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Energiewende im Mittelstand: Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

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veröffentlicht am 7. April 2021 | Lesedauer ca. 7 Minuten


Seit jeher gilt der international bekannte „German Mittelstand” als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Nun sieht sich das Aushängeschild mit Herausforderungen konfrontiert, die einer Vielzahl neuer Gesetze und Beschlüsse entspringen. Im Namen der Nachhaltigkeit nimmt das Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) auf natio­naler, der „Green Deal” bzw. das Europäische CO2-Tradesystem (ETS) auf euro­päi­scher und das Pariser Klimaschutzabkommen auf globaler Ebene auch den deutschen Mittelstand letztendlich in die Pflicht. Exemplarisch sollen einige Herausforderungen und Lösungsansätze aufgezeigt werden.


In Deutschland hat am 1. Januar 2021 auf Basis des BEHG die Zertifikatsvergabe für CO2-Emissionen aus Brennstoffen begonnen und damit eine (weitere) aktive Maßnahme der CO2-Bepreisung [1]. Nach langer Diskussion hatte sich die Bundesregierung für ein Zertifikatsmodell entschlossen und somit gegen eine CO2-Steuer, obgleich die Vorteile für eine solche Steuer (wie auch in anderen Ländern, bspw. UK, Schweden, Schweiz) zu überwiegen schienen. Das Hauptargument pro Zertifikatshandel war wohl die künftige Möglichkeit, das System mit dem ETS zusammenführen zu können und somit die neuen Bereiche, insbesondere Kraftstoffe und Kleinanlagen, in ein Gesamtsystem zu vereinen.

 


Wer ist betroffen?

Unternehmen, die Brennstoffe wie Diesel, Benzin, Heizöl oder Gas liefern, haben den Zertifikatspreis abzu­führen. Er wird im Regelfall zu 100 Prozent an den Endkunden und somit auch an mittelständische Unternehmen weitergeben.


Wie wird sich der CO2- Zertifikatspreis entwickeln?



Wie ersichtlich, hat man sich auf ein stufenweises Anheben des Zertifikatspreis geeinigt. Ab 2026 soll sich der Preis zwischen 55 und 65 Euro/Tonne einpendeln, bzw. es wurde eine Höchstgrenze gesetzt. Dafür gab es viel Kritik von Seiten der Klimainstitute, denn entweder setzt man auf ein marktwirtschaftliches Instrument (den Zertifikatshandel), dann wäre allerdings eine Deckelung obsolet. Forschungsinstitute gehen aktuell davon aus, dass der Preis ab 2030 [2] schon bei rund 100 Euro/Tonne CO2 liegen dürfte, um die vorgegebenen Klima­schutz­ziele zu erreichen. Andere Institute haben bereits 2020 deutlich höhere CO2-Preise gefordert und dabei insbesondere Langzeitschäden durch ausbleibenden Klimaschutz integriert [3].


Was bedeutet das für den Mittel­stand?

Steigende Energiekosten. In Kombination mit den ohnehin steigenden Strompreisen stufen mehr als die Hälfte aller KMUs die Energiekosten als „das dringlichste Problem” [4] und 75 Prozent als „wesentlichen Belastungs­faktor” ein – eine Belastung, die die langfristige Wettbewerbsfähigkeit gefährden kann. Auch im intern­atio­nalen Vergleich [5] ist der Strom in Deutschland auf Mittelstandsebene, nicht für die Großindustrie, überdurch­schnitt­lich teuer, was standorttreue Unternehmen zunehmend unter Internationalisierungsdruck setzt.

Der politische Rahmen ist somit sehr klar gesetzt. Es soll kein Unternehmen erwarten, dass davon generell abgerückt wird. Es werden vermutlich die Ziele nicht erreicht, aber der Trend kennt nur die Richtung. Aktuell mehren sich eher die Anzeichen, dass die Entscheidung des europäischen Parlaments, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2030 um 60 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, die Ziele im Klimaschutz noch erheblich höher setzen werden. Die Verschärfung von 5 Prozent allein bedeutet eine Mehreinsparung von fast 300 Mio. Tonnen CO2 (das entspricht ungefähr dem CO2-Ausstoß von Spanien). Die Folgen werden sich in unseren Entschei­dungen für Autos, Heizungen, und früher oder später auch für Produkte aller Art zeigen.


