Digitalisierung in China

veröffentlicht am 11. Mai 2018

 

Interview mit Dr. Thilo Ketterer

  

 

Wird das Thema Digitalisierung in Deutschland auf die Agenda geschrieben, darf damit gerechnet werden, dass Sie nicht nur eine Definition für den Begriff erhalten. Die immer wieder genannten Schlagwörter sind „disruptive Technologien”, „innovative Geschäftsmodelle” oder auch „Auto­nomisierung”, was wiederum gerne unter dem Begriff „Industrie 4.0” zusammengefasst wird. Wir möchten heute aber über China sprechen. Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick, was unter dem Begriff Digitalisierung in China verstanden wird. 

Während in Deutschland seit Jahren über Pannenflughäfen und -bahnhöfe philosophiert und diskutiert wird, entsteht im Süden Chinas ein Innovationszentrum in Rekordgeschwindigkeit. Es ist nur ein Beispiel, wie Digitalisierung in China vorangetrieben wird. Mit der sog. Greater Bay Area arbeitet die chinesische Regierung daran, im ohnehin fortgeschrittenen Perlflussdelta einen riesigen Innovationshub aufzubauen – ein Zusammenschluss von 11 Städten mit mehr als 60 Millionen Menschen. Wie weit das Projekt bereits entwickelt ist, zeigt die für 2018 geplante Eröffnung der Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke, die beide Inseln mit dem Festland verbindet. Trotz rechtlicher Differenzen, was die unterschiedlichen Fahrlizenzen (Linksverkehr in HK und Rechtsverkehr in China) angeht, zeigt sich, mit welcher Geschwindigkeit Ideen umgesetzt werden können. Der Grundstein für die 55 km lange Brücke wurde vor nicht einmal 10 Jahren, im Jahr 2009, gelegt. Die gesamte Greater Bay Area soll künftig aus verschiedenen Clustern bestehen, wobei jede der angeschlossenen Städte zu einem Kompetenzzentrum mit Fokus auf ein spezielles Thema entwickelt werden soll, bspw. für Künstliche Intelligenz. Im Herzen der Provinz Guangdong liegt außerdem das Silicon Valley Chinas – Shenzhen: eine Vorzeigestadt für SmartCity-Technologien, E-Mobility und geprägt von einem innovationsfreundlichem Klima, das auch auf traditionelle Branchen wie den Textilsektor überschwappt. Im Windschatten der Innovationstreiber Tencent oder Huawei lockt die Region nicht nur eine Vielzahl von Start-Ups an, sondern beheimatet auch viele gestandene Forbes 500 Unternehmen.
 
Aber auch andernorts wird erhebliches Kapital in die Digitalisierung investiert. In Peking, das u.a. als idealer Standort für die Start-Up-Szene gilt, wird z.B. ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Künstliche Intelligenz (KI) geschaffen. Eines der ausgerufenen Ziele Chinas: 2025 Weltmarktführer in KI-Technologie zu sein. Ein weiterer Innovationshub soll in der nördlichen Provinz Hebei entstehen – die Xiongan New Area. Um die strategischen Ziele zu erreichen, werden Universitäten, Schulen, Start-Ups, aber auch etablierte Unternehmen umfassend gefördert.
 
Daneben gilt die Automatisierung von Geschäftsprozessen als weiterer Treiber. Der Wunsch nach Robotern, der entsprechenden Technologie und deren Einsatz wird weiter auf einem hohen Niveau bleiben, bis die Ziele der Regierung „Made in China 2025” – dem Gegenstück zu Industrie 4.0 – erfüllt sind. Die Liste lässt sich fast unendlich weiterschreiben, sei es IoT, E-Mobility, SmartLiving, Smart Cities usw.
 

Digitalisierung ist ein branchen- und gesellschaftsübergreifendes Thema. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in China ein – hat die Gesellschaft das Thema bereits verinnerlicht, verstehen Unternehmen den Wandel oder wird eher versucht, das Thema auszusitzen? Welche Branchen sind bereits auf der Erfolgsspur, welche hinken – eventuell auch aus traditionellen Gründen – hinterher?

