Attraktive Investitionsstandorte: Investieren in Zeiten der Internationalisierung und Digitalisierung

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veröffentlicht am 12. Juni 2023 | Lesedauer ca. 4 Minuten
 

RENATA KABAS-KOMORNICZAK, GESCHÄFTSFÜHRENDE PARTNERIN, Antwortet




Was macht einen attraktiven Investitionsstandort aus und welche sind derzeit Ihrer Meinung nach die attraktivsten international und in Mittel- und Osteuropa?


Ein attraktiver Investitionsstandort zeichnet sich durch eine Kombination aus verschiedenen Faktoren aus, die potenzielle Investoren anziehen:
  • Politische und wirtschaftliche Stabilität
  • Ein gut ausgebautes Verkehrs- und Kommunikationssystem sowie moderne Industrie- und Gewerbegebiete
  • Ein hoch qualifizierter Arbeitsmarkt mit gut ausgebildeten Fachkräften
  • Rechtssicherheit und Bürokratieabbau
  • Niedrige Steuersätzen und Investitionsanreize
In Bezug auf die attraktivsten Investitionsstandorte weltweit gibt es viele Länder, die aufgrund ihrer wirtschaft­lichen und politischen Stabilität, ihrer Infrastruktur und ihres ansprechenden Investitionsklimas als vielver­sprechende Standorte gelten – etwa die USA, Kanada, Singapur, die Schweiz, die Niederlande, Großbritannien und Australien.

In Mittel- und Osteuropa sind Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn bevorzugte Ziele aufgrund ihrer geo­graf­ischen Lage, ihres großen Binnenmarkts und ihrer günstigen Arbeitskosten. Auch Estland, Litauen und Lett­land sind für ihre fortschrittlichen digitalen Infrastrukturen bekannt und haben sich als beliebte Investitionsziele für Unternehmen etabliert.
 
Polen ist heute eine der wichtigsten Volkswirtschaften und einer der relevantesten Industriemärkte Europas (6. Platz). Das Land liegt im Herzen des Kontinents, verfügt über eine moderne Verkehrsinfrastruktur, die die wich­tigsten Städte der Region verbindet, Zugang zu Seehäfen, zahlreiche Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt sowie ein freundliches Geschäftsumfeld und staatliche Beihilfen. Die im Land tätigen Unternehmen, darunter auch Mandanten von Rödl & Partner, sind renommierte Exporteure von Industrieprodukten nach Mittel- und Ost­europa und in die EU. Mehr zu Polen als attraktiver Standort »

Im September 2022 hat die Europäische Kommission das Förderprogram „Europäische Fonds für Moderne Wirtschaft 2021 – 2027“ genehmigt. Was bedeutet das für Polen als Investitionsstandort?


Das von Unternehmern lang erwartete Förderprogramm der EU aus dem Haushalt 2021 – 2027 wurde endlich gestartet. Dieses Beihilfeinstrument mit einem Gesamtbudget von ca. 7,9 Mrd. Euro wird Zuschüsse und teil­weise rückzahlbare Mittel enthalten. Da ein erheblicher Teil der Wettbewerbe für in Polen eingetragene Unter­nehmen vorgesehen ist, wird das FENG-Programm (poln. Fundusze Europejskie dla Nowoczesnej Gospodarki – EU-Fonds für Moderne Wirtschaft) für Investoren, die Entwicklungstätigkeiten in unserem Land in Erwägung ziehen, einen deutlichen Vorteil darstellen. Sie können mit nicht rückzahlbaren öffentlichen Mitteln rechnen – in Höhe von bis zu 80 Prozent der förderfähigen Ausgaben für die im Rahmen der Wettbewerbe ausgewählten Projekte.

Das FENG-Programm wird vor allem die Umsetzung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten sowie innova­tiven Projekten unterstützen, die die Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Wirtschaft verbessern. Die typisch­sten bezuschussungsfähigen Projekte betreffen Forschungs- und Entwicklungstätigkeit, durch die neue oder deutlich verbesserte Produkte oder Dienstleistungen entstehen, die zumindest in Polen wettbewerbsfähig und innovativ sind. Die zweite Art der geförderten Projekte betrifft die Umsetzung von Innovationen in der Produk­tion. Ergänzend dazu wird man Zuschüsse für F&E-Infrastruktur, Internationalisierung, Kompetenzentwicklung der Mitarbeitenden, Digitalisierung oder die sog. grüne Wirtschaft erhalten können.

Zusätzlich zu diesen Formen der Förderung werden im FENG-Programm auch Zuschüsse für Geschäftskredite gewährt, die für Umweltprojekte aufgenommen werden, die zu einer höheren Energieeffizienz führen, sowie für Entwicklungsinvestitionen in neue Technologien, die zur Einführung neuer oder deutlich verbesserter Produkte oder Dienstleistungen beitragen.

