Was ist ein Sanierungsgutachten nach IDW S6?

​​​​von Wolfram Lenzen

​I.d.R. werden Geschäftsführer bzw. Vorstände von Unternehmen in einer Krisensituation von ihren finanzierenden Banken dazu angehalten, ein Sanierungsgutachten nach IDW S6 zu erstellen. Während man sich landläufig etwas unter einem Sanierungs- oder Restrukturierungskonzept vorstellen kann, ist der Standard mit der Nummer 6 des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) i.d.R. nur Sanierungsfachleuten ein Begriff. Spätestens bei der Forderung der finanzierenden Banken, ein solches Konzept bzw. Gutachten von einem externen Fachmann erstellen zu lassen, wird dem Geschäftsführer bzw. Vorstand klar, dass hier besondere Anforderungen gestellt werden. Der Artikel gibt einen kurzen Überblick über Hintergrund und Inhalt von Sanierungskonzepten bzw. Sanierungsgutachten nach IDW S6.

 

Einleitung

In vermutlich jeder Lebensphase eines Unternehmens gibt es Konzepte, die Antworten auf spezifische Fragen liefern sollen. Bei der Unternehmensgründung wird ein Business-Plan geschrieben, der die Erfolgsaussichten und die Sinnhaftigkeit der Unternehmensgründung sowie die der Geschäftsidee zugrunde liegenden Prämissen und Voraussetzungen erarbeitet. Bei Wachstumsbestrebungen in Richtung neuer Produkte und Märkte werden Konzepte verfasst, mit welchen Produkten welche Kunden in welchen Märkten gewonnen werden sollen. Bei der Akquisition von Drittunternehmen wird über Zielsetzung und Synergieeffekte diskutiert etc. Befindet sich ein Unternehmen in einer Krisensituation, treten typischerweise folgende 3 Fragen auf: 

  1. Kann das Unternehmen die Krisensituation überwinden?
  2. Welche Maßnahmen sind zur Bewältigung der Krise umzusetzen?
  3. Wie bildet sich der Sanierungsweg in der finanzwirtschaftlichen Planung des Unternehmens ab?

Diese Fragestellungen lesen sich relativ einfach und unkritisch. Daher stellen sich viele Betroffene die Frage, warum zu ihrer Beantwortung externe Expertise erforderlich ist. Der Teufel steckt wie so oft im Detail. Gehen wir die 3 Grundfragen nacheinander durch.
 

1. Kann das Unternehmen die Krisensituation überwinden?

Will man die Frage hinreichend genau beantworten, werden weitere Fragen aufgeworfen, bspw. um was für eine Krisensituation es sich eigentlich handelt: Werden in der Zukunft Risiken in der strategischen Ausrichtung gesehen oder schreibt das Unternehmen schon Verluste? Ist die Kasse noch reichlich gefüllt oder schiebt das Unternehmen bereits Lieferantenrechnungen auf und steht kurz davor, die Löhne und Gehälter nicht mehr bezahlen zu können? Was bedeutet es eigentlich, die Krisensituation zu überwinden? Reicht es aus, keine Verluste mehr zu erwirtschaften oder muss ein Liquiditätsüberschuss erzielt werden? Welche Rolle spielt die Ertragskraft gegenüber den Wettbewerbern? Reicht eine schwarze Null auf Dauer aus, wenn der Wettbewerb zweistellige Ertragsrenditen erwirtschaftet? Würde ein außenstehender Dritter die Wahrscheinlichkeit einer Sanierung anders beurteilen als der Geschäftsführer oder der Eigentümer?
 