Handlungsfelder

Die Optionen sich an die Entwicklungen anzupassen, sind so vielfältig wie die Unternehmen, deren Vertreter den vorliegenden Artikel lesen. Strukturiertes Vorgehen bedeutet sich zu fragen, wie sich der eigene Fuß­ab­druck im Verhältnis zur Konkurrenz schlägt. Und dafür ist zu analysieren, wie es um die Bereiche Wärme (bzw. auch Prozesswärme), Strom und Mobilität im Unternehmen (oder auch Immobilienportfolio) steht. Jeder Bereich für sich ist je nach Branche verschieden. Ein großer Fuhrpark, ein energieintensiver Fertigungsprozess, große Anzahl von Gebäuden, bzw. Büroräumen. Die Ergebnisse legen eine Basis und wenn nationale Emissions­reduktionsziele (oder die o.g. europäischen) angelegt werden, zeigen sich strategisch und zeitlich die Hand­lungs­felder und -zeiträume als Rahmen für Entscheidungen. In den meisten Fällen drängt die Zeit, denn die Umstellung ist auch bei vielen Unternehmen nicht binnen kurzer Zeit zu schaffen, sondern es ist schrittweise die Energieversorgung anzupassen. In der Folge werden Handlungsoptionen in den diversen Bereichen aufgezeigt.


Strom

Stromintensive Unternehmen sind zumeist sehr gut darin, sich um entsprechende Privilegien bei der Strom­steuer, EEG-Umlage oder gar den Netzentgelten zu bemühen. Zu Recht, denn schließlich wurden die Regelungen geschaffen, um die Unternehmen in einem internationalen Wettbewerb nicht zu sehr zu vernach­lässigen. Durch das System bleiben Anreize auf der Strecke, Strom einfach einzusparen oder sich um eine differenziertere Beschaffungs- bzw. Erzeugungsstrategie zu kümmern. Um die Tendenz am Strommarkt vornweg zu nehmen: grüner Strom gilt unter einigen Ökonomen als das „grüne Gold” der Zukunft. Sehr viele Prozesse, Kraftstoffe, etc. sollen durch Strom aus nachhaltiger Erzeugung dekarbonisiert werden, sodass sich bereits jetzt anhand der Hochrechnungen und des schleppenden Aufbaus weiterer Erzeugungskapazitäten abzeichnet, dass es ein knappes Gut wird. Ein Beispiel ist etwa die Deutsche Bahn [6], die bereits alle Fern­fahrten (ICE, IC, EC) mit Ökostrom CO2-frei realisiert (aktuell ca. 60 Prozent). Bis 2030 sollen weitere 20 Prozent mittels Ökostrom vollständig dekarbonisiert werden.

Eine weitere Option, die mittlerweile immer diskutiert werden sollte, ist die dezentrale Erzeugung. Als Techno­logien kommen Photovoltaik, ggfs. auch BHKW (künftig Brennstoffzelle) und je nach Standort auch andere Technologien (Wind, Wasserkraft, Biomasse und -gas) in Frage. Die Analyse der eigenen Lastkurve stellt die Grundlage dar und ein unterschiedlich hoher Prozentsatz an Strom lässt sich dann vor Ort erzeugen. Die globale Photovoltaikproduktion hat die Kosten erheblich senken können, sollte neben den „klassischen” Photovoltaikdachanlagen die Einsatzmöglichkeit der neuen Technologien (siehe auch Fotos) mit in Erwägung gezogen werden:

  • Bifaziale Module, bspw. als Umgrenzung von Unternehmensarealen. Die Module verknüpfen die Begrenzungs- oder Schallschutzfunktion mit der Stromerzeugung und können auch problemlos in Ost/West oder Süd/Nord-Ausrichtung aufgestellt werden;
  • Fassadenanlagen – gerade bei Bürogebäuden (die idealerweise sowieso wärmetechnisch saniert werden) lassen sich auch solche Module leicht integrieren und liefern selbst im Winter bei tieferstehender Sonne einen guten Beitrag [7]. Die Entwicklung bei den Modulpreisen lassen auch die Variante wieder aufleben.
  • Carports; sie sind zwar etwas teuer, aber der Markt springt aktuell an und es wird ein erheblich größeres Angebot erwartet. Die in der Sonne liegenden Unternehmensparkplätze können so bis zu mehrere Mega-Watt-peak (MWp) an Leistung generieren. Carports bieten zudem Sicherheit dank integrierter Beleuchtung oder Kameraüberwachung.


