Digitalisierung in Indien

​veröffentlicht am 11. Mai 2018

 

Interview mit Martin Wörlein

  

 

Wird das Thema Digitalisierung in Deutschland auf die Agenda geschrieben, darf damit gerechnet werden, dass Sie nicht nur eine Definition für den Begriff erhalten. Die immer wieder genannten Schlagwörter sind „disruptive Technologien”, „innovative Geschäftsmodelle” oder auch „Autonomisierung”, was wiederum gerne unter dem Begriff „Industrie 4.0” zusammengefasst wird. Wir möchten heute aber über Indien sprechen. Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick, was unter dem Begriff Digitalisierung in Indien verstanden wird.

Obwohl Indien eine der wirtschaftlich und technologisch fortschrittlichsten Nationen ist, gibt es einige Probleme und Herausforderungen bei der Aufgabe, den einzelnen Bürger mit administrativen Serviceleistungen zu erreichen. 

 
Die zahlreichen Initiativen der Regierung in den letzten Jahren haben in Indien jedoch den Weg zur Digitalisierung und damit zum Bewältigen vieler der Herausforderungen geebnet. Das Biometrische Identifikationsprogramm „Aadhaar“ hat die digitale Revolution in Indien eingeläutet. Weitere Projekte wie Jan-Dhan Yojana (ein Bankkonto für jeden indischen Haushalt), PAHAL (LPG-Subventionen bei Besitz der Aadhaar Card) und DigiLocker (Speicherung von persönlichen Dokumenten auf einem gesicherten Server der indischen Regierung) folgten.

 
Unter der Flaggschiff-Kampagne „Digital India” initiiert die Regierung weitere Projekte, die Bürgern und auch Unternehmen zugutekommen. Die Mission „Smart Cities“ soll sowohl die Städtelandschaft verändern als auch Investitionsmöglichkeiten schaffen und den Arbeitsmarkt fördern. Außerdem treibt die indische Regierung für die Umstellung auf eine bargeldlose Wirtschaft den digitalen Zahlungsverkehr – der bereits nach der Demonetarisierung Ende 2016 an Dynamik gewonnen hat – aggressiv voran.

 

Digitalisierung ist ein branchen- und gesellschaftsübergreifendes Thema. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Indien ein – hat die Gesellschaft das Thema bereits verinnerlicht, verstehen Unternehmen den Wandel oder wird eher versucht, das Thema auszusitzen? Welche Branchen sind bereits auf der Erfolgsspur, welche hinken – eventuell auch aus traditionellen Gründen hinterher?

Die Entwicklung geht langsam aber stetig voran, wobei öffentlich-private Partnerschaften eine wesentliche Rolle spielen. Die Fortschritte in den Bereichen Technologie, Konnektivität und Kollaborationstools sowie Verbesserungen bei den Managementpraktiken bringen Veränderungen im täglichen Leben mit sich, wodurch die Bedeutung der Digitalisierung von allen wahrgenommen wird. Jedoch ist in ländlichen Gebieten der eingeschränkte Zugriff auf Elektrizität – und damit auch auf die Digitaltechnik – ein wesentliches Hindernis.

  
Alle, auch der soziale Sektor, haben von der Digitalisierung profitiert. In Bereichen, die direkt mit den staatlichen Programmen zusammenhängen, haben wir jedoch ein größeres Wachstum verzeichnet. Die Mission „Smart-Cities“ wird bspw. voraussichtlich v. a. den Bausektor, die Immobilienbranche, die Infrastruktur sowie den Stahl- und Zementsektor fördern. „Make in India” und „Digital India” haben bereits Chancen für den Technologiesektor geschaffen – einige Branchenführer haben mit der Herstellung von Elektronikprodukten in Indien begonnen. Die digitale Infrastruktur wird „Skill India” unterstützen, indem sie die Massenskalierung von Kompetenzentwicklung ermöglicht und die Technologie als Mechanismus zur Massenbelieferung nutzt.

 
Wir sehen keine Bereiche, die von der Digitalisierung völlig unberührt sind, doch der Mangel an rechtlicher Klarheit wirkt sich auf einige Sektoren negativ aus. Unternehmen wie Uber und Amazon hatten aufgrund der politischen Rahmenbedingungen häufig Probleme mit kommunalen Behörden, was nicht mit der digitalen Ära vereinbar ist.

 

Können Sie uns ein handfestes Beispiel aus Indien liefern, wie deutsche Unternehmer vor Ort mit der Digitalisierung umgehen? Wie können Unternehmen von externen Beratern und Experten bei der Transformation unterstützt werden und wo sehen Sie vor Ort erweiterten Beratungsbedarf?

Im Juli 2017 hat das Unternehmen Siemens seine erste digitale Fabrik in Mumbai eröffnet - seine dritte digitale Fabrik weltweit. Sie soll jährlich über 5 Mio. Geräte produzieren.

 
Wie bereits erwähnt, gibt es Herausforderungen in allen Bereichen, von der Erstellung von Richtlinien über die Anpassung der Arbeitsprozesse bis hin zur Veränderung der Mentalität in der Bürokratie. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Digitalisierung in Indien eine technologische Revolution in einer Nation mit hoher Diversität darstellt. Daher gibt es reichlichen Bedarf an externen Beratern aus allen Bereichen, insbesondere aber aus der Informationstechnologie und Corporate Compliance.

 

Wo sehen Sie die besten Chancen für deutsche und europäische Unternehmen, sich mit disruptiven Geschäftsmodellen im indischen Markt zu positionieren?

