Konzernstrukturen – Normalität in Familienunternehmen

zuletzt aktualisiert am 7. August 2018

 

Dr. Hans Weggenmann antwortet
 

 

Konzern und Mittelstand gelten häufig als Antipoden und oft heißt es: „Konzern oder Mittelstand?” Warum sind so viele Mittelständler als Konzerne strukturiert?

Zunächst einmal sind beide Begriffe durchaus interpretierbar bzw. unterschiedlichen Deutungen zugänglich. Mit dem Begriff Konzern wird u.a. eine stark zentrierte und vielleicht auch hierarchische Organisationsstruktur verbunden, während man den Mittelstand umgekehrt organisatorisch für „lean” hält. Abstrahiert man von dem Verständnis und verbindet mit Konzern lediglich eine Obergesellschaft, die mehr als eine Unternehmens­beteiligung (Tochtergesellschaft) hält, dann findet sich in der Tat eine Reihe von Konzernstrukturen auch im Mittelstand. Gute Gründe dafür lassen sich zahlreich anführen. Sie reichen von der Spartenbildung über die Haftungsabschottung bis zur steuerlichen Optimierung von Unternehmensstrukturen.
 

Welche Vorteile hat eine Konzernstruktur?

Konzernstrukturen oder auch Teilkonzerne kann man allgemein als Sammelposten begreifen. So lassen sich in Zwischengesellschaften Beteiligungen verwalten und dabei steuerliche Vorteile nutzen. Im innerdeutschen Steuerrecht lässt sich eine Verlustverrechnung zwischen Schwestergesellschaften erreichen. Für Veräußerungs­gewinne und Dividendenerträge hält das Körperschaftsteuerrecht ab einer bestimmten Beteiligungshöhe weitgehende Steuerbefreiungen bereit. In Abhängigkeit von der ausländischen Rechtsform sind im Inter­nationalen Steuerrecht zudem ebenfalls Steuerbefreiungen möglich und auf Ebene der Gewerbesteuer kann eine Konzernstruktur Abhilfe bei der Besteuerung von Beteiligungserträgen schaffen. Daran lässt sich aber auch erkennen, dass eine Vielzahl von Tochtergesellschaften im In- und Ausland Konzernstrukturen auch im Mittelstand  –  jedenfalls aus steuerlicher Sicht  –  provoziert.
 

Bei international tätigen Unternehmen ist eine Konzernstruktur also Standard. Ist das steuerlich motiviert oder liegen die Gründe dafür eher darin, dass Tochtergesellschaften so besser gesteuert werden können?

Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Viele international tätige Unternehmen führen ihre Tochter­gesellschaften längst nicht mehr auf Grundlage gesellschaftsrechtlicher Strukturen, sondern haben sich dafür eigene Sparten-/Divisionsstrukturen geschaffen und setzen aus Compliance-Gründen auch das 4-Augen-Prinzip mittels Matrixstrukturen konsequent um. Die zuvor genannten steuerlichen Vorteile für den Mittelstand spielen für internationale Großkonzerne nicht allesamt eine Rolle. Die Spielwiese für steuerliche Gestaltungen wird dennoch größer, da über Konzernstrukturen durchaus Steuervorteile oder steuerliche Incentives über einen Zwischenstopp mitgenommen werden können. Oft werden dabei die unterschiedlichen Sichtweisen der verschiedenen Steuersysteme ausgenutzt, was  –  um Missverständnissen vorzubeugen  –  völlig legitim ist. Das wird nun (angefacht durch die BEPS-Diskussion) unter dem vorgehaltenen Argument der „Moral im Steuerrecht” von der internationalen Staatengemeinschaft (OECD/G20), aber auch von der EU und dem deutschen Gesetzgeber, angegangen. Steuerlich geht es dann (wieder) um die Gestaltung von Verrechnungs­preisen, die Optimierung über Betriebsstätten sowie die Ausnutzung von IP-Boxen und Finanzinstrumenten (Double-Dips/Qualifikationskonflikte). Alle diese im Konzernsteuerrecht gängigen Gestaltungen müssen im Licht der Anti-Steuervermeidungs-Richtlinien der EU (Anti Tax Avoidance Directive; kurz: ATAD) sowie der Diskussionen um eine gerechte Besteuerung der Internetkonzerne (signifikante digitale Präsenz, Digitalsteuer) kritisch hinterfragt werden.
 

International stark expandierende Unternehmen weisen oft komplexe, „gewachsene” Konzernstrukturen auf. Sollten sie regelmäßig verschlankt werden?

Das ist sinnvoll, weil sich Tochtergesellschaften in ihrem Marktumfeld verändern, aber auch die sich verändernden steuerlichen Rahmenbedingungen andere Strukturen erfordern. Oft gehört das zum „Integration-Management” nach Transaktionen.
 

Die Abstimmung konzerninterner Verrechnungspreise stellt die Unternehmen im internationalen Kontext vor große Herausforderungen. Wie hoch sind die Risiken, wenn bei der Betriebsprüfung Defizite aufgedeckt werden?

Um es klar zu sagen: sehr groß! Da es den richtigen Verrechnungspreis bekanntlich nicht gibt, sollten Sie sich mit den Betriebsprüfern recht schnell über Bandbreiten unterhalten, damit eine Verrechnungspreiskorrektur zur Verhandlungsmasse in der Betriebsprüfung wird und der Prüfer auch berechtigt wird, sog. „Sicherheits­aufschläge” vorzunehmen. Es ist leider die Regel, dass eine Gegenkorrektur im anderen betroffenen Land unterbleibt, so dass das Risiko einer Doppelbesteuerung hinzuaddiert werden muss. Inhaltlich hat die Finanzverwaltung aufgerüstet und sich betriebswirtschaftlichen Sachverstand dazu geholt  –  es muss daher bei der Bewertung von Verrechnungspreisen mit einer klaren Vorstellung des Betriebsprüfers gerechnet werden.
 

Welche aktuellen Handlungsfragen sehen Sie für mittelständische Konzerne?

Neue Regulierungsansätze stellen Unternehmen, die als Konzern organisiert sind, immer vor besondere Herausforderungen, weil die konzerninterne Zusammenarbeit häufig kritisch gesehen wird oder einen Anknüpfungspunkt für zusätzliche Pflichten darstellt. Ein gutes Beispiel ist der Datenschutz: Konzerne können durch die Umsetzung der Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in der gemeinschaftlichen Nutzung von Daten blockiert werden. Sie müssen Shared Services unter die Lupe nehmen und ggf. Verarbeitungsverträge mit Geheimhaltungsvereinbarungen abschließen. Vor dem Hintergrund der gesamten BEPS-Debatte müssen mittelständische Konzerne dokumentieren, dass ihre Strukturentscheidungen nicht auf der Erzielung kurzfristiger Steuereffekte beruhen, sondern ein Beitrag zur nachhaltigen Unternehmensführung sind  –  ihr sind diese Unternehmen als Familienunternehmen in besonderer Weise verbunden.
 
 

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