Erfolgreich investieren in China

zuletzt aktualisiert am 16. Mai 2018

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in China ein?

Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse westlich und östlich von Deutschland, muss man die wirtschaft­liche Lage etwas differenzierter betrachten. Die Drohgebaren seitens des US-Präsidenten Donald Trump haben sich zu einem handfesten Handelsmachtkampf gewandelt. Nicht nur deutsche Unternehmen sind dadurch verunsichert. Die bereits umgesetzten Strafzölle betreffen v.a. die Volksrepublik China. Und die reagiert – ebenfalls mit dem Verhängen von Strafzöllen auf Importe aus den USA und einer Klageeinreichung bei der WTO. Das Kräftemessen der beiden wirtschaftlich führenden Länder lässt viele andere Themen zu Nebenkriegsschauplätzen werden.

Die Börsen in Asien leiden verstärkt unter dem Machtkampf, der auch Auswirkungen auf deutsche Unternehmen nach sich ziehen kann. Insbesondere die deutsche Exportwirtschaft argwöhnt mit der aktuellen Situation, die durch Unsicherheit geprägt ist. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die genannten Nebenschauplätze zu betrachten.

Dass sich die Volksrepublik von zweistelligen Wachstumsraten verabschieden musste, ist mittlerweile bekannt. Dennoch sieht sich die Volksrepublik tendenziell auf einem stabilen Weg. Das entspricht dem ausgerufenen Ziel der Regierung nach einem moderaten und nachhaltigen Wachstum, was nicht nur die Zahlen der Weltbank für das Jahr 2017 bestätigen. Die Weltbank berechnet ein Wachstum von 6,8 Prozent; das Pekinger Statistikamt liefert dagegen mit 6,9 Prozent eine leicht nach oben korrigierte Rate. Für das aktuelle und kommende Jahr sehen die Analysten je ein Wachstum von 6,4 und 6,3 Prozent vorher.

Die Gründe für das entschleunigte  Wachstum sind vielschichtig. Die Umstrukturierung der heimi­schen Wirtschaft ist nur einer der Treiber. Unter dem Claim „Made in China 2025”, dem Pendant zu Industrie 4.0, verfolgt die chinesische Regierung das ambitionierte Ziel, die heimische Wirtschaft zu transformieren sowie den Konsummarkt weiter zu beleben und zu stärken. Hinzu kommen verstärkte Kontrollen im Finanzsektor und die Bemühungen, die Staatsverschuldung abzumildern. Andererseits werden aktuell Reformen im Steuerrecht, im E-Commerce und verstärkt im Umweltrecht vorangetrieben.

Die Strategie, die heimische Wirtschaft auf ein neues Niveau zu heben, spiegelt sich auch in den Auslandsinvestitionen Chinas. Die teils massiven Zukäufe von Unternehmen außerhalb Chinas führten jedoch zu verschärften Regeln. Schnell wurde den Einkaufstouren chinesischer Investoren ein Riegel vorgeschoben: Was nicht der Strategie der chinesischen Führung entspricht wird nicht genehmigt. Fehler und Fehlverhalten chinesischer Unternehmen aus der Vergangenheit muss der Staat heute mit umfangreichen Finanzspritzen ausbügeln – zuletzt beim Versicherungskonzern Anbang (seit 2014 Eigner des Waldorf Astoria), der zunehmend in Schieflage geriet.

Abzuwarten bleibt, wie sich der schwelende Handelskonflikt mit den USA und die Ankündigung Xi Jinping´s, den Markt weiter für ausländische Investoren zu öffnen, auswirken werden.

 

Wie würden Sie das Investitionsklima in China beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Aufgrund diverser Spekulationen und Ankündigungen zum 19. Parteitag der kommunistischen Partei Ende 2017, hat sich das Investitionsklima etwas eingetrübt. Das hat sich zu Beginn des Jahres 2018 wieder leicht aufgehellt. Neben Förderungsgesetzen zur Unterstützung kleiner und mittlerer Unterneh­men in China (KMU), wurde eine neue Umsatzsteuerreform eingeführt, der Investitions­lenkungskatalog aktualisiert und mit der Einführung des Umweltsteuergesetzes der Kampf gegen die Umweltverschmutzung weiter verschärft. Viele Reformen und Förderungen orientierten sich an den geo- und innenpolitischen Agenden „Belt and Road Initiative” und „Made in China 2025”.

 

Trotz der teils sehr umfangreichen rechtlichen und steuerlichen Neuerungen bietet sich für deutsche und europäische Investoren weiterhin eine Vielzahl von Investitionsmöglichkeiten.

