Erfolgreich investieren in China

zuletzt aktualisiert am 3. April 2019

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in China ein?

Chinas Premierminister Li Keqiang hat die 3.000 Mitglieder des 13. Nationalen Volkskongresses Anfang März mit den Worten „Wir müssen uns auf einen harten Kampf einstellen” begrüßt. In seinem all­jähr­lichen Regierungsbericht zeichnete der Premier ein ernstes Bild der wirtschaft­lichen Lage Chinas. So senkte Li die Wachstums­prognose für 2019 auf nunmehr 6 bis 6,5 Prozent.

Die Gründe für die angespannte Lage sind vielfältig: Einerseits externe Effekte, wie die abflauende Welt­wirtschaft, Protektionismus oder die anhaltenden wirtschaftlichen und handelspolitischen Spannungen. Andererseits existieren hausgemachte Probleme, wie die rapide ansteigende öffentliche Verschuldung.

Die Worte des Premiers lassen allerdings erkennen, dass die chinesische Regierung und Partei die wirtschaft­liche Lage sehr ernst nehmen. Fraglich bleibt, ob der China-Boom anhält oder sich ausländische Investoren und Exporteure auf einen andauernden Abwärtstrend einstellen müssen.

Erkennbar ist, dass China nicht mehr unabdingbar an den großen Zielen – wie einer Verdopplung der Wirt­schafts­leistung von 2010 auf 2020 oder dem Programm „Made in China 2025” – festhält, sondern mit konkreten Maßnahmen versucht, die Wirtschaft zu stimulieren. Dazu gehört z.B. die Ankündigung, dass für verschiedene Branchen, wie dem verarbeitenden Gewerbe und dem Transport- und Bausektor, der aktuelle Mehrwertsteuersatz um bis zu 3 Prozent gesenkt wird. Zudem sollen Sozialversicherungsbeiträge für Unternehmen gesenkt werden.

Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Probleme bleibt abzuwarten, wie sich der schwelende Handelskonflikt mit den USA weiterentwickelt und welche Maßnahmen China treffen wird, um nicht nur die heimische Wirtschaft zu fördern, sondern den Markt für ausländische Investoren weiter attraktiv zu halten.


Wie würden Sie das Investitionsklima in China beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

China versucht, sich weiter für ausländische Investitionen zu öffnen. Das bedeutet umgekehrt aber auch, dass China nach wie vor kein vollständig freier Markt ist.

Ein Versuch der weiteren Marktöffnung war die Kürzung der sog. Negativliste im Juli 2018, die aufführt, in welchen Branchen ausländische Unternehmen tätig werden dürfen. Die aktualisierte Liste enthält noch 48 Beschränkungen für ausländische Investitionen. In 22 Branchen wurden Beteiligungsgrenzen für auslän­dische Investoren aufgehoben. Das betrifft v.a. die Automobilindustrie und Hersteller von (Spezial-) Fahrzeugen mit alternativem Energieantrieb (i.d.R. Elektrofahrzeuge). In dem Fall können ausländische Investoren nunmehr 100 Prozent der Anteile an einem chinesischen Unternehmen halten. Im Hinblick auf konventionelle PKW wird die bisherige Joint Venture-Pflicht erst ab 2022 aufgeboben. Auch wenn die Hersteller Tesla und BMW ange­kündigt haben, eine eigene Fabrik für Elektrofahrzeuge zu bauen (Tesla) bzw. die Mehrheit am eigenen Joint Venture zu übernehmen (BMW) stellt sich die Frage, ob die Maßnahmen nicht zu spät erfolgen. Insbesondere bei der konventionellen PKW-Herstellung besteht bereits eine sehr hohe Marktaufteilung.

Andererseits beklagen ausländische Unternehmen, dass sie gegenüber lokalen Unternehmen benachteiligt werden. So können ausländische Unternehmen an vielen Ausschreibungen nicht teilnehmen und unterliegen größeren Hürden bei der Finanzierung oder der Förderung von Research & Development (R&D).