2. Welche Maßnahmen sind zur Bewältigung der Krise umzusetzen?

Auch diese Frage kann man entweder umfassend beantworten oder nur grobe Aussagen treffen. Reicht die Maßnahme der Kostenreduzierung bei den allgemeinen sonstigen betrieblichen Aufwendungen als Beschreibung aus oder die Einsparung von Personalkosten, um das Unternehmen wieder profitabel zu gestalten? Oder muss vielmehr definiert werden, in welchen genauen Aufwandsarten der sonstigen betrieblichen Aufwendungen die Einsparungen erzielt werden sollen, und v.a. in welcher Höhe? Haben die Kostenreduzierungen Auswirkungen auf sonstige Funktionen im Geschäftsmodell? Wer ist für die Maßnahmenumsetzung verantwortlich und bis wann müssen die Maßnahmen umgesetzt sein? Kann überhaupt kurzfristig die erforderliche Personalanzahl abgebaut werden oder müssen arbeitsrechtliche Beschränkungen beachtet werden? Welche gegenläufigen Kosten werden durch die Maßnahmen erzeugt?
 

3. Wie bildet sich der Sanierungsweg in der finanzwirtschaftlichen Planung des Unternehmens ab?

Dies ist sicher für die meisten Unternehmen die größte Herausforderung. Der Sanierungsweg des Unternehmens muss in einer Mehrjahresplanung auf Monatsbasis integriert abgebildet werden. Integriert bedeutet dabei, dass ein ineinandergreifendes Planungswerk erstellt werden muss, bestehend aus Ertrags-, Vermögens- und Finanzplanung. Warum? Weil nur über dieses integrierte Planungswerk ersichtlich wird, ob die getroffenen Annahmen und Maßnahmen in der Gesamtschau plausibel sind und, was noch viel wichtiger ist, wie viel Kapital benötigt wird, bis das Unternehmen wieder gesund ist.
 

IDW S6 als Branchenstandard

Jedes Unternehmen und jede Krisensituation ist anders – trotzdem hat das IDW, das Institut der Wirtschaftsprüfer, versucht, mit dem IDW-Standard S6 einen Industriestandard zu etablieren, der ein Best Practice darstellen soll. Die handelnden Akteure, egal ob Gutachtenersteller, Unternehmensvertreter oder Vertreter des finanzierenden Bankinstituts, sollen eine gemeinsame Vorstellung davon haben, welche Anforderungen und Inhalte ein Sanierungsgutachten kennzeichnen.
 
Daneben ist das Thema Unternehmenskrise auch stark juristisch geprägt. So laufen Banken bspw. Gefahr, dass sie bei einer weiteren Begleitung eines Krisenunternehmens, z.B. in Form von neuen Kreditlinien, hierzu bestellte Sicherheiten verlieren, wenn das Unternehmen später doch in eine Insolvenz rutscht. Es würde sich hier die Frage stellen, ob die Entscheidung der Bank zum damaligen Zeitpunkt vernünftig war. Entsprechend wurde die Verpflichtung der finanzierenden Banken zur Erstellung eines Sanierungsgutachtens im Krisenfall des Kreditnehmers in die Mindestanforderungen an das Risikomanagement für Kreditinstitute aufgenommen.
 
Bei der Forderung einer Bank, ein Sanierungsgutachten erstellen zu lassen, handelt es sich also nicht um bösen Willen, sondern es wird lediglich den eigenen Richtlinien und gesetzlichen Notwendigkeiten gefolgt. Im Übrigen dienen Sanierungsgutachten auch der Enthaftung von Geschäftsführern oder Vorständen, die sich in einer Unternehmenskrise weitreichenden juristischen Risiken ausgesetzt sehen.
 

Zielsetzung und Kernbestandteile des Sanierungsgutachtens nach IDW S6

Zielsetzung eines Sanierungsgutachtens nach IDW S6 ist die Beurteilung der Sanierungsfähigkeit des Krisenunternehmens. Das IDW definiert die Sanierungsfähigkeit eines Unternehmens in einem zweistufigen Modell:

  1. Die Annahme der Unternehmensfortführung im Sinne des § 252 Abs. 1 Nr. 2 Handelsgesetzbuch (HGB) muss bejaht werden können. Es dürfen also keine rechtlichen oder tatsächlichen Gegebenheiten der Fortführung der Unternehmenstätigkeit entgegenstehen. Das Unternehmen darf z.B. nicht insolvenzantragspflichtig sein.  
  2. Darüber hinaus müssen durch geeignete Sanierungsmaßnahmen sowohl die Wettbewerbsfähigkeit als auch die Renditefähigkeit wiedererlangt werden können.

