Erfolgreich investieren in China

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zuletzt aktualisiert am 27. Mai 2020 | Lesedauer ca. 7 Minuten

 

 

 

Wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in China ein?

Das derzeitige Motto lautet: „Back to normal”. Die chinesische Wirt­schaft befindet sich immer noch in der Rehabilitations- und Genesungsphase – doch damit ist sie nicht allein.

Die nationalen Lieferketten funktionieren zumindest teilweise wieder und verbessern sich täglich, Reisebeschränkungen innerhalb Chinas wurden weitgehend aufgehoben, der Binnenkonsum zieht langsam wieder an. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass sich die Wirtschaft noch nicht im „Normal”-Modus befindet. Zwar konnten die meisten Unternehmen in China die Produktion wieder anfahren oder entsprechende Dienstleistungen anbieten, doch das Vorkrisenniveau ist noch in weiter Ferne. Sowohl in der Volksrepublik China als auch anderswo auf der Welt, der Ausbruch des Coronavirus hat dazu geführt, dass nicht nur das Chinageschäft als direkte Folge des globalen Lockdowns massiv eingebrochen ist. Durch die schnelle und starke Ausbreitung des Virus auf internationaler Ebene entwickelte sich eine Pandemie, die zu einem starken Rückgang der Nachfrage durch die Weltgemeinschaft und damit nicht zuletzt zu starken Umsatzrückgängen in China führte. Auch der Binnenmarkt ist unmittelbar durch die Auswirkungen der Pandemie betroffen; der private Konsum eher verhalten – wenngleich gerade im Automobilsektor der Privatkonsum im April wieder stark angezogen ist und teilweise die Zahlen im Vergleichsmonat 2019 übertrifft.

Mit Blick auf die kommenden Monate ist davon auszugehen, dass die internationalen Marktteilnehmer sich langsam auf das globale Wirtschaftsparkett zurückkämpfen und die Weltwirtschaft wieder in Gang kommt – jedoch mit angezogener Handbremse. Entspannt sich die internationale Wirtschaftslage, wird auch die Nachfrage in der Volksrepublik wieder anziehen, was für die Erholung der chinesischen Wirtschaft zuträglich sein wird.

Ein erstes Konjunkturpaket, das etwa 130 Mrd. Euro umfasst, hat die chinesische Regierung bereits auf den Weg gebracht. Steuererleichterungen, Maßnahmen zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen sowie die Erleichterung bei der Kreditvergabe sind die wichtigsten Säulen des Pakets, die für alle von der Pandemie betroffenen Unternehmen in Anspruch genommen werden können. Neben den nationalen Hilfspaketen stellen einzelne Provinz- und Bezirksregierungen weitere Maßnahmen zur Verfügung. Es wird damit gerechnet, das im Zusammenhang mit dem nationalen Volkskongress, der auf Grund der Pandemie auf Ende Mai verschoben wurde, neue Anreize für die Wirtschaft beschlossen werden.

Wenngleich das Wirtschaftswachstum für die VR China im letzten Jahr noch bei 6,1 Prozent betrug: 2020 wird (wie auch in anderen Ländern) ganz im Zeichen des Wiederaufbaus und der Reaktivierung der eigenen Wirtschaft stehen. Das von der Kommunistischen Partei festgelegte Wachstumsziel von 5,6 Prozent für 2020 ist obsolet. Aktuelle Voraussagen des International Monetary Funds (IMF) prognostizieren für 2020 einen Einbruch der Weltwirtschafts­leistung von 3 Prozent [1]. Für die chinesische Volkswirtschaft rechnet der IMF hingegen mit einem kleinen Plus von etwa 1,2 Prozent. Andere Prognosen, wie der „The Economist Intelligence Unit”, sagen ein Wachstum von nur einem Prozent für die VR China voraus – es wäre ein historisch schwaches Wachstum. Die Werte sind jedoch sehr fragil und hängen stark von der weiteren Entwicklung der Pandemie und deren Eindämmung ab. Voraussetzung für die oben genannten Schätzungen sind jedoch, dass die Pandemie in der 2. Jahreshälfte unter Kontrolle gebracht werden kann.

Es zeichnet sich jedoch auch ab, dass im Laufe des Jahres 2020 die teils noch massiv gestörten Lieferketten sich langsam rehabilitieren und sich der Waren- und Produktverkehr stabilisiert.