 

Großes Potenzial sehen wir in folgenden Branchen:
  • E-Commerce
  • Umwelttechnik
  • Elektromobilität und Energiespeichertechnik
  • Autonomes Fahren
  • Medizinische Geräte und Diagnostik
  • Pharmaindustrie
  • Robotik

   

Alles in allem haben die zunehmenden Förderungsmaßnahmen das Investitionsklima positiv beein­flusst. Die angekündigten Lockerungen in Bezug auf Investitionen im Banken- und Versicherungs­wesen sowie im Wertpapier- und Vermögensverwaltungsgeschäft tragen Früchte und wurden im April 2018 nochmals bekräftigt. Zeitgleich wurde und wird die Bandbreite der Finanzierungsmöglichkeiten von ausländisch investierten Unternehmen in China weiter ausgebaut, sodass künftig die Möglichkeit zur Begebung von Unter­nehmens­anleihen oder  Wandelschuld­verschrei­bungen besteht. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Notierung von Aktien an den Börsen in Shanghai und Shenzhen ebenfalls möglich sein. Unterdessen wurde im April 2018 angekündigt, dass der erste chinesische Konzern das deutsche Börsenparkett betreten wird. Geplant ist die Notierung der Aktien des Haushaltsgeräte-Herstellers Haier auf der deutsch-chinesischen Gemeinschaftsplattform Ceinex.

 

Dennoch verstummen die Rufe nach einer weiteren Öffnung des chinesischen Marktes für auslän­dische Investoren nicht. Vor dem Hintergrund der immer noch auf Rekordniveau getätigten Unternehmenskäufe chinesischer Unternehmen auf dem europäischen Markt, fordern die Länder ein Agieren Chinas auf Augenhöhe. U.a. verschärfte die Bundesregierung das Außenwirtschaftsgesetz und stellt z.B. Übernahmen von sog. „Kritischer Infrastruktur” unter ministerialen Vorbehalt. Auch auf EU-Seite rumort es weiter. EU-Präsident Juncker schlug im Herbst 2017 ein neues, verschärftes Prüfverfahren für Investitionen aus Drittstaaten vor. Ein Abschnitt des Vorschlags sieht u.a. vor, dass geplante Käufe durch Investoren, die direkt oder indirekt von einer ausländischen Regierung kontrolliert werden, untersagt werden dürfen.

 

Nichtsdestotrotz bleibt es dabei: Chinesische Investitionen werden weiterhin kritisch betrachtet, nicht erst seit der Übernahme des deutschen Roboterherstellers KUKA durch den chinesischen Konzern Midea. Für Aufsehen sorgte zuletzt der milliardenschwere Einstieg des chinesischen Autobauerkonzerns Geely beim deutschen Branchenprimus Mercedes Benz. Wie sich die Partnerschaft weiterentwickelt und auf die deutsche Industrie und auch auf das Investitionsklima auswirkt bleibt – wie vieles – abzuwarten.

  

Welche Herausforderungen muss ein deutscher Unternehmer beim Engagement in China meistern?

China befindet sich immer noch im Wandel. Steigende Löhne, Gehälter und Lebenskosten in den Ballungsräumen im hohen einstelligen Bereich führen zu einem starken Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt. Fachkräftemangel gepaart mit hohen Fluktuationsraten zeigen das Dilemma eindrücklich. Für qualifiziertes Personal müssen deutsche Unternehmen tiefer in die Tasche greifen; ein Binden des Personals an das Unternehmen wird zur Mammutaufgabe. Neben den Personalkosten stiegen in den vergangenen Jahren auch die Materialkosten. Das wiederum führte dazu, dass China als Zielmarkt für Kostenminimierung oder die Errichtung von Produktionsstätten etwas an Attraktivität eingebüßt hat.

 

Weitere Punkte, die ein Engagement in der Volksrepublik erschweren, sind die nicht immer transparenten Gesetzgebungen, die gerne durch neutrale Formulierungen gekennzeichnet sind. Hier herrschen weiterhin große Unsicherheiten, wie Gesetze auf lokaler oder regionaler Ebene interpretiert und angewendet werden. Schließlich bleibt abzuwarten, wie sich die zunehmende Zensur im Internet und damit zusammenhängende Einschränkung im Daten- und Informationstransfer in der Zukunft entwickeln werden. 

 

Neben den Investitionsbedingungen dürfen die sozialen Faktoren bei einem Engagement in China nicht außer Acht gelassen werden. Immer noch werden Sprache und Kultur als Hindernis betrachtet. Von Führungskräften wird nicht zuletzt interkulturelle Kompetenz gefordert, um die Herausforderung zu meistern. Oft ist Fingerspitzengefühl gefragt, um nicht in kulturelle Fettnäpfchen zu treten. Vor dem Hintergrund verschärfter Aktivitäten bei der Korruptionsbekämpfung darf nicht vergessen werden, Geschäftsbeziehungen und „Guanxi” zu pflegen – aber mit Bedacht.