Um diese weitreichende Fragestellung nach der Sanierungsfähigkeit beantworten zu können, wurden im IDW S6 die Kernanforderungen definiert, die typischerweise in einem Sanierungsgutachten bearbeitet werden:

 

  • Beschreibung von Auftragsgegenstand und -umfang
  • Basisinformationen über die wirtschaftliche und rechtliche Ausgangslage des Unternehmens in seinem Umfeld, einschließlich der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage
  • Analyse von Krisenstadium und -ursachen, einschließlich der Analyse, ob eine Insolvenzgefährdung vorliegt
  • Darstellung des Leitbildes in Zusammenhang mit dem Geschäftsmodell des sanierten Unternehmens
  • Maßnahmen zur Bewältigung der Unternehmenskrise und Abwendung einer Insolvenzgefahr
  • Integrierter Unternehmensplan
  • Zusammenfassende Einschätzung der Sanierungsfähigkeit


Mit der zusammenfassenden Einschätzung der Sanierungsfähigkeit muss der Gutachter aufgrund seiner eigenen Meinungsbildung beurteilen, ob das Unternehmen aus seiner gutachterlichen Sicht sanierungsfähig im Sinne der oben beschriebenen Definition ist oder eben nicht. Hierin unterscheiden sich auch Sanierungskonzept und Sanierungsgutachten. Das Konzept kann frei von einer Beurteilung sein. Die in einem Konzept getroffenen Maßnahmen und Prämissen können mehr oder weniger wahrscheinlich sein. Der Gutachter muss bei einer positiven Sanierungsfähigkeitsaussage aufgrund seiner Expertise zu dem Schluss kommen, dass die identifizierten Maßnahmen mit einer überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu einer Gesundung des Unternehmens führen werden.
 

Zur Auswahl des Sanierungsberaters

Jedem Geschäftsführer und Vorstand ist zu empfehlen, bei der Auswahl des Gutachtenerstellers auf zwei grundlegende Aspekte zu achten:

  1. Ist der Ersteller grundsätzlich mit der Erstellung eines Sanierungsgutachtens nach IDW S6 vertraut?
  2. Kann der Ersteller auch im Falle eines negativen Ausgangs des Sanierungsversuchs bzw. bei der Ablehnung der weiteren Begleitung des Unternehmens durch die finanzierenden Banken darüber hinausgehende Sanierungsoptionen aufzeigen, bspw. durch die Sanierung des Unternehmens im Rahmen eines Insolvenzplanverfahrens in Eigenverwaltung?

Neben der fachspezifischen Expertise sollte man bei der Auswahl des Sanierungsberaters daher auf Interdisziplinariät achten. Neben betriebswirtschaftlichen Know-how wird häufig auch juristisches Wissen erforderlich sein.
 

Wir beraten Sie gern!

Rödl & Partner begleitet Unternehmen im Rahmen ihrer Sanierungsbemühungen mit einem erfahrenen und interdisziplinären Team. Bei Bedarf sind wir in der Lage, Sanierungsgutachten um eine Optionsbewertung zur Sanierung des Unternehmens im Rahmen eines Insolvenzverfahrens (Planverfahren, Schutzschirm, Eigenverwaltung) zu ergänzen. Liegen wesentliche Optimierungsmöglichkeiten im Bereich der Produktionsprozesse oder administrativen Prozesse haben wir die Möglichkeit unsere Kollegen aus dem Bereich Operative Excellence hinzuzuziehen. Wir bieten damit einen integrativen Ansatz zur Bewältigung der Krise und Neuausrichtung des Unternehmens. Wir freuen uns über einen Austausch mit Ihnen.

 

zuletzt aktualisiert am 10.12.2015

Um die Website zu personalisieren und Ihnen den größten Mehrwert zu bieten, verwenden wir Cookies. Unter anderem dienen sie der Analyse des Nutzerverhaltens, um herauszufinden wie wir die Website für Sie verbessern können. Durch Nutzung der Website stimmen Sie ihrem Einsatz zu. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Deutschland Weltweit Search Menu