluss an die internationale Entwicklung zu halten.
 

Digitalisierung ist ein branchen- und gesellschaftsübergreifendes Thema. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Vietnam ein – Hat die Gesellschaft das Thema bereits verinnerlicht, verstehen Unternehmen den Wandel oder wird eher versucht, das Thema auszusitzen? Welche Branchen sind bereits auf der Erfolgsspur, welche hinken – eventuell auch aus traditionellen Gründen – hinterher?

Die Gesellschaft hat das Prinzip der Digitalisierung verinnerlicht. Digitaler Informationsaustausch ist in den Städten und bei der sehr jungen Bevölkerung angekommen und beständiger Teil des täglichen Lebens.
 
Die Hochtechnologie-Branche ist naturgemäß Vorreiter im Bereich der Digitalisierung. In der Agrarindustrie haben sich in den letzten Jahren Entwicklungen gezeigt, die Digitalisierung als Teil des Geschäfts definieren. Sie ist aber noch lange nicht alltäglich.
 
Die Textilindustrie arbeitet auf internationalem Niveau.
 
Im Großen und Ganzen ist die Digitalisierung in der Industrie noch nicht so weit verzweigt wie es in vielen anderen Ländern der Fall ist. Das liegt insbesondere an dem geringen Lohnniveau in Vietnam und damit verbunden an der Tatsache, dass viele Industrien überwiegend arbeitnehmerintensive Bereiche abdecken.
 

Können Sie uns ein handfestes Beispiel aus Vietnam liefern, wie deutsche Unternehmer vor Ort mit der Digitalisierung umgehen? Wie können Unternehmen von externen Beratern und Experten bei der Transformation unterstützt werden und wo sehen Sie vor Ort erweiterten Beratungsbedarf?

Deutsche Unternehmen entwickeln ihre Ideen i.d.R. in anderen Ländern oder Regionen der Welt und setzen sie dann in einem weiteren Schritt in Vietnam ein. Vietnam ist selten der erste Standort, um ein bestimmtes Projekt anzugehen.
 
In einem konkreten Beispiel hat eine deutsche Produktionsgesellschaft in Vietnam eine neue Art 3D-Druck für ihre Produkte implementiert. Das ist eines der wenigen Male, in denen Vietnam Vorreiter innerhalb einer Gesellschaft ist. Auch in dem Fall wird Vietnam aber nicht exklusiv behandelt; die Technologie wird von dem gleichen Unternehmen auch in Deutschland genutzt.
 

Wo sehen Sie die besten Chancen für deutsche und europäische Unternehmen, sich mit disruptiven Geschäftsmodellen in Vietnam im Markt zu positionieren?

Traditionelle Industriesektoren in Vietnam müssen überarbeitet werden, um insbesondere auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. V.a. der Agrarsektor bedarf einer Anpassung, um internationale Standards zu erfüllen. Wenn Vietnam auch gegenwärtig noch vom geringen Durchschnittslohn profitiert, wird sich das in den kommenden Jahren egalisieren und eine Effizienzsteigerung muss einem Relevanzverlust gegenwirken.
 

Welche Herausforderungen – aber auch Chancen – sehen Sie für bereits vor Ort tätige Unter­nehmen, die nicht einfache Mammutaufgabe zu meistern?

Die Bevölkerung hat den Nutzen der Digitalisierung verstanden und ist willens, sie umzusetzen. Problematisch ist jedoch insbesondere die nicht ausgeprägte infrastrukturelle Anbindung Vietnams. Die für die Digitalisierung so dringend benötigte Internetanbindung ist weiterhin noch nicht auf regionalem Niveau.
 

Welche Punkte müssen bei der Transformation in Vietnam besonders beachten werden (Bspw.: Cybersecurity, Datenschutz, Change Management, Cloud Computing, ERP-Systeme, (Tax-)Compliance-Systeme, digitale Payroll, Wertewandel, Blockchain-Technologien usw…)? Sehen Sie hier vor Ort kulturelle, gesellschaftliche oder ökonomische Vorteile, die für eine einfachere Transformation sprechen?

Das Anforderungsprofil Vietnams ist verhältnismäßig liberal. Datenschutz ist nur in Bezug auf Regierungsdaten und -Informationen ein Thema. Sicherheitsrelevante Prozesse müssen implementiert werden; es ist davon auszugehen, dass digitale Kommunikation nicht immer sicher oder vor Informationsabfluss an Dritte geschützt ist. Das grundsätzlich sehr ausgeprägte Verständnis der Bevölkerung ist hingegen ein positiver Faktor für die Umsetzung der Digitalisierung.
 

Wenn die Führungsriege der Unternehmen den Wandel nicht vorlebt und vorantreibt, ist das Gelingen der Transformation in Gefahr. Existieren von staatlicher Seite Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten, die bei den ersten Schritten hin zur digitalen Transformation bereitgestellt werden? Bestehen Investitionsprogramme, um Digitalisierungspioniere anzulocken? Existieren Inkubatoren, um innovative Geschäftsmodelle und die Ansiedlung von bspw. Start-Ups zu beschleunigen?

Hochtechnologie und IT werden in Vietnam steuerlich und regional gefördert. Es ist davon auszugehen, dass das weiterhin der Fall sein wird. Das ist gegenwärtig aber die einzige Unterstützung seitens der Regierung. Inkubatoren und weitere vergleichbare Multiplikatoren existieren nicht oder nur auf sehr individuellem und eher privat organisiertem Niveau.
 

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