Wirtschaft und Handel in Frankreich – Vom Sorgenkind zum Impulsgeber

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veröffentlicht am 4. Dezember 2018
   

Nicola Lohrey antwortet  
   
 

Wie ist die wirtschaftliche Standfestigkeit Frankreichs in Europa einzuschätzen?

Frankreichs Wirtschaft befindet sich im Aufschwung. Beeinflusst durch gegenwärtige wirtschaftspolitische Unsicherheitsfaktoren im Ausland  –  wie der Brexit Großbritanniens oder die protektionistische Politik in den USA – gewinnt Frankreich für ausländische Investoren stark an Attraktivität.

 
Seit dem Regierungswechsel im Mai 2017 ist die französische Wirtschaft durch die ehrgeizigen Pläne von Emmanuel Macron zum Umbau des französischen Wirtschafts- und Sozialsystems so stark angewachsen wie seit 10 Jahren nicht mehr: Mit einer Wachstumsrate von 1,9 Prozent im Jahr 2017 und einer für 2018 prognostizierten von 2 Prozent sowie einer sinkenden Arbeitslosenquote hält der positive Wirtschaftstrend in Frankreich weiter an. Insbesondere die Liberalisierung des französischen Arbeitsrechts und die geplante Senkung der Steuerlast sind begrüßenswerte Reformen für eine langfristig robuste Konjunktur.

 
Zudem bilden die derzeit niedrigen Zinsen und die anhaltend starke Exportnachfrage günstige Rahmen­be­dingungen für ausländische Unternehmensinvestitionen.

 

Frankreich zählt zu den wichtigsten Außenhandelspartnern Deutschlands: Welche Vorteile bietet Frankreich deutschen Unternehmen?

Mit einem Handelsvolumen von ca. 169 Mrd. Euro bleibt Frankreich die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt und ist neben Deutschland das stärkste Industrieland Europas. Grundlage für die Standortattraktivität Frankreichs bilden insbesondere folgenden Faktoren: ein großer und stabiler Binnenmarkt mit einem relativ einfachen Zugang zu internationalen Märkten und einer gut ausgebauten Infrastruktur; ein hoher technischer Entwicklungsstand der Unternehmen und starke CAC 40-Aktiengesellschaften, die an der Pariser Börse führend sind; eine sehr gute und weltweit angesehene Ausbildung von Spitzenkräften in Frankreich.

 

Welche Branchen sind in Frankreich besonders attraktiv und bieten damit Potenzial für deutsche bzw. internationale Investoren?

Frankreich verfügt nicht nur über ausgewiesene Spitzenbranchen wie die Luxusgüterindustrie sowie den Nahrungs- und Energiesektor, sondern zeichnet sich auch durch Faktoren wie Innovation, Kreativität und Problemlösungskompetenz aus.
 
In Frankreich sind Unternehmensniederlassungen deutscher Firmen aus allen Wirtschaftszweigen zu finden. Neben dem traditionell großen Anteil deutscher Investoren aus der Industrie nimmt auch die Bedeutung des Dienstleistungssektors immer weiter zu. Die meisten deutschen Unternehmen kommen mit knapp 16 Prozent aus der Transport- und Bauwesenbranche. Weitere wichtige Sektoren sind Maschinen sowie mechanische, elektronische, IT- und medizinische Ausstattungen, kommerzielle, finanzielle und andere Dienstleistungen, die Chemie- und Kunststoffindustrie und die Automobilindustrie. Obwohl seit den 1990er Jahren ein starkes Wachstum in der Energiebranche – einschließlich des Bereichs der Erneuerbaren Energien und der grünen Technologie – erkennbar ist, kommen bislang nur 2 Prozent aller deutschen Investoren im  –  nach wie vor  –  von Kernenergie geprägten Frankreich aus der Energiebranche.

 
Ausländische und deutsche Investoren sind – abhängig von ihrer jeweiligen strategischen Ausrichtung  –  in ganz Frankreich vertreten. Der Großraum Paris (Ile-de-France) sowie das Elsass stellen dabei die beliebtesten Standorte für deutsche Unternehmen dar. Insbesondere nach dem Brexit wird Paris als internationales Wirtschafts- und Finanzzentrum und Frankreich insgesamt für ausländische Investoren weiter an enormer Bedeutung gewinnen.

 

Bevor wir in das kommende Jahr schauen, haben wir eine rückblickende Frage: Wie hat sich Frankreich unter Präsident Emmanuel Macron nach den Präsidentschaftswahlen im Mai 2017 entwickelt?

Unter Emmanuel Macron sind längst hinfällige Reformen angestoßen worden, die den Zugang zum franzö­sischen Markt erleichtern. Zentraler Bestandteil der Reformen sind die Liberalisierung des Arbeitsrechts sowie die Senkung der hohen Steuerlast, die bislang für ausländische Investoren große Hemmnisse darstellten.

 
Im Rahmen der Reformierung des französischen Arbeitsrechts sind sowohl die Rechtfertigungsgründe bei einer betriebsbedingten Kündigung ausgeweitet worden, als auch für den Fall einer ungerechtfertigten Kündigung Höchstgrenzen für Entschädigungszahlungen abhängig von der jeweiligen Dauer der Betriebszugehörigkeit eingeführt worden. Zudem sollen Entscheidungen über Arbeitszeit und Entlohnung künftig stärker auf Ebene der Betriebe in Abstimmung mit den Beschäftigten gefällt werden.

 
Zu den Neuerungen im französischen Steuerrecht gehört neben der Abschaffung der Vermögenssteuer (aus­genommen Immobilien) die schrittweise Senkung der Körperschaftsteuer bis zum Jahr 2022 von aktuell 33,33 auf 25 Prozent.

 
Die Reformbemühungen unter Emmanuel Macron stellen aus Sicht von deutschen Unternehmen eine überaus positive Entwicklung dar. Schließlich machen deutsche Unternehmen mit knapp 312.000 Arbeitsplätzen ca. 17 Prozent der ausländischen Arbeitsplätze aus und schaffen damit in Frankreich mehr Stellen als Großbritannien und Italien zusammen.
  

Nun der Blick in die Zukunft: Wie lautet Ihr Wunschzettel für die französische Wirtschaftspolitik 2019?

Seit der Präsidentschaft von Emmanuel Macron wurde bereits an den richtigen Stellschrauben gedreht. Jetzt gilt es, sie durch weitere Reformen fein zu justieren, so dass Frankreich als Wirtschafts- und Finanzstandort noch leistungs- und wettbewerbsfähiger wird.

 
Begrüßenswert wäre eine weitere Liberalisierung des Arbeitsrechts durch die Erhöhung der gesetzlichen Arbeitszeit. Die mit Frankreich verbundene 35-Stunden-Woche bleibt für deutsche Unternehmen weiterhin ein Imageproblem.

 
Angesichts der noch anstehenden Reformen in der französischen Wirtschaft sind für das Jahr 2019 brisante Gesetzesnovellen zu erwarten, die v.a. in den Bereichen des Arbeits- und Sozialrechts stark vom deutschen System abweichen können und vor jeder Geschäftsaktivität in Frankreich berücksichtigt werden sollten.

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