Stärken von KMU in Deutschland: Konsequenzen für das Financial Management

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zuletzt aktualisiert am 2. Februar 2022 | Lesedauer ca. 3 Minuten


Mittelständische Unternehmen sind das „Rückgrat” der deutschen Wirtschaft. Bislang verschließen sich viele KMU einer Finanzierung am Kapitalmarkt oder durch Inves­toren. Im Zusammenhang mit internationalen Investitionen ändert sich das Finan­zierungsverhalten grundlegend.



Hohe volkswirtschaftliche Bedeutung der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU)

Deutschland ist hinsichtlich des Bruttoinlandsprodukts die größte europäische Volks­wirtschaft. Der etablierte Erfolg weckt die Neugierde renommierter ausländischer Investoren, die Interesse an einer Kapitalanlage oder dem Erwerb von deutschen Unternehmen haben. Interessant ist dabei, dass laut Institut für Mittelstands­forschung 99,5 Prozent aller deutschen Unternehmen mit Umsatz aus Lieferungen und Leistungen und/oder sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) bestehen[1]. Diese für die deutsche Wirtschaft charakteristische Zusammensetzung ist ein besonders relevanter Aspekt für die genannte Überlegenheit im Vergleich zu den restlichen europäischen Volkswirtschaften.


Leistungsfähigkeiten von deutschen KMU

Deutsche KMU zeichnet eine beachtliche Krisenresistenz aus – trotz schlechterer Rahmenbedingungen im Vergleich zu Großkonzernen. Die Mitarbeiterzahlen sind bei den deutschen KMU in der vergangenen Dekade im Durchschnitt gestiegen. Außerdem waren sie vom Konjunktureinbrüchen, bspw. zu Zeiten der Finanzkrise 2008 und 2009, deutlich weniger betroffen. Im Gegensatz dazu haben Großkonzerne laut einer Untersuchung des IfM in dem Zeitraum ihre durchschnittliche Beschäftigungsquote reduziert. Trotz seiner Krisenresistenz hat auch die Corona-Pandemie den Mittelstand in Deutschland mit Wucht getroffen. Dennoch sind die Unternehmen insgesamt glimpflich durch das Krisenjahr 2020 gekommen. Wie das KfW-Mittelstandspanel 2021 zeigt, mussten die kleinen und mittleren Unternehmen im vergangenen Jahr Umsatzverluste in Höhe von 277 Mrd. Euro hinnehmen. Die enorme Anpassungsfähigkeit des Mittelstands hat dabei Schlimmeres verhindert und trotz harter Einschnitte beim Umsatz blieben die KMU profitabel. Die durchschnittliche Umsatzrendite ist nur leicht gesunken, nämlich von 7,5 auf 7,3 Prozent [2]. Damit hat sich der deutsche Mittelstand erneut als krisenfest erwiesen.
 
Eine weitere Stärke, durch die sich deutsche KMU gegenüber Großkonzernen abhebend kennzeichnen, ist die hohe Flexibilität, die sich auf Kunden und den Markt bezieht. KMU können die Produktion schneller umstellen, da sie u.a. kleinere Losgrößen haben. Sie sind somit eher fähig, spezielle Kundenwünsche zu erfüllen. Die kennzeichnende Stärke wird in Zukunft bei KMU und damit auch bei der deutschen Volkswirtschaft bestehen bleiben.
 
Nebenbei sei erwähnt, dass für deutsche KMU auch der ansprechende Umgang mit ihrem Personal und die damit verbundene höhere Produktivität der Mitarbeiter kennzeichnend ist. Das Tätigkeitsfeld der Mitarbeiter ist dabei geprägt von Job Enrichment, Job Enlargement und Partizipation, wodurch monotone Arbeit weitest­gehend vermieden wird. Während Großkonzerne von der bürokratischen Standardisierung und Regulierung aufgrund der größenbedingten Organisationskomplexität geprägt sind, scheinen KMU wegen des geringeren Ausdifferenzierungsgrads bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes vorteilhafter zu sein. Die Vermeidung von monotoner Arbeit führt zu mehr Motivation und damit zur höheren Produktivität der personellen Ressourcen.