Die Lebensmittel- und Agrarindustrie bieten ein außerordentliches Potenzial für deutsche und europäische Unternehmen. Beide Sektoren sind heutzutage noch wenig organisiert und lokal begrenzt. Die Automatisierung in der Lebensmittelverarbeitungs- und Lebensmittelverpackungsindustrie sowie die Datenlieferung für die Präzisionslandwirtschaft können immense Investitionsmöglichkeiten bieten. Aufgrund der ständig wachsenden Bevölkerung und der Urbanisierung wird der Bedarf an Lebensmitteln in naher Zukunft dramatisch steigen. Mit der wachsenden Kaufkraft erhöht sich auch die Nachfrage nach eiweißreicher Ernährung.

 
Fortschrittliche IT-Produkte und -Dienstleistungen (wie Cloud Computing, Blockchain) bieten zusätzliche Investitions- und Kollaborationsmöglichkeiten, primär aufgrund des schnellen Anstiegs der angebotenen Finanzdienstleistungen.

 

Welche Herausforderungen – aber auch Chancen – sehen Sie für bereits vor Ort tätige Unternehmen, die nicht einfache Mammutaufgabe zu meistern?

Wie bereits erwähnt, zählen der mangelnde Zugriff auf die Digitaltechnik und damit einhergehend ein fehlendes Wissen um deren Nutzung – insbesondere in den ländlichen Gebieten – zu den größten Herausforderungen. Einem erheblichen Teil der indischen Bevölkerung fehlt es noch immer an grundlegender Bildung, was die Möglichkeiten der Digitalisierung einschränkt. Die Verbreitung von Mobiltelefonen und dem Internet ist dort sehr gering und in entlegeneren ländlichen Gebieten gar nicht vorhanden. Daher erfordert die digitale Infrastruktur mehr Aufmerksamkeit und Investitionen. Mangelnde Schulungen für Regierungsbeamte, die für E-Governance verantwortlich sind, sind ebenfalls eine große Hürde. Es kam bereits vor, dass E-Governance-Projekte in manchen Landesteilen Indiens einen großen Erfolg verzeichneten, andernorts jedoch völlig versagten. Öffentlich-private Partnerschaften können dazu beitragen, die Erfolgsquote solcher Projekte zu erhöhen, was auf lange Sicht auch für Unternehmen von Vorteil sein wird.

 

Welche Punkte müssen bei der Transformation in Indien besonders beachtet werden (Bspw.: Cybersecurity, Datenschutz, Change Management, Cloud Computing, ERP Systeme, (Tax-)Compliance-Systeme, digitale Payroll, Wertewandel, Blockchain-Technologien usw…)? Sehen Sie hier vor Ort kulturelle, gesellschaftliche oder ökonomische Vorteile, die für eine einfachere Transformation sprechen?

Besonderes Augenmerk sollte auf Richtlinien, Datenschutz und Datensicherheit gelegt werden, um den Digitalisierungsprozess zum Erfolg zu führen. Unternehmen werden aufgefordert, zu investieren und ihren Beitrag zu leisten, jedoch müssen zuvor starre Richtlinien und Steuerblockaden ernsthafter angegangen werden. Der Streit um die Verlinkung der Aadhaar-Karte mit dem Bankkonto und anderen Zahlungsplattformen ist vor mehreren Gerichten abhängig, insbesondere in Hinblick auf das Persönlichkeitsrecht und den Schutz personenbezogener Daten. Auch wenn wir im Großen und Ganzen den Erfolg der Digitalisierung gesehen haben, reagiert die Bevölkerung immer noch zögerlich auf die damit einhergehenden Veränderungen. Die Menschen sind eine bestimmte Handhabung gewöhnt und es wird einige Zeit und Hilfestellung in Anspruch nehmen, die neuen Systeme in den Alltag zu integrieren. Regierungsinitiativen und Bildungsprogramme sind bereits eingerichtet, um das Problem anzugehen.
Im Allgemeinen sind die Inder aktiv und interaktiv. Der Erfolg der sozialen Medien in kürzester Zeit ist das beste Beispiel dafür. Die Regierungsbeamten und -stellen treten über verschiedene soziale Netzwerkplattformen mit den Menschen in Verbindung und lösen Notsituationen durch #Hashtag-Diplomatie. Daher ist die Digitalisierung unter den Bürgern allgemein akzeptiert und über soziale Netzwerkplattformen können Informationen schnell und einfach an die Bevölkerung weitergegeben werden.

   

Wenn die Führungsriege der Unternehmen den Wandel nicht vorlebt und vorantreibt, ist das Gelingen der Transformation in Gefahr. Existieren von staatlicher Seite Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten, die bei den ersten Schritten hin zur digitalen Transformation bereitgestellt werden? Bestehen Investitionsprogramme, um Digitalisierungspioniere anzulocken? Existieren Inkubatoren, um innovative Geschäftsmodelle und die Ansiedlung von bspw. Start-Ups zu beschleunigen?

Wie bereits erwähnt, hat die Regierung viele Programme eingeführt, die die Digitalisierung fördern sollen. „Digital India” hat es sich zur Aufgabe gemacht, Indien in eine digital befähigte Wirtschaft zu verwandeln. „Startup India” bietet Start-ups Fördermittel und Inzentivs. Unternehmen, die ihre Prozesse digitalisieren, werden zahlreiche finanzielle Anreize geboten. Einige Landesregierungen offerieren auch spezielle Pakete für Unternehmer. Daher bietet „Digital India” Investoren in allen Sektoren attraktive Möglichkeiten, zu investieren und mit der boomenden indischen Wirtschaft zu wachsen. Angesichts der Größe, des Umfangs und der Komplexität der Herausforderungen bewegt sich Indien kontinuierlich und rasch auf sein Ziel zu, aber es ist im wahrsten Sinne noch ein weiter Weg der Digitalisierung in die Realität und deutsche Unternehmen können davon profitieren, indem sie Teil der indischen Erfolgsgeschichte werden.
 

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Martin Wörlein

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