Sorge bereitet ausländischen Unternehmen zudem die langsame Internet-Geschwindigkeit sowie ein beschränkter Internet-Zugang. Hohe Verunsicherung besteht darüber hinaus bei der künftigen Nutzung sog. Virtual Private Networks (VPN). Eigentlich sollten VPN-Verbindungen, die über keine Genehmigung des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) verfügen, im März 2018 gesperrt werden. Von dem Verbot wären nicht nur VPN-Tunnel kommerzieller VPN-Anbieter betroffen, sondern auch unternehmenseigene VPN-Tunnel zwischen chinesischen Tochtergesellschaften und ausländischer Mutter­gesellschaft. Die geplante Abschaltung soll im März 2019 umgesetzt werden.

Probleme bereiten ausländischen Unternehmen auch die Unklarheiten im Hinblick auf die Anwendung des chinesischen Cyber-Security-Gesetzes, das den Datenaustausch zwischen einem chinesischen Tochter­unternehmen und dem Mutterhaus erheblich einschränken kann.


Unabhängig von diesen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten sehen wir nach wie vor ein erhebliches Potenzial, insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU), in folgenden Branchen:

 

  • E-Commerce
  • Umwelttechnik
  • Elektromobilität und Energiespeichertechnik
  • Autonomes Fahren
  • Medizinische Geräte und Diagnostik
  • Pharmaindustrie
  • Robotik

 
Alles in allem haben die zunehmenden Förderungsmaßnahmen das Investitionsklima positiv beeinflusst. Abzuwarten bleibt aber, wie sich die oben dargestellte schwierige Wirtschaftslage weiter entwickeln wird.


Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in China gegenüber?

Auch das Jahr 2018 hat gezeigt, dass sich China immer noch im Wandel befindet. Steigende Löhne, Gehälter und Lebenskosten in den Ballungsräumen führen zu einem starken Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt. Fachkräftemangel gepaart mit hohen Fluktuationsraten zeigen das Dilemma eindrücklich. Für qualifiziertes Personal müssen deutsche Unternehmen tiefer in die Tasche greifen; ein Binden des Personals an das Unternehmen wird zur Mammutaufgabe. Neben den Personalkosten stiegen in den vergangenen Jahren auch die Materialkosten. Das wiederum führte dazu, dass China als Zielmarkt für Kostenminimierung oder die Errichtung von Produktionsstätten etwas an Attraktivität eingebüßt hat.

Weitere Punkte, die ein Engagement in der Volksrepublik erschweren, sind die nicht immer transparenten Gesetzgebungen, die gerne durch neutrale Formulierungen gekennzeichnet sind. Hier herrschen nach wie vor große Unsicherheiten, wie Gesetze auf lokaler oder regionaler Ebene interpretiert und angewendet werden. Schließlich bleibt abzuwarten, wie sich die zunehmende Zensur im Internet und damit zusammen­hängende Einschränkung im Daten- und Informationstransfer in Zukunft entwickeln werden. Das oben dargestellte VPN-Verbot sowie die unklaren Anforderungen des chinesischen Cyber-Security-Gesetzes tragen wenig dazu bei, ausländische Investoren zu beruhigen.

Neben den Investitionsbedingungen dürfen die sozialen Faktoren bei einem Engagement in China nicht außer Acht gelassen werden. Immer noch werden Sprache und Kultur als Hindernis betrachtet. Von Führungskräften wird nicht zuletzt interkulturelle Kompetenz gefordert, um die Herausforderung zu meistern. Oft ist Finger­spitzengefühl gefragt, um nicht in kulturelle Fettnäpfchen zu treten. Vor dem Hintergrund verschärfter Aktivitäten bei der Korruptionsbekämpfung darf nicht vergessen werden, Geschäftsbeziehungen und „Guanxi” zu pflegen – aber mit Bedacht.

Nichtsdestotrotz besticht China mit seinem riesigen Konsum- und Absatzmarkt und wiegt die geringeren Kostenvorteile wieder auf.


Welche Chancen bietet die „Seidenstraße” für die deutsche Wirtschaft?


Neben deutschen Großkonzernen, die aufgrund der Manpower für bestimmte Projekte als Generalunter­nehmer fungieren können, ist das Know-how der Hidden Champions und Familienunternehmen v.a. bei Spezialaufträgen und -gewerken gefragt. Bedeutende Potenziale zur Beteiligung am Infrastrukturprojekt „Belt and Road Initiative” sehen wir in folgenden Branchen:

 

  • Bau- und Ingenieurwesen,
  • Transport- und Logistikbranche sowie angeschlossene Dienstleistungen,
  • Maschinen- und Anlagenbau,
  • Energiesektor oder 
  • Umwelttechnik.