Finanzierungsverhalten von deutschen KMU

Das aktuelle Finanzierungsverhalten von deutschen KMU wird von klassischen Finanzierungsinstrumenten wie Innenfinanzierung, Bankkrediten und Gesellschaftereinlagen bzw. -krediten dominiert. Die Finanzierungs­instrumente Börsengang und kapitalmarktorientierte Fremdfinanzierung haben die niedrigste Bedeutung für deutsche KMU. Einer der Hauptgründe dafür ist die Fehlannahme der meisten betroffenen Unternehmen, größenbedingt nicht kapitalmarktreif zu sein. Aus positiven Erfahrungswerten lässt sich allerdings schluss­folgern, dass die Finanzierung über den Kapitalmarkt auch kleinen und mittleren Unternehmen offensteht und sinnvoll ist. Insofern ist es tatsächlich möglich, durch Nutzung der bisher noch eher unentdeckten Finanzierungsalternativen die Leistungsfähigkeiten von deutschen KMU noch weiter zu verbessern.


Konsequenzen für das Financial Management bei deutschen KMU

Aufgrund der erwähnten spezifischen Rahmen­bedingungen, innerhalb derer sich die deutschen KMU bewegen, ist eine adäquate Ausrichtung des Financial Managements auf diese Begebenheiten essenziell. Eine große Relevanz trägt dabei die passende Unternehmensplanung: Um die erwähnte Flexibilität hinsichtlich Kunde und Markt sowie die erwähnte Krisenresistenz zu bewahren und zu verbessern, gewinnen die quantitativen Bereiche Kosten-, Investitions- und Liquiditätsplanung eine ganz besondere Bedeutung.
 
Das Kostenmanagement von KMU muss zunächst dafür sorgen, dass auf Basis einer möglichst transparent gemachten Kostenstruktur Fixkosten erkannt und weitestgehend gesenkt werden können. Durch die Flexibilisierung der Gesamtkosten kann einem etwaigen Umsatzrückgang durch eine sofortige Kostensenkung entgegengesteuert werden, wodurch die erwähnte Krisenresistenz gefördert wird.
 
Die kontinuierliche Investitionsplanung ist für die Bewahrung der erläuterten Flexibilität, durch die sich deutsche KMU auszeichnen, essenziell. Um auf ernstzunehmende Nachfrageänderungen schnell reagieren zu können, muss das Unternehmen stets fähig sein, Neuanschaffungen zu finanzieren. Wenn das Unternehmen die Flexibilität, die das ausschlaggebende strategische Erfolgspotenzial darstellt, nicht in die Unternehmensplanung einbezieht, dann wird es auf lange Sicht seine größte Stärke verlieren und untergehen.
 
Die Liquiditätsplanung muss für ein adäquates Working Capital Management sorgen und somit die fort­dauernde Zahlungsfähigkeit des Unternehmens gewährleisten. Außerdem ist eine vollständige Aufgeklärtheit über sämtliche Finanzierungsalternativen – samt Chancen und Risiken – nötig, um möglichst geringe Finanzierungszinsen zu ermöglichen.


Fazit

Die deutsche Volkswirtschaft, die sich auf Europas Spitzenposition befindet, ist geprägt von kleinen und mittleren Unternehmen. Deutsche KMU zeichnen sich v.a. durch eine besondere Krisenresistenz und eine ausgeprägte Flexibilität bezüglich Nachfrageänderungen aus. Um solche strategischen Erfolgspotenziale zu bewahren, ist es unerlässlich, das Financial Management hinreichend auf die genannten Stärken auszurichten.
 
Die Finanzierungsinstrumente Börsengang und kapitalmarktorientierte Fremdfinanzierung haben aufgrund von Fehlschlüssen eine auffallend niedrige Bedeutung für deutsche KMU. Das Financial Management muss dabei die fachliche Kompetenz und auch den Mut besitzen, die kapitalmarktorientierten Finanzierungsquellen zu nutzen, um eine möglichst günstige Kapitalbeschaffung zu ermöglichen

  


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