Es wird nur wenige Länder geben, in denen die Bevölkerung die Digitalisierung so vorbehaltlos aufnimmt, wie in China. Das kann u.a. dadurch erklärt werden, dass China aufgrund der jahrelangen Isolation einen Nachholbedarf hat. Es zeigt sich bspw. daran, dass das Smartphone längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Zwar ist noch eine Kluft zwischen der Bevölkerung in den infrastrukturell gut ausgebauten Städten und dem ländlichen Raum erkennbar, doch nutzen bereits über 700 Mio. Menschen in China das Internet via Smartphone. Der Einsatz zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und ein smartphoneloses Leben scheint undenkbar. Vorreiter sind hier v.a. die Techgiganten Tencent und Alibaba, die das bargeldlose Bezahlen – zumindest in China – grundlegend revolutioniert haben. Mit den App-Anwendungen Alipay und WeChatPay ist der kleine Straßenhändler an der Ecke ebenso ausgestattet wie große Konzerne. Einen Apfel per App bezahlen? In China kein Problem. Was heute keinen QR-Code hat und per App bezahlt werden kann wird von den Konsumenten nicht gekauft.
 
Doch nicht nur im B2C oder C2C werden die Apps gerne genutzt. Wer im B2B-Bereich bspw. keinen eigenen Webauftritt oder Online-Shop in WeChat betreibt, könnte die Chancen des chinesischen Marktes verpassen. Das gilt nicht zuletzt für deutsche Unternehmen mit Präsenzen in China. Durch die verschärfte Internetzensur, das Cybersecurity-Law und das Ausbremsen ausländischer Webseiten mit Servern außerhalb Chinas, könnten Unternehmen schnell den Anschluss verlieren. Doch mit einem Partner vor Ort kann auch diese Hürde genommen werden.
 

Wo sehen Sie die besten Chancen für deutsche und europäische Unternehmen, sich mit disruptiven Geschäftsmodellen auf dem chinesischen Markt zu positionieren?

Qualität, Qualität, Qualität – davon profitiert die deutsche Wirtschaft immer noch und „Made in Germany” genießt einen exzellenten Ruf im Reich der Mitte. Ganz klar sehen wir, dass deutsche und europäische Unternehmen sich flexibel aufstellen und die Unternehmensstrukturen und -prozesse an die Marktsituation anpassen müssen. Wir registrieren darüber hinaus einen ständigen Wandel bei Gesetzen – sowohl im steuerlichen als auch im rechtlichen Bereich. Hier gilt es ebenfalls, genügend Flexibilität zu zeigen.
 
In der Volksrepublik wird zudem viel häufiger nach dem Prinzip Trial and Error verfahren. Produkte, Applikationen oder Services werden eingeführt und getestet – was nicht funktioniert wird weiterentwickelt und wieder getestet. In Deutschland ist das Verhalten in der Hinsicht viel zurückhaltender. Doch nur mit der bereits angesprochenen Flexibilität ist das Agieren in disruptiven Geschäftsmodellen möglich. Perfektionismus könnte in dem Fall kontraproduktiv sein. Natürlich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass disruptive Modelle, die in China funktionieren, nicht zwangsläufig auch in Deutschland erfolgreich sind und umgekehrt.
 

Welche Herausforderungen aber auch Chancen sehen Sie für bereits vor Ort tätige Unternehmen, die nicht einfache Mammutaufgabe zu meistern?

Durch die aktuellen Gesetzgebungen wird es für deutsche Unternehmen vor Ort nicht unbedingt einfacher. Wer jetzt noch nicht selber forscht, sollte sich darum bemühen, in den Genuss der Fördermaßnahmen zu kommen, die die chinesische Regierung für F&E bereitstellt. Alternativ können Unternehmen von Steuervergünstigungen profitieren, sollten sie im High-Tech-Bereich tätig sein. Wir sehen hier noch viel Potenzial bei der Strukturierung von Unternehmen, um die geforderten Kriterien zu erfüllen. Dementsprechend sollten die Voraussetzungen immer wieder überprüft und die Prozesse ggf. justiert werden, um Fördermittel oder Vergünstigungen zu erhalten.
 