Darüber hinaus bieten sich vielversprechende Chancen für die Consulting-Branche mit all ihren Facetten. Für die Transport- und Logistikbranche eröffnen sich bspw. durch die bereits existierende Zugstrecke zwischen Duisburg – Chongqing neue Perspektiven. Der chinesische Markt kann darüber um ein vielfaches schneller beliefert werden, als es durch die Transsibirische Eisenbahn oder Containerschiffe, die vom Hamburger Hafen in Richtung China starten, möglich ist. Viermal pro Woche werden Züge auf die 10.000 km lange Strecke geschickt. Gerade einmal 14 Tage Reisezeit benötigt der Frachtzug; ein entscheidender Vorteil, der nicht unberücksichtigt gelassen werden sollte.

Der Ausbau der Infrastruktur in Ländern wie Turkmenistan oder Usbekistan eröffnet nicht nur China Möglichkeiten der Markterschließung. Auch deutschen und europäischen Unternehmen bietet sich die Chance zum Markteintritt, bspw. durch die aktive Beteiligung am Ausbau der Infrastruktur.

Derzeit sind jedoch chinesische Staatsunternehmen die großen Profiteure des Projektes. Das liegt v.a. an den aktuellen Ausschreibeverfahren und den Fördertöpfen, die seitens der chinesischen Regierung bereitgestellt werden. Zudem spielt die strategische Leitlinie der Regierung eine entscheidende Rolle. Mit dem Stichwort „Go-West” werden die Unternehmen angehalten, sich aktiv an den Ausschreibungen außerhalb der eigenen Landes­grenzen zu beteiligen.

Für deutsche Unternehmen, die bereits gut in China vernetzt sind, gilt es, sich entsprechend zu positionieren und den unternehmerischen Mut nicht zu verlieren. Die Chancen, an dem Megaprojekt zu partizipieren, sind so vielfältig wie die Länder, die von den Infrastrukturprojekten berührt werden.


Wie wird sich aus Ihrer Sicht China weiterentwickeln?

Auch wenn Chinas Premierminister Li Keqiang das zu erwartende Wirtschaftswachstum 2019 mit nur noch 6 bis 6,5 Prozent angeben hat, ist es immer noch sehr hoch. Um das Ziel jedoch zu erreichen, ist eine Einigung im Handelskonflikt fast unumgänglich, zeigen sich doch bereits die ersten Dellen in der ökono­mischen Wachs­tums­kurve, die auf den Konflikt zurückgeführt werden können. Um die Wirtschaft weiter anzukurbeln, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Maßnahmen ergriffen. Bspw. gibt es erste Anzeichen für die Liberalisierung des Finanzmarktes sowie weitere Anpassungen der bereits erwähnten Negativliste.

Weiter bleibt abzuwarten, wie der Abbau der hohen Verschuldung – sowohl auf staatlicher als auch unter­nehmerischer Seite – in Angriff genommen werden kann, ohne das Wachstum weiter zu schwächen. Ein Dilemma, denn zügelt der Finanzsektor die Kreditvergabe, wird der Rückgang des Wachstums nur eine Folge sein. Wird die Vergabe jedoch gelockert, hat das ein weiteres Aufblähen des Verschuldungsgrades zur Folge. Innerasiatisch wird es ebenfalls spannend bleiben, wie China seine Position als starker Handelspartner weiter ausbaut. Neben der Umsetzung einer Vielzahl von Projekten im Rahmen der Belt & Road Initiative (BRI) in der ASEAN-Region ist die Erschließung des afrikanischen Kontinents eine weitere Säule, um neue (Rohstoff-)Märkte zu erschließen.


Unbestritten bleibt, dass Chinas derzeitige und künftige Entwicklung das Weltgeschehen in den kommen­den Jahren prägen und beeinflussen wird. Anderseits wird sich der Druck auf die chinesische Wirtschaft und auf den Staatskapitalismus erhöhen und der chinesischen Regierung – vielleicht – Zugeständnisse abringen. Ein erster Schritt könnte die Reformierung des Foreign Direct Investment Law sein, das zu einer Erleichterung ausländischer Investitionen führen könnte.

Es bleibt spannend in den kommenden Monaten, wie und in welche Richtung sich sowohl China, Europa als auch die USA bewegen werden.


      

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