Nachhaltig gestaltete internationale Lieferketten gewinnen zunehmend an Bedeutung. Wie profitieren gerade Mittel- und Osteuropa von der Entwicklung?


In den Jahren 2020 bis 2021 stand der Markt vor großen Herausforderungen infolge der COVID-19-Pandemie, die nicht nur den Lebensstil der Verbraucher weltweit, sondern auch die Weltwirtschaft beeinträchtigte und Schwachstellen in den globalen Lieferketten sowie die Notwendigkeit einer Modernisierung und Anpassung der Logistikverfahren aufdeckte. Der durch die russische Aggression verursachte Krieg in der Ukraine hat die Un­sicherheit in Mittel- und Osteuropa noch erhöht. Gleichzeitig haben die effiziente Hilfe für Kriegsflüchtlinge und die Notwendigkeit einer sicheren und wirksamen Koordinierung der Unterstützung bei der Verteidigung gegen die Aggression gezeigt, dass Polen dank seiner zentralen Lage in Europa die Möglichkeit hat, seine Posi­tion als führender Logistikhub in Europa zu festigen.

Ein unbestreitbarer Vorteil ist, dass die polnische Verkehrsinfrastruktur, die ein wichtiger Teil des Transeuropä­ischen Verkehrsnetzes (TEN-V) ist, ständig ausgebaut wird und umfangreiche Straßenverbindungen zu den meis­ten europäischen Hauptstädten bietet. Der Schnittpunkt zweier wichtiger Korridore, nämlich der A1 (Ostsee-Adria) und der A2 (Nordsee-Ostsee), hat die Attraktivität Polens ebenfalls erhöht. Die für das Jahr 2026 geplante Fertigstellung des polnischen Teils der Via Carpatia spielt auch eine Rolle. Langfristig wird die Strecke die Attraktivität Mittel- und Osteuropas als Investitionsstandort steigern. Das wird u.a. zu einem verstärkten Handel und Aufbau neuer, schneller und effizienter Lieferketten mit dem Südosten Europas führen. Polen hat auch die Möglichkeit, von der „Neuen Seidenstraße“ zu profitieren, die Europa mit China auf dem Schienenweg verbinden soll. Dank seiner zentralen Lage könnte es zu einem wichtigen europäischen Vertriebshub für chinesische Hersteller werden, was eine Chance für alle auf dem mitteleuropäischen Markt tätigen Hersteller darstellt. 
 
Die zentrale Lage Polens in Europa bedeutet, dass zahlreiche Städte und Gemeinden in Westeuropa relativ leicht zu erreichen sind. Polen hat 13 internationale Flughäfen sowie 4 Seehäfen. Es scheint daher, dass die wichtigsten globalen Akteure in der Produktion langfristig eine Expansion in Europa, insbesondere in Mittel- und Osteuropa, in Erwägung ziehen werden, um die mit problematischen Lieferketten verbundenen Risiken ein­zuschränken. Darüber hinaus ist in einigen Fällen zu beobachten, dass die Hersteller bereits zu einer Just-in-Case-Strategie übergegangen sind, die den üblichen Justin-Time-Ansatz ersetzt. Das bedeutet, dass mehr Lagerraum benötigt wird und die Abhängigkeit von stark belasteten Lieferketten abnimmt. Infolgedessen wer­den die Lieferketten wahrscheinlich komplexer, kürzer, aber unterschiedlicher und nicht mehr von einzelnen Auftragnehmern abhängig sein. Diese potenziellen Nearshoring- und Reshoring-Bewegungen können den Sek­tor auf dem europäischen Kontinent und insbesondere in den MOE-Ländern zweifellos stärken. 
 
Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Zukunft des Transports und der Fertigung prägt, ist schließlich die Um­welt­frage. Nachhaltigkeits- und ESG-Strategien haben einen großen Einfluss auf alle Bereiche der Fertigungs­industrie. In Verbindung mit den steigenden Energiekosten veranlasst es die Investoren dazu, nach umwelt­freund­lichen Lösungen für Immobilien und Lieferketten zu suchen, um den Weg zwischen Hersteller und End­ver­braucher zu verkürzen. In diesem Zusammenhang scheint auch Polen immer attraktiver zu werden. Erstens verfügt es über zahlreiche Grundstücke und ist der sechstgrößte Markt für Gewerbeimmobilien in Europa. Der Bestand an Industrie- und Logistikflächen in Polen beläuft sich derzeit auf rund 25 Mio. m2 und hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Der Standard moderner bestehender Lagerhallen ermöglicht eine multifunk­tionale Nutzung von Vertriebsflächen, die z.B. problemlos in leichte Fertigung umgewandelt werden können. Zweitens entwickelt sich der Sektor der Energie- und Kraftstofferzeugung, auch aus erneuerbaren Quellen, in Polen dynamisch, und zwar sowohl bei Unternehmen mit Beteiligung der öffentlichen Hand (Investitionen in Windparks in der Ostsee, Ausbau des LNG-Terminals in Swinemünde, der Gasleitung Baltic Pipe) als auch bei privaten Unternehmen.
 

Ein hoher Digitalisierungsgrad trägt zur Stabilität eines Standorts bei. Was empfehlen Sie Unternehmen, die den Digitalisierungsgrad erhöhen und Innovationen vorantreiben wollen?

 

Die Digitalisierung hat eine sehr breite Bedeutung und Anwendung. In den letzten Jahren beobachten wir große technologische Veränderungen nicht nur im Finanzbereich. Die Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein. Sie sollte unseren Bedürfnissen entsprechen und uns bei unserer täglichen Arbeit unterstützen. Am interessan­testen ist die Entwicklung aller Werkzeuge, die die internen Abläufe in Unternehmen verfolgen. Diese Werk­zeuge helfen den Unternehmen bei der Einhaltung der immer komplexeren und anspruchsvolleren Compliance-Verfahren. Darüber hinaus benötigen wir im Zeitalter der Fernarbeit oder während einer Dienstreise Lösungen, die mobil und von überall auf der Welt zugänglich sind. 
 
Bei der Einführung verschiedener digitaler Lösungen ist zu beachten, dass es möglich sein muss, sie in kurzer Zeit an veränderte Erwartungen anzupassen. 
 
Womit sollte man beginnen? Mit der Stabilisierung der realen Prozesse. Es lohnt sich, den Prozess zunächst so zu planen, wie er letztlich in der Wirklichkeit aussehen soll. Man muss seinen Zweck bestimmen – weshalb wird er eingeführt? Durch die richtige Gestaltung des Prozesses wird die chaotische Digitalisierung vermieden. So können die Kosten für die Einführung einer digitalen Lösung einfach gesenkt werden, und die späteren Nutzer können sich aktiver beteiligen.
 
Ziel der Einführung von Digitalisierung-Tools ist es, die Prozesse in Organisationen zu stabilisieren, Mitarbeiter von manuellen Tätigkeiten zu entlasten, Risiken, die mit der Abwesenheit von Mitarbeitern zusammenhängen, zu reduzieren, aber auch Informationen, die für das weitere Vorgehen notwendig sind, effektiv bereitzustellen.
 
Derzeit benötigen Manager, aber auch andere Empfänger bestimmte Informationen und zwar nicht nur just in time, sondern auch short in time. Aus diesem Grund sind die Qualität und die Effektivität der digitalen Lösung­en im Bereich der Berichterstattung bei unseren Unternehmen so wichtig. Ein modernes, effizientes Berichts­wesen ist daher eine wesentliche Voraussetzung für den langfristigen Erfolg des Unternehmens. So können Prozesse (auch aus der Ferne) überwacht, kontrolliert und schließlich optimiert werden. Insbesondere kom­plexe Prozesse und Dokumentationen können ausgelagert und standortunabhängig an die entsprechenden Experten übergeben werden (z.B. Business Process Outsourcing). 
 
Bei Rödl & Partner setzen wir viele Werkzeuge ein, um unsere Arbeit zu optimieren. Einige davon stellen wir unseren Mandanten zur Verfügung, um sie bei der Optimierung ihrer internen Prozesse und bei der Entwicklung ihrer Organisationen zu unterstützen. Ein Beispiel für solche Werkzeuge ist der elektronische Umlauf für Ein­kaufsrechnungen, der die Verwaltung von Eingangsrechnungen innerhalb eines Unternehmens vereinfacht und sie in einem elektronischen Archiv sammelt, auf das jede befugte Person zugreifen kann. Ein weiteres Beispiel ist das Mitarbeiterportal, über das die Mitarbeiter unserer Mandanten u.a. Personalabrechnungen vornehmen, Gehaltsabrechnungen herunterladen oder Urlaubsanträge einreichen können. Darüber hinaus arbeiten wir daran, unseren Mandanten Finanzberichte in Power BI zur Verfügung zu stellen, um die finanzielle Situation des Unternehmens besser zu visualisieren.

Aus dem Entrepreneur

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Renata Kabas-Komorniczak

Certified Tax Consultant (Polen)

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