Der ‚Faktor’ Mensch in der betriebswirtschaftlichen Forschung: Plötzlich Individuen

PrintMailRate-it
veröffentlicht am 9. Februar 2021 / Lesedauer ca. 4 Minuten
 

Ein großer Teil der betriebs- und verhaltenswissenschaftlichen Forschung ist durch eine Lücke zwischen der Mikro- und der Makroebene gekennzeichnet. Die Mikro­ebene bezieht sich auf das Verhalten auf individueller Ebene und umfasst z. B. die Entschei­dungen und Handlungen einzelner Führungskräfte. Die Makroebene bezieht sich hingegen auf das betrachtete Gesamtsystem, also auf die Funktionsweise und die Performance von Unternehmen, Märkten oder ganzen Volkswirtschaften. Die betriebswirtschaftliche Forschung tendiert insbesondere dazu, die letztere Perspek­tive einzunehmen und sich auf die Ebene des Gesamtunternehmens zu konzentrieren. Die Individualität der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird oft vernachlässigt.

Dr. Stephan Leitner (Universität Klagenfurt) kommentiert

Dr. Stephan Leitner ist assoziierter Professor am Institut für Unternehmensführung an der Universität Klagenfurt. Sein Fokus liegt auf der Verbindung zwischen Forschung zu komplexen Systemen und der betriebswirtschaftlichen Forschung, dem „Micro-macro divide“ sowie der Anwendung agentenbasierter Simulationen. Seine Forschung befasst sich u. a. mit Verhaltenssteuerung unter der Berücksichtigung realistischer Annahmen über individuelle Merkmale von Entscheidungsträgern, mit der Emergenz von (Unter­nehmens-)Strukturen, sozialem Lernen in Organisationen sowie mit der Auswirkung der Digitalisierung auf das menschliche Entscheidungsverhalten.
  

Die Forschung in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, bspw. in der Psychologie, tendiert hingegen dazu, sich stark auf die individuelle Perspektive zu konzentrieren und dabei die Makroebene zu vernachlässigen. Um die Lücke zwischen der Mikro- und der Makroebene zu schließen  –  und um gleichzeitig der Individualität einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter adäquat Rechnung zu tragen  –  ist eine disziplinübergreifende Forschung unerlässlich. Diese Integration  –  im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung  –  ist jedoch nicht nur für die Forschung wünschenswert, sondern auch aus der Sicht der Unternehmenspraxis erforderlich, um bedeutsame Einblicke in die ganzheitliche Steuerung von Unternehmen zu erlangen.
 
Die Lücke zwischen der individuellen Ebene und der Systemebene tut sich in der Forschung zur Verhaltens­steuerung auf, in der die Entwicklung von Anreizmechanismen im Vordergrund steht. Die hergeleiteten Anreizmechanismen können z. B. zum Ziel haben, durch Entlohnungsbestandteile bestimmte Anreize zu setzen, relevante Informationen im Rahmen der Planung offen zu legen oder ein bestimmtes (aus der Sicht des Unternehmens gewünschtes) Verhalten zu induzieren.
 
Als theoretische Basis dient oft die (normative) Prinzipal-Agenten Theorie, die ein Framework liefert, um Dele­gationsbeziehungen abzubilden und effiziente Verträge herzuleiten. Die Modelle können auf eine Vielzahl von Delegationsbeziehungen in der Unternehmenspraxis angewendet werden, wie jener zwischen Vorgesetzen und Mitarbeitern, dem Unternehmen und Lieferanten oder Aktionären und dem Management. Gleichzeitig vernach­lässigt das Framework aber auch die Individualität von einzelnen Entscheidungsträgerinnen und -trägern, indem restriktive Annahmen über deren Eigenschaften getroffen werden. So wird zumeist angenommen, dass Individuen über volle Rationalität verfügen, (ausschließlich) den finanziellen Nutzen maximieren möchten und über alle entsprechenden Informationen sowie die kognitiven Fähigkeiten zur Verarbeitung dieser Infor­ma­tionen verfügen, um bestmögliche Entscheidungen zu treffen. Individuelle Merkmale, z. B. kognitive Verzer­rungen wie Überoptimismus, Framing Effekte oder die Verlustaversion sowie generell limitierte Fähigkeiten und menschliche Fehler, bleiben weitestgehend unberücksichtigt. Diese Vernachlässigung individueller Eigenschaften erlaubt es zwar, ein Modell zu bilden und durch die Anwendung rigoroser mathematischer Methoden Anreizmechanismen herzuleiten. Gleichzeitig sei aber auch angemerkt, dass die Mechanismen außerhalb der restriktiven Annahmen  –  in der Unternehmenspraxis  –  oft nur eingeschränkt funktionieren und somit oft nur von begrenztem Nutzen sind.
 
Obwohl die Betriebswirtschaftslehre eine Sozialwissenschaft ist, setzt man oft auf Methoden, die für die Anwendung in den Naturwissenschaften entwickelt wurden. Die Methoden erfordern  –  wie am Beispiel der Prinzipal-Agenten Theorie illustriert  –, dass komplexe Probleme, die Individuelle Merkmale und z. B. auch soziale Dynamik beinhalten, in vereinfachte und mathematisch lösbare Modelle abstrahiert werden. Um der Individualität von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jedoch adäquat Rechnung zu tragen und bedeutsame sowie praxisrelevante Einblicke in die ganzheitliche Steuerung von Unternehmen zu erlangen, ist es erforderlich, die folgenden Punkte zu berücksichtigen:

 

Anwendung einer multi-level Perspektive auf bestehende Modelle:

Bestehende konzeptionelle Modelle, wie Mechanismen zur Verhaltenssteuerung, die auf der Basis von for­malen Modellen hergeleitet wurden, sollten auf die Auswirkung der restriktiven und vereinfachenden An­nahmen bezogen individuelle Merkmale von Mitarbeiter-innen und Mitarbeitern überprüft werden.

 

Berücksichtigung der Individualität von Mitarbeitern/-innen:

Das Verhalten und die Entscheidungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind durch individuelle Eigen­schaften getrieben. Gleichzeitig beeinflussen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ihr Verhalten und ihre Entscheidungen, wie „gut“ ein Unternehmen funktioniert. Diese Verbindung zwischen individueller Ebene und Systemebene gilt es zu berücksichtigen.

 

Disziplinübergreifende Zusammenarbeit für eine fundierte und ganzheitliche Betrachtung:

Um individuelle Merkmale von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fundiert in betriebswirtschaftlichen Modellen zu berücksichtigen, ist die Zusammenarbeit über die Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen hinaus erforder­lich. Insbesondere ist die Integration psychologischer Forschung wünschenswert.

Aus dem Entrepreneur

Entrepreneur per E-Mail

Befehle des Menübands überspringen
Zum Hauptinhalt wechseln
Deutschland Weltweit Search Menu