 

Neben der weltweiten Corona-Krise wirkt sich auch das angespannte Verhältnis zwischen China und den US im Handelskonflikt auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. Zwar wurde Anfang des Jahres die erste Stufe zur Deeskalation mit dem „Phase 1-Abkommen“ erklommen, jedoch kühlt sich das Verhältnis durch gegenseitige Anschuldigungen mit Blick auf den Ursprung des Virus wieder merklich ab.

 

Es bleibt abzuwarten, wie sich die angespannte globale Lage weiterentwickelt und ob es China gelingt die Wirtschaft zurück auf Vorkrisenniveau zu bugsieren.


Wie würden Sie das Investitionsklima in China beschreiben? Welche Branchen bergen großes Potenzial?

Die chinesische Regierung ist bemüht, das Investitionsklima weiter zu optimieren und ausländische Investoren – gleich ob mit direkten oder indirekten Investitionen – ins Land zu holen. Bereits im März 2019 wurde das China Foreign Investment Law (FIL) verabschiedet. Es ist nun, inklusive ergänzender Durchführungsbestimmungen, seit dem 1. Januar 2020 in Kraft. Ziel ist es, das Investitionsklima und die Investitionsbedingungen für ausländische Investoren und Unternehmen weiter zu verbessern und die immer wieder geforderte Gleichbehandlung in- und ausländischer Unternehmen auf dem chinesischen Markt durchzusetzen. Im FIL sind dazu einzelnen Punkte festgehalten, die die Gleichbehandlung u.a. durch die Sicherstellung gleicher Marktzugangsbedingungen gewährleisten sollen. Zudem sieht die neue Gesetzgebung insbesondere Erleichterungen für die Gründung ausländisch investierter Unternehmen vor, bezieht sich darüber hinaus aber auch auf M&A-Transaktionen sowie Projektengagements in der VR China. Leider deutet sich an (auch mit Blick auf den derzeit in den Hintergrund getretenen Handelskonflikt zwischen den USA und der Volksrepublik), dass China sich das Recht vorbehält, mit restriktiven Maßnahmen gegen Länder vorzugehen, die chinesische Investitionen be¬schränken oder „diskriminieren”.

Neben der Angleichung der Marktzugangsbedingungen für ausländische Unternehmen wurden weitere Kritikpunkte, die u.a. die deutsche und amerikanische Politik immer wieder vorbrachten, in die Gesetzgebung eingewoben. Es wird sich zeigen, inwieweit die Bemühungen, insbesondere beim Schutz geistigen Eigentums ausländischer Unternehmen, nur ein Lippenbekenntnis sind oder tatsächlich den erhofften und oft als mangelhaft bezeichneten Schutz darstellen. Ein weiterer wichtiger Punkt, der jedoch nicht in Gänze den Erwartungen ausländischer Unternehmen entspricht, sind die neuen Bestimmungen zum Kapitaltransfer vom chinesischen Festland in das Ausland. Zwar wurden Eckpunkte festgelegt, die einen freien Transfer von Kapitalgewinnen u.ä. betreffen, jedoch unterliegen die Transfers weiterhin restriktiven Devisen- und Kapitalverkehrskontrollen seitens der chinesischen Zentralbank.

 

Auf europäischer Ebene bleibt zu erwähnen, dass mit den Verhandlungen zum Investitionsabkommen die wirtschaftlichen Beziehungen weiter gestärkt werden sollen. Bereits im September 2020 sollen dazu weitere Ergebnisse präsentiert bzw. der Abschluss des Ab-kommens erzielt werden. Die EU wird darauf drängen, eine weitere Marktöffnung zu erzielen und den fairen Wettbewerb oder freien Datentransfer vertraglich festzuhalten.


Wir bleiben optimistisch gestimmt, dass das Virus die bis dato guten Geschäftsbeziehungen zwischen China, Deutschland und Europa nicht negativ beeinflussen werden. Wir gehen derzeit davon aus, dass folgende Branchen in den kommenden Monaten von der globalen Krise profitieren können:

  • Medizintechnologie, Hersteller von medizinischem Schutzmaterial;
  • Medizinische Geräte und Diagnostik;
  • Pharmaindustrie;
  • Arzneimittel und Medizinprodukte;
  • E-Commerce;
  • Bio- und Chemiebranche;
  • Robotik;
  • Logistikbranche;
  • Umwelttechnik;
  • Elektromobilität und Energiespeichertechnik.