Weiterhin sehen wir noch Optimierungspotenzial beim Schutz geistigen Eigentums. Nicht nur das Cyber­security-Gesetz ließ ausländische Unternehmen zuletzt aufhorchen. Das Gesetz hat zu viel Unsicherheit geführt, wie der Umgang mit sensiblen Daten und Geschäftsgeheimnissen geregelt wird. Wir empfehlen eine genaue Prüfung und Beratung durch Experten vor Ort, wie mit der momentanen Gesetzeslage umgegangen werden soll.
 
Trotz der angesprochenen rechtlichen Unsicherheiten existieren vielseitige Chancen, an dem komplexen Konstrukt Digitalisierung zu partizipieren. Gerade in den Bereichen rund um Smart City-Technologien, E-Mobility, smarte Umwelttechnologie oder in Nischenmärkten sehen wir große Chancen, v.a. im Third Tier Bereich. Wichtig ist, den richtigen Einstieg in den Markt zu eruieren und die Standortfaktoren nicht außer Acht zu lassen. Neben den 3 großen Zentren rund um Beijing, Shanghai und dem Perlflussdelta, fließen seitens der Regierung reichlich Fördermittel in den westlichen Teil der Volksrepublik, bspw. nach Sichuan mit den Metropolen Chengdu und Chongqing.
 

Welche Punkte müssen bei der Transformation in China besonders beachtet werden? Sehen Sie vor Ort kulturelle, gesellschaftliche oder ökonomische Vorteile, die für eine einfachere Transformation sprechen?

Kulturell und gesellschaftlich sehen wir in der Volksrepublik v.a., dass die Bevölkerung sehr offen für neue Anwendungen ist. Wie bereits vorher angesprochen, ist die Hemmschwelle zur Nutzung digitaler Services um einiges niedriger als es bspw. in Deutschland der Fall ist.
 
Was die gesetzlichen Rahmenbedingungen anbelangt, wurden in den vergangenen Jahren viele Anpassungen vorgenommen. Sei es das Cybersecurity-Gesetz, das Datenschutzgesetz oder die Regelungen rund um den Bereich des E-Commerce. China ist hier der größte Markt überhaupt und setzt regelmäßig rekordverdächtige Umsätze mit dem Online-Handel um. Und auch hier ist – durch das Zurückdrängen von Desktop-PCs und der ständigen mobilen Nutzung des Smartphones – die orts- und zeitunabhängige Bestellung von Waren oder Produkten schnell und unkompliziert möglich. Konsumfreude und Qualitätsanspruch bieten deutschen Unternehmen hier ebenfalls Chancen, im Idealfall in Verbindung mit den boomenden (chinesischen) Online-Marktplätzen.
 
China ist mittendrin in der Wandlung hin zu einer digitalisierten Gesellschaft – Mobile Payment, Steuer­erklärung via Applikation, schnell noch die Lieblingstasche in der U-Bahn shoppen, den (Lebensmittel-)Einkauf morgens in der U-Bahn ordern und abends vor die Tür geliefert bekommen. Schnell das Fahrrad an der Ecke buchen, zahlen und 5 Straßen weiter wieder abstellen. In China alles kein Problem. Der QR-Code hat sich in Deutschland nicht durchgesetzt – in China ist er nicht mehr wegzudenken. Fast könnte behauptet werden, dass der QR-Code der Schlüssel zum Konsumenten ist.
 
Differenzierter sehen wir die derzeitigen Entwicklungen bei der Blockchain-Technologie. Zwar gehört die Volksrepublik mit zu den Treibern dieser Technologie; die Regierung arbeitet derzeit aber noch an der für sie richtigen Strategie im Umgang mit BitCoins und Co. Hier bleibt abzuwarten, wie 2018 die Entwicklungen in dem Bereich vorangehen.
   

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Dr. Thilo Ketterer

Diplom-Kaufmann, Wirtschaftsprüfer

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