Und sogar schwimmende PV-Anlagen werden bspw. bei Kiesgruben realisiert, und zwar hauptsächlich, weil der Strom daraus mit positiven Effekten (wie Kühlung, Reflektion) aus der schwimmenden Anlage erheblich günstiger als der Bezugsstrom ist.

Gefördert werden die o.g. Investitionen in Zeiten geringen Eigenverbrauchs zumeist durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). Auch wenn Amortisationszeiten sich etwas länger darstellen sollten: preisstabiler, unabhängiger und häufig günstiger lassen sich Anteile des Stromverbrauchs nicht generieren. Aufgrund der entstehenden Komplexität, insbesondere bei diversen Erzeugungsanlagen an einem Standort, sei auf das Digitalprodukt Smarendo hingewiesen, dass exakt dafür entwickelt wurde, die Berichtspflichten entsprechend der Vorgaben zu erfüllen. Bei Immobilien bzw. Quartieren sind auch Mieterstrommodelle möglich, mit denen die Unabhängigkeit und Attraktivität der Immobilie gesteigert werden kann.

Die Nachfrage nach grünem Strom oder Herkunftsnachweiszertifikaten wird sich vergrößern. Was zunehmend auf dem Strommarkt von großen Unternehmen (Mercedes, Audi, DB) realisiert wird, sind Corporate PPAs (folgen Sie dem Link zu unserem E-Book) mit Ökostromerzeugern. Der direkte Einkauf des Stroms über lang­fristige Lieferverträge stellt letztendlich klassischen Energieeinkauf direkt vom Erzeuger dar. Es sind zwar einige juristische Hürden zu nehmen, aber der Markt zeigt zunehmend die Bedeutung des Direktvertriebs (aus Sicht der Erzeuger) und es wird ein erhebliches Wachstum erwartet. In Hinblick auf Herkunftsnachweise zeigen sich die VPPA s (virtuelle PPAs) als Möglichkeit, sich langfristig Zertifikate zu sichern. Die Investition in Parks (z.B. in Spanien) und die Nutzung an diversen Standorten (etwa  in Deutschland oder anderen Ländern) antizipiert die kommende Verknappung in Europa, wenn Unternehmen zunehmend beginnen, ihren Energie­verbrauch zu elektrifizieren um dadurch weiter ihren CO2- Fußabdruck zu verringern.


Mobilität

Die einhellige Meinung der Verkehrsexperten ist, dass 2021 das „Durchbruch”- Jahr der Mobilität wird. Somit muss es Bestandteil der o.g. Strategie sein, sukzessive, und aufgrund der aktuellen Förderung, lieber schneller als langsamer, die eigene Dienstwagenflotte zu elektrifizieren. Die Kostenvorteile sind schnell realisiert und die Modelle werden auch dieses Jahr in großer Menge auf den Markt kommen. Mit Grünstrom (ggfs. gar aus ei­ge­ner Erzeugung) werden Dienstwägen (und ggfs. auch die PKWs der Angestellten) zu Fahrzeugen mit deutlich geringerem CO2-Ausstoß. Der Markt springt gerade erheblich an – Partner könnten Stadtwerke vor Ort oder nationale Vertriebe sein, die in Kooperation mit dem Elektrohandwerk die Ladepunkte aufbauen und betreiben. Die Investitionen und Betriebskosten sind zwar zu tragen, aber unter dem Strich zeigt sich, dass die aktuelle Fördersituation und der entstehende Kostenanstieg aufgrund des o.g. angesprochenen BEHG zu erheblichen Kosteneinsparungen führen können. Natürlich gibt es noch keine Schwerlastfahrzeuge und auch bei langen Distanzen besteht weiter Verbesserungspotenzial, aber im Segment des Lieferverkehrs und im mittleren Bereich lässt sich die Flotte bereits modernisieren. Wegen des zu erwartenden starken Ausbaus der Batterie­fertigung in den nächsten Jahren, werden die Fahrzeuge günstiger und durch weitere technische Innovation die Reichweiten größer werden. Die Zukunft fährt elektrisch.