China ist der größte Produzent von medizinischem Schutzmaterial. Die Kapazitäten werden in den kommenden Monaten weiter ausgebaut und die Produktion weiter hoch gefahren, um die weltweite Nachfrage decken zu können. Darüber hinaus bleibt der E-Commerce trotz Krise auf der Überholspur und gilt global als einer der größten Profiteure der Corona-Krise.


Welchen Herausforderungen steht ein deutscher Unternehmer beim Engagement in China gegenüber?

Die zweitgrößte Volkswirtschaft bleibt im Wandel. Durch die Krise wurden allein im Januar und Februar 2020 über fünf Millionen Arbeiter und Fachkräfte auf den Arbeitsmarkt freigesetzt [2]. Das könnte für einige Unternehmen bedeuten, dass der Druck durch den Fachkräftemangel etwas nachlässt. Dennoch bleiben der Mangel und hohe Fluktuationsraten entscheidende Herausforderungen für deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in der Volksrepublik. Steigende Löhne und Gehälter sowie der Anstieg der Lebenskosten in den Ballungsräumen tragen zum starken Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt bei. Das Dilemma der letzten Jahre bleibt daher, trotz zusätzlich verfügbarem Humankapital, unverändert: Für qualifiziertes Personal müssen deutsche Unternehmen tiefer in die Tasche greifen; ein Binden des Personals an das Unternehmen wird zur Mammutaufgabe. Neben den Personal­kosten steigen auch weiterhin die Materialkosten, sodass das Ressourcenmanagement noch stärker an Gewicht gewinnt.

 

Hinzukommen krisenbedingte Reise- und Quarantäneregelungen, die die Einreise nach China erschweren oder direkt unterbinden. Das betrifft bspw. auch die Einreise nach und aus Hongkong (SAR), so dass viele Projekte on hold gestellt oder digitale Lösungen genutzt werden.

  
Weitere Punkte, die ein Engagement in der Volksrepublik erschweren, sind die nicht immer westlichen Standards entsprechenden Auslegungen der Gesetze, die gerne durch offene Formulierungen gekennzeichnet sind. Es herrschen nach wie vor große Unsicherheiten, wie Gesetze auf nationaler, lokaler oder regionaler Ebene interpretiert und angewendet werden. Das gilt insbesondere für das Social Credit System, das Cyber-Security-Gesetz oder auch das Datenschutzgesetz. Die vieldiskutierte Intransparenz wirkt häufig abschreckend auf ausländische Investoren.

Neben den Investitionsbedingungen dürfen die sozialen Faktoren bei einem Engagement in China nicht außer Acht gelassen werden. Immer noch werden Sprache und Kultur als Hindernis betrachtet. Von Führungskräften wird nicht zuletzt interkulturelle Kompetenz gefordert, um die Herausforderung zu meistern. Oft ist Finger­spitzen­gefühl gefragt, um nicht in kulturelle Fettnäpfchen zu treten. Vor dem Hintergrund verschärfter Aktivitäten bei der Korruptionsbekämpfung darf nicht vergessen werden, Geschäftsbeziehungen und „Guanxi” zu pflegen – aber mit Bedacht.

Nichtsdestotrotz besticht China mit seinem riesigen Konsum- und Absatzmarkt und wiegt die geringeren Kostenvorteile wieder auf.


Welche Chancen bietet die „Belt and Road Initiative” für die deutsche Wirtschaft?

Wenngleich das chinesische Großprojekt aufgrund der aktuellen Lage in den Hintergrund gerückt ist, bleiben die Aussichten für deutsche Unternehmen bei der „Belt and Road Initiative” fast unverändert. Neben deutschen Großkonzernen, die aufgrund der Manpower für bestimmte Projekte als Generalunternehmer fungieren können, ist das Know-how der Hidden Champions und Familienunternehmen v.a. bei Spezialaufträgen und -gewerken gefragt. Bedeutende Potenziale zur Beteiligung am Infrastrukturprojekt „Belt and Road Initiative” sehen wir in folgenden Branchen:

  1. Bau- und Ingenieurwesen,
  2. Transport- und Logistikbranche sowie angeschlossene Dienstleistungen,
  3. Maschinen- und Anlagenbau,
  4. Energiesektor oder 
  5. Umwelttechnik.