 

Nichtsdestotrotz besticht China mit seinem riesigen Konsum- und Absatzmarkt und wiegt die geringeren Kostenvorteile wieder auf.

  

Welche Chancen bietet die „Belt and Road Initiative” für die deutsche Wirtschaft?

Potenzial sehen wir bei den zahlreichen Infrastrukturprojekten für das Bau- und Ingenieurwesen, die Transport- und Logistikbranche, den Maschinen- und Anlagenbau, den Energiesektor oder die Umwelttechnik. Darüber hinaus bieten sich vielversprechende Chancen für die Consulting-Branche mit all ihren Facetten.

 

Für die Transport- und Logistikbranche eröffnen sich bspw. durch die bereits existierende Zugstrecke zwischen Duisburg – Chongqing neue Perspektiven. Der chinesische Markt kann darüber um ein vielfaches schneller beliefert werden, als es durch die Transsibirische Eisenbahn oder Containerschiffe, die vom Hamburger Hafen in Richtung China starten, möglich ist. Viermal pro Woche werden Züge auf die 10.000 km lange Strecke geschickt. Gerade einmal 14 Tage Reisezeit benötigt der Frachtzug; ein entscheidender Vorteil, der nicht unberücksichtigt gelassen werden sollte.

 

Darüber hinaus sehen wir langfristig eine Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China, aber auch Ländern wie Pakistan oder Turkmenistan. Durch den Ausbau der Infrastruktur öffnen sich die Märkte Chinas nicht nur, sondern bieten ebenfalls Chancen für die Erschließung durch deutsche und europäische Unternehmen. Eine Möglichkeit des Markteinstiegs ist bspw. die aktive Beteiligung am Ausbau der Infrastruktur.

 

Derzeit sind jedoch chinesische Staatsunternehmen die großen Profiteure des Projektes. Das liegt v.a. an noch nicht transparent kommunizierten Ausschreibungsverfahren und an Fördertöpfen, die seitens der chinesischen Regierung bereitgestellt werden. Zudem spielt die strategische Leitlinie der Regierung eine entscheidende Rolle. Mit dem Stichwort „Go-West” werden die Unternehmen angehalten, sich aktiv an den Ausschreibungen außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu beteiligen.

 

Für deutsche Unternehmen, die bereits gut in China vernetzt sind, gilt es, sich entsprechend zu positionieren und den unternehmerischen Mut nicht zu verlieren. Die Chancen, an dem Megaprojekt zu partizipieren, sind so vielfältig wie die Länder, die von den Infrastrukturprojekten berührt werden. Neben deutschen Großkonzernen, die aufgrund der Manpower auch als Generalunternehmer für bestimmte Projekte fungieren können, ist das Know-how der Hidden Champions und Familienunternehmen v.a. bei Spezialaufträgen und -gewerken gefragt.

   

Wie wird sich China aus Ihrer Sicht weiterentwickeln?

Egal ob man Xi Jinping's „chinesischen Traum” für realisierbar hält oder nicht: Chinas Entwicklung wird das Weltgeschehen in den kommenden Jahren prägen und auch Deutschland verändern. Der Trend zur Lokalisierung, der Zukauf ausländischen Know-hows, veränderte Visa-Regeln für Ausländer, „Belt and Road Initiative", „Made in China 2025” – China befindet sich massiv im Umbruch. Die Ziele sind ambitioniert, doch hapert es oft an der Umsetzung und dem Reformwillen. Es bleibt daher schwer, die aktuellen Ankündigungen von Xi Jinping zur weiteren Öffnung des Marktes für ausländische Investoren einzuschätzen.

 

Wie und wann werden konkrete Maßnahmen formuliert; wann treten sie in Kraft? Werden die  angekündigten Erleichterungen für ausländische Unternehmen spürbar sein? Können die kursierenden Daten zur Einführung bestimmter Maßnahmen gehalten werden? Sind es tatsächliche Erleichterungen oder werden an anderen Stellen die Zügel angezogen und neue Zugangs- oder gar Handelsbarrieren geschaffen?

 

Sicher können wir uns sein, dass die Volksrepublik weiter die Wirtschaftsordnung beeinflussen und prägen wird. Es bleibt spannend in den kommenden Monaten, wie und in welche Richtung sich sowohl China als auch die USA bewegen werden.

      

 Kulturelle Besonderheiten in China

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