Prozesswärme

Die wohl größte Herausforderung wird der Ersatz von fossilen Brennstoff bei der Prozesswärme werden. Bis dato wird dabei zumeist standardmäßig Erdgas eingesetzt. Jedoch fällt einerseits die Kesselanlage (je nach Größe) ebenfalls unter das Treibhausemissionshandelsgesetzt (THG) oder BEHG, anderseits ist der Ersatz an der Stelle deutlich schwieriger durch Elektrifizierung zu erreichen. Es bleibt hier vorerst, sich trotzdem mit den Optionen einer Reduktion des Brennstoffs, einer Elektrifizierung oder ggfs. langfristig gedacht auch mit Wasser­stoff als Alternative auseinanderzusetzen. Die Fördertöpfe für Wasserstoffprojekte in der Industrie sind aktuell gut gefüllt und somit lässt sich auch das wirtschaftliche Risiko reduzieren. Es geht schlichtweg darum, Erfahrungen zu sammeln, wenn dann perspektivisch ab ca. 2030 die Wasserstoffinitiative der Bundesregie­rung [8] auch die Mengen (sei es durch Import oder Erzeugung in Deutschland) der Wirtschaft zur Verfügung stellt. Es sollten dabei auch die Ausbaupläne zum Wasserstoffnetz [9] beachtet werden, denn die Standortfrage wird sozusagen um die Verfügbarkeit des wertvollen Energieträgers erweitert. V.a. im Süden sollte die Nähe zu Stadtwerken gesucht werden, denn ggfs. kann man gemeinsam Planungen angehen, perspektivisch teilweise H2 zuzumischen oder gar eigene Wasserstoffnetze (ggfs. durch Umwidmung) zu ermöglichen. Die Entwicklung steht gerade erst am Anfang, wird aber spätestens Ende der Dekade eine erhebliche Dynamik erfahren, sodass „First mover” mit ersten Erfahrungen und einer klaren Strategie der Konkurrenz voraus sein werden. Weitere Technologien und Energiequellen, die in Standortanalysen einbezogen werden sollten, sind Großwärme­pumpen, biogene Brennstoffe, Ersatzbrennstoffe und ggfs. sogar die Tiefengeothermie, die sehr konstant CO2-freie Prozesswärme liefern kann.


Fazit

Alles in allem kann sich nicht ausschließlich auf politische Lösungen verlassen werden, sondern jedes Unter­nehmen muss selbst tätig werden. So ist der Mittelstand bekannt für seine Innovationskraft und kann auch aus der Energiewende und der anstehenden Dekarbonisierung als Gewinner hervorgehen. Gerade die kleinteiligere Struktur, die Vielfältigkeit der Branchen und Flexibilität dürften dafür sorgen, dass sich Standorte weiter­ent­wickeln und Unternehmen weiterhin wettbewerbsfähig bleiben.

Gar nicht angesprochen wurden die vielfältigen Chancen, die aus dem Gesamtprozess Klimaschutz resultieren. Es werden neue Dienstleistungen, Produkte, Digitallösungen und Geschäftsmodelle gebraucht. Das fordert zwar die Innovationskraft des Mittelstand heraus, kann ihn aber letztendlich auch wirtschaftlich weiterbringen.


    
 

[2] Der Preis auf CO – Über ein wichtiges Instrument ambitionierter Klimapolitik (boell.de)
[3] Ein CO2-Preis für Deutschland: Was die Experten sagen – Bürgerlobby Klimaschutz – Citizens' Climate Lobby Germany e.V.
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