Darüber hinaus bieten sich vielversprechende Chancen für die Consulting-Branche mit all ihren Facetten. Für die Transport- und Logistikbranche eröffnen sich durch die bereits existierende Zugstrecke zwischen Duisburg und Chongqing attraktive Perspektiven. Der chinesische Markt kann darüber um ein vielfaches schneller beliefert werden, als es durch die Transsibirische Eisenbahn oder Containerschiffe, die vom Hamburger Hafen in Richtung China starten, möglich ist.


Der Ausbau der Infrastruktur in Ländern wie Turkmenistan oder Usbekistan eröffnet nicht nur China Möglichkeiten der Markterschließung. Auch deutschen und europäischen Unternehmen bieten sich Chancen zum Markteintritt, z.B. durch die aktive Beteiligung am Ausbau der Infrastruktur.

Derzeit sind jedoch chinesische Staatsunternehmen die großen Profiteure des Projektes. Das liegt v.a. an den aktuellen Ausschreibeverfahren und den Fördertöpfen, die seitens der chinesischen Regierung bereitgestellt werden. Zudem spielt die strategische Leitlinie der Regierung eine entscheidende Rolle. Mit dem Stichwort „Go-West” werden die Unternehmen angehalten, sich aktiv an den Ausschreibungen außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu beteiligen.

Für deutsche Unternehmen, die bereits gut in China vernetzt sind, gilt es, sich entsprechend zu positionieren und den unternehmerischen Mut nicht zu verlieren. Die Chancen, an dem Megaprojekt zu partizipieren, sind so vielfältig wie die Länder, die von den Infrastrukturprojekten berührt werden.


Wie wird sich aus Ihrer Sicht China weiterentwickeln?

Der Bankrott zahlreicher Unternehmen, Firmen und Start-ups durch die Krise könnte – neben vielen anderen negativen Effekten – zu einem starken Rückgang im Innovationsbereich führen, was wiederum Einfluss auf die wirtschaftspolitischen Strategien wie „Made in China 2025” oder das Mammutprojekt „Belt and Road Initiative” haben wird. Mit geld- aber auch fiskalpolitischen Maßnahmen soll die Wirtschaftslandschaft reanimiert und gefördert werden: Vom kleinen Start-up über KMU bis hin zu Staats- und Großkonzernen. Für die chinesische Führungsriege gilt es in den kommenden Monaten die richtige Balance bei den Entwicklungsmaßnahmen zu finden und den Markt weiter zu stimulieren.

Das gilt auch für das Anwerben ausländischen Kapitals und Investoren. Zwar betraf der Kapitalabfluss im März 2020 v.a. die Emerging Markets außerhalb Chinas, dennoch zieht das einen Dominoeffekt nach sich. Für exportgetriebene Länder sind strauchelnde Märkte Gift, ganz gleich ob wirtschaftliches Schwer- oder Leichtgewicht. Aktuell wird auch ausländischen Unternehmen (insbesondere KMUs) Zugang zu einem Großteil der Maßnahmen zur Entlastung der Wirtschaft gewährt. Das gilt u.a. für Steuererleichterungen, Subventionen oder den Zugriff auf zweckgebundene Mittel, die in Fonds verwaltet werden.

Um dennoch das Investitionsklima weiter zu verbessern, darf das vglw. neue Forgein Investment Law nicht das letzte Entgegenkommen seitens der politischen Führung in China sein. Die weitere Öffnung und Verbesserung der Marktzugangsbedingungen für ausländische Investoren wird mittelfristig, neben der Beseitigung der negativen Auswirkungen und der wirtschaftlichen Erholung in Folge der Corona-Pandemie, ein entscheidender Agendapunkt sein.

Derzeit ist nicht absehbar, wie das geopolitische Machtgefüge nach der Krise aussieht. Die Kritik an Chinas Krisen- und Kommunikationsmanagement wird teils kontrovers diskutiert und andere Länder rücken bei der Bekämpfung der Pandemie als Paradebeispiele in den Fokus. Es bleibt zudem abzuwarten, wie sich die Pandemie im 2. Halbjahr entwickelt und die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Impfstoffherstellung und -forschung voranschreitet.  Unklar ist auch, wie sich die handelspolitischen Beziehungen zwischen den USA und der Volksrepublik angesichts der aktuellen Situation entwickeln werden.

Die größte Unbekannte: Wie wird das Virus die Welt verändern? Sowohl politisch als auch gesellschaftlich und welche Lehren konnte die Weltgemeinschaft aus der Coronakrise ziehen?




[1] Prognosewerte von April